Gaudium et spes. Artikel 40

Die gegenseitige Beziehung von Kirche und Welt.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 12. Oktober 2013 um 11:09 Uhr
Vaticanum II, Konzilseröffnung

Einleitung von Gero P. Weishaupt: Am 11. Oktober 1962 eröffnete Papst Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil. Es sollte unter anderem das Verhältnis der Kirche zur modernen Welt neu bestimmen. Dazu bedurfte es zunächst einer theologischen Selbstreflexion über die Kirche (Ecclesia ad intra). Dies leistet das Konzil in der dogmatischen Konstitution Lumen gentium. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt aller Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils. Die Hinwendung der Kirche zur Welt (Ecclesia ad extra) erfolgt in der Pastoralkonstitution Gaudium et spes und den ihr zugeordneten Dekreten und Erklärungen, die im Horizont der Kirchenkonstitution Lumen gentium zu lesen und zu interpretieren sind. Nachdem die Konzilsväter in den ersten drei Kapiteln der Pastoralkonstitution Gaudium et spes Grundsatzaussagen über die Würde der menschlichen Person, die menschliche Gemeinschaft, den letzten Sinn menschlichen Schaffens gemacht haben, thematisieren sie in den nachfolgenden Kapiteln die gegenseitige Beziehung von Kirche und Welt und „die Grundlage ihres gegenseitigen Dialoges“.

In Artikel 40, mit dem das vierte Kapitel der Pastoralkonstitution beginnt, wird zunächst das Kirchenverständnis des Konzils noch einmal kurz zusammengefaßt. Das trinitarische Element, das für die Kirchenkonstitution Lumen gentium so prägend ist, wird in Artikel 40 von Gaudium et spes aufgegriffen: Die Kirche verdankt sich nicht menschlicher Stiftung, sondern einzig dem dreieinigen Gott. Die Kirche zielt auf die Gemeinschaft des Menschen mit Gott hin. Das ist ihre Sendung. Als zugleich sichtbare und geistliche Gemeinschaft in dieser Welt ist die Kirche mit der Menschheit unterwegs auf dieses eine Ziel hin. Durch Glaube und Taufe leben die Christen schon in Beziehung zu Christus und sind in ihm miteinander verbunden. Darum leuchtet durch die Kirche das Heil bereits in dieser Welt anfanghaft auf. „So glaubt die Kirche durch ihre einzelnen Glieder und als ganze viel zu einer humaneren Gestaltung der Menschenfamilie und ihrer Geschichte beitragen zu können.“ Denn die Kirche vermittelt „nicht nur den Menschen das göttliche Leben, sondern lässt dessen Widerschein mehr oder weniger auf die ganze Welt fallen, vor allem durch die Heilung und Hebung der menschlichen Personwürde.“ In dem Bemühen der Katholischen Kirche um eine humanere Gestaltung der Welt begrüßen die Konzilsväter auch den Einsatz anderer christlicher Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften. Zudem anerkennen sie in Würdigung der Theologie der Kirchenväter (Eusebius, Klemens von Alexandrien, Origines u.a.), dass die Kirche auch von der Welt wertvolle Hilfen zur „Wegbereitung für das Evangelium“ (praeparatio Evangelii) erhalten kann.

Gaudium et spes. Artikel 40

„Alles, was wir über die Würde der menschlichen Person, die menschliche Gemeinschaft und über den letzten Sinn des menschlichen Schaffens gesagt haben, bildet das Fundament für die Beziehung zwischen Kirche und Welt wie auch die Grundlage ihres gegenseitigen Dialogs. Unter Voraussetzung all der bisherigen Aussagen dieses Konzils über das Geheimnis der Kirche ist sie nun darzustellen, insofern sie gerade in dieser Welt besteht und mit ihr lebt und wirkt. Hervorgegangen aus der Liebe des ewigen Vaters, in der Zeit gestiftet von Christus dem Erlöser, geeint im Heiligen Geist, hat die Kirche das endzeitliche Heil zum Ziel, das erst in der künftigen Weltzeit voll verwirklicht werden kann. Sie ist aber schon hier auf Erden anwesend, gesammelt aus Menschen, Gliedern des irdischen Gemeinwesens, die dazu berufen sind, schon in dieser geschichtlichen Zeit der Menschheit die Familie der Kinder Gottes zu bilden, die bis zur Ankunft des Herrn stetig wachsen soll. Der himmlischen Güter willen geeint und von ihnen erfüllt, ist diese Familie von Christus „in dieser Welt als Gesellschaft verfaßt und geordnet“ und „mit geeigneten Mitteln sichtbarer und gesellschaftlicher Einheit“ ausgerüstet. So geht denn diese Kirche, zugleich „sichtbare Versammlung und geistliche Gemeinschaft“, den Weg mit der ganzen Menschheit gemeinsam und erfährt das gleiche irdische Geschick mit der Welt und ist gewissermaßen der Sauerteig und die Seele der in Christus zu erneuernden und in die Familie Gottes umzugestaltenden menschlichen Gesellschaft.

Dieses Ineinander des irdischen und himmlischen Gemeinwesens kann nur im Glauben begriffen werden, ja es bleibt ein Geheimnis der menschlichen Geschichte, die bis zur vollen Offenbarung der Herrlichkeit der Kinder Gottes durch die Sünde verwirrt ist. In Verfolgung ihrer eigenen Heilsabsicht vermittelt die Kirche nicht nur den Menschen das göttliche Leben, sondern läßt dessen Widerschein mehr oder weniger auf die ganze Welt fallen, vor allem durch die Heilung und Hebung der menschlichen Personwürde, durch die Festigung des menschlichen Gemeinschaftsgefüges, durch die Erfüllung des alltäglichen menschlichen Schaffens mit tieferer Sinnhaftigkeit und Bedeutung. So glaubt die Kirche durch ihre einzelnen Glieder und als ganze viel zu einer humaneren Gestaltung der Menschenfamilie und ihrer Geschichte beitragen zu können. Unbefangen schätzt zudem die katholische Kirche all das hoch, was zur Erfüllung derselben Aufgabe die anderen christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften in Zusammenarbeit beigetragen haben und noch beitragen. Zugleich ist sie der festen Überzeugung, daß sie selbst von der Welt, sei es von einzelnen Menschen, sei es von der menschlichen Gesellschaft, durch deren Möglichkeiten und Bemühungen viele und mannigfache Hilfe zur Wegbereitung für das Evangelium erfahren kann. Zur sachgemäßen Förderung dieser gegenseitigen Beziehung und Hilfe in jenem Bereich, der Kirche und Welt gewissermaßen gemeinsam ist, werden hier einige allgemeinere Grundsätze vorgelegt.“

Foto: Konzilsväter – Bildquelle: Peter Geymayer / Wikipedia