Glaube oder Moral

Religionsunterricht an Europäischen Schulen wird reformiert.
Erstellt von Katholische Nachrichten-Agentur am 22. November 2013 um 12:14 Uhr
Nationalbasilika des Heiligen Herzens - Brüssel

Brüssel/Bonn (kathnews/KNA). Welche Rolle Religion an den Schulen spielen soll, sieht jeder der 28 EU-Mitgliedstaaten anders. Während etwa Frankreich Religion und Staat strikt trennt, hängen in italienischen Klassenräumen Kruzifixe. An den sogenannten Europäischen Schulen soll nun der Religionsunterricht reformiert werden. Ob er künftig konfessionell oder religionsübergreifend erteilt wird, darüber diskutieren die Kirchen und Schulverantwortlichen. Auch auf der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) am Freitag und Samstag im Bonner Stadtbezirk Bad Godesberg soll das Thema eine Rolle spielen. Die bislang 14 Europäischen Schulen wurden gemeinsam von den Regierungen von EU-Mitgliedstaaten gegründet, um Kindern von Eltern, die in europäischen Institutionen arbeiten, einen Unterricht in der Muttersprache zu bieten. Bislang wird in allen Klassen der Sekundarstufe ein muttersprachlicher Religionsunterricht in der jeweiligen Konfession angeboten. Alternativ dazu können Schüler das Fach Moral wählen.

Wie aus einem Entwurf hervorgeht, der der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) vorliegt, stehen nun zwei entscheidende Änderungen am Religionsunterricht an Europäischen Schulen zur Diskussion: Zum einen soll er ab der 3. Klassenstufe der weiterführenden Schule in der ersten Fremdsprache erteilt werden. Für die letzten beiden Klassenstufen ist vorgesehen, den nach Glaubensgemeinschaften geteilten Unterricht durch ein nicht-konfessionelles Fach „Ethik und Religion“ zu ersetzen. Über Reformen bei den Europäischen Schulen entscheidet der sogenannte Oberste Rat. Inspektor für Religion ist dort Henrik Tauber. Der Däne möchte mit dem nicht-konfessionellen Unterricht in der Oberstufe den Dialog zwischen den Religionen anregen. Er sieht auch kein Problem darin, wenn der Religionsunterricht in der ersten Fremdsprache gehalten wird; das sei auch für Erdkunde und Geschichte der Fall. Das ZdK kritisierte die entsprechenden Pläne schon im April. In einer Erklärung empfahl das Komitee, die Vertreter der Bundesrepublik Deutschland, der EU-Kommission sowie Eltern- und Lehrervertreter im Obersten Rat sollen „Abstand nehmen von den Kürzungsplänen und – im Gegenteil gemeinsame Bestrebungen mit den Kirchen unternehmen, um den Religionsunterricht als festen Bestandteil des Lehrplans zu erhalten“. Religionsunterricht müsse auch in der Oberstufe konfessionell bleiben.

Die aktuelle Regelung ist teuer, weil für jede Glaubensrichtung plus Ethik eine Lehrkraft abgestellt werden muss. Kritiker eines konfessionsübergreifenden Unterrichts sehen das Geld jedoch gut investiert, weil gerade mit älteren Schülern eine tiefere Reflexion von Glaubensthemen möglich und sinnvoll sei. Mit Blick auf einen fremdsprachigen Religionsunterricht erheben Religionspädagogen Bedenken, ob sich Schüler in einer Sprache, die sie teils eben erst erlernen, so ausdrücken können, wie es das Fach mit seinem existenziellen Anspruch verlangt. Die EU-Bischofskommission COMECE in Brüssel will sich zu den geplanten Neuerungen bis jetzt nicht äußern. Dabei hatten sich die Bischöfe in Deutschland immer wieder für den Erhalt des konfessionellen Religionsunterrichts auch gegenüber einem Fach Ethik stark gemacht. Die Deutsche Bischofskonferenz widmete dem Thema im Herbst 2012 einen eigenen Studientag. Zum Abschluss würdigte der Konferenzvorsitzende Erzbischof Robert Zollitsch den Religionsunterricht als Ort, an dem sich Schüler über viele Jahre mit den Grundfragen des Lebens und den Antworten des christlichen Glaubens auseinandersetzen könnten. Anfang Dezember soll im Obersten Rat eine erste Entscheidung über die Reform fallen. Auch wenn die Neuerungen für die Oberstufe erst später endgültig festgezurrt werden – manche ZdK-Mitglieder befürchten, dass es dann zu spät sein könnte: Dann, so heißt es, könnte das Modell des nicht-konfessionellen Unterrichts auch auf andere Stufen ausgeweitet werden. Offen ist auch, ob der Religionsunterricht an Europäischen Schulen künftig ein Modell für den Unterricht in den verschiedenen EU-Staaten werden kann. Die einen sehen dies als Chance, die anderen als Bedrohung.

Von Franziska Broich und Burkhard Jürgens (KNA)

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Foto: Nationalbasilika des Heiligen Herzens / Brüssel – Bildquelle: Markus Koljonen (Dilaudid) / Wikipedia