Gegen antisemitische Parolen in Deutschland

Was Vaticanum II über die Juden lehrt.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 24. Juli 2014 um 21:43 Uhr
Aachener Dom

Aachen (kathnews). „Niemand hat das Recht, gegen Juden oder gegen irgendeine andere Gruppe von Menschen mobil zu machen und die eigenen menschenverachtenden Ressentiments im Schutz der Masse auszuleben.“ Das sagte der Vorsitzende der Bischöflichen Unterkommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff. Dieser kritisierte deutlich die jüngsten antisemitischen Parolen bei Demonstrationen in Deutschland und anderen europäischen Ländern. „Diese Aktionen sind aufs schärfste zu verurteilen“, sagte der Aachener Oberhirte.

Lehre von Vaticanum II in Erinnerung rufen

Seit Oktober 2012 veröffentlicht Kathnews regelmäßig ausgewählte Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils, dessen 50-jähriges Jubiläum die Kirche seit dem 11. Oktober 2012 bis zum 8. Dezember 2015 begeht. Unser Mitarbeiter Dr. Gero P. Weishaupt erläutert die Konzilstexte jeweils in kurzen Einleitungen, um sie unseren Lesern zu erschließen. Die bisher veröffentlichten Beiträge finden Sie unter der Rubrik „Vaticanum II“ auf unserer Homepage oben rechts. Eines der ersten Texte, die Dr. Weishaupt vorgestellt hat, war Nostra aetate, das Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils über das Verhältnis der katholischen Christen zu den nichtchristlichen Religionen. Im vierten Kapitel gehen die Konzilsväter auf das Verhältnis der katholischen Kirche (und aller Christen) zum Judentum ein. Aus aktuellem Anlass ruft Kathnews diesen Beitrag hier nochmal in Erinnerung:

Nostra aetate. Die Kirche und das Judentum

Einleitung von Gero P. Weishaupt

1. Verwurzelung der Kirche im Judentum

Artikel 4 von Nostra aetate, der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils als Ausdruck und Organ des höchsten authentischen Lehramtes der Kirche, ist den Juden gewidmet. Sie stehen von allen Religionen dem Christentum am nächsten. Es geht dann auch den Konzilsvätern darum, die Verwandtschaft der Christen mit den Söhnen Abrahams im Lichte des Römerbriefes des Apostels Paulus (Röm 9-11) hervorzuheben: Die Kirche hat vom jüdischen Volk die Offenbarung des Alten Bundes erfahren; Christus ist dem Fleisch nach aus dem jüdischen Volk geboren; die Jungfrau Maria, seine Mutter, Joseph, sein Adoptivvater, die Apostel, die das Fundament der Kirche bilden, und die Jünger Jesu gehörten zum jüdischen Volk. Die Verwurzelung der Kirche im Judentum drücken die Konzilsväter mit dem paulinischen Bild aus, dass die Kirche „genährt wird von der Wurzel des guten Ölbaums” (Röm 11, 17-24).

 2. Keine Kollektivschuld der Juden

Auch wenn die Juden Jesus Christus nicht als Messias erkannt haben, so bleibt Gott den Juden treu, und die Kirche erwartet jenen Tag, an dem die Söhne und Töchter des Alten und des Neuen Bundes ein Volk sein werden. Darum können die Juden keineswegs als von Gott verworfen oder verflucht angesehen werden. Eine Kollektivschuld der Juden am Kreuzestod Jesu lehnt die Kirche strikt ab: Dem Volk der Juden damals wie heute kann der Tod Jesu nicht zugeschrieben werden. „Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen.”

Text des Artikels 4 von Nostra aetate

„Bei ihrer Besinnung auf das Geheimnis der Kirche gedenkt die Heilige Synode des Bandes, wodurch das Volk des Neuen Bundes mit dem Stamme Abrahams geistlich verbunden ist. So anerkennt die Kirche Christi, daß nach dem Heilsgeheimnis Gottes die Anfänge ihres Glaubens und ihrer Erwählung sich schon bei den Patriarchen, bei Moses und den Propheten finden. Sie bekennt, daß alle Christgläubigen als Söhne Abrahams dem Glauben nach in der Berufung dieses Patriarchen eingeschlossen sind und daß in dem Auszug des erwählten Volkes aus dem Lande der Knechtschaft das Heil der Kirche geheimnisvoll vorgebildet ist. Deshalb kann die Kirche auch nicht vergessen, daß sie durch jenes Volk, mit dem Gott aus unsagbarem Erbarmen den Alten Bund geschlossen hat, die Offenbarung des Alten Testamentes empfing und genährt wird von der Wurzel des guten Ölbaums, in den die Heiden als wilde Schößlinge eingepfropft sind. Denn die Kirche glaubt, daß Christus, unser Friede, Juden und Heiden durch das Kreuz versöhnt und beide in sich vereinigt hat. Die Kirche hat auch stets die Worte des Apostels Paulus vor Augen, der von seinen Stammverwandten sagt, daß „ihnen die Annahme an Sohnes Statt und die Herrlichkeit, der Bund und das Gesetz, der Gottesdienst und die Verheißungen gehören wie auch die Väter und daß aus ihnen Christus dem Fleische nach stammt” (Röm 9,4-5), der Sohn der Jungfrau Maria. Auch hält sie sich gegenwärtig, daß aus dem jüdischen Volk die Apostel stammen, die Grundfesten und Säulen der Kirche, sowie die meisten jener ersten Jünger, die das Evangelium Christi der Welt verkündet haben.

Wie die Schrift bezeugt, hat Jerusalem die Zeit seiner Heimsuchung nicht erkannt, und ein großer Teil der Juden hat das Evangelium nicht angenommen, ja nicht wenige haben sich seiner Ausbreitung widersetzt. Nichtsdestoweniger sind die Juden nach dem Zeugnis der Apostel immer noch von Gott geliebt um der Väter willen; sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich. Mit den Propheten und mit demselben Apostel erwartet die Kirche den Tag, der nur Gott bekannt ist, an dem alle Völker mit einer Stimme den Herrn anrufen und ihm „Schulter an Schulter dienen” (Soph 3,9) (12). Da also das Christen und Juden gemeinsame geistliche Erbe so reich ist, will die Heilige Synode die gegenseitige Kenntnis und Achtung fördern, die vor allem die Frucht biblischer und theologischer Studien sowie des brüderlichen Gespräches ist. Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben, kann man dennoch die Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen.

Gewiß ist die Kirche das neue Volk Gottes, trotzdem darf man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen, als wäre dies aus der Heiligen Schrift zu folgern. Darum sollen alle dafür Sorge tragen, daß niemand in der Katechese oder bei der Predigt des Gotteswortes etwas lehre, das mit der evangelischen Wahrheit und dem Geiste Christi nicht im Einklang steht. Im Bewußtsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle Verfolgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben. Auch hat ja Christus, wie die Kirche immer gelehrt hat und lehrt, in Freiheit, um der Sünden aller Menschen willen, sein Leiden und seinen Tod aus unendlicher Liebe auf sich genommen, damit alle das Heil erlangen. So ist es die Aufgabe der Predigt der Kirche, das Kreuz Christi als Zeichen der universalen Liebe Gottes und als Quelle aller Gnaden zu verkünden.”

Foto: Gotische Chorhalle des Aachener Domes (Südostseite) – Bildquelle: Andreas Gehrmann

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