Liturgie, Schriftenapostolat, Formung und Begleitung durch Exerzitien

Kathnewsinterview mit Pater Martin Ramm FSSP.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 23. Juni 2020 um 23:47 Uhr

Hochwürdiger Herr Pater Martin Ramm FSSP, Sie sind Pfarrer einer Personalpfarrei für die sogenannte außerordentliche Form des Römischen Ritus in Zürich. Bitte beschreiben Sie kurz die Situation der überlieferten Liturgie in der Diözese Chur und mit Ausblick auf die restliche deutschsprachige Schweiz!

Vonseiten der Bistümer Chur und Basel habe ich hier in den neunzehn Jahren meiner seelsorgerlichen Tätigkeit ein großes Wohlwollen erlebt. Im Unterschied zu Deutschland gibt es in der Schweiz auf relativ engem Raum viele traditionelle Angebote. Wenn ich mich am Sonntag in Thalwil ins Auto setze, kann ich im Umkreis von einer guten Stunde mindestens zehn Orte erreichen, wo die heilige Messe im überlieferten Ritus zelebriert wird und die alle von den Bistümern anerkannt sind. Betrachtet man dort die Lebendigkeit des religiösen Lebens, den Eifer beim Sakramentenempfang, die Präsenz von Familien und – damit verbunden – den Altersdurchschnitt, so wird man leicht bemerken, dass diese Orte den Vergleich mit gewöhnlichen Pfarreien keineswegs scheuen müssen. Es ist meistens noch so, dass diese Apostolate außerhalb des staatskirchlichen Systems stehen.

Wohl gibt es einige dankenswerte symbolische Entschädigungen durch Kirchensteuermittel. Im großen und ganzen aber ist man auf die Spenden der Gläubigen angewiesen, und die allermeisten Dienste werden auf ehrenamtlicher Basis verrichtet. Dabei gibt es beachtliche kulturelle Leistungen im Bereich der Musica sacra. Für das Bistum Chur hat der damalige Bischof Vitus Huonder im Jahr 2012 zwei Personalpfarreien errichtet, eine für den Kanton Zürich und eine für die Urschweizer Kantone. Alle Gläubigen, die im Bereich dieser Kantone ihren Wohnsitz haben, können durch eine ‚Zugehörigkeitserklärung‘ diesen Pfarreien beitreten. Das entsprechende Formular findet man auf den Websites www.personalpfarrei.ch oder www.personalpfarrei.org. Damit sind diese Gläubigen des Gefühls enthoben, irgendwie zwischen den Stühlen zu sitzen, denn sie haben eine klar definierte kirchliche Heimat.

Vom heiligen Don Bosco stammt das Wort: „Wer ein gutes Buch schenkt, und hätte er nur das Verdienst, einen Gedanken an Gott geweckt zu haben, der hat bei Gott schon ein unvergleichliches Verdienst erworben.“ Sie selbst haben ein reiches Schriftenapostolat im katechetischen und vor allem liturgischen Sektor vorzuweisen. So haben Sie das gesamte Stundengebet in lateinisch-deutschen Ausgaben nach der Ordnung von 1962 erschlossen. Das Flaggschiff aber ist sicherlich Ihr Volksmissale, worin dasselbe für das MR1962 geschieht. Worin unterscheidet sich Ihr Buch von Vorläufern, und wie wird es mit diesen Unterschieden von den Gläubigen aufgenommen, besonders von solchen, für die die alte Liturgie die eigentlich neue ist? Kürzlich haben Sie auch einen Comic über die traditionelle heilige Messe herausgebracht. Wollen Sie Micky Maus und Onkel Dagobert bekehren?

Als unsere Zürcher Gemeinde Personalpfarrei wurde, hat der Bischof uns gefragt, welchem Patron die neue Pfarrei geweiht werden solle. Da war es für uns nicht schwierig, dazu den heiligen Pater Maximilian Kolbe zu wählen. Dem Schlussakt seines Lebens durch die Ganzhingabe seiner selbst als Märtyrer der Nächstenliebe in Auschwitz gingen viele Jahre unglaublichen missionarischen Wirkens voraus. Vor allem sein atemberaubendes Schriftenapostolat und die Bereitschaft, zur Verkündigung des Evangeliums auch neue Wege zu gehen und moderne Mittel einzusetzen, habe ich stets bewundert. Mein eigenes Schriftenapostolat war weder geplant noch vorhersehbar, denn in der Schule hat Deutsch gewiss nicht zu meinen Lieblingsfächern gezählt. Doch bei aller faktischen Begrenztheit unseres priesterlichen Wirkens war es für mich gewissermaßen ein Trost, durch Druckschriften in weitere Kreise wirken zu können. Für die Art, wie dieses Apostolat sich in den letzten zwei Jahrzehnten entwickelt hat, bin ich unendlich dankbar. Nachdem das technische Knowhow zum Satz und Druck von Schriften erworben war, kam es zu immer neuen und teilweise auch umfangreicheren Ideen, die schlussendlich das Wohlwollen meiner Oberen gefunden haben: das Totenmissale, das Altarmissale, das Diurnale, das Nocturnale und schließlich das Volksmissale.

Ohne unsere Priesterbruderschaft und damit verbunden die große Hilfe von Mitbrüdern, wäre all das nicht denkbar gewesen. Ausschlaggebend für die Gestaltung des Volksmissale war der Wunsch, ein lebendiges und zugleich praktisches Buch zu schaffen. Im Vergleich zum Schott und Bomm sollte es übersichtlicher und benutzerfreundlicher sein. Mein Bestreben war es, durch eigene Übersetzungen aus der urheberrechtlichen Klemme herauszukommen und Texte zu schaffen, über die zugunsten des Apostolates wieder frei verfügt werden kann. Zugleich sollten sie näher am Latein sein und die Möglichkeit bieten, von Auflage zu Auflage verbessert zu werden und zu reifen. Ich höre viele positive Rückmeldungen, auch zu den Einführungen ins Kirchenjahr und ins Leben der Heiligen. Daneben gibt es selbstverständlich auch unter den eigenen Mitbrüdern solche, denen die vertrauten ‚alten‘ Übersetzungen so tief im Ohr stecken, dass die ‚neuen‘ ihnen Mühe bereiten. Auf jeden Fall bin ich für jeglichen Verbesserungsvorschlag sehr dankbar, und ich werde sie alle ernsthaft erwägen. Als ich zum ersten Mal gefragt wurde, den Text für einen Comic zu schreiben, war ich zunächst sehr kritisch, und es hat dann noch einige Jahre gedauert, bis ich ans Werk ging. Ich ging mit dem heiligen Maximilian Kolbe zu Rate und war dann überzeugt, dass das Medium ‚Comic‘ katechetische Vorzüge besitzt, die auch für unser Anliegen nicht ungenutzt bleiben sollten. So entstand das Werk Entdecke die Messe.

Von der Publizistik abgesehen, bieten Sie Einkehrtage, Exerzitien und für Priester Schulungen im Usus antiquior Ferner begleiten Sie – zu pandemiefreien Zeiten – mehrmals im Jahr Pilgerreisen ins Heilige Land und nach Rom. Welches sind die Erfahrungen, die Sie in diesen Bereichen seelsorglich gesammelt haben, und warum empfehlen Sie traditionsaffinen Mitbrüdern die Teilnahme an Zelebrationskursen, speziell verglichen mit bloß autodidaktischer Aneignung, etwa anhand von Lehr-DVDs oder klassischer anhand von Lehrbüchern aus der Zeit vor der Neugestaltung der Liturgie durch Papst Paul VI.?

Der Reiz priesterlichen Wirkens liegt nicht zuletzt in seiner Vielfalt. Einige meiner Schriften sind gerade auf Exerzitien, Wallfahrten oder Eheseminaren gereift und dann ‚Buch‘ geworden. Solche Veranstaltungen bieten die unverzichtbare Möglichkeit zu intensiven persönlichen und seelsorgerlichen Kontakten, und sie besitzen das Potential, effektiv und nachhaltig ins Glaubensleben der Teilnehmer einzuwirken. Man kann ein Buch über das Heilige Land lesen und davon profitieren. Bei einer wirklichen Heilig-Land-Wallfahrt spielen wir jedoch in einer ganz anderen Liga. Ähnlich ist der Unterschied zwischen einer autodidaktischen Bemühung um die Ars celebrandi und der Teilnahme an einem Zelebrationskurs. Ich selbst habe große Freude an solchen Begegnungen mit Mitbrüdern und Gläubigen und profitiere auch persönlich sehr davon. Wiederum danke ich es meiner Gemeinschaft, die es mir erlaubt, auf diese Weise tätig zu sein.

Kürzlich kamen römische Dekrete heraus, die den Gottesdienst der Kirche, soweit er nach den liturgischen Büchern von 1962 vollzogen wird, betreffen: Es ist jetzt möglich, seit 1960 neu hinzugekommene Heilige liturgisch zu verehren und solche, die erst in Zukunft noch kanonisiert werden. Ebenso gibt es die Möglichkeit, einige zusätzliche Präfationen zu verwenden. Wie beurteilen Sie diese Möglichkeit? Es handelt sich bei beiden Regelungen nur um Kann-Bestimmungen. Lässt sich aus Ihrer Sicht schon abschätzen, in welchem Ausmaß davon Gebrauch gemacht oder eher darauf verzichtet werden wird?

Mit dem heiligen Maximilian Kolbe haben wir ja bereits 2012 einen Patron gewählt, der bislang noch keinen Platz im überlieferten liturgischen Heiligenkalender hatte. Grundsätzlich begrüße ich, dass die von uns so sehr geliebte überlieferte Liturgie nicht als museal oder nostalgisch, sondern als lebendig erfahrbar wird. Diese Lebendigkeit manifestiert sich auch im Heiligenkalender und in der Bereicherung durch neue Präfationen. Die Einführung ad libitum halte ich für klug. Auf diese Weise bleibt eine gewisse Freiheit, das ‚Neue‘ als Angebot und Bereicherung des ‚Alten‘ zu etablieren. Sobald der aus Rom angekündigte Appendix erscheinen wird, werde ich gewiss ans Werk gehen, das Volksmissale entsprechend zu ergänzen.

Eine letzte Frage: Auf Anordnung des Heiligen Vaters findet derzeit weltweit eine Befragung unter den Diözesanbischöfen statt, die sich mit der Implementierung von Summorum Pontificum seit 2007 beschäftigt. Wie beurteilen Sie diese Befragung, von der manche Traditionalisten für die alte Liturgie zukünftig eine Bedrohung, zumindest aber eine potentielle, neuerliche Reduzierung ausgehen sehen?

Grundsätzlich halte ich es für völlig normal, dass solche Erhebungen gemacht werden. Es wäre nur zu wünschen, dass das hinsichtlich der nach dem letzten Konzil gemachten Neuerungen und der daraus resultierenden Früchte genauso geschieht. Ich vertraue darauf, dass der Heilige Geist auch heute noch die Kirche leitet, und meine deshalb, auf weitere Spekulationen verzichten zu dürfen.

Lieber Pater Ramm, Kathnews bedankt sich herzlich für Ihre Einschätzungen zu unseren Fragen und wünscht Ihnen weiterhin ein fruchtbares und vielfältiges Arbeitsfeld im Weinberg des Herrn!

Foto: Pater Martin Ramm – Bildquelle: Pater Martin Ramm FSSP (Privatarchiv)