Ideologische Mode-Sünden im Katechismus?

Ein Gedankenanstoß von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 23. November 2019 um 17:37 Uhr
Petersdom

Papst Franziskus hat seine Absicht bekanntgegeben, eine neue Sünde, eine ökologische Sünde, in den Katechismus einzutragen. Dazu ist zu fragen: Ist das nötig, und ist es möglich?

Das sogenannte Dominium terrae – aus Gen 1, 28 entnommen – und das fünfte Gebot des Dekalogs: Du sollst nicht töten sind ohnehin in Zusammenschau zu sehen und bedeuten theologisch und damit eben auch moraltheologisch einen umfassend verstandenen Lebens- und Schöpfungsschutz. In alten Beichtspiegeln für Kinder findet sich beim fünften Gebot oft die Gewissensfrage: Habe ich Tiere gequält?

Es ergibt sich also, dass der Heilige Vater keine neue Sünde zu erfinden braucht. Schon gar nicht, wenn sie eine religiös verbrämte Anbiederung an momentane, säkulare Ideologien oder auch tatsächlich von der Sache geforderte Herausforderung ist, die wir verfehlen. Wir erinnern uns. Papst Franziskus erklärte auch, die Todesstrafe sei unter allen Umständen abzulehnen. Vielleicht sieht er sogar einen Zusammenhang beider Fragen, nämlich im Kontext umfassenden Lebensschutzes.

Es ist nun eine Sache, ob es heute und in Zukunft der Anwendung der Todesstrafe bedarf und eine andere, ob sie unter allen Umständen, das heißt also auch: immer schon abzulehnen ist. Unter dem letztgenannten Gesichtspunkt stellt sich der Papst gegen die gesamte biblische und moraltheologische Lehrtradition und hat deswegen gerade aus den USA, wo die Todesstrafe in den meisten Bundesstaaten gesetzlich verankert ist und nach wie vor angewandt wird, deutliche Widerreden bekommen. Bei uns stieß dieser päpstliche Änderungswunsch auf weniger Widerspruch, auf fast gar keine Aufmerksamkeit. Theoretisch, wie aus meinen Andeutungen herauszulesen ist, prinzipiell zu Unrecht.

Der Papst kann keine Sünden erfinden

Ein Papst kann keine Sünden erfinden, und genauso kann er nicht als Einzelner plötzlich etwas als in sich schlecht erklären, was die Kirche bisher nie so eingestuft hat. Man mag einwenden: Lehrentwicklung, bessere Einsicht. Das ist gewiss möglich (vgl. Vinzenz von Lérins und das auf ihm fußende Lehramt des Ersten und selbst des Zweiten Vatikanischen Konzils), jedoch ebenso nicht konträr zur bisherigen Richtung und Tendenz der Entwicklung, erst recht nicht, wenn allzu offensichtlich irgendwie Anschluss an weltliche Ideologien und momentane Trends gesucht wird oder ein Papst seine private Ansicht in einer Frage trotz ihrer Vereinzelung zur künftig allgemeinen, glaubensmäßigen oder sittlichen Norm erklären will.

Freilich: Wir haben ein Problem. Schon in der Enzyklika Humani Generis Pius‘ XII. konnte man Dinge lesen wie die Behauptung, wenn der Papst sich zu einer Frage geäußert habe, auch ohne sie endgültig entscheiden zu wollen, könnten die Theologen darüber nicht mehr völlig frei diskutieren, sondern die Überlegungen nur noch in der vom Papst vorgezeichneten Wegrichtung fortsetzen.

Die Triebfeder des Papstes

Man fragt sich ohnehin, was der Antrieb ist, der Papst Franziskus zu diesem neuen Vorstoß bewogen hat. Ist die Amazonas-Synode schon abgehakt, und will er mit einer weiteren vermeintlich originellen, unkonventionellen und innovativen Initiative Beifall und Zustimmung weltlicher Lobbyisten und der Medien heischen? Der Verdacht drängt sich auf. Christliche Verantwortung für die Schöpfung gibt es schon, Heiliger Vater. Wo man ihr nicht oder nicht gut nachkommt, liegen Versagen und Sünde vor, auch ohne, dass man eine eigene Öko-Sünde formuliert, weil das vielleicht einen Moment lang im politischen oder medialen Mainstream gut ankommt. Lebens- und Schöpfungsschutz sind mehr als Umweltschutz auf katholisch.

Der nächste Papst könnte militanter Nichtraucher sein. Steht dann im Katechismus, dass Rauchen Todsünde ist? Was, wenn wiederum  ein Nachfolger aus Havanna kommt und Zigarrenkiste und Humidor zu ihm gehören wie Mitra und Brustkreuz?

Foto: Petersdom – Bildquelle: M. Bürger, kathnews