Latein ist primär Reflexionssprache, nicht Kommunikationssprache

Der Lateinunterricht zielt nicht aufs Sprechen ab, sondern aufs Erschließen, Übersetzen, Interpretieren und Einordnen von Texten. Von unseriösen Thesen, ideologischen Irrtümern und falschen Kriterien. Von Karl Boyé.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 10. September 2019 um 17:58 Uhr
Kolosseum in Rom

Berlin (kathnews/DAV). In der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 71(2) hat der Soziologe Prof. Dr. Jürgen Gerhards (FU Berlin), begleitet von einer intensiven medialen Kampagne, einen Aufsatz als Ergebnis einer methodisch eher dürftigen, gleichwohl mit Mitteln der DFG geförderten Studie publiziert und mit dem Tenor kommentiert, Lateinunterricht sei heute unnütz. Der Deutsche Altphilologenverband (DAV) kann die Argumentatorik nicht nachvollziehen.

Mit Formulierungen wie „Mythen um Latein als Schulfach“, „Falsche Versprechen einer alten Sprache“ (Tagesspiegel) oder „Es macht wenig Sinn, heute noch Latein zu sprechen“ (Interview im Deutschlandfunk) ist Professor Gerhards mit seinem Team in mehreren Medien in polemisch eingefärbtem Tonfall an die Öffentlichkeit getreten. Dabei fällt auf Anhieb auf, dass der Autor die Reflexionssprachen Latein und Griechisch von Kommunikationssprachen (moderne Fremdsprachen) in Funktion und Praxis nicht klar unterscheidet und sie ungeschickterweise gegeneinander aufrechnet, indem er nur auf den kommunikatorischen Nutzen abhebt. Lateinunterricht zielt nicht aufs Sprechen ab, sondern aufs Erschließen, Übersetzen, Interpretieren und Einordnen von Texten. Gerade beim Übersetzen schaut man aus der Außenperspektive auf die Zielsprache und ringt in Bedeutung, Grammatik, Stil und Interpretation um die treffsicherste Formulierung für die betreffende Stelle. Dies ist eines von mehreren Kriterien, welche beim Team um Herrn Gerhards nicht von besonderem Belang zu sein scheinen.

Generell zeigt die Studie im Hinblick auf mögliche oder tatsächliche Transfereffekte des Unterrichts in den Klassischen Sprachen nicht den Stand der Forschung. Sie bezieht sich darüber hinaus auf die schon direkt nach Erscheinen als problematisch eingestufte Studie von Stern & Haag von 2003, ohne die methodischen Schwächen zu sehen (zum Beispiel nur 50 Probanden). Stattdessen herrscht eine ideologisch bestimmte Gedanken- und Begriffswelt: Im Text zur Fragestellung und den Hypothesen der Studie heißt es unter anderem: „Die mit kulturellem Kapital privilegierten Klassen wollen durch die Wahl von Latein und Altgriechisch Distinktions- und Exklusionsgewinne erzielen. […]“ Dazu fügt sich in bezeichnender Weise die in der zur genannten Studie vorgenommenen Analyse durch den Altphilologen Prof. Dr. Kipf et al. gewonnene Erkenntnis, wonach das Vorgehen im Rahmen des Projektes gegenüber befragten Eltern eine abschätzige Attitüde erkennen ließ. Der DAV appelliert im Diskurs um die Klassischen Sprachen in Forschungs- und Medienkreisen an die üblichen Standards in der Seriosität.

Foto: Kolloseum in Rom – Bildquelle: Kathnews