„Gay marriage hat keinen Einfluss auf unser Ehebild“

„Ein tragischer Irrtum“: So hatten die US-Bischöfe die Entscheidung des Obersten Gerichts zur „same-sex marriage“ kommentiert.
Erstellt von Radio Vatikan am 2. Juli 2015 um 11:06 Uhr
Hochzeitsbank

USA (kathnews/RV). „Die Washingtoner Richter hatten vergangene Woche geurteilt, die Ehe von zwei Partnern desselben Geschlechts müsse in allen US-Bundesstaaten legal sein. Ein historischer Sieg für die „gay lobby“ – und ein kräftiger Nasenstüber für die katholische Kirche. Blase J. Cupich war als neuer Erzbischof von Chicago zur feierlichen Segnung der Pallien an Peter und Paul in Rom, wir haben ihn auf die Sache angesprochen.
„Ich glaube, es ist wichtig zu verstehen, dass wir hier über zivile Eheschließungen sprechen. Das Oberste Gericht hat es ein Verfassungsrecht für Menschen desselben Geschlechts genannt, die Ehe einzugehen. Aber das hat überhaupt keinen Einfluss auf unser Verständnis von (kirchlicher) Ehe: Sie ist ja (aus unserer Sicht) nicht nur ein Bund zwischen einem Mann und einer Frau, sondern ein Symbol Christi und seiner Kirche. Ich halte es also für wichtig zu realisieren, dass die bürgerliche Gesellschaft schon seit langem nicht mehr dasselbe Verständnis von Ehe wie wir in der Kirche haben. Erleichterte Scheidungen, zum Beispiel, sind ein Verstoß gegen das Versprechen, das wir Menschen bei ihrer (kirchlichen) Hochzeit abverlangen, das lebenslange Versprechen der Treue nämlich. Das ist auf jeden Fall eine bemerkenswerte Bewegung jetzt – aber es ist gar nicht das erste Mal, dass wir einen Unterschied zwischen einer zivilen und einer kirchlichen Ehe gesehen haben.“
Bei vielen Glaubensgemeinschaften in den USA werden jetzt allerdings Sorgen laut, der Richtspruch aus Washington werde böse Folgen für die Religionsfreiheit in den Staaten haben. Schon bei Obamas Gesundheitsreform hat man ja gesehen, wie schnell sich eine Handvoll Umsetzungsbestimmungen zu einem religionsfreiheitlichen „casus belli“ entwickeln können. Kann das Urteil des Obersten Gerichts also Unheil für die freie Religionsausübung bedeuten? Erzbischof Cupich:
„Ich hoffe nicht! Aber ich glaube, wir müssen in dieser Hinsicht sehr wachsam sein. Wir müssen sicherstellen, dass wir wirklich die Möglichkeit haben, unseren Glauben frei zu praktizieren, ohne dass die Regierung uns da hineinredet. Diese Zusicherung wird uns in der Verfassung gemacht! Die Leute übersehen manchmal, dass Religionsfreiheit in unserer Verfassung nicht so sehr etwas ist, was wir zu verteidigen haben, sondern etwas, an das die Regierung von vorneherein nicht rühren darf. Hier geht es um Einmischung der Regierung. Zum Glück hat das Oberste Gericht in der Vergangenheit Urteile gesprochen, die die Religionsfreiheit geschützt haben – in dieser Hinsicht waren die Richter sehr deutlich. Zum Beispiel, dass wir (als Kirche) einstellen dürfen, wen wir wollen, und dass da nicht die Regierung kommen und uns vorschreiben kann, den könnt ihr einstellen, den nicht. Meine Hoffnung ist, dass alles weitergeschrieben wird, was bisher erreicht worden ist, um die Religionsfreiheit zu gewährleisten. Aber natürlich wird es immer Wachsamkeit brauchen, wenn es einen so massiven Wechsel in der Gesellschaft gibt, wie dieser einer ist.“
Viele verbinden Blase Cupichs Erzbistum Chicago mit Al Capone, Kriminalität und Rassenproblemen. „Wir haben die Herausforderungen jeder größeren Metropole“, sagt der Enkel eines kroatischen Einwanderers dazu. „Es stimmt, wir haben hier viele Verbrechen, das liegt an den vielen Waffen, an die man bei uns herankommt, das ist sehr bedauerlich. Unsere sehr liberalen Waffengesetze lassen es zu, dass Waffen auch in die Hände von Leuten kommen, die unverantwortlich sind, das ist eine Kern-Herausforderung für uns als Gesellschaft. Außerdem gibt es bei uns viel Ungleichheit. In der Kirche versuchen wir, das zu überwinden, indem wir durch unsere Schulen solide Ausbildung für Mesnchen aus den ärmeren „communities“ bereitstellen. Das Erzbistum und seine Pfarreien investieren jedes Jahr etwa 35 Millionen Dollar in die Schulen, wir haben da null Regierungs-Zuschüsse.“
Allerdings: Die Schulen und die kirchliche Arbeit überhaupt erreicht nicht alle – viele illegale Einwanderer leben, wie Cupich formuliert „im Schatten, weil sie keine legalen Papiere haben“. „Das sind Einwanderer, die in die USA gekommen sind auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Wir brauchen also eine große Reform des Einwanderungs-Gesetzes, und ich habe seit meinem ersten Tag im Erzbistum versucht, das sehr klar anzusprechen. Es ist eine Tragödie: Wir sind doch eine Einwanderernation! Manchmal verdrängen wir das, da herrscht eine Amnesie, was unser Erbe betrifft. Ich will die Menschen, vor allem die Leader, die Menschen im Kongress, daran erinnern: Wenn wir damit nicht korrekt umgehen, dann werden wir etwas von unserer Seele und unserem Land verlieren!“
Im September wird Papst Franziskus, von Kuba kommend, die USA besuchen, im Weißen Haus empfangen werden und als erster Papst überhaupt vor dem US-Kongress sprechen. „Die Menschen freuen sich auf ihn“, sagt Erzbischof Cupich, „er ist ein Mann, der die Phantasie der Menschen anspricht, ob sie nun katholisch sind oder nicht, alt oder jung… Wir sehen, dass an Sonntagen der Petersplatz immer voll ist, wir sehen, dass die Menschen sich ihm sehr nahe fühlen. Er ist einer der großen Leader. Mir scheint es wichtig zu sehen, dass der Heilige Vater von Kuba aus in die USA kommt, wie viele unserer Einwanderer! Er kommt von einer hispanischen Kultur aus zu uns. Das sollte uns etwas sagen über die Bedeutung, die der Heilige Vater den Einwanderern geben will, die im Schatten leiden.“

Foto: Hochzeitsbank – Bildquelle: Alexander Hauk / www.bayern-nachrichten.de