Gaudium et spes. Artikel 44

Die Hilfe, welche die Kirche von der heutigen Welt erfährt.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 18. Oktober 2013 um 10:56 Uhr
Vaticanum II, Konzilsväter

Einleitung von Gero P. Weishaupt: Die Kirche sollte nach dem Wunsch der Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils in einen fruchtbaren Dialog mit der Welt treten. Der Dialog besagt darum auch, dass die Welt etwas für die Kirche beitragen kann. Das Konzil würdigt die positiven Errungenschaften der Welt, anerkennt ihre Autonomie und ihr in der Schöpfung begründetes Gutsein, wenngleich die Wirklichkeit der Sünde und ihrer negativen Folgen für die Menschen und die Welt nicht übersehen werden (vgl. Gaudium et spes Art. 13). In ihrer positiven Sicht auf die Welt als Schöpfung Gottes und durch Christus erlöste Wirklichkeit – eine Sichtweise, die typisch für den katholischen Glauben ist – anerkennen die Konzilsväter, dass die Kirche auch von der Welt lernen kann und vielfältige Hilfe für ihre Verkündigung erhält, indem sie auf die Kultur und die Philosophie der Völker eingeht. Die Kirche hat sich immer bemüht, die Glaubensbotschaft in den unterschiedlichen geschichtlichen und kulturellen Kontexten auszudrücken. Sofort denkt man hier z.B. an den heiligen Augustinus, der die Philosophie des Neoplatonismus oder auch Ciceros in sein Denken integriete, oder an Thomas von Aquins Anlehnung an Aristoteles. Eine kritiklose Anpassung ist damit freilich nicht gemeint. Es gilt immer die Gabe der Unterscheidung zu bewahren und die verschiedenen Sprachen einer Zeit im Licht des Evangeliums zu deuten. So können auch Entwicklungen in der Geschichte als „Zeichen der Zeit“ verstanden werden, als Weisen, in denen Gott der Kirche etwas sagen will. Solche Entwicklungen können für die Kirche wertvolle Impulse sein. Mit dem Märtyrer, Philosophen und Apologeten Justin können die Konzilsväter behaupten, dass sogar die Feindschaft der Gegner für die Kirche nützlich sein kann.

Gaudium et spes. Artikel 44

„Wie es aber im Interesse der Welt liegt, die Kirche als gesellschaftliche Wirklichkeit der Geschichte und als deren Ferment anzuerkennen, so ist sich die Kirche auch darüber im klaren, wieviel sie selbst der Geschichte und Entwicklung der Menschheit verdankt. Die Erfahrung der geschichtlichen Vergangenheit, der Fortschritt der Wissenschaften, die Reichtümer, die in den verschiedenen Formen der menschlichen Kultur liegen, durch die die Menschennatur immer klarer zur Erscheinung kommt und neue Wege zur Wahrheit aufgetan werden, gereichen auch der Kirche zum Vorteil. Von Beginn ihrer Geschichte an hat sie gelernt, die Botschaft Christi in der Vorstellungswelt und Sprache der verschiedenen Völker auszusagen und darüber hinaus diese Botschaft mit Hilfe der Weisheit der Philosophen zu verdeutlichen, um so das Evangelium sowohl dem Verständnis aller als auch berechtigten Ansprüchen der Gebildeten angemessen zu verkünden. Diese in diesem Sinne angepaßte Verkündigung des geoffenbarten Wortes muß ein Gesetz aller Evangelisation bleiben. Denn so wird in jedem Volk die Fähigkeit, die Botschaft Christi auf eigene Weise auszusagen, entwickelt und zugleich der lebhafte Austausch zwischen der Kirche und den verschiedenen nationalen Kulturen gefördert. Zur Steigerung dieses Austauschs bedarf die Kirche vor allem in unserer Zeit mit ihrem schnellen Wandel der Verhältnisse und der Vielfalt ihrer Denkweisen der besonderen Hilfe der in der Welt Stehenden, die eine wirkliche Kenntnis der verschiedenen Institutionen und Fachgebiete haben und die Mentalität, die in diesen am Werk ist, wirklich verstehen, gleichgültig, ob es sich um Gläubige oder Ungläubige handelt.

Es ist jedoch Aufgabe des ganzen Gottesvolkes, vor allem auch der Seelsorger und Theologen, unter dem Beistand des Heiligen Geistes auf die verschiedenen Sprachen unserer Zeit zu hören, sie zu unterscheiden, zu deuten und im Licht des Gotteswortes zu beurteilen, damit die geoffenbarte Wahrheit immer tiefer erfaßt, besser verstanden und passender verkündet werden kann.Da die Kirche eine sichtbare gesellschaftliche Struktur hat, das Zeichen ihrer Einheit in Christus, sind für sie auch Möglichkeit und Tatsache einer Bereicherung durch die Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens gegeben, nicht als ob in ihrer von Christus gegebenen Verfassung etwas fehle, sondern weil sie so tiefer erkannt, besser zur Erscheinung gebracht und zeitgemäßer gestaltet werden kann. Die Kirche erfährt auch dankbar, daß sie sowohl als Gemeinschaft wie auch in ihren einzelnen Kindern mannigfaltigste Hilfe von Menschen aus allen Ständen und Verhältnissen empfängt. Wer nämlich die menschliche Gemeinschaft auf der Ebene der Familie, der Kultur, des wirtschaftlichen und sozialen Lebens, der nationalen und internationalen Politik voranbringt, leistet nach dem Plan Gottes auch der kirchlichen Gemeinschaft, soweit diese von äußeren Bedingungen abhängt, eine nicht unbedeutende Hilfe. Ja selbst die Feindschaft ihrer Gegner und Verfolger, so gesteht die Kirche, war für sie sehr nützlich und wird es bleiben.“

Foto: Konzilsväter – Bildquelle: Lothar Wolleh / Wikipedia