Liturgische Missbräuche sind mitursächlich für den gegenwärtigen Zerfall der Kirche

Papst Franziskus beklagt wie seine Vorgänger liturgische Missbräuche. Von Gero P. Weishaupt.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 21. Juli 2021 um 16:30 Uhr
Priester mit Kelch

In seinem Begleitbrief an die Bischöfe zum  Motu Proprio „Traditionis custodes“ geht der Papst Franziskus auch auf den „Novus Ordo“, also die Messfeier, wie sie im Zuge der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils erneuerten Messbuches gefeiert wird, ein und beklagt deren Missbrauch:

Wie Benedikt XVI. bedaure auch ich, dass ‚vielerorts die Liturgie nicht getreu nach den Vorschriften des neuen Missale gefeiert wird, sondern sogar als Erlaubnis oder gar Verpflichtung zur Kreativität verstanden wird, was oft zu Deformationen führt, die an der Grenze des Erträglichen liegen“, schreibt der Papst.

Karikatur

Die missbrauchte Liturgie ist nicht die Liturgie des Zweiten Vatikanischen Konzils, sondern deren Karikatur. Es ist verständlich, dass missbrauchte Formen der Liturgie viele Gläubige vergrault und von ihren Pfarreien entfremdet hat.  Wer die alte Liturgie nach den Normen von „Summorum Pontificum“ treu gefeiert hat, hat Spaltungen in der Pfarrei vermieden. Beispiele gibt es zuhauf. Nicht die alte Liturgie spaltet, sondern die neue Liturgie, wenn sie nicht ordnungsgemäß gefeiert wird.

Liturgische Missbräuche

Schon der heilige Papst Johannes Paul II. hatte in seiner letzten 2003 erschienen Enzyklika Ecclesia de Eucharistia (die Kirche lebt von der Eucharistie), die dem Geheimnis der heiligen Eucharistie gewidmet ist, u. a. darauf hingewiesen, dass liturgische Missbräuche „zur Verdunkelung des rechten Glaubens und der katholischen Lehre über dieses wunderbare Sakrament“ beitragen. Wörtlich schreibt er:

Überdies gibt es in dem einen oder anderen Bereich der Kirche Missbräuche, die dazu beitragen, den rechten Glauben und die katholische Lehre über dieses wunderbare Sakrament zu verdunkeln. Zuweilen kommt ein sehr bedeutungsminderndes Verständnis der Eucharistie zum Vorschein. Einmal seines Opfercharakters beraubt, wird das eucharistische Geheimnis so vollzogen, als ob es nicht den Sinn und den Wert eines Treffens zum brüderlichen Mahl übersteigen würde. Darüber hinaus ist gelegentlich die Notwendigkeit des Amtspriestertums, das in der apostolischen Sukzession gründet, verdunkelt, und die Sakramentalität der Eucharistie wird allein auf die Wirksamkeit in der Verkündigung reduziert. Von daher frönen hier und da ökumenische Initiativen, obgleich edel in ihren Intentionen, eucharistischen Praktiken, welche der Disziplin, mit der die Kirche ihren Glauben ausdrückt, widersprechen. Wie sollte man nicht über all dies tiefen Schmerz zum Ausdruck bringen? Die Eucharistie ist ein zu großes Gut, um Zweideutigkeiten und Minimalisierungen zu dulden.“ (Johannes Paul II., Enzyklika Ecclesia de Eucharistia [2003] Nr. 10)

Lex credendi – lex orandi

Der heilige Papst spricht von einem Zusammenhang zwischen der Weise, wie wir die heilige Eucharistie feiern, und dem, was wir glauben. Die Liturgie ist Feier und Ausdruck des Glaubens der Kirche, und der Glaube der Kirche manifestiert sich in der Liturgie. Liturgie ist der Spiegel der Glaubenslehre der Kirche, sie ist gefeiertes Dogma. In den Orationen (Gebeten), Lesungen, Gesängen, in den Riten, Zeremonien und Rubriken der Messfeier findet der Glaube der Kirche seinen Ausdruck. In der Liturgie des Römischen Ritus kommt der Glaube der Kirche zum Ausdruck. Darum ist die Weise, wie wir die Liturgie feiern, zugleich Norm des Glaubens und umgekehrt ist der Glaube die Norm unseres liturgischen Betens. Aus der Liturgie, der lex orandi, lässt sich die Norm des Glauben, die lex credendi, erheben, und der Glaube ist die Norm für die Liturgie. Zwischen Liturgie und Glauben besteht darum eine enge Wechselwirkung. Sie bedingen sich gegenseitig.

Zerfall der Liturgie hat Zerfall der Kirche zur  Folge

Die Folge ist, dass der Glaube beeinträchtigt wird, wenn Liturgie nicht dem Glauben gemäß gefeiert wird. Umgekehrt gilt: Die Liturgie wird verfälscht, wenn der Glaube nicht mehr geteilt wird, wenn Glaubenwahrheiten bezweifelt und geleugnet werden. Liturgische Missbräuche sind einerseits die Folge eines Glaubensverlustes, andererseits tragen sie selber zur „Verdunkelung des Glaubens“ (Johannes Paul II.) bei und folglich zu einer Krise der Kirche. In seiner Autobiographie schrieb der damalige Kardinal Joseph Ratzinger darum ganz zutreffend: „Ich bin überzeugt, dass die Kirchenkrise, die wir heute erleben, weitgehend auf dem Zerfall der Liturgie beruht, die mitunter sogar so konzipiert wird, ‚etsi Deus non daretur‘: dass es in ihr gar nicht mehr darauf ankommt, ob es Gott gibt und ob er uns anredet und erhört“ (Joseph Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben. Erinnerungen, München [1997] 174).

Falsch verstandene Freiheit und falsch verstandene Kreativität

Liturgische Missbräuche, „haben ihre Wurzeln nicht selten in einem falschen Begriff von Freiheit“ (Redemptionis Sacramentum, Nr. 7), von einer falsch verstandenen „Kreativität“, was katastrophale Folgen für die Kirche hat, wie wir in unseren Tagen leidvoll erleben müssen. Liturgische Missbräuche spalten Gemeinden. Wer als Priester, Diakon oder in der Pastoral tätiger Laie die Liturgie nach eigenem Gutdünken feiert, wer seinen eigenen Neigungen folgt und nicht dem, was die Kirche, was der Glaube der Kirche vorgibt, „greift die substantielle Einheit des Ritus an“. „Er vollzieht Handlungen, die dem Hunger und Durst nach dem lebendigen Gott, den das Volk unserer Zeit verspürt, in keiner Weise entsprechen. Er verrichtet keinen authentischen pastoralen Dienst und trägt nicht zur rechten liturgischen Erneuerung bei, sondern beraubt vielmehr die Christgläubigen ihres Glaubensgutes und ihres geistlichen Erbes“, heißt es in der Instruktion Redemptionis Sacramentum der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung vom 25. März 2004. Die Instruktion handelt „über einige Dinge bezüglich der heiligsten Eucharistie, die einzuhalten und zu vermeiden sind“. Diese Instruktion versteht sich als eine praktische Umsetzung dessen, was in der Eucharistie-Enzyklika Ecclesia de Eucharistia Papst Johannes Pauls II. theologisch und spirituell dargelegt wird.

Foto: Kelch – Bildquelle: Patnac, Creative Commons

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