Gaudium et spes. Artikel 7

Psychologische, sittliche und religiöse Wandlungen.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 21. September 2013 um 11:23 Uhr
Vaticanum II, Konzilseröffnung

Einleitung von Gero P. Weishaupt: Wenn man bedenkt, dass die Pastoralkonstitution Gaudium et spes am 7. Dezember 1965 als letztes Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils von den Konzilsvätern (Papst und Bischöfen) beschlossen worden ist, dann liest sich Artikel 7 gleichsam wie ein prophetischer Blick auf die Jahre, die auf das Konzil folgten, vor allem das Jahr 1968. Schon in der ersten Hälfte der 60er Jahre, deren gesellschaftliche, kulturelle und religöse Situation die Konzilsväter beschreiben, kündigte sich die „Kulturrevolution“ der 68er an.

Artikel 7 bietet wieder eine Situationsbeschreibung der 60er Jahre. Er stellt eine radikale Infragestellung der überlieferten Werte als eine Folge der „Wandlungen von Denkweisen und Strukturen“ fest. Er spricht von einer „angsthaft rebellisch(en)“ Jugend, die sich ihrer Bedeutung bewußt ist und vermehrten Anspruch erhebt auf die Gestaltung der Gesellschaft. Man kann hier an eine verstärkte Teilhabe der jungen Generation an den Universitäten, den Schulen und den sozialen Organisationen denken. Diese Forderungen der Jugendlichen führt nicht selten zu einem Generationenkonflikt, der vor allem im eigenen elterlichen Haus spürbar wird. Dieser Konflikt ist – so die Konzilsväter – Ausdruck dafür, dass „die von früheren Generationen überkommenen Institutionen, Gesetze, Denk- und Auffassungsweisen … den wirklichen Zuständen von heute nicht mehr in jedem Fall gut zu entsprechen“ scheinen. Das hat auch Konsequenzen für den religiösen Bereich. Die Konzilsväter erkennen hier eine Ambivalenz: einerseits eine Möglichkeit, den Glauben von Aberglaube und magischen Sichtweisen zu reinigen, andererseits aber bei einer großen Zahl von Menschen die Aufgabe der religiösen Praxis. Atheismus und Gleichgültigkeit bestimmen das Denken vieler Menschen.

Gaudium et spes. Artikel 7

„Die Wandlungen von Denkweisen und Strukturen stellen häufig überkommene Werte in Frage, zumal bei der jüngeren Generation, die nicht selten ungeduldig, ja angsthaft rebellisch wird und im Bewußtsein der eigenen Bedeutung im gesellschaftlichen Leben rascher daran teilzuhaben beansprucht. Von daher erfahren Eltern und Erzieher bei der Erfüllung ihrer Aufgabe immer größere Schwierigkeiten. Die von früheren Generationen überkommenen Institutionen, Gesetze, Denk- und Auffassungsweisen scheinen aber den wirklichen Zuständen von heute nicht mehr in jedem Fall gut zu entsprechen. So kommt es zu schweren Störungen im Verhalten und sogar in den Verhaltensnormen. Die neuen Verhältnisse üben schließlich auch auf das religiöse Leben ihren Einfluß aus. Einerseits läutert der geschärfte kritische Sinn das religiöse Leben von einem magischen Weltverständnis und von noch vorhandenen abergläubischen Elementen und fordert mehr und mehr eine ausdrücklicher personal vollzogene Glaubensentscheidung, so daß nicht wenige zu einer lebendigeren Gotteserfahrung kommen. Andererseits geben breite Volksmassen das religiöse Leben praktisch auf. Anders als in früheren Zeiten sind die Leugnung Gottes oder der Religion oder die völlige Gleichgültigkeit ihnen gegenüber keine Ausnahme und keine Sache nur von Einzelnen mehr. Heute wird eine solche Haltung gar nicht selten als Forderung des wissenschaftlichen Fortschritts und eines sogenannten neuen Humanismus ausgegeben. Das alles findet sich in vielen Ländern nicht nur in Theorien von Philosophen, sondern bestimmt in größtem Ausmaß die Literatur, die Kunst, die Deutung der Wissenschaft und Geschichte und sogar das bürgerliche Recht. Die Verwirrung vieler ist die Folge.“

Foto: Konzilsväter – Bildquelle: Peter Geymayer / Wikipedia