Gegenüberstellung der „Tagesgebete“ (Collecta) des Römischen Ritus

Am 1. Adventssonntag 1969 trat das neue Missale Romanum in Kraft. Kathnews stellt in einer Reihe die Tagesgebete (Collecta) des klassischen und des neuen Missale gegenüber.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 30. November 2019 um 12:21 Uhr
Missale Romanum

Vor 50 Jahren, am 30. November 1969, damals der 1. Adventssonntag, trat das neue Messbuch in Kraft. Es ist im Pontifikat Pauls VI. herausgegeben worden und versteht sich als das Ergebnis der nachkonziliaren Liturgiereform, deren Prinzipien in der Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium dargelegt sind.

Rechtliche Gleichstellung

Seit dem Motu Proprio „Summorum Pontificum“ Papst Benedikts XVI. vom 7.7.2007 unterscheidet die Kirche zwei Formen des Römischen Ritus: die klassische Form, die auch „außerordentliche Form“ genannt wird, wie sie bis 1962 in der Kirche seit Jahrhundert ausschließlich gefeiert worden ist, und die sogenannte „ordentliche Form“ nach dem Messbuch von 1969. Beide Formen sind rechtlich gleichgestellt, keine Form der anderen über- oder untergeordnet. Die Bezeichnungen „ordentlich“ und „außerordentlich“ besagen lediglich, dass die Feier der klassischen Form immer dann gefeiert werden kann, wenn die Voraussetzungen dazu erfüllt sich. Die Normen hierfür finden sich im Motu Proprio Summorum Pontificum von Papst Benedikt XVI.

Übersetzungen

Mit dem beginnenden neuen Kirchenjahr 1. Adventssonntag stellt Kathnews jede Woche die jeweilige Collecta, das „Tagesgegbet“, sowohl aus dem reformierten Messbuch also auch aus dem Missale Romanum von 1962 gegenüber. So soll ein Vergleich der Tagesgebete, die Wahrnehmung ihrer inhaltlichen wie sprachlichen Unterschiede und Gemeinsamkeiten möglich sein. Zusammen mit dem Introitus, dem Eröffnungsvers der heiligen Messe, hebt die Collecta das liturgische Geheimnis, das am jeweiligen Tag gefeiert wird, ins Wort. Im Folgenden werden die lateinischen Originaltexte des 1. Adventssonntages wie auch deren Übersetzungen vorgestellt. Die Übersetzungen der Tagesgebte im Messbuch der klassischen Form sind dem Volksmissale für das  römische Messbuch nach der Ordnung von 1962 entnommen und stammen vom Pater Martin Ramm FSSP. Die Übersetzungen der Collecta aus dem Messbuch der sog. ordentlichen Form von 1969 folgt der amtlichen Übersetzung der Deutschen Bischofskonferenz.

Hohe Anforderungen

Die klassischen lateinischen Tagesgebete sind Höchstformen spätlateinischer Kunstprosa, von denen manche in ihren Formen auf Vorbilder in der homerischen Poesie und altrömischer Gebets- und Rechtstexte zurückgehen. Es ist wunderbar, „bis zu welcher Höhe von Schönheit und innerer Glut diese Orationen manchmal emporsteigen, ohne doch die erhabene Jenseitigkeit überindividueller Frömmigkeit zu verlassen, die aus ihnen zu sprechen pflegt. Sprachlich ist ihnen aus guter Rhetorenüberlieferung gefälliger Rhythmus der Sprache eigen, der cursus, der sich besonders in den Satzschlüssen äussert und dort von der Melodie der einfachen Kadenzen aufgenommen wird“ (Joseph Pascher, Eucharistie und Vollzug, Freiburg 1947, 61). Wegen ihrer stilisierten Formen stellen die Orationen hohe Ansprüche sowohl an den Übersetzer in Neusprachen als auch an den Redaktor lateinischer Orationen. In der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil sind für die Editio Typica des Missale Romanum Pauls VI., also des Römischen Messbuches von 1969, vereinzelt lateinische Orationen des Missale Romanum Pius´ V. stilistisch verbessert worden.

Übersetzungen bleiben immer hinter dem Original zurück. Die Übersetzung von Pater Ramm bleibt aber so nah wie möglich am originalen lateinischen Text und entspricht damit der Vorgabe der Instruktion „Liturgiam Authenticam“ von 2001. Sie fordert für Neuübersetzungen der liturgischen Bücher eine grössere Nähe zum lateinischen Original, soweit dies möglich ist.

Bei der Übersetzung der lateinischen Texte für das Messbuch von 1969  galt hingegen Verständlichkeit als wichtigstes Übersetzungskriterium. Das führte zu einer Vereinfachung der Texte, was häufig einen „Umbau“ der lateinischen Originale in den Übersetzungen zur Folge hatte. Viele der übersetzen Orationen wurden außerdem mit interpretativen Zusätzen versehen. Nicht selten entfernten sich die Übersetzer sogar inhaltlich von den lateinischen Vorgaben und schafften etwas ganz Neues, wie im folgenden Beispiel der Collecta für den 1. Adventssonntag. Hintergrund für die andere Perspektive bei Übersetzungen und Kreationen ist nicht selten die positive Sichtweise auf die Welt, wie sie in der Konstitution „Gaudium et spes“ über die Kirche in der Welt von heute am auffälligsten zum Ausdruck kommt. Dennoch kann bei solchen inhaltlichen Änderungen die Einheit des Römischen Ritus  als gewahrt angesehen werden, wenn die Komplimentarität der jeweiligen Aussagen anerkannt wird: Die eine Aussage schließt die andere nicht aus, sondern ein.  Beide Formen drücken in ihren Gebeten auf je eigene Weise den Glauben der Kirche, die lex credendi Ecclesiae,  aus, mag dieser auch in der klassischen Form des Römischen Ritus zuweilen stärker zum Ausdruck kommen.

Collecta zum 1. Adventssonntag

 

  • Klassische Form des Römischen Ritus (Römisches Missale von 1962)

Excita, quaesumus Domine, potentiam tuam, et veni:

ut ab imminentibus peccatorum nostrorum periculis,

te mereamur protegente eripi, te liberante salvari.

Qui vivis …

 

Biete auf, so bitten wir, Herr, Deine Macht und komm,

damit wir von den drohenden Gefahren unserer Sünden

durch Deinen Schutz gerettet und durch Dich befreit,

erlöst zu werden verdienen.

Der Du lebst …

 

  • Ordentliche Form des Römischen Ritus (Römisches Missale von 1969)

Da quaesumus, omnipotens Deus, hanc tuis fidelibus voluntatem,

ut, Christo tuo venienti iustis operibus occurrentes,

eius dexterae sociati, regnum mereamur possidere caeleste.

Per Dominum ….

 

Herr, unser Gott,

alles steht in deiner Macht:

du schenkst  das Wollen und das Vollbringen.

Hilf uns, daß wir auf dem Weg der Gerechtigkeit

Christus entgegen gehen

und uns durch Taten der Liebe

auf seine Ankunft vorbereiten,

damit wir den Platz zu seiner Rechten erhalten,

wenn er wiederkommt in Herrlichkeit.

Er, der lebt …

Foto: Missale Romanum – Bildquelle. C. Steindorf, kathnews