Mythenbildung und Entmythologisierung: Die beiden Konzile im Vatikan (1869/70 und 1962-1965)

Kathnews-Interview mit Alexandra v. Teuffenbach/Rom.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 19. September 2020 um 22:43 Uhr
Petersdom
  1. Liebe Frau Dr. v. Teuffenbach, das Adelsgeschlecht, dem Sie angehören, ist ein österreichisches. Geboren wurden Sie aber in Padua, und auch Ihr Lebens- und Forschungsmittelpunkt liegt mit Rom in Italien beziehungsweise im Vatikan. Bitte fĂŒhren Sie unsere Leserschaft ĂŒberblicksartig in Ihren persönlichen Hintergrund, in Ihre Lebensstationen und Ihren bisherigen Werdegang ein!

Ja, es ist richtig: VĂ€terlicherseits stammt meine Familie aus Österreich, ist aber schon seit Jahrhunderten in Italien ansĂ€ssig. Die deutschen Eltern meiner Mutter lebten in Italien, wo sie auch geboren ist. Ich bin also zweisprachig aufgewachsen und habe meinen Lebensmittelpunkt momentan in Italien. Studiert habe ich an der PĂ€pstlichen UniversitĂ€t Gregoriana Philosophie, Theologie und Kirchengeschichte. Archivistik; Urkundenlehre und PalĂ€ographie habe ich an der Schule des Vatikanischen Geheimarchiv gelernt. Als ich nach dem Doktorat in Theologie einen Vortrag hielt, wurde mir in der anschließenden Diskussion von einem fĂŒhrenden italienischen Theologen gesagt, es ginge in der Theologie nicht um Argumente, sondern um Meinungen. Mein Anliegen ist es, wissenschaftlich zu arbeiten und mich nicht nach den – oft unbegrĂŒndeten – Meinungen anderer zu richten, daher habe ich noch Kirchengeschichte studiert. Bereits im Studium wurden wir damals angehalten, nicht SekundĂ€rliteratur, sondern Quellen heranzuziehen. Die SekundĂ€rliteratur sollte auch bewertet und nicht einfach zitiert werden. Und so sitze ich also sehr viel in Archiven.

  1. In Ihrer Doktorarbeit behandelten sie die Wendung subsistit in in Lumen gentium 2002 erschien Ihre Dissertation als Buch. Darin betrachten Sie die PrÀgung subsistit in als Ausdruck eines IdentitÀtsverhÀltnisses der Ecclesia catholica zur Ecclesia Christi und folgten dabei der Lesart und dem VerstÀndnis des niederlÀndischen Jesuiten Sebastian Tromp (1889-1975). Wie wurden Sie erstmals auf seine Person und sein Wirken aufmerksam?

Meine erste Doktorarbeit – ich schreibe an einer zweiten in Kirchengeschichte – habe ich ĂŒber das subsistit in (LG 8) geschrieben. Das Thema hat mir damals mein Doktorvater, Pater Karl Josef Becker SJ (1928-2015), gegeben. Theoretisch wollte er, dass ich die SekundĂ€rliteratur zum Thema durchgehe und darstelle. Damals waren das schon weit mehr als 100 BeitrĂ€ge in Zeitschriften und BĂŒchern. Dann aber ging ich in Archive und fand dort nach lĂ€ngerer Suche auch das GewĂŒnschte: die UmstĂ€nde und GrĂŒnde, weswegen Pater Sebastian Tromp und eben kein „Ökumeniker“, das subsistit anstelle des adest einsetzte. Dies wurde so von der Kommission angenommen und schließlich auch vom Konzil. Es ist darauf hinzuweisen, dass Tromp nicht – wie so oft erzĂ€hlt – vorgeschlagen hat, das est durch subsistit zu ersetzen, sondern das adest– das eine kleine Kommission anstelle des „est“ eingesetzt hatte – durch das subsistit. So kam ich also auf Tromp, auf seine TagebĂŒcher, Briefe und Schriften. Ein unheimlich arbeitsamer, intelligenter und – soweit das die Briefe und Zeugnisse anderer ĂŒber ihn zeigen – integrer Mann.

Jetzt wird meine Antwort etwas komplexer. Schon in der Schule wurde uns allen ja beigebracht, dass vor der Interpretation die Analyse steht. Das wird meines Erachtens in der Theologie allzu hĂ€ufig vergessen. Jeder interpretiert den Konzilstext, meist nur mit einer fragwĂŒrdigen Übersetzung in der Hand und oft auch noch nur aus der heutigen Sicht.

Wenn man einen Konzilstext liest, der vor mehr als fĂŒnfzig Jahren entstanden ist, muss man sich die MĂŒhe machen, den lateinischen Text anzusehen, man muss die Entstehungsgeschichte ein wenig kennen (dafĂŒr gibt es zum Beispiel die veröffentlichen Acta-BĂ€nde, der Gang in ein Archiv ist meist gar nicht mehr nötig), den Sitz im Leben dieser Texte bedenken und die katholische Tradition zur Thematik vor Augen haben.

Auch in der Frage des subsistit in, das heißt in der Frage nach der IdentitĂ€t zwischen Katholischer Kirche und Kirche Jesu Christi, sollte man nicht einfach interpretieren. Es wĂ€re zum Beispiel gut, erst einmal ein anstĂ€ndiges Lateinwörterbuch in die Hand zu nehmen. Die damalige, in einer Nacht- und Nebelaktion erstellte deutsche Übersetzung deutscher Konzilstheologen war sicher eine gute Idee fĂŒr die, die schnell wissen wollten, was im Text steht (vor allem die Journalisten), aber keine Basis fĂŒr eine wissenschaftliche Arbeit. Sie ĂŒbersetzte subsistit in mit „hat seine konkrete Existenzform in“, woraus spĂ€ter dann in der offiziellen Übersetzung der Deutschen Bischofskonferenz „verwirklicht in“ wurde. Ich habe noch kein Wörterbuch gefunden, in dem diese Bedeutungen stehen. Da sind die Übersetzer wohl eher ihren Wunschvorstellungen gefolgt. Subsistere bedeutet „bleiben“ oder „bestehen“. Tromp hat in der Kommission gesagt: „si possumus dicere itaque subsistit in Ecclesia catholica et hoc est EXCLUSIVUM [er betont das Wort stark] in quantum dicitur alibi non sunt nisi elementa explicatur in textu“ – „Wenn wir daher sagen können subsistit in Ecclesia catholica, dann ist das ausschließlich (!), insoweit damit gesagt wird, dass sie anderswo nicht gegeben sind, wenn die Elemente im Text nicht [ausdrĂŒcklich] ausgefĂŒhrt werden“ (deutsche Übersetzung, Anm. der Redaktion).

Das bedeutet, die KardinĂ€le und Bischöfe, aber auch alle Theologen, die an jenem Nachmittag zur Sitzung kamen, wussten genau Bescheid, warum Tromp ­ein Lateinist! – das subsistit in wollte. Die Versuche Yves Congars, die Sache mit vorbereiteten Eingaben rĂŒckgĂ€ngig zu machen – er gehörte zu denen, die zum Thema sehr viel sagten, aber bei der besagten Sitzung nicht anwesend waren –,  scheiterten. Um sich das vorstellen zu können: Congar tippte auf seiner unverkennbaren Schreibmaschine eine Eingabe, die hektographiert und dann an Bischöfe verteilt wurde, wahrscheinlich ĂŒber Kardinal LiĂ©nart. So landete dann in der Theologischen Kommission immer dieselbe Anfrage, nur mit jeweils anderer Unterschrift. Die meisten jedoch wollten eine „VerstĂ€rkung“ des Ausdrucks, keine SchwĂ€chung (19 wollten subsistit integro modo, 25 iure divino subsistit, 13 wollten wieder est, ein einziger wollte consistit). Einst sagte mir Kardinal Ratzinger: Damals hĂ€tte niemand von uns etwas anderes gedacht als dass die Katholische Kirche die Kirche Jesu Christi ist. Und in der Tat findet sich das auch nicht in der Literatur.

Einhellig ist auch die Tradition der Kirche zu diesem Thema. Und falls wir annehmen wollten, dass die Kirche ihre Lehre zu ihrem SelbstverstÀndnis hÀtte Àndern wollen, hÀtte sie das in einem Nebensatz getan? Sozusagen, damit es keiner merkt?

Ist das nicht eher die Auslegung, die Heribert MĂŒhlen und anderen in der Folge hineininterpretiert haben? Wo der Wunsch Vater des Gedankens war…, vielleicht ein gut gemeinter Wunsch, aber ohne die Folgen zu bedenken. Denn eine Kirche, die nicht mehr sicher ist, die Kirche Christi zu sein, ist auch ihrer Lehre und ihrer Sakramente nicht mehr gewiss, da diese ja aus der Verbindung mit Christus kommen. Und wenn nicht nur Elemente der Kirche Christi in anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften vorhanden sind, sondern wenn wir annĂ€hmen, sie seien auch „Kirche Christi“, dann wĂŒrde man annehmen, es seien mehrere zum Teil gegensĂ€tzliche GlaubenssĂ€tze,wie sie die Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften vertreten, gleichzeitig wahr. Das Konzil hat dies nicht behauptet. Ganz im Gegenteil: Im Ökumenismusdekret 11, heisst es:„Die gesamte Lehre muss klar vorgelegt werden. Nichts ist dem ökumenischen Geist so fern wie jener falsche Irenismus, durch den die Reinheit der katholischen Lehre Schaden leidet und ihr ursprĂŒnglicher und sicherer Sinn verdunkelt wird“. Und auch der Rest dieser Nummer ist sehr lesenswert! So schmerzhaft die Trennung unter uns Christen ist, sie ist nicht durch Unwahrheit und Meinungstheologie zu ĂŒberwinden, sondern nur in der Wahrheit und in der aufrichtigen, fundierten theologischen Diskussion.

  1. Im Vorfeld zu diesem Interview schrieben Sie Kathnews, Sie wĂŒrden in Ihren Antworten keine Dogmen verkĂŒnden. Am 18. Juli 2020 war der 150. Jahrestag der Dogmatisierungen des Ersten Vatikanischen Konzils. Am Zweiten Vatikanischen Konzil wird verschiedentlich kritisiert, wie es das VerhĂ€ltnis der Bischöfe zum Papst und umgekehrt bestimmt, und schon wĂ€hrend des Konzils musste eine paradoxerweise nachtrĂ€glich gegebene Nota explicativapraevia klĂ€rend, um nicht zu sagen: bĂ€ndigend, in das TextverstĂ€ndnis eingreifen, um auf der einen Seite die Akzeptanz der intendierten, konziliaren Lehre von der KollegialitĂ€t der Bischöfe zu retten, auf der anderen ein umstĂŒrzlerisches Ausufern zu verhindern. Konnten Sie in den Archiven Akten oder ein Schema des Ersten Vaticanums aufspĂŒren, aus dem sich ermitteln ließe, wie das Konzil von 1869/70 den Episkopat wahrscheinlich behandelt hĂ€tte, wĂ€re es nicht abgebrochen worden? Waren weitere Dogmatisierungen außer Primat und Unfehlbarkeit des Papstes vorbereitet oder beabsichtigt? Wenn ja, welche?

Die nota praevia ist nichts anderes als die verbindliche Interpretation des Textes. Wir haben im Gegensatz zu den Protestanten ja ein Lehramt, das verbindliche Interpretationen vorgibt. Das heißt, ich kann nicht in meinem KĂ€mmerlein entscheiden, wie ich einen Schrifttext interpretieren will und das dann als katholische Interpretation verkĂŒnden. Ähnliches gilt von Konzilstexten.

Im Übrigen geht das ja auch nicht im staatlichen Bereich – wobei dieser Vergleich natĂŒrlich hinkt  –auch da kann ich Gesetzestexte, Verordnungen und Ă€hnliches  nicht eigenmĂ€chtig auslegen wie ich will und dann sogar behaupten, meine Interpretation zum Beispiel, welche Steuern ich zahlen will, sei maßgeblich. Wenn das mehrere BĂŒrger tun, dann erklĂ€rt der Staat eventuell nochmal mit speziellen weiteren Paragrafen, was gemeint ist. Zahlen muss ich die Steuern aber, so wie es im Gesetzestext oder in der Verordnung festgelegt ist und der Staat es interpretiert. Egal, ob ich das nun anders sehe.

Die Kirche hat mehrfach eingegriffen und erklÀrt, wie sie einen Text verstanden, interpretiert wissen will. Auch das subsistit in.

FĂŒr das Erste Vatikanum waren verschiedene Schemata vorbereitet worden. Auf diese Weise sollte man Zeit sparen, da das Verfassen der Texte wĂ€hrend des Konzils zu lange gedauert hĂ€tte. Die vorbereiteten Schemata sind vor mehr als einem Jahrhundert bereits veröffentlicht worden. Die Enzykliken, vor allem von Leo XIII., griffen viel Material auf, so wurde ein Teil der Ekklesiologie beispielsweise in Satis cognitum verarbeitet. Nein, mir ist nicht bekannt, dass man ein weiteres Dogma hĂ€tte verkĂŒnden wollen. Ob das nun irgendein Konzilstheologe oder gar Konzilsvater gesagt oder geschrieben hat, weiß ich nicht. Mir sind solche PlĂ€ne jedenfalls nicht bekannt.

Aber man sollte hier nicht vom Zweiten Vatikanum ausgehend das vorhergehende Konzil interpretieren. Es bedarf nicht unbedingt eines Dogmas, um in der katholischen Kirche eine Lehre als verpflichtend zu erklĂ€ren. Die Konzilskonstitutionen des Ersten Vatikanums inspirierten sich an Trient, auch was ihre Verpflichtung fĂŒr Katholiken angeht.

  1. BerĂŒhmt ist DH 3070. Darin ist festgelegt, dass die Unfehlbarkeit dem Papst nicht gegeben ist, um Neuerungen einzufĂŒhren. Offenbart sich an diesem Punkt nicht eine Schwachstelle oder wenigstens Unausgeglichenheit des abgebrochenen Konzils, wo doch der Papst zugleich letztinstanzlich ĂŒber Übereinstimmung mit der Überlieferung oder Verstoß gegen die Tradition befindet? Ist hier nicht – fast schon wie ein Axiom – ein Lehramtspositivismus angelegt, in dem KontinuitĂ€t höchstens noch formal festgestellt werden, aber nicht mehr inhaltlich nachgewiesen oder widerlegt werden kann?

NatĂŒrlich kann man es so sehen. Doch dieses Thema, das ja wahrlich nicht neu ist – es ist im Grunde schon im 13. und 14. Jahrhundert diskutiert und dann auch geklĂ€rt worden – hat aktuell auch etwas mit unserem StaatsverstĂ€ndnis zu tun. Wir haben die Vorstellung, niemand könne ohne Kontrolle handeln. StaatsprĂ€sidenten, Könige und Minister können beschuldigt, angeklagt und sogar verurteilt werden. Vor allem aber ist ihre Macht meist durch parlamentarische Institutionen begrenzt.

Die Kirche ist keine parlamentarische Monarchie. Wir glauben, dass sie eine göttliche und zugleich eine menschliche Institution ist. Wir glauben, dass der Heilige Geist die Kirche und eben auch ihr Oberhaupt leitet. Das heißt, es gibt eine Kontrolle von „oben“. Und es gibt natĂŒrlich auch eine Kontrolle von „unten“. Denn wĂŒrde ein Papst, zum Beispiel aufgrund einer schweren Geisteskrankheit, eine HĂ€resie als Dogma verkĂŒnden, dann wĂ€re natĂŒrlich niemand verpflichtet, dies zu glauben. Schlicht und einfach wĂŒrde der folgende Papst die UmstĂ€nde klĂ€ren. Die meisten Dokumente und kirchlichen Verlautbarungen haben keinen solchen Grad der Verbindlichkeit, dass man sie nicht im Gewissen und nach reiflicher Reflexion und Information ablehnen könnte. Ob man dann aber auch das Recht hat, die eigene Gewissensnot ĂŒberall publik zu machen, bezweifle ich. Einen Dissens hat es immer gegeben,  und wenn es eben nicht um Wesentliches geht, meine ich, kann man damit als Katholik durchaus in der Kirche leben, auch wenn jemand, der die Kirche liebt, diesen Weg als schmerzvoll erleben und nicht leichtfertig beschreiten wird.

  1. TatsĂ€chlich nichts dogmatisiert hat das Zweite Vatikanische Konzil. Ihr Doktorvater, der Jesuit Pater Karl Josef Becker, war unter Benedikt XVI. von vatikanischer Seite am Lehrdialog mit der Priesterbruderschaft St. Pius‘ X. beteiligt und empfahl einmal als Lösung des Dissenses, man solle sich nicht endlos mit strittigen Formulierungen in den Konzilstexten beschĂ€ftigen, sondern sie stehenlassen und gewissermaßen abhaken. 2012 wurde er zum Kardinal kreiert. Gerade jĂŒngst kommt eine Debatte darĂŒber in Gang, welchen bleibenden Wert, welche Geltung und Verbindlichkeit ein Konzil haben soll und kann, das vorrangig zur und mit der Welt von heute sprechen wollte, wenn diese Welt ĂŒber fĂŒnfzig Jahre spĂ€ter in fast allen Bereichen des Lebens und der Kultur eine vollkommen andere ist. Wie schĂ€tzen Sie diese Chance ein?

Ich weiß nicht, um welche Texte es in den GesprĂ€chen ging und auf was sich P. Becker bezog. Sicherlich hat das Zweite Vatikanum nicht alles mit derselben LehrautoritĂ€t verkĂŒndet. Das sieht man auch daran, dass es drei verschiedene Dokumententypen gibt.

Im Übrigen gilt bei der Interpretation, vor allem der Kirchenkonstitution, dem Ökumenedekret und dem Dekret ĂŒber die orientalischen Kirchen, immer noch das, was Papst Paul VI. vorgegeben hat, als er sie verkĂŒndete:

„Es scheint, die beste Empfehlung bei dieser VerkĂŒndung ist folgende: damit ist die traditionelle Lehre in keiner Weise geĂ€ndert worden. Was Christus wollte, wollen auch Wir. Was war, ist geblieben. Was die Kirche im Laufe der Jahrhunderte gelehrt hat, lehren auch Wir. Nur ist das, was frĂŒher nur in der Lebensweise enthalten war, jetzt auch explizit in der Lehre ausgedrĂŒckt; was bisher reflektiert wurde, was diskutiert und teilweise sogar zu Kontroversen fĂŒhrte, wurde nun in einer prĂ€zisen Lehrformel formuliert“[1].

Das Pastoralkonzil der ersten HĂ€lfte der 1960er Jahre kann fĂŒr unsere heutige Pastoral noch etwas sagen, aber viele Themen sind inzwischen ĂŒberholt oder  waren damals gar nicht vorhanden. Denken wir nur an den Terrorismus. Der Optimismus jener Jahre ist gewichen, die Stimmung ist allgemein eine andere. Was zum Beispiel vom Konzil zu den sozialen Kommunikationsmitteln gesagt wurde, kann heute durchaus als Richtschnur gelten, doch haben sich so viele neue Themen aufgetan, dass es richtig ist, dieses Dokument weiterzuentwickeln – das Konzil hat ja eine Linie vorgegeben – um so eine Leitschnur fĂŒr heutige Probleme zu geben.

Fast alle Konzilien haben Lehrfragen und Disziplinarfragen behandelt und entsprechende Dokumente erstellt. In den Fragen der Lehre – also in den Fragen, die das betreffen, was wir im Glauben fĂŒr wahr halten – kann es keine Änderung geben. So wĂ€re es natĂŒrlich eine HĂ€resie, wĂŒrde die Kirche plötzlich behaupten, die Muttergottes sei nicht mit Leib und Seele im Himmel. Aber sie könnte, weil das im Text der dogmatischen Definition ja willentlich und wissentlich offen gelassen wurde, etwas NĂ€heres ĂŒber ihren Tod sagen. WĂŒrde es also ein zweites Dogma zu diesem Thema geben, weil in der Zwischenzeit in der Kirche darĂŒber Klarheit bestĂŒnde und die Notwendigkeit gesehen wĂŒrde, ein Dogma zu verkĂŒnden, könnte das zweite nur in Weiterentwicklung mit dem ersten gelesen werden, nicht „gegen“ das erste Dogma.

Doch schon im ersten ökumenischen Konzil ging es nicht nur um Lehrfragen, sondern auch sehr viel um Disziplinarfragen. Das Konzil von NicĂ€a hat 20 Kanones zur Disziplin erstellt. Manche gelten noch heute – so wird ein Bischof durch mindestens drei andere Bischöfe geweiht (Kan.4) –, andere, wie der Kanon 20, der vorschrieb, dass am Sonntag nicht gekniet werden soll (das ist ja eine BuĂŸĂŒbung) werden dagegen nicht mehr befolgt. Disziplin kann also geĂ€ndert werden. Ich meine daher, man sollte zunĂ€chst auch beim Zweiten Vatikanum Lehre und Disziplin trennen. Wenn man das Konzil dann auf dem Hintergrund der Tradition liest, wird man beim Zweiten Vatikanum nur die KollegialitĂ€t als „Neuerung“ erkennen können. Und diese steht nicht – wenn man sie richtig verstehen will – im Gegensatz zur Tradition.

  1. Wenn man die KonzilstagebĂŒcher des Sebastian Tromp liest, die ebenfalls Sie kritisch ediert und herausgegeben haben, ist man jedenfalls ĂŒberrascht, darin Parteiungen gar nicht so ausgeprĂ€gt zu finden. Im Gegenteil stĂ¶ĂŸt man auf originelle Allianzen in der Meinungsbildung und -verteilung. In den Darstellungen oder Wahrnehmungen zum Konzil aus dem progressiven wie konservativen und traditionalistischen Lager ist unterschiedslos eine Einteilung in die Guten und die Bösencharakteristisch, nur variiert (und in der Zuschreibung vertauscht) nach der je eigenen Perspektive und Interessenslage oder dem eigenen Vorurteil des jeweiligen Autors oder Diskutanten. In seiner letzten Ansprache an den Klerus von Rom unterschied Benedikt XVI. das Konzil der VĂ€ter vom Konzil der Medien. Ist dies nach Ihrer EinschĂ€tzung ein geeigneter Beitrag zur Entmythologisierung des Zweiten Vatikanischen Konzils oder doch bloß eine weitere Variante des Mythos Konzil?

Ich möchte mit einem Beispiel antworten: Auf dem AventinhĂŒgel in Rom gibt es ein großes Tor. Es ist der Eingang zur Villa des Ordens der Malteserritter. Das völlig geschlossene hohe Tor gibt keine Sicht frei. Man kann aber durch das SchlĂŒsselloch sehen. Dort erscheint dem Betrachter – je nach Jahreszeit wunderbar umrahmt von Rosen – die Kuppel von St. Peter.

Der wahrhaft schöne Blick ist aber nicht ganz St. Peter, ja nicht einmal die ganze Kuppel! Es ist nur ein Blick, so schön umrahmt, so wunderbar faszinierend er auch sein mag. TagebĂŒcher, Reportagen von Journalisten, Briefe und Berichte vom Konzil sind nur „SchlĂŒssellochblicke“, manchmal wirklich faszinierende Blicke auf das Konzil. Aber sind sie „das Konzil“? Nein, ganz sicher nicht! Weder das Tagebuch Yves Congars, das in weiten Teilen die Grundlage fĂŒr die fĂŒnfbĂ€ndige Konzilsgeschichte von G. Alberigo und A. Melloni bildete, ist mehr als der Blick eines einzelnen auf ein großes Geschehen, noch das Tagebuch der Theologischen Kommission von Sebastian Tromp, das jedoch im Gegensatz zu anderen TagebĂŒchern kein persönliches ist.

NatĂŒrlich ist das Konzil auch nicht das Konzil der Medien. Auch sie fingen nur Aspekte des Ganzen ein, und wenn man die Biografien der damaligen Journalisten am Konzil sieht, dass sie zum grĂ¶ĂŸten Teil ehemalige Ordensleute und Priester waren, versteht man den Standpunkt und den Blickwinkel der Presseberichterstattung noch besser. Welche Bedeutung die Presse auf dem Konzil hatte, ist kaum zu unterschĂ€tzen. Aber das Konzil der Medien ist eben auch nur ein Blick, eine Perspektive auf das Konzil, das die VĂ€ter in der Aula zelebrierten.

Das Konzil der VĂ€ter möglichst objektiv zu erfassen, bedeutet, sich zunĂ€chst der eigenen Brille bewusst werden und sich dann die Hierarchie der Quellen vor Augen zu halten. Eine Konstitution, ein offizielles Protokoll, eine Rede oder die schriftliche Eingabe eines Konzilsvaters haben einen höheren Stellenwert als ein Presseartikel oder die Sammlung von Briefen eines Konzilstheologen. So kann man aus der Unmenge von Material Tatsachen und Meinungen auseinanderhalten, und nĂ€hert sich damit wohl dem Konzil, wie es tatsĂ€chlich war. Ganz kann man die Kuppel von St. Peter nie sehen. Entweder man sieht sie von außen, oder von innen, von einer Seite oder von der anderen. Und so ist es, glaube ich, auch mit dem Konzil. Es möglichst gut kennenzulernen, ist seit mehr als zwanzig Jahren mein Hauptinteresse. Daher danke ich Ihnen herzlich fĂŒr die Möglichkeit, die Sie mir gegeben haben, etwas davon zu erzĂ€hlen.

Liebe Frau Dr. Alexandra v. Teuffenbach, fĂŒr den interessanten Austausch und die Einblicke in Ihre ForschungstĂ€tigkeit bedankt sich Kathnews sehr herzlich und wĂŒnscht Ihnen fĂŒr Ihre weitere Arbeit viele spannende Entdeckungen in Archiven und Quellen sowie zahlreiche, weiterfĂŒhrende Erkenntnisse.

[1] Aus dem Italienischen: La migliorera acomandazione per questa promulgazione appare questa, che conessa non Ăš stata mutata in nessunmodo la dottrina tradizionale. Quelche Cristo volle, Noi pure lovogliamo. Quello che era, Ăš rimasto. Quelche durante i secoli la Chiesa ha insegnato, anche noilo insegniamo. Solamente, ciĂČche prima era solo contenuto nel modo di vivere, ora Ăš espresso anche con un esplicito insegnamento; ciĂČche fino raerasoggetto alla riflessione, alla discussione ed in parteanche alle controversie, ora Ăš statoredatto in una precisa formula dottrinale. (Ansprache vom 21.11.1964)

Foto: Petersdom – Bildquelle: M. BĂŒrger, kathnews