Leben und Werk der Kirchenväter und Glaubenlehrer

Mit den Kirchenvätern beginnt der Weg der Kirche in der Geschichte. Katechesen von Papst Benedikt XVI. über die großen Denker der frühen Kirche. 1. Juni: hl. Justinus, Philosoph und Märtyrer.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 1. Juni 2016 um 06:00 Uhr
Papst Benedikt XVI., Petersplatz

Im Zeitraum vom 7. März 2007 und dem 27. Februar 2008 hielt Papst Benedikt XVI. in Rahmen seiner wöchentlichen Mittwochsaudienzen in Rom insgesamt 36 Katechesen über Leben und Werk der Kirchenväter und Glaubenslehrer, beginnend von Clemens von Rom bis zu Augustinus von Hippo. Kathnews setzt seine Reihe über „Leben und Werk der Kirchenväter und Glaubenslehrer“ fort. Die Kirche begeht am 1. Juni (in der klassischen Form des Römischen Ritus am 14. April) das Gedächtnis des heiligen Justinus, Philosoph und Märtyrer (gest. um 165 n. Chr.). Papst Benedikt XVI. hielt über diesen bedeutenden Apologeten unter den frühen Kirchenvätern eine Mittwochskatechese am 21. März 2007.

Einleitung von Gero P. Weishaupt

Justinus und das Zweite Vatikanische Konzil

Nachhaltig gewirkt hat der heilige Justinus insbesondere durch seine Lehre von den „Samenkörnern“ (Griechisch: logoi spermatikoi), womit er eine Brücke schlägt zwischen der alten – heidnischen – Philosophie der Griechen und dem Christentum – wie vor ihm Paulus auf dem Areopag in Athen (Apg 17). In Christus ist, so lehrt Justinus, der göttliche Logos (Wort) in seiner ganzen Fülle. Doch – und das ist das Entscheidende für den Brückenschlag – besitzt jeder Mensch (nicht nur der Christ) in seiner Vernunft einen Keim bzw. einen Samen (Griechisch: sperma) des einen Logos, Christus. Damit ist jeder Mensch grundsätzlich aufgrund seiner menschlichen Natur offen auf die volle Wahrheit hin, die Christus ist. Das zeigt sich bei den griechischen Philosophen wie Heraklit und Sokrates und den anderen auf besondere Weise, aber auch bei den (nichtchristlichen) jüdischen Propheten. In gewissem Sinne waren sie alle, obschon ungetauft schon Christen vor Christus. Doch es sind die Christen, die nach dem Erscheinen Christi die ganze, volle und ungetrübte Wahrheit haben (vgl. 1. Apologie 46, 2. Apologie 8; 13).

Das Zweite Vatikanische Konzil hat diese Wahrheit von den „Samenkörnern“, die auch von anderen Kirchenvätern vertreten wird (Clemens von Alexandrien, Eusebius von Caesareas u.a.) aufgegriffen und für den Dialog mit den nichtchristlichen Religionen (Lumen gentium 16 und Nostra aetate) sowie – analog – in seiner Lehre von den „Elementen“, die auch in den nicht katholischen christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften in gradueller Stufung hinsichtlich ihrer Hinordung auf die Fülle in Christus und seiner einzig wahren Kirche, die in der Katholischen Kirche „subsistiert“ (Lumen gentium 8), fruchtbar machen.

Die konziliare Lehre vom „Strahl der Wahrheit“ (NA 2: radium veritatis), der in den anderen Religionen aufleuchtet, und den „Elementen“, die in den anderen (Ost)Kirchen und (aus der Reformation erwachsenen) kirchlichen Gemeinschaften zu finden sind und die auf die Fülle in Christus und seinen mystischen Leib, die Katholische Kirche, hingeordnet sind, ist also nichts Neues, sondern hat ihre Grundlage bei den Kirchenvätern. Gerade durch das Schöpfen auch aus den immer frischen Quellen der Kirchenväter (ressourcement) im Verbund mit der mittelalterlichen Theologe, hier vor allem – im Zusammenhang mit der Wahrheit von der Hinordnung derjenigen, die „das Evangelium nocht nicht empfangen haben“ (LG 16) – mit der Lehre des heiligen Thomas von Aquin (vgl. Summa Theol, III, q. 8, a. 3, ad 1), beabsichtigte das Konzil eine Erneuerung der Kirche, damit das „Licht der Völker“ (Lumen gentium), das Christus selber ist, auf dem Antlitz der Kirche in der Welt von heute leuchte.

Katechese von Papst Benedikt XVI. über den hl. Justinus, Philosoph und Märtyrer

 Liebe Brüder und Schwestern!

Wir denken in diesen Katechesen über die großen Gestalten der frühen Kirche nach. Heute sprechen wir über den hl. Justinus, den Philosophen und Märtyrer, der der bedeutendste Apologet unter den Kirchenvätern des zweiten Jahrhunderts ist. Als »Apologeten« bezeichnet man jene antiken christlichen Schriftsteller, die sich vornahmen, die neue Religion gegen die schwerwiegenden Beschuldigungen von Heiden und Juden zu verteidigen und die christliche Lehre in einer für die Kultur ihrer Zeit passenden Sprache zu verbreiten. So ist in den Apologeten eine zweifache Sorge gegenwärtig: die im eigentlichen Sinn apologetische Sorge, das entstehende Christentum zu verteidigen (das griechische Wort apología bedeutet »Verteidigung«), und jene konstruktive, »missionarische« Sorge, die Glaubensinhalte in einer Sprache und mit Denkkategorien darzulegen, die für die Zeitgenossen verständlich waren.

Justinus wurde um das Jahr 100 in der Nähe der alten Stadt Sichem in Samaria im Heiligen Land geboren. Auf seiner langen Suche nach der Wahrheit durchwanderte er die verschiedenen Schulen der griechischen philosophischen Tradition. Schließlich – so erzählt er selbst in den ersten Kapiteln seines Dialogs mit Tryphon – stürzte ihn eine geheimnisvolle Person, ein Greis, der ihm am Meeresstrand begegnete, zunächst in eine Krise, weil er ihm die Unfähigkeit des Menschen bewies, das Streben nach dem Göttlichen allein aus eigener Kraft zu befriedigen. Dann zeigte er ihm in den alten Propheten die Menschen, an die er sich wenden sollte, um den Weg Gottes und die »wahre Philosophie« zu finden. Als sich der Greis von ihm verabschiedete, ermahnte er ihn zum Gebet, auf daß für ihn die Tore des Lichts geöffnet würden. Die Erzählung versinnbildlicht das entscheidende Ereignis im Leben des Justinus: Am Ende eines langen philosophischen Weges der Suche nach der Wahrheit gelangte er zum christlichen Glauben. Er gründete in Rom eine Schule, wo er die Schüler unentgeltlich in die neue Religion einführte, die er als die wahre Philosophie ansah. In ihr hatte er in der Tat die Wahrheit und somit die Kunst des rechten Lebens gefunden. Er wurde aus diesem Grund angezeigt und um das Jahr 165 enthauptet – unter der Herrschaft des Philosophenkaisers Mark Aurel, an den Justinus selber eine seiner beiden Apologien gerichtet hatte.

Die zwei Apologien und der Dialog mit dem Juden Tryphon sind die einzigen Werke von ihm, die uns überliefert sind. In ihnen geht es Justinus vor allem darum, den göttlichen Schöpfungs- und Heilsplan zu veranschaulichen, der sich in Jesus Christus, demLogos, das heißt dem ewigen Wort, der ewigen Vernunft, der schöpferischen Vernunft, erfüllt. Jeder Mensch hat als vernunftbegabtes Geschöpf Anteil am Logos, er trägt dessen »Samenkorn« in sich und kann den Schimmer der Wahrheit erfassen. So hat sich derselbe Logos, der sich gleichsam in prophetischer Gestalt den Juden im alten Gesetz offenbart hat, gleichsam in »Samenkörnern der Wahrheit« teilweise auch in der griechischen Philosophie gezeigt. Justinus zieht nun die folgende Schlußfolgerung: Da das Christentum die geschichtliche und personale Offenbarung des Logos in seiner Ganzheit ist, folgt daraus, daß »alles, was an Schönem von wem auch immer zum Ausdruck gebracht worden ist, uns Christen gehört« (2 Apol. 13,4). Auf diese Weise richtet Justinus, auch wenn er der griechischen Philosophie ihre Widersprüchlichkeiten vorwirft, jede philosophische Wahrheit entschlossen auf den Logos aus und begründet von einem vernünftigen Standpunkt aus den einzigartigen »Anspruch« der christlichen Religion auf Wahrheit und Universalität. Wenn das Alte Testament nach Christus strebt, so wie das Sinnbild auf die [in ihm] angedeutete Wirklichkeit ausgerichtet ist, so zielt auch die griechische Philosophie auf Christus und das Evangelium ab, so wie der Teil danach strebt, sich mit dem Ganzen zu vereinigen. Und Justinus sagt, daß diese beiden Wirklichkeiten, das Alte Testament und die griechische Philosophie, gleichsam die beiden Wege sind, die zu Christus, dem Logos, führen. Das ist der Grund, warum sich die griechische Philosophie der Wahrheit des Evangeliums nicht widersetzen kann und die Christen vertrauensvoll aus ihr wie aus einem eigenen Gut schöpfen können. Deshalb bezeichnete mein verehrter Vorgänger, Papst Johannes Paul II., Justinus als »Pionier einer positiven Begegnung mit dem philosophischen Denken, wenn auch unter dem Vorzeichen vorsichtiger Unterscheidung«: denn »obwohl er sich seine große Wertschätzung für die griechische Philosophie auch nach seiner Bekehrung bewahrt hatte, beteuerte er klar und entschieden, im Christentum ›die einzige sichere und nutzbringende Philosophie‹ (Dial. 8,1) gefunden zu haben« (Fides et ratio, 38).

Insgesamt markieren die Gestalt und das Werk des Justinus eher die entschiedene Option der frühen Kirche für die Philosophie, für die Vernunft, als für die Religion der Heiden. Denn jede Art von Kompromiß mit der heidnischen Religion lehnten die ersten Christen tapfer ab. Sie hielten sie für Götzenkult, auf die Gefahr hin, deshalb der »Gotteslästerung« und des »Atheismus« bezichtigt zu werden. Insbesondere Justinus übte, vor allem in seiner ersten Apologie, unerbittliche Kritik an der heidnischen Religion und ihren Mythen, die er als teuflische »Irreführungen« auf dem Weg zur Wahrheit betrachtete. Die Philosophie hingegen stellte, gerade im Hinblick auf die Kritik an der heidnischen Religion und ihren falschen Mythen, den bevorzugten Ort der Begegnung zwischen Heidentum, Judentum und Christentum dar. »Unsere Philosophie …«: So hat schließlich ein anderer Apologet und Zeitgenosse des Justinus, Bischof Meliton von Sardeis, die neue Religion ausdrücklich definiert (ap. Hist. Eccl. 4,26,7).

Die heidnische Religion schlug in der Tat nicht die Wege des Logos ein, sondern verharrte auf den Wegen des Mythos, auch wenn dieser von der griechischen Philosophie als nicht in der Wahrheit begründet erkannt worden war. Der Untergang der heidnischen Religion war daher unvermeidbar: Er ergab sich als logische Konsequenz der Trennung der Religion – einer Religion, die auf ein künstliches Gebilde aus Zeremonien, Konventionen und Gewohnheiten reduziert war – von der Wahrheit des Seins. Justinus und mit ihm die anderen Apologeten besiegelten die klare Stellungnahme des christlichen Glaubens für den Gott der Philosophen gegen die falschen Götter der heidnischen Religion. Es war die Entscheidung für die Wahrheit des Seins gegen den Mythos derGewohnheit. Einige Jahrzehnte nach Justinus definierte Tertullian dieselbe Option der Christen mit einem lapidaren und immer gültigen Satz: »Dominus noster Christus veritatem se, non consuetudinem, cognominavit – Christus hat gesagt: Ich bin die Wahrheit, nicht: Ich bin die Gewohnheit« (De virgin. vel. 1,1). Man beachte in diesem Zusammenhang, daß das hier von Tertullian in Bezug auf die heidnische Religion verwendete Wort consuetudo in den modernen Sprachen mit den Ausdrücken »kulturelle Mode«, »Mode der Zeit« übersetzt werden kann.

In einer Zeit wie der unsrigen, die in der Diskussion über die Werte und die Religion – wie auch im interreligiösen Dialog – vom Relativismus gezeichnet ist, ist dies eine Lektion, die nicht vergessen werden darf. Zu diesem Zweck – und damit schließe ich – lege ich euch die letzten Worte des geheimnisvollen Greises, dem der Philosoph Justinus am Ufer des Meeres begegnet ist, noch einmal vor: »Bete vor allem darum, daß dir die Tore des Lichts aufgetan werden, denn niemand kann schauen und begreifen, außer wenn Gott und sein Christus es einem gewähren, dies zu verstehen« (Dial. 7,3).

Foto: Papst Benedikt XVI. – Bildquelle: Kathnews