Kanonstille – „Gefülltes Schweigen“ (J. Ratzinger / Benedikt XVI.)

Das Motu Proprio „Summorum Pontificum“ öffnet den Weg für eine „Reform der Reform“ (bzw. für die Bereicherung der sogenannten ordentlichen Form des Römischen Ritus durch die klassische Form des Römischen Ritus) der nachkonziliaren Liturgie im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils. Mögliche Änderungen im Missale Romanum Pauls VI. – Teil 12: Kanonstille.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 15. Oktober 2016 um 10:57 Uhr
Missale Romanum

(aus: Gero P. Weishaupt, Päpstliche Weichenstellungen. Das Motu Proprio Summorum Pontificum Papst Benedikts XVI. und der Begleitbrief an die Bischöfe, Bonn 2010, 196-198)
Die Forderung des Konzils nach heiligem Schweigen in der Liturgie sollte eine „Reform der Reform“ im Sinn de Konzils aufgreifen und die seit dem 9. Jahrhundert in der Tradition des Römischen Ritus fest vorgesehene Kanonstille, die abzuschaffen die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils keineswegs beabsichtigt haben, wieder möglich machen, zumindest sollten Teile des Kanons, vor allem die Wandlungsworte, vom Priester still gesprochen werden, wie es die Konzilsväter bei der Reform vorausgesetzt haben. Das ist auch ein Anliegen Joseph Ratzingers/Benedikts XVI.:

Stille bildet Gemeinschaft vor Gott

Zum Verdruss mancher Liturgiker habe ich 1978 einmal gesagt, dass keineswegs immer der ganze Kanon laut gesprochen werden muss. Ich möchte das nach allem Überlegen hier noch einmal nachdrücklich wiederholen in der Hoffnung, dass sich … mehr Verständis für diese These finden lässt. Inzwischen haben die deutschen Liturgiker bei ihren Bemühungen für eine Reform des Missale selbst ausdrücklich bekundet, das ausgerechnet der Höhepunkt der Eucharistiefeier, das Hochgebet, zu ihrem eigentlichen Krisenpunkt geworden ist. Man hatte dem seit der Reform zunächst durch die Erfindung fortwährend neuer Hochgebete zu begegnen gesucht und ist damit immer noch weiter ins Banale abgesunken. Die Vermehrung der Wörter hilft nicht, das ist inzwischen allzu offenkundig. Die Liturgiker schlagen nun mancherlei Hilfen vor, die durchaus Bedenkenswertes enthalten. Aber soweit ich sehen kann, sperren sie sich nach wie vor gegenüber der Möglichkeit, dass auch Stille, gerade Stille Gemeinschaft vor Gott bilden kann. Es ist doch kein Zufall, dass man in Jerusalem schon sehr früh Teile des Kanons still gebetet hat und das im Westen die Kanonstille – zum Teil belagert von meditativem Gesang – zur Norm geworden war. Wer dies alles nur als Folge von Missverständnissen abtut, macht es sich zu leicht. Es ist gar nicht wahr, dass der vollständige, ununterbrochene laute Vortrag des Hochgebetes die Bedingungen für die Beteiligung aller an diesem zentralen Akt der Eucharistiefeier sei. Mein Vorschlag von damals war: Zum einen muss liturgische Bildung erreichen, dass die Gläubigen die wesentliche Bedeutung und die Grundrichtung des Kanons kennen. Zum andere sollten etwa die ersten Worte der einzelnen Gebete gleichsam als Stichwort für die versammelte Gemeinde laut gesprochen werden, so dass dann das stille Gebet jedes Einzelnen die Intonation aufnehmen und das Persönliche ins Gemeinsame, das Gemeinsame ins Persönliche hineintragen kann. Wer je eine im stillen Kanongebet geeinte Kirche erlebt hat, der hat erfahren, was wirklich gefülltes Schweigen ist, das zugleich ein lautes und eindringliches Rufen zu Gott, ein geisterfülltes Beten darstellt. Hier beten wirklich alle gemeinsam den Kanon, wenn auch in der Bindung an den besonderen Auftrag des priesterlichen Dienstes. Hier sind alle geeint, von Christus ergriffen, vom heilige Geist hineingeführt ins gemeinsame Gebet vor dem Vater, das das wahre Opfer ist – die Gott und Welt versöhnende und einende Liebe“ (J. Ratzinger, Gesammelte Schriften, 181 f.).

Äußere Rahmenbedingungen

Wenn die wahrhaftige Gemeinschaft, jene Form, welche ihr zutiefst zu eigen ist und welche ihr angemessen ist, jene der betenden Zwendung zu Gott ist, muß man auch beachten, was dieser förderlich und was abkömmlich ist. Denn nicht zuletzt hängt diese auch von äußerlichen Rahmenbedingungen ab. Hierfür scheint mir die Kanonstille geradezu eine Voraussetzung zu sein. Wenn der gesamte Kanon jedes Mal laut durch den Priester rezitiert wird, wird das persönliche Gebet, das eigene In-Kontakt-Treten mit Gott in seinem Keim erstickt. Man hört mehr oder minder aufmerksam zu, aber man betet nicht wirklich. Gerade wenn die Messe laut rezitiert wird, verkommt der Anteil des Einzelnen zu einem reinen „Hören der Messe“. Dies war oft eine schwere Anklage gegen die „alte“ Messe: man „tut“ nichts, man nimmt nicht wirklich (An)teil, man hört sie ja nur. Doch trifft dieser Vorwurf viel eher auf eine laut rezitierte Messe zu, weil sie den Einzelnen ja gar nicht erst aktiv in das betende Geschehen eindringen läßt. Daß es äußerlich still ist, bedeutet nicht, daß die Gläubigen nichts tun, ist aber eine Voraussetzung dafür das Rechte überhaupt tun zu können“ (M. Gurtner, Reflexionen, 97 f.).

Stille – Eintritt ins Allerheiligste

Zwar ist es richtig, dass die Gläubigen kraft ihrer Taufe in der Teilhabe am (allgemeinen) Priestertum Christi mitopfern, indem sie sich selbst mit darbringen und so das Opfer Christi ein Opfer der ganzen Kirche wird, aber das eigentlich eucharistische Opfer bei der Wandlung vollzieht der Priester alleine. Es ist die Voraussetzung für das Selbstopfer der Gläubigen.

Der Priester alleine verwandelt Brot und Wein und setzt damit das Kreuzopfer gegenwärtig, das Volk trägt dazu nichts bei. Darum verläßt der Priester durch die Stille gewissermaßen das Volk, um in das Allerheiligste einzutreten. Damit gleicht er Christus, der sein Opfer auf Golgatha allein darbrachte: ‚Die Kelter trat ich allein‘ (Is 63, 3). Das Volk soll sich zwar dem Opfer des Priesters anschließen und sowohl Christus als auch sich selbst dem ewigen Vater aufopfern, aber an der Gegenwärtigsetzung des Kreuzesopfers hat es keinen Anteil“ ( M. Gaudron, Die Messe aller Zeiten, 106).

Darüber hinaus ist die (zumindest teilweise) Kanonstille wie das Latein auch

ein Ausdruck der Unbegreiflichkeit und Unaussprechlichkeit der Geheimnisse, die sich hier vollziehen. … Die Stille disponiert außerdem zur Sammlung und zur Anbetung. So wichtig das gemeinsame Gebet ist, so ist es doch sehr angemessen, daß es im Meßritus auch die Gelegenheit gibt, ehrfürchtig und schweigend vor dem Geheimnis Gottes niederzufallen“ (Ebd).

Vorausblick:

Die nächse Folge in dieser Reihe thematisiert das Schlussevangelium (Johannesprolog)

Bisherige Beiträge in dieser Reihe

Novus Ordo – Der Römische Kanon als Regel

Gabenbereitung oder Opferung?

Das Problem des Friedensgrußes im neuen Messordo Pauls VI.

Standardisierte Fürbitten, um Entgleisungen zu vermeiden

Reform der Reform – Änderung der Eingangsriten

Musica Sacra – Neue Chancen durch das Motu Proprio “Summorum Pontificum”

Vatikanum II wünscht den Erhalt des Gregorianischen Chorals und der Polyphonie

Vatikanum II: Der Gebauch der lateinischen Sprache soll erhalten bleiben

Das Problem der Übersetzungen ist ein ernstes Problem

JOSEPH RATZINGER: DIE ZELEBRATION ZUM OSTEN RICHTET PRIESTER UND GEMEINDE GEMEINSAM AUF DEN HERR UND NICHT AUF SICH SELBST

Was die ordentliche Form von der klassischen Form des Römischen Ritus lernen kann

Foto: Missale Romanum – Bildquelle. C. Steindorf, kathnews