Im Ablaß manifestiert sich katholischer Heilsaltruismus

Ein Kommentar von Mag. theol. Michael Gurtner.
Erstellt von Mag. Michael Gurtner am 13. Februar 2012 um 15:32 Uhr
Petersdom

Ein immer wieder kehrendes Thema in Zeiten ökumenischer Sensibilität ist die Frage nach dem Ablaß, welcher anscheinend noch immer Stein des Anstoßes ist – nicht nur den Protestanten, sondern sogar manchen Katholiken. Meist ist eine ablehnende Haltung gegenüber jenem Heilsinstrument entweder auf einer Unkenntnis der katholischen Lehre oder deren generellen Ablehnung beruhend, oder aber auf einem Mißverständnis hinsichtlich dessen, worauf sich ursprünglich die protestantische Ablehnung bezog. Das ändert jedoch nichts an den dogmatischen Gegebenheiten welche auch dann bestehen, wenn der Ablaß abgelehnt oder aber nicht genutzt bzw. nicht bereitgestellt wird.

Der Ablaß als dogmatische Realität

Das Bußsakrament umfaßt drei Teile: die confessio, welche im Sündenbekenntnis besteht, die atritio bzw. contritio, welche die vollkommene bzw. zumindest die unvollkommene Reue bezeichnet, sowie die satisfactio, die Wiedergutmachung. In der sakramentalen Beichte wird der Pönitent von der Sündenschuld befreit, jedoch ist der Priester nicht in der Lage, dem Beichtkind auch die Sündenstrafen nachzulassen, welche zwar von der Sündenschuld abhängig sind, jedoch von dieser verschieden (wir können auch von Sühnestrafen sprechen). Die Sündenstrafen bleiben zunächst auch nach erfolgter Absolution bestehen, können jedoch durch Zusammenwirken von Mensch und Kirche getilgt, d.h. gesühnt werden.

Die Kirche ist eine communio sanctorum, aber ebenso auch – in gewisser Hinsicht – eine communio peccatorum. Sie ist keine Ansammlung von Individualisten, sondern so wie die gesamte Kirche an jeder einzelnen Sünde leidet, so hilft umgekehrt auch die gesamte Kirche jedem einzelnen Sünder bei dessen Heiligung. Dazu gehört auch das Abtragen der Sündenschuld. Das Konzil von Trient stellte am 2. Tag seiner 25. Sitzung, welche vom 3-4 Dezember 1536 tagte fest, daß der Kirche von Christus selbst die Vollmacht verliehen wurde, Ablässe zu gewähren: eine Vollmacht, welche diese seit ältesten Zeiten auch anwandte und in der Offenbarung Gottes ihre Wurzeln hat. In der satisfactio geht es letztlich um die volle Wiederherstellung der Taufgnade, welche durch die Sünde verletzt ist. Wie die ganze Kirche als Gemeinschaft der Heiligen durch die Sünde des Einzelnen verletzt ist, so ist auch die gesamte Heiligengemeinschaft an Heil und Wohlergehen des Einzelnen interessiert. Somit helfen alle Kirchenglieder sozusagen zusammen: die Heiligen im Himmel durch deren Fürsprache, und ebenso ist den Seelen die noch im Pilgerstande sind die Möglichkeit gegeben dem Nächsten zu helfen, seine Sündenschuld abzutragen. Es handelt sich also um eine gegenseitige Zuordnung von Individuum und Gemeinschaft: die geistigen Güter sind zugleich eigene Güter, als auch gemeinsame Güter – und das gilt sowohl für Tugend als auch für Sünde. Es handelt sich um einen „Schatz der Kirche“, zu dem alle das ihre beisteuern und aus dem alle das ihnen Notwendige schöpfen können.

Die Möglichkeit für sich oder andere einen Ablaß gewinnen zu können kommt im Grunde genommen der menschlichen Natur selbst entgegen: der Mensch ist letztlich doch in gewisser Weise ein Macher-Wesen; er strebt immer nach Beteiligung. Indem Gott den Nachlaß von Sündenschuld und Sündenstrafe getrennt hat kommt er genau diesem menschlichen Bedürfnis entgegen: denn wenn der Mensch einerseits von der Schuld, gleichsam passiv, durch die Kirche von der Schuld befreit wird, so hat er dennoch auch die Möglichkeit an der vollkommenen Tilgung, welche auch die Tilgung der Strafe mit einschließt, selbst mitzuwirken und somit auch einen Beitrag zum Heil leisten; entweder aktiv durch Sühne durch sich selbst oder andere, oder passiv durch das Sühneleiden.

Im Ablaß zeigt sich das Erbarmen Gottes

Nun geht es in der göttlichen Heilsökonomie aber immer auch um die göttliche bzw. die christliche Liebe: die menschliche Ichbezogenheit soll nach dem Modell der Dreifaltigkeit zur Dubezogenheit werden. Deshalb ist die christliche Liebe so lange nicht gegeben als es mir nur um das eigene Heil geht, und mir das ewige Schicksal meines Nächsten im Grunde egal ist. Wo die wirkliche Liebe wohnt, dort will der Mensch seinem Nächsten helfen das ewige Heil zu erlangen bzw. seine Sündenstrafen abzutragen. Die göttliche Gnade kommt diesem Liebesbemühen des Menschen entgegen, indem sie der Kirche die Mittel zur Verfügung stellt, welche der Einzelne an sich selbst, oder aber auch am anderen anwenden kann. Jemandem einen Ablaß zukommen zu lassen und diesen für jemanden zu gewinnen ist analogzusetzen mit einem tätigen Werk der Nächstenliebe.

Der Ablaß ist eine Form, die eigenen Sündenstrafen zu tilgen, oder aber jene eines anderen Gliedes der communio sanctorum, was einen besonders tugendhaften Akt der Nächstenliebe darstellt, in welchem sich die Erbarmung Gottes über den Menschen wiederspiegelt. Somit spiegelt sich aber zugleich auch das Mysterium der Stellvertretung wieder, und somit wird der Ablaß, welchen man für andere gewinnt, zu einem Zeichen der imitatio Christi: dadurch, daß wir dem anderen die Sündenschuld abzutragen helfen, bilden wir in gewisser Weise das Heilswirken Christi am Menschen nach und beteiligen und gleichsam symbolisch an seinem Heilswerk: zwar sind wir nicht imstande uns oder andere zu erlösen wie Christus es am Kreuz getan hat, sehr wohl aber wirken wir positiv zum Heile des anderen, wie Christus es andersartig und vollständig an uns getan hat. Somit dürfen wir eine gewissen Analogie darin sehen, ohne diese jedoch zu übertreiben.

Indem der Heilsegoismus („ich will heilig werden“) zum Heilsaltruismus (ich will auch zum Heil der anderen beitragen“) übersteigert wird, entfaltet die christliche Liebe erst ihr volles Ausmaß, weil sie sich erstens nicht nur auf mich selbst bezieht sondern auch auf einen anderen, und sich zweitens auf das höchste worauf sie sich beziehen kann, nämlich das ewige Heil und sie somit auch dem anderen das Höchste und Heiligste wünscht und „gönnt“, nämlich die Gottesgemeinschaft. Gerade indem so die Liebe über das eigene Ich hinauswächst und das Du in die Gegenwart Gottes hineinzuziehen sucht, wird sie zu einer Liebe wie sie der Liebe Gottes zu uns Menschen bestmöglich ähnelt und somit Gott besonders wohlgefällig ist. Dies findet seinen wirksamen Ausdruck in Akten der stellvertretenden Sühne durch Leid, Opfer und Ablaß.

Die tröstlichen Aspekte des Ablasses

Die Tatsache des Ablasses hat auch einen sehr tröstlichen Aspekt, und zwar in einer doppelten Hinsicht: einerseits daß ich für Verstorbene noch etwas tun kann, andererseits daß ich weiß, daß mir auch nach meinem Tod das Leiden für nicht gesühnte Sünden gelindert werden kann. Für die Angehörigen ist es oft tröstlich zu wissen, daß sie auch über den eingetretenen Tod hinaus noch etwas Gutes für einen Verstorbenen tun können, indem sie der armen Seele helfen, die Sühnestrafen abzubüßen, indem sie ganz konkret einen Ablaß gewinnen können. Dies kommt auch der katholischen Überzeugung entgegen, daß mit dem Tod zwar die eigenen Möglichkeiten, sich den Himmel oder die Hölle zu wirken beendet sind, jedoch nicht die eigene Existenz. Mit dem Ableben ist zwar besiegelt, ob jemand in den Himmel oder in die Hölle kommt. Ist eine Seele jedoch nicht der ewigen Verdammnis verfallen, so hat sie vielleicht noch etwas Abzubüßen. Über den Tod hinaus kann also dem Verstorbenen noch geholfen werden, was viele Angehörige und Freunde gerne wahrnehmen: einerseits aus Liebe zum Verstorbenen, aber zudem ist es ihnen auch selbst besonders dann eine Hilfe, wenn man selbst nicht vollkommen versöhnt mit dem Verstorbenen war.

Auf der anderen Seite ist es auch für uns selbst tröstlich zu wissen, daß unsere Freunde und Angehörigen (oder auch uns unbekannte Personen) uns noch helfen werden können wenn wir dereinst verstorben sein werden. Zu wissen, daß wir all das Ungesühnte nicht alleine zu tragen haben kann gerade für ältere Menschen eine große Hilfe sein, wenn sie sich bewußt werden dem Tod entgegenzugehen.

Der Ablaß und die Ökumene

Wie bereits angedeutet sind zwei Haupteinwände gegen den Ablaß auszumachen, welche zumeist vorgebracht werden: den einen ist die dahinterstehende Theologie nicht einsichtig, die schätzen den Ablaß hingegen deshalb nicht hoch, weil er ein ökumenisches Hindernis darstelle: besonders von protestantischer Seite ist nämlich der Vorwurf noch immer aktuell.

Dazu müssen wir zweierlei festhalten: zum einen ist es eine Frage der Wahrheit, nicht der Akzeptanz, besonders dann nicht, wenn die Akzeptanz von vorne herein nicht gegeben sein kann, weil ein vollkommen anderes Rechtfertigungskonzept zugrundeliegt. Lehnt man den Ablaß ab weil ihn die Protestanten ablehnen, so müßte man auch das Bußsakrament oder die Weihe ablehnen, da auch dieses Verständnis von den Protestanten nicht geteilt wird. Ökumene kann nicht darin bestehen, die eigene Identität oder den eigenen Glauben hintanzustellen. Jemandem aus ökumenischen Gründen nicht die möglichen Heilsgüter der Kirche zukommen zu lassen bedeutet letztlich, mit dem Leid und den Seelen anderer für eine oberflächliche Einheit zu bezahlen welche allein von daher schon nur vorgetäuscht ist, weil die Glaubensüberzeugung ja letztlich trotzdem eine andere bleibt.

Doch genau darum muß es gerade in der ökumenischen Bewegung gehen: um die aufrechte Frage, was wahr ist. Ökumene ist keine Verhandlung als würde man zwei Firmen fusionieren und jeder gibt ein bißchen etwas her, sondern das gemeinsame Bekenntnis zur einen Wahrheit ist Ziel jeder aufrecht betriebenen Ökumene. Dafür Heilsgüter als Preis zu offerieren ist dabei nicht im Sinne der Kirche, welche selbst zahlreiche Ablässe großzügig, aber dennoch bereitstellt, ohne es diesen jedoch am nötigen Anspruch fehlen zu lassen, wodurch diese den Anschein des „Billigen“ bekämen. Wenn die protestantischen Gemeinschaften eine theologische Position nicht teilen bedeutet das nicht, daß die Kirche die betreffende Lehre oder Praxis aufgeben soll oder darf.

Zum anderen muß man aber auch bedenken, daß der ablehnenden Haltung gegenüber dem Ablaß nicht immer nur eine falsche Theologie zugrunde liegt, sondern mitunter auch bloß ein Mißverständnis: ursprünglich ging es nämlich weniger um eine Ablehnung des Ablasses selbst, sondern lediglich um eine Ablehnung des Mißbrauchs welcher mit dem Ablaß betrieben wurde, namentlich der Handel mit selbigem. Vor diesem Hintergrund des Mißverständnisses erscheint uns die Ablehnung des Ablasses mit ökumenischen Argumenten nochmals absurder, besonders deshalb, weil die katholische Haltung dazu längstens geklärt ist (der Handel war zu allen Zeiten gegen die Lehre der Kirche) – bis 1983 war sogar noch im Kirchengesetz festgeschrieben, daß auf Ablaßhandel die Kirchenstrafe der Exkommunikation stand.

Die Schätze für das Himmelreich sollte man anhäufen

Im Letzten ist der Ablaß ein Akt der Kirche, welchen sie selbst von Christi Gnaden zur Verfügung gestellt bekommen hat und diesen behutsam aber dennoch großzügig austeilt, damit die Gläubigen ihn an sich anwenden, oder weiter austeilen damit sie die Gnaden anderen zukommen lassen. Diese Praxis mag mancherorts aus der Übung gekommen sein, doch handelt es sich um mehr als bloß um ein Kulturgut oder einen frommen Brauch. Deshalb sollte man dieses Gnadenmittel kraftvoll neu beleben und, wo das rechte Verständnis fehlt, gut erklären.

Die Gläubigen werden sich so ihrer Erlösungsbedürftigkeit neu bewußt weil sie erkennen, daß ihr Heil allein von Christus her kommend ist, welcher sie ins Mysterium der Erlösung hineinzieht, indem er sie auch einen Beitrag leisten läßt, wobei dennoch immer er selbst der Erlöser bleibt. Wenn uns Christus durch die Heilige Mutter Kirche gnadenhaft solch wunderbare Möglichkeiten erschließt, dann sollten wir tüchtig von ihnen Gebrauch machen. Für uns, aber auch für andere.

Foto: Kuppel des Petersdoms – Bildquelle: M. Bürger, kathnews