Ist „Traditionis Custodes“ perfide?

Ein Beitrag von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 30. Juli 2021 um 07:38 Uhr

Das neue Motu proprio Traditionis Custodes (TC), das genaugenommen nicht über den überlieferten Römischen Ritus handelt, den es nicht mehr geben soll, sondern darüber, dass allein noch die nachkonziliar erneuerten, liturgischen Bücher in ihrer aktuell geltenden Fassung den Römischen Ritus darstellen, regelt in engsten Grenzen, wie ab sofort die Verwendung des letzten tridentinischen Missale Romanum von 1962 dennoch möglich bleiben soll. Der Begleitbrief lässt keinen Zweifel daran, dass diese Möglichkeiten allerdings nur eine Übergangslösung und Vorgehensweise beschreiben, den überlieferten Messritus abzuwickeln. Sie geben vor, wie mit einem Auslaufmodell zu verfahren ist, um endlich und endgültig damit abzuschließen.

Wie sonst könnte im Begleitbrief die klare Absicht formuliert sein, mittel- und langfristig alle zum Römischen Ritus zurückzuführen? Eine Formulierung, die paradox wirkt, aus der aber die Überzeugung spricht, dass alle, die den Römischen Ritus in der Gestalt, die Paul VI. ihm gegeben hat, damals nicht angenommen haben oder erst recht, die ihn immer noch nicht annehmen, dadurch den Römischen Ritus verlassen haben, da er nur noch in seiner erneuerten Gestalt existiert.

Diese Denkweise entspricht der Kritik, die der italienische Liturgiewissenschaftler Andrea Grillo vor etwas mehr als einem Jahr geübt hat, als zwei Dekrete der Glaubenskongregation einige neue Präfationen zum Gebrauch bei Verwendung des MR1962 gestattet oder überwiegend richtiger, 1963 bestimmten Diözesen und Ordensgemeinschaften partikularrechtlich zugestandene Präfationen in der ganzen Kirche erlaubt und geregelt hatten, wie nach 1962 kanonisierte Heilige im Usus antiquior liturgisch berücksichtigt werden könnten. Grillo sagte damals sinngemäß, es sei nicht richtig, einen Ritus zu aktualisieren, der doch ganz in der Vergangenheit abgeschlossen sei.

Folglich ist überdies mit dem Faszikel, der zusätzliche Eigentexte enthalten sollte und beim Erscheinen der fakultativ bleibenden neuen Präfationen angekündigt wurde, nicht mehr zu rechnen.

Im Buchstaben abgeschlossen

Papst Franziskus prägte selbst einmal den Vorwurf an die Traditionalisten, „im Buchstaben abgeschlossen“ zu sein. In TC schließt Papst Franziskus sich und die Römische Liturgie in ihrer Überlieferung im Buchstaben ein, um mit letzterer ein für allemal abzuschließen.

Deswegen auch widerruft der Papst alle vorangegangenen Indulte und Zugeständnisse, die über die Editio typica des MR1962 hinausgehen oder davon abweichen.

Folglich sind die Erlaubnis der neuen Präfationen und die Regeln für nach 1962 Kanonisierte wieder aufgehoben. Nimmt man es besonders genau, können die Präfationen, die schon seit 1963 pro aliquibus locis konzediert waren, in den jeweiligen Diözesen oder Ordensgemeinschaften fortan nicht mehr verwendet werden.

Übrigens war die Einfügung des heiligen Joseph in das Communicantes nicht Bestandteil der Editio typica des MR1962. Diese Ergänzung wurde erst später während des Jahres 1962 zur Vorschrift gemacht. Ergo schafft TC sie ab – und das im Josephsjahr!

Dass alles wird nur wenige interessieren oder aufregen. Aber auch die von Benedikt XVI. 2008 neuformulierte Fürbitte für die Juden am Karfreitag ist mit TC obsolet. Dass die Piusbruderschaft sie nie angenommen hat, war also eigentlich sehr vorausschauend.

1962er Karfreitagsfürbitte kehrt zurück und verstummt sogleich wieder

Die Fassung von 1962, die die Piusbruderschaft anwendet, enthält schon nicht mehr das umstrittene Adjektiv perfidis. Dieses ist zwar wegen des Fremd- oder Lehnwortes „perfide“ in mehren europäischen Sprachen in der Übersetzung schwierig, war aber eigentlich nur eine Präzisierung, dass die Fürbitte nicht den Judenchristen gelten soll, die sich ja Jesus als dem Messias schon zugewandt haben.

Benedikt XVI. wollte 2008 dennoch die Bitte um die Hinwendung aller Juden zu Jesus noch charmanter formulieren, um jedes Missverständnis und jede antijudaistische oder antisemitische Instrumentalisierung auszuschließen. Auch dieses Entgegenkommen macht Papst Franziskus zunichte, wenn es auch wohl sowieso nach seinem Willen keine Karfreitagsliturgie nach dem einstigen Römischen Ritus mehr geben soll. Wer oder was ist da perfide?

Foto: Te igitur – Missale FSSP – Bildquelle: Kathnews

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