Mystagogische Einführungen im Internet

Interview mit Hw. Dr. Gero P. Weishaupt über ein besonderes Internetprojekt.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 21. Juni 2012 um 17:04 Uhr
Dr. Gero P. Weishaupt

Zu Beginn des laufenden Kirchenjahres am 1. Adventssonntag 2011 startete unser Mitarbeiter Hw. Dr. Gero P. Weishaupt auf seiner Homepage (www.geroweishaupt.com) eine Seite mit Modelltexten für eine sogenannte mystagogische Einführung in die Liturgie. Andreas Gehrmann, stellv. Chefredakteur Kathnews, sprach darüber mit dem aus Aachen stammenden und in den Niederlanden wirkenden Priester und Kirchenrechtler.

Hw. Dr. Weishaupt, mystagogische Einführung: Was versteht man darunter?

“Mystagogisch” bzw. das Substantiv “Mystagogie” kommt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich das, was in das Geheimnis (Griechisch: mysterion, latinisiert: mysterium) einführt (Griechisch : agein). Es geht bei der mystagogischen Einführung um eine Einführung in das Geheimnis einer liturgischen Feier. In der heidnischen Antike kannte man die Einführung in den Mysterienkult. In der frühen Kirche ist mit der Mystagogie einerseits die Einführung von Katechumenen (Taufkandidaten) in den Glauben, andererseits, vor allem bei den Kirchenvätern, die katechetische Einführung vor dem Empfang der Sakramente gemeint. Bekannt sind z.B. die mystagogischen Katechesen und liturgischen Mystagogien des heiligen Bischofs von Mailand,  Ambrosius,  oder des heiligen Cyrill von Jerusalem.

Auf Ihrer Homepage bieten sie solche mystagogischen Einführungen an. Sind das vorgegebene Texte oder haben Sie die selber verfaβt?

Es handelt sich um Modelltexte, die ich vor jedem Sonntag und kirchlichen Festtag selber erstellt habe bzw. noch bis zum Ende des laufenden Kirchenjahres  erstelle und die nach Bedarf natürlich auch in der Liturgie verwendet werden können. Wie der Name “Modelltexte” schon angibt, kann der Nutzer sie als Beispieltexte gebrauchen, an denen er sich für  die  Erstellung eines eigenen Textes orientieren kann.

Was hat Sie zu dem Projekt veranlaβt?

Die Insitutio Generalis, die  Allgemeine Einführung in das Messbuch von 1969, also in die Messfeier, die seit dem Motu Proprio “Summorum Pontificum” Papst Benedikts XVI. vom 7. Juli 2007 die ordentliche Form des Römischen Ritus genannt wird (die auβerordentliche oder klassische Form der Messe des  Römischen Ritus ist de Messen nach dem Messbuch Pius V. bzw. Johannes’ XXIII.), sieht die Möglichkeit vor, dass der Priester, der Diakon oder ein dafür geeigneter Laie am Beginn der heilige Messe, d.h. zwischen der liturgischen Begrüβung und dem Buβakt, eine mystagogische Einführung hält (vgl. Allgemeine Einführung, Nr. 50). Diese Einführung ist allerdings nicht verpflichtend, sondern fakultativ. Das muss betont werden. Sie ist folglich nicht wesentlicher Bestandteil der Liturgie. Wenn  sie jedoch  gehalten wird, soll sie auf jeden Fall “ganz kurz” (brevissimis verbis) vorgetragen werden, erinnert die Allgemeine  Einführung.

In der Praxis werden die Vorgaben (Einführung in die liturgische Feier und Kürze) nicht immer berücksichtigt. Es kommt vor, dass der Zelebrant bereits zu Beginn der Messe eine Einleitung hält, die inhaltlich  und/oder von der Länge er bereits eine Predigt bzw. eine Homilie  darstellt. Ich habe es schon als Konzelebrant erleben müssen, dass der Hauptzelebrant eine beinahe zehnminütige Einführung in die Messe gehalten hat. Es war eine Messe an einem Wochentag. Ein bestimmter Heiliger wurde gefeiert. Inhaltlich handelte es sich dabei um eine ausführliche Lebensbeschreibung des Heiligen. Das war zwar interessant zu hören, aber das hatte überhaupt nichts mit einer mystagogischen Einführung zu tun.

Das ist leider  kein Einzelfall. Häufig stellt das, was  eine mystagogische  Einführung sein soll, bereits eine Hinführung und Erläuterung der Schriftlesungen dar. Man verwechselt die Einfühung am Anfang der Messfeier mit einer Homilie, die ihren liturgischen Ort nach dem Evangelium hat, oder aber mit einer Monitio, einer kurzen Erläuterung am Anfang des Wortgottesdienstes nach dem Tagesgebet (der Collecta). Auch das ist ja möglich, wenn die angemessene Kürze einer solchen Einführung in die Schriftlesungen berücksichtigt wird.

Der Liturge sollte es aber  grundsätzlich möglichst vermeiden, zuviel zu erläutern und zu erklären. Die nachkonziliare Liturgie ist sehr stark wortorientiert. Etwas was sicher reformbedürftig ist. Mehr Stille muss in unsere liturgischen Feiern wieder einkehren. Man sollte aufpassen, dass man nicht alles “zerredet”. Liturgie  ist keine  Katechese. Liturgie ist zunächst Kult, d.h. Verehrung Gottes, und Heiligung des Menschen. Als Folge  einer falschen Lektüre, Interpretation und Anwendung der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils trat in der Zeit nach dem Konzils die kultische Dimension des Gottesdienstes immer mehr in den Hintergrund. Das Zweite Vatikanische Konzil hat aber beide  Dimensionen, die kultische wie die verkündende, in ein rechtes Gleichgewicht bringen wollen. Eine einseitige Sichtweise ist dem Konzil fremd.

Wegen der Gefahr der Wortflut und des Zerredens der Liturgie hatte ich im dritten Teil  meines Kommentars zum Motu Proprio “Summorum Pontificum” (“Päpstliche Weichenstellungen”) den Vorschlag geäuβert, im Zuge einer “Reform der Reform” der nachkoniliaren Liturgie, die Papst Benedikt XVI. anstrebt, die mystagogische Einführung nicht innerhalb der Messe vor dem Buβakt zu halten, sondern bereits vor Beginn der Messe, also noch vor dem Einzug. Zu diesem Vorschlag fühlte ich mich durch den namhaften Liturgiker Klaus Gamber ermutigt, der geschrieben hat: “Wenn früher ein Pfarrer seiner Gemeinde eine Einführung in die Messfeier geben wollte – was durchaus zu begrüβen war -, dann konnte er dies vor Beginn des Gottesdienstes tun. Dadurch wurde die Feier nicht durch eine ‘zweite Predigt’ auseinandergerissen. Dieser Bruch wird jetzt besonders im lateinischen Hochamt deutlich, wo nach dem gesungenen Introitus eine oft ausführliche Begrüβung und Einführung erfolgte, der sich das ‘allgemeine Schuldbekenntnis’ anschlieβt” (Klaus Gamber, Fragen in die Zeit. Kirche und Liturgie nach dem Vatikanum II, in: Studia Patristica et Liturgia (24. Beiheft), hrsg. U.a. vom Liturgiewissenschaftlichen Institut Regensburg, Regensburg 1984, 84).

Was sollte eine mystagogische Einführung in die Messe behinhalten?

Auf keinen Fall auf die Schriftflesungen Bezug nehmen, zumindest nicht schwerpunktmässig. Es geht nicht um eine  Auslegung der biblischen Texte und deren Anwendung auf das Leben der Menschen. Das ist u.a. Aufgabe der Homilie. Es geht ebensowenig um eine Einführung in das Leben und Wirken eines Heiligen, den man an einem bestimmten Tag feiert. Eine mystagogische Einführung soll vielmehr die Gläubigen in das zu feiernde Geheimnis (Mysterium) einführen, damit sie es bewuβter feiern und damit eine aktive Teilnahme der Gläubige, die eine innere Teilnahme ist, kein äuβerer Aktivismus, erleichtert wird.

Aus dieser Zielsetzung der mystagogischen Einführung heraus ergibt sich auch die Antwort auf die Frage, welche Texte herangezogen werden sollen, die als Grundlage für eine solche  Hinführung dienen. Es sind die liturgischen Texte des jeweiligen Tages, also der Eröffnungsvers (Introitus) und das Tagesgebet (Collecta), die beide gleichsam das “Thema” des Fest- und Tagesgeheimnisses kurz und bündig in Worte kleiden, dann das Gabengebet (Oratio super oblata), die Präfation, der Kommunionvers (Communio) und das Schlussgebet (Oratio post communionem).

Eine  gute mystagogische Einführung setzt darum bei dem, der sie hält (in der Regel der Zelebrant) eine ernsthafte Auseineinandersetzung mit den genannten liturgischen Texten voraus. Zwar gibt es auch vorgegebene Modelltexte mit einer Einführung in die Liturgie des Tages (meistens in Verbindung mit exegetisch-homiletischen Erklärungen in die Schriftlesungen und mit Fürbitten), doch oft erweisen diese sich als untauglich für eine mystagogische Einführung, da sie weder qualitativ noch quantitativ, d. h. von ihrem Inhalt und von ihrem Umfang her, den Anforderungen an eine solche entsprechen.

Auf meiner Homepage habe ich folgendes Beispiel einer untauglichen Einführung in die Liturgie veröffentlicht. Sie betrifft den 18. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A):
“Hungrige Menschen gab es auch zur Zeit Jesu und in seiner Nähe. Jesus hat seine Jünger nicht gelehrt, Brot zu vermehren, wohl aber, für das vorhandene zu danken und es denen weiterzugeben, die Hunger haben. Das Problem des Hungers ist nicht nur ein Problem der Produktion. Es ist zuerst eine Frage des Austeilens: nicht nur Fremdes verteilen, sondern Eigenes hergeben. Also eine Frage an das Herz.”

Vom Umfang her („brevissimis verbis“) erfüllt der Text die Anforderung an eine mystagogische Einführung, inhaltlich weist er allerdings erheblich Mängel auf, da er der Zielsetzung einer mystagogischen Einführung am Beginn der heiligen Messe nicht entspricht. Der Text verweist hingegen bereits auf das Evangelium (Lesejahr A). Das kann Aufgabe einer homiletischen Einführung (monitio) vor den Lesungen sein, nicht aber der Einführung in die Liturgie als Ganze. Der Text bietet keine Hinführung in das Geheimnis der Messe vom 18. Sonntag im Jahreskreis. Darum ist der Text als mystagogischen Einführung nicht brauchbar.

Was erhoffen Sie sich von ihrem Internetangebot?

Die Besucherzahlen zeigen mir, dass die Homepage gut besucht wird, wobei sie freilich auch noch andere Texte und Informationen, vor allem die das Kirchenrecht betreffen,  bietet. Aber der Link “Mystagogische Einführug” ist einer der Schwerpunkte dieser Homepage. Ich hoffe, dass viele  von den Textbeispielen Gebrauch machen, wobei ich nochmal betonen möchte, dass es sich um Modelltexte handelt. Man ist also immer frei, eigene Text zu verfassen. Meine Texte sind Beispiele und dienen der Orientierung, sowohl was die Länge als auch vor allem den Inhalt einer mystagogischen Einführung angeht.

Ich wünsche mir, dass dieses Textangebot ein bescheidener Beitrag ist für die von Papst Benedikt XVI. angestoβene Reform der nachkonziliaren Liturgiereform. Sie setzt vor allem bei einer liturgischen Bildung beim Klerus und beim Volk an.  Der Beitrag auf meiner Homepage versteht sich auch als Beitrag zur liturgischen Bildung. Das Projekt der “Reform der Reform” ist bekannterweise ein Schwerpunkt des Pontifikates Benedikt XVI.. Er selber gibt uns ein Beispiel, wie die Messen nach dem Messbuch von Papst Paul VI. zelebriert werden soll.

Natürlich wird die Reform der Refrom hier und da zu einer eingreifenden Revision des heutigen Messbuches führen müssen. Doch bin ich der Auffassung, dass schon im Blick auf mehr Sakralität und die notwendige Theozentrik der Liturgie und im Blick auf die Aufgabe ihrer anthropozentrischen Ausrichtung, die ihr eigen ist und die dem Glaube und der Kirche sehr geschadet hat, viel erreicht wäre, wenn man all das in die Praxis umsetzen würde, was das Missale von 1969, also das Messbuch von Paul VI., ohnehin schon vorsieht und damit legitim und nie abeschafft worden ist. Ich meine erstens die gemeinsame Zelebrationsrichtung von Volk und Priester auf Gott hin (ad Deum), also so, dass der Priester nicht zum Volk hin gewendet die Messe zelebriert, zumindest was den eucharistischen Teil mit der Wandlung als Zentrum betrifft; zweitens die Verwendung der lateinischen Sprache im Sinne der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils Sacrosanctum Concilium; und drittens die Mundkommunion, die ja nach wie vor die normale Form des Kommunizierens ist.

Die Reform der Reform beginnt bereits da, wo der Priester die Messen nach den Vorgaben des Messbuches und der Allgemeinen Einführung zelebriert. Und dazu gehört auch eine korrekte Einführung  in die Feier am Beginn der heiligen Messe, die a) nicht lang ist, sondern so kurz wie möglich, mit wenigen Sätzen, formuliert wird und b) nicht eine Homilie ist, sondern eine Einführung in das Heilsgeheimnis, das in der einzelnen liturgischen Feier vergegenwärtigt wird.

Vielen Dank Hw. Dr. Weishaupt für dieses instruktive Interview.

Hier als Beispiel die von Hw. Dr. Weishaupt erstellte mystagogische Einführung für den kommenden Sonntag, 24. Juni, an dem das Hochfest der Geburts Johannes des Täufers sowohl in der ordentlichen als auch in klassischen Form des Römischen Ritus gefeiert wird:

Sechs Monate vor Weihnachten, dem Geburtsfest unseres Herrn, feiert die Kirche die Geburt Johannes des Täufers. Er ist der Vorläufer des Messias, von Gott gesandt als Zeuge, „um Zeugnis abzulegen für das Licht“, Christus, „ und das Volk für den Herrn bereitzumachen“ (Eröffnungsvers). Johannes war der einzige Prophet, der den Erlöser schaute und auf ihn hinwies als „das Lamm, das die Sünden der Welt hinwegnimmt“ (Präfation). Vor der heiligen Kommunion spricht der Priester diese Worte des Johannes. Mögen wir Christus in der Gestalt der heiligen Hostie „als den erkennen, der uns das ewige Leben erworben hat“ (Schlussgebet). 

Und hier zur betreffenden Seite auf der Homepage von Hw. Dr. Gero P. Weishaupt:

Mystagogische Einführungen

Foto: Hw. Dr. Gero P. Weishaupt – Bildquelle: privat

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