Mit „vulkanischem Temperament“ wider den „Greuel der Verwüstung“ – Textsammlung Paul Hackers zu Vaticanum II und Nachkonzilszeit

Eine Buchbesprechung von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 18. Dezember 2014 um 06:54 Uhr

Noch im Pontifikat Benedikts XVI. erschien 2012 im Patrimonium-Verlag der Trappistenabtei Mariawald eine Anthologie von Texten des Indologen Paul Hacker (1913-1979), der im wahrsten Sinne des Wortes am Vorabend des Zweiten Vatikanischen Konzils, im September 1962, vom Luthertum zum katholischen Glauben konvertiert war. Motiv dieser Hinkehr zur Kirche war gerade die ernsthafte und konsequente Auseinandersetzung mit Martin Luther und dessen Konzeption von Religion gewesen, oder richtiger mit der Konzeption von Selbstreflexion von Mensch und Individuum bei Luther.

Mit der gleichen Ernsthaftigkeit und nüchternen Schärfe analysiert Hacker in den Texten, die Rudolf Kaschewsky pünktlich zum 50. Jahrestag der Konzilseröffnung neu herausgegeben hatte, das Zweite Vaticanum und seine Folgen, beziehungsweise die Folgeerscheinungen, die sich auf es beriefen oder ihm zugeschrieben wurden. Die Artikel Hackers sind überwiegend ursprünglich in der „Una Voce Korrespondenz“ erschienen und fallen in ihrer Entstehung oder in ihrem erstmaligen Erscheinen in den letzten Lebenszeitraum des Autors, circa ab Mitte der 1970iger Jahre. Sie blenden auch zurück in die Zeit, da etwa die Zeitschrift „Der Fels“ noch ein anspruchsvolles Organ der Publikation theologisch qualitativ wertiger Gegenwartsbeurteilung und Orientierung war, ohne Konfrontation und Kontroverse zu scheuen.

Spannungsreiche Anregung

Hacker und Ratzinger waren einander besonders seit beider Münsteraner Jahren freundschaftlich verbunden, wobei das Vorwort des Herausgebers dazu aus Lebenserinnerungen Ratzingers zitiert, in denen dieser die Freundschaftsbande zwischen ihm und Hacker, dem er, wohl als ein anziehend wirkender Gegensatz zu sich selbst, ein „vulkanisches Temperament“ bescheinigt, als „auch recht spannungsreich“ (S. 9) darstellt. Gerade in solcher Anspannung mag für Ratzinger die reizvolle Anregung des Gedankenaustauschs mit Hacker gelegen haben. Sichtet man dessen Aufsätze, wird bald und unzweifelhaft deutlich, dass er kein eifernder Zelot ist. So widerspricht er etwa A. Holzer und W. Siebel wegen deren Zuspitzungen und unsachlicher Pauschalität in ihrer Konzils- und Situationskritik (vgl. S. 38-40).

Die philologische Akribie, mit der Hacker selbst ans Werk geht, bändigt das Vulkanische durchaus, lässt aber dabei die Glut seiner Überzeugung gerade so zur ständigen Quelle der Energie seiner unbestechlichen Geistesschärfe und Überzeugungskraft werden, wie es in der Gegenwart im deutschsprachigen Raum vielleicht noch am ehesten auf Heinz-Lothar Barth zutrifft, der, wie Hacker kein Theologe vom Fach, in seinen theologischen Beiträgen mit Hacker die philologisch genaue Arbeitsweise und Sorgfalt teilt. Dass die Neuherausgabe und -zusammenstellung von Hackers Texten bewusst ohne Aktualisierungen erfolgt ist (vgl. S. 10), macht ihren besonderen Reiz und Wert aus. Denn auf diese Weise werden sie zum Zeitzeugnis für Mentalität und Situation der unmittelbaren (Nach-)Konzilszeit und ihrer Auswirkungen.

Ungeschminkte Zeitzeugnisse

Unbeschönigt wird so für den heutigen Leser deutlich, regelrecht pulsierend erlebbar, dass jene Jahre entschieden nicht von einer Hermeneutik der Kontinuität geprägt waren und davon auch kirchenamtliche, so gesehen also authentische, Verlautbarungen zur Umsetzung der konziliaren Reformen, keine (rühmliche) Ausnahme bildeten. Als Beispiel führt Hacker im Zusammenhang mit der Liturgiereform Texte der Gottesdienstkongregation an und schreibt dazu: „Selbst Anweisungen, die ein Dikasterium des Apostolischen Stuhles gibt, sind in ihrem Geiste noch unter das Niveau des Protestantismus gesunken“ (S. 22).

Konkreter Realitätswert einer Reformhermeneutik?

Dass jedoch Hacker eine solche Hermeneutik der Reform in Kontinuität, gerade als Philologe, insgesamt für möglich und allerdings nicht nur als Option, sondern als obligat ansah – wozu die Realität in offenkundigem, faktischen Kontrast stand – macht folgendes Zitat deutlich: „Die Konzilstexte (von Hacker kursiv gesetzt, Anm. C. V. O.) enthalten zwar manche mehrdeutige Worte und Passagen, aber wenn man sie, wie es sich gebührt, jeweils in ihrem Gesamtzusammenhang und vom Dogma her versteht, so kommen die eindeutig katholischen Gedanken des Konzils zur Geltung“ (S. 38). Wenig später fährt Hacker fort: „Gegen Prälaten, die unsere Absage an den Progressismus nicht verstehen, müssen wir Festigkeit, aber auch Barmherzigkeit üben“ (S. 39).

Der Titel, für den Herausgeber und Verlag sich für den Band entschieden haben, klingt pathetisch, vielleicht wie eine Dramatisierung. Dieser Titel ist auch die Überschrift eines in dem hier vorgestellten Buche offenbar erstmals publizierten kleinen Essays (vgl. S. 139-146), wo Hacker das Prophetenwort des Daniel, das bei Matthäus neutestamentlich zitiert wird, gleichsam als Motto der Situation gebraucht, mit der sich die Kirche seiner Gegenwart konfrontiert sah: „Im erweiterten Sinne kann man alles, was über die heilige Kirche nach dem letzten Konzil hereingebrochen ist, mit jenem Ausdruck bezeichnen: in Dogma, Dogmatik, theologischem Unterricht, Religionsunterricht, Moral, Moraltheologie, Recht, Rechtspraxis, Liturgie, Gottesdienstbesuch, Gebetsleben, im Leben der Orden und Religiosengemeinschaften, in der Regierungspraxis der Hierarchie: überall (…), überall herrscht der Greuel der Verwüstung in einem Ausmaße und einer Intensität wie nie zuvor in der Kirchengeschichte“ (S. 139). In ihrem Geleitwort zur neuerlichen oder teils posthum-erstmaligen Veröffentlichung von Texten ihres Vaters schreibt Ursula B. Hacker-Klom, sie freue sich, „daß seine (ihres „geschätzten Vaters“, Anm. C. V. O.) Zeilen (…) wegen ihrer Aktualität noch heute Interesse hervorrufen“ (S. 5).

Hacker: mehr denn je aktuell

Liest man diese vornehm-bescheiden „Zeilen“ genannten, tiefschürfenden Ausführungen Hackers im Lichte der Entwicklungen mit und seit dem Amtsverzicht Benedikts XVI., erschiene es wohl sogar noch zutreffender, von einer Aktualität zu sprechen, in der Hackers Beobachtungen und Analysen wieder und mehr als je zuvor, waches Interesse verdienen. Hackers Texte sind deshalb heute derart erregend lesens- und empfehlenswert, weil sie eine Situationsbeschreibung bieten, die wie für unsere Gegenwart geschrieben wirkt, in welcher der gläubige und theologisch aufmerksame Leser sich, nach einem theoretischen und vielleicht auch ästhetischen Intermezzo im Ratzingerpontifikat, umso radikaler und konsequenter in die kirchliche Mentalität und Ideologie der 1970iger Jahre zurückkatapultiert vorfindet und „Festigkeit, aber auch Barmherzigkeit üben“ muss, um zu bestehen. Dies scheint die eigentliche, neue Barmherzigkeit zu sein, derer wir besonders neuerdings bedürfen. Bei dieser Einschätzung geht es mir weder um eine Herabsetzung des Pontifikats Benedikts XVI., noch um eine dem regierenden Heiligen Vater unsachlich missgünstige Darstellung, sondern gewichte ich prinzipiell und konstant wohlwollend Evidenzen, die beide Pontifikate miteinander verknüpfen. Hacker wieder und von neuem zu lesen, stellt in den gegenwärtigen Herausforderungen in reichem Maße tüchtiges Rüstzeug bereit und wäre es somit lebhaft zu begrüßen, der Verlag würde tatsächlich darangehen, „nachfolgend das theologische Gesamtwerk von Paul Hacker herauszugeben“ (S. 5).

Rudolf Kaschewsky (Hrsg.), Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte. Paul Hacker zur Lage der Kirche nach dem Zweiten Vatikanum, Editiones Una Voce, (Patrimonium Verlag) Heimbach 2012, Paperback, 202 Seiten, ISBN-10: 3-8641-7005-2, ISBN-13: 978-3-8641-7005-8, Preis: € 24,80.

Foto: Ausschnitt der Titelseite „Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte“ / Reproduktion des „Letzten Abendmahles“ von Leonardo da Vinci – Bildquelle: Nachlass von Paul Hacker