Ist Thomas von Aquin überhaupt noch relevant?

Eine Rezension von Martin Bürger.
Erstellt von Martin Bürger am 10. April 2020 um 08:23 Uhr

Ist der heilige Thomas von Aquin noch heute, wie es im Titel des vorliegenden Buches heißt: „Eine Autorität für die Dogmatik?“ Eine ganze Reihe von Theologen haben kompakte Beiträge verfasst zur Festschrift für Leonhard Hell, der an der Mainzer Universität seit 2001 Dogmatik lehrt. Konkret betrachten die Autoren zunächst „Thomas in der Frühen Neuzeit“, gefolgt von „Thomas im 19. und 20. Jahrhundert“, und schließlich „Thomas als theologische Autorität in der Gegenwart?“.

Einige der Beiträge beschäftigen sich mit der Rezeption des heiligen Thomas auf protestantischer Seite. Johannes Wischmeyer etwa fasst zusammen: „In systematischer Sicht konnte Thomas für protestantische Theologen im 19. Jahrhundert sicher noch sehr viel weniger als in der Frühen Neuzeit den Charakter einer bindenden Autorität einnehmen. Allerdings blieb er in inhaltlicher Hinsicht vor allem im Bereich der Gotteslehre ein Klassiker, an dem kaum eine theologische Systembildung vorbeikam.“

Jörg Ernesti stellt dar, wie Papst Leo XIII., speziell durch seine Enzyklika Aeterni Patris von 1879, die „Erneuerung des Thomismus“ befeuert hat. Schon als Erzbischof von Perugia hatte Gioacchino Pecci, der spätere Papst, entsprechende Maßnahmen ergriffen: „Die scholastische Philosophie und Theologie sollten die Ausbildung bestimmen. Lehraufträge erhielten vor allem Priester, die scholastisch geprägt waren. Auf diese Weise wurde [das Priesterseminar] zu einem ‚Zentrum für thomistische Studien‘.“

Leider nur auf Englisch ist der Beitrag von Gregorio Montejo über die Rezeptionsgeschichte des Thomismus in Nordamerika zu lesen. Der Autor präsentiert verschiedene Schulen, etwa den von Étienne Gilson und Jacques Maritain vertretenen existenziellen Thomismus oder den analytischen Thomismus. Am überzeugendsten erscheint jedoch, was Montejo „Ressourcement Thomism“ bezeichnet. In diesem Zusammenhang stellt er als Beispiel für diese Schule des Thomismus ein christologisches Werk von Thomas Joseph White vor. White fürchte sich nicht, das Beste des modernen Gedankenguts zu integrieren, sei aber sicher genug in seinen metaphysischen Grundlagen, um den Launen der vergänglichen philosophischen Moden zu widerstehen.

Martin Bürger

Bibliografische Informationen:

Benjamin Dahlke / Bernhard Knorn (Hrsg.)
Eine Autorität für die Dogmatik?
ISBN 978-3-451-34868-6
Verlag Herder
40,- Euro

Foto: Eine Autorität für die Dogmatik? – Bildquelle: Verlag Herder