Nostra aetate: Die Kirche gibt ihr Selbstverständnis als die einzig wahre Religion nicht preis

Die Kirche lehnt aber nichts von alledem ab, was in anderen Religionen wahr und heilig ist. Denn in den anderen Religionen, vor allem im Judentum, scheint ein Lichtstrahl der göttlichen Wahrheit, das Christus - das Licht der Völker - ist.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 9. Dezember 2015 um 17:46 Uhr
Israelische Flagge

Vatikanstadt (kathnews). Zum 50. Jahrestag der Konzilsdekretes „Nostra aetate“ wird der Vatikan, d.h. die beim Päpstlichen Einheitsrat angesiedelte Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum, am 10. Dezember 2015 ein Dokument über die Beziehung mit dem Judentum herausgeben. Nostra aetate ist der Titel der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Beziehung zu den anderen Religionen. Es gilt als eine Art Gründungsurkunde des katholischen Dialogs mit dem Judentum. Das Schreiben der Kommission des Einheitsrates trägt den Titel «Warum die Gnade und die Berufung Gottes unwiderruflich sind (Röm 11,29). Überlegungen zu theologischen Fragen zu den katholisch-jüdischen Beziehungen anlässlich des 50. Jahrestages von Nostra Aetate». Das Dokument wird im Pressesaal des Apostolischen Stuhes vorgestellt.

In unserer Kathnews-Reihe „Vatikanum II“ hat Gero P. Weishaupt vor einigen Monaten über die Erklärung „Nostra aetate“ Einführungen verfaßt und ausgewählte Texte des Dokumentes veröffentlicht. Aus Anlass der Vorstellung des Schreibens der Kommission des vatikanischen Einheitsrates möchten wir sie unseren Lesern noch einmal zur Lektüre empfehlen.

Von Gero P. Weishaupt

Die einzig wahre Religion und der „Lichtstrahl“ der göttlichen Wahrheit in anderen Religionen

Nostra aetate ist die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über das Verhältnis der Katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen. Redaktionsgeschichtlich anfangs als eine Erklärung ausschließlich über die Juden und als eine ergänzende Erklärung zum Ökumenismusdekret Unitatis redintegratio konzipiert, behandelt der Text in einem eigenen Dokument in seiner Endfassung auch andere nichtchristliche Religionen, wenngleich das Herzstück der Artikel 4 über die Juden ist.

Im einleitenden zweiten Artikel der Erklärung wird behutsam eine Gotteserfahrung auch in den anderen Religionen anerkannt, ohne dass die Kirche ihr eigenes von Christus, der von sich gesagt hat, dass er “der Weg, die Wahrheit und das Leben” ist (Joh 14, 6), herkommende Selbstverständnis als die einzig wahre Religion preisgibt. Weil aber in den anderen Religionen ein Lichtstrahl der göttlichen Wahrheit aufscheint und Christus das Licht der Völker ist, kann die Kirche mit der Tradition sagen, dass sie “nichts von alledem” ablehnt, “das in diesen Religionen wahr und heilig ist”.

Die Kirche achtet die Güter anderer Religionen

Die Katholische Kirche gibt also ihren Anspruch, die wahre Religion zu sein, keineswegs auf. Um falsche Interpretationen in dieser Hinsicht zu vermeiden, ist die Erklärung Nostra aetate immer im Zusammenhang mit den diesbezüglichen einschlägigen Aussagen in der Kirchenkonstitution Lumen gentium (Art. 8, 14 und 16), im Missionsdekret Ad gentes (Art. 7) sowie in der Pastoralkonsitution Gaudium et spes (Art. 22) zu lesen. Zugleich aber liegt der Akzent der Erklärung auf dem Dialog, d. h. auf dem Gespräch, dem Kennenlernen, der Zusammenarbeit mit den Vertretern anderer Religionen. Es gilt deren geistliche, sittliche und kulturelle Güter anzuerkennen und dabei zugleich vom katholischen Glauben Zeugnis zu geben, d. h. von Jesus Christus, in dem allein die “Fülle des religiösen Lebens” zu finden ist und “in dem Gott alle mit sich versöhnt hat”. Christus allein, wahrer Gott und wahrer Mensch, ist das “Licht der Völker”.

Betonung des Gemeinsamen, ohne Unterschiede und Trennendes zu verschweigen

Nachdem Nostra aetate in Artikel 2 kurz auf den Hinduismus und den Buddhismus eingegangen ist, werden im 3. und 4. Artikel die großen abrahamitischen Religionen (Islam und Judentum) positiv beschrieben. In der Beschreibung der verschiedenen Religionen erkennt der Leser unschwer ein Stufenmodell der Nähe der behandelten Religionen zum Christentum. Dieses steht dem Judentum am nächsten.

Unbedingt auf spachliche Formulierung im Text genau achten

In dem Bemühen der Konzilsväter – nicht zuletzt auch im Hinblick auf den interreligiösen Dialog und die Zusammenarbeit der Religionen in den vielfältigen kulturellen, sozialen und karitativen Bereichen – das Gemeinsame der Religionen mit dem Christentum gegenüber dem Trennenden zu betonen (denn Dialog geht immer – im Respekt gegenüber dem Dialogpartner – zunächst vom Gemeinsamen und Verbindenen aus, bevor das Trennende thematisiert wird), stellt Artikel 3 der Erklärung die Gemeinsamkeiten, die der Islam mit dem Christentum verbindet, in den Vordergrund.

Sprachlich fällt dieses Bemühen vor allem in der Formulierung der Gottessohnschaft Jesu Christi auf. Die Leugnung der Gottessohnschaft Jesu durch den Islam stellt bekanntlich den zentralen glaubensmäßigen und theologischen Dissenz zwischen Islam und Christentum dar. Da aber das Gemeinsame betont werden soll, formulieren die Konzilsväter diesen Glaubensunterschied nur in einem dem Hauptsatz untergeordneten Relativsatz: “Jesus, den sie allerdings nicht als Gott anerkennen, verehren sie doch als Propheten, …”. Ebenso im lateinischen Original: „Iesum, quem quidem ut Deum non agnoscunt, ut prophetam tamen venerantur.“ Durch diese Wahl der Formulierung gelingt es den Konzilsvätern, den Unterschied zwar nicht zu verschweigen, aber auch nicht in den Vordergrund zu stellen, denn er wird sprachlich zur Nebenaussage (Relativsatz), während die Hauptaussage des Satzes, das worauf es den Konzilsvätern im Duktus der Erklärung ankommt, im Hauptsatz steht (Iesu … ut prophetam tamen venerantur“). So wird das eine in den Hintergrund (durch „zwar“ = quidem verstärkt), aber nicht geleugnet, das andere in den Vordergrund (durch „dennoch“ = tamen hervorgehoben)  gestellt. Dass Jesus Prophet gewesen ist, ist biblisch begründet und wird auch von den Christen anerkannt. Jesus als Prophet verbindet Christentum und Islam. Darüber hinaus hebt der Artikel weitere Gemeinsamkeiten und Verbindendes beider Religionen hervor.

Im zweiten Teil des Artikels wird dazu aufgerufen, trotz der theologischen Unterschiede (vor allem in Bezug auf den Glauben der Christen an den dreifaltigen Gott und die darin begründete unterschiedliche Anthropologie sowie in Bezug auf den Glauben an die Gottessohnschaft Jesu) die Jahrhunderte dauernde Konfliktgeschichte zwischen beiden Religionen zu überwinden und “sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen”.

Die Kirche ist im Judentum verwurzelt

Artikel 4 von Nostra aetate ist den Juden gewidmet. Sie stehen von allen Religionen dem Christentum am nächsten. Es geht dabei den Konzilsvätern auch darum, die Verwandtschaft der Christen mit den Söhnen Abrahams im Lichte des Römerbriefes des Apostels Paulus (Röm 9-11) hervorzuheben: Die Kirche hat vom jüdischen Volk die Offenbarung des Alten Bundes erfahren; Christus ist dem Fleisch nach aus dem jüdischen Volk geboren; die Jungfrau Maria, seine Mutter, Joseph, sein Adoptivvater, die Apostel, die das Fundament der Kirche bilden, und die Jünger Jesu gehörten zum jüdischen Volk. Die Verwurzelung der Kirche im Judentum drücken die Konzilsväter mit dem paulinischen Bild aus, dass die Kirche “genährt wird von der Wurzel des guten Ölbaums” (Röm 11, 17-24).

Keine Kollektivschuld

Auch wenn die Juden Jesus Christus nicht als Messias erkannt haben, so bleibt Gott den Juden treu, und die Kirche erwartet jenen Tag, an dem die Söhne und Töchter des Alten und des Neuen Bundes ein Volk sein werden. Darum können die Juden keineswegs als von Gott verworfen oder verflucht angesehen werden. Eine Kollektivschuld der Juden am Kreuzestod Jesu lehnt die Kirche strikt ab: Dem Volk der Juden damals wie heute kann der Tod Jesu nicht zugeschrieben werden. “Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen.”

Texte aus Nostra aetate. Artikel 2 – 4

“Von den ältesten Zeiten bis zu unseren Tagen findet sich bei den verschiedenen Völkern eine gewisse Wahrnehmung jener verborgenen Macht, die dem Lauf der Welt und den Ereignissen des menschlichen Lebens gegenwärtig ist, und nicht selten findet sich auch die Anerkenntnis einer höchsten Gottheit oder sogar eines Vaters. Diese Wahrnehmung und Anerkenntnis durchtränkt ihr Leben mit einem tiefen religiösen Sinn.

Im Zusammenhang mit dem Fortschreiten der Kultur suchen die Religionen mit genaueren Begriffen und in einer mehr durchgebildeten Sprache Antwort auf die gleichen Fragen. So erforschen im Hinduismus die Menschen das göttliche Geheimnis und bringen es in einem unerschöpflichen Reichtum von Mythen und in tiefdringenden philosophischen Versuchen zum Ausdruck und suchen durch aszetische Lebensformen oder tiefe Meditation oder liebend-vertrauende Zuflucht zu Gott Befreiung von der Enge und Beschränktheit unserer Lage. In den verschiedenen Formen des Buddhismus wird das radikale Ungenügen der veränderlichen Welt anerkannt und ein Weg gelehrt, auf dem die Menschen mit frommem und vertrauendem Sinn entweder den Zustand vollkommener Befreiung zu erreichen oder – sei es durch eigene Bemühung, sei es vermittels höherer Hilfe – zur höchsten Erleuchtung zu gelangen vermögen. So sind auch die übrigen in der ganzen Welt verbreiteten Religionen bemüht, der Unruhe des menschlichen Herzens auf verschiedene Weise zu begegnen, indem sie Wege weisen: Lehren und Lebensregeln sowie auch heilige Riten.

Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet. Unablässig aber verkündet sie und muß sie verkündigen Christus, der ist “der Weg, die Wahrheit und das Leben” (Joh 14,6), in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden, in dem Gott alles mit sich versöhnt hat. Deshalb mahnt sie ihre Söhne, daß sie mit KIugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen sowie durch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozial-kulturellen Werte, die sich bei ihnen finden, anerkennen, wahren und fördern.”

“Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslimen, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft. Jesus, den sie allerdings nicht als Gott anerkennen, verehren sie doch als Propheten, und sie ehren seine jungfräuliche Mutter Maria, die sie bisweilen auch in Frömmigkeit anrufen. Überdies erwarten sie den Tag des Gerichtes, an dem Gott alle Menschen auferweckt und ihnen vergilt. Deshalb legen sie Wert auf sittliche Lebenshaltung und verehren Gott besonders durch Gebet, Almosen und Fasten.

Da es jedoch im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslim kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen.”

“Bei ihrer Besinnung auf das Geheimnis der Kirche gedenkt die Heilige Synode des Bandes, wodurch das Volk des Neuen Bundes mit dem Stamme Abrahams geistlich verbunden ist. So anerkennt die Kirche Christi, daß nach dem Heilsgeheimnis Gottes die Anfänge ihres Glaubens und ihrer Erwählung sich schon bei den Patriarchen, bei Moses und den Propheten finden. Sie bekennt, daß alle Christgläubigen als Söhne Abrahams dem Glauben nach in der Berufung dieses Patriarchen eingeschlossen sind und daß in dem Auszug des erwählten Volkes aus dem Lande der Knechtschaft das Heil der Kirche geheimnisvoll vorgebildet ist. Deshalb kann die Kirche auch nicht vergessen, daß sie durch jenes Volk, mit dem Gott aus unsagbarem Erbarmen den Alten Bund geschlossen hat, die Offenbarung des Alten Testamentes empfing und genährt wird von der Wurzel des guten Ölbaums, in den die Heiden als wilde Schößlinge eingepfropft sind. Denn die Kirche glaubt, daß Christus, unser Friede, Juden und Heiden durch das Kreuz versöhnt und beide in sich vereinigt hat. Die Kirche hat auch stets die Worte des Apostels Paulus vor Augen, der von seinen Stammverwandten sagt, daß “ihnen die Annahme an Sohnes Statt und die Herrlichkeit, der Bund und das Gesetz, der Gottesdienst und die Verheißungen gehören wie auch die Väter und daß aus ihnen Christus dem Fleische nach stammt” (Röm 9,4-5), der Sohn der Jungfrau Maria. Auch hält sie sich gegenwärtig, daß aus dem jüdischen Volk die Apostel stammen, die Grundfesten und Säulen der Kirche, sowie die meisten jener ersten Jünger, die das Evangelium Christi der Welt verkündet haben.

Wie die Schrift bezeugt, hat Jerusalem die Zeit seiner Heimsuchung nicht erkannt, und ein großer Teil der Juden hat das Evangelium nicht angenommen, ja nicht wenige haben sich seiner Ausbreitung widersetzt. Nichtsdestoweniger sind die Juden nach dem Zeugnis der Apostel immer noch von Gott geliebt um der Väter willen; sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich. Mit den Propheten und mit demselben Apostel erwartet die Kirche den Tag, der nur Gott bekannt ist, an dem alle Völker mit einer Stimme den Herrn anrufen und ihm “Schulter an Schulter dienen” (Soph 3,9) (12). Da also das Christen und Juden gemeinsame geistliche Erbe so reich ist, will die Heilige Synode die gegenseitige Kenntnis und Achtung fördern, die vor allem die Frucht biblischer und theologischer Studien sowie des brüderlichen Gespräches ist. Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen.

Gewiß ist die Kirche das neue Volk Gottes, trotzdem darf man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern. Darum sollen alle dafür Sorge tragen, daß niemand in der Katechese oder bei der Predigt des Gotteswortes etwas lehre, das mit der evangelischen Wahrheit und dem Geiste Christi nicht im Einklang steht. Im Bewußtsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben. Auch hat ja Christus, wie die Kirche immer gelehrt hat und lehrt, in Freiheit, um der Sünden aller Menschen willen, sein Leiden und seinen Tod aus unendlicher Liebe auf sich genommen, damit alle das Heil erlangen. So ist es die Aufgabe der Predigt der Kirche, das Kreuz Christi als Zeichen der universalen Liebe Gottes und als Quelle aller Gnaden zu verkünden.”

Foto: Israelische Flagge – Bildquelle: Wikipedia/Daniel Maleck Lewy