Gaudium et spes. Artikel 4 (zweiter Teil)

Die Widersprüchlichkeiten der modernen Welt.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 23. August 2013 um 20:14 Uhr
Vaticanum II, Konzilsväter

Einleitung von Gero P. Weishaupt: Wurden im ersten Teil des 4. Artikels von Gaudium et spes auf die „Zeichen der Zeit“ hingewiesen, die es im Licht des Evangeliums zu deuten gilt, so weisen die Konzilsväter im zweiten Teil desselben Artikels auf die Licht- und Schattenseiten der modernen Zeit hin. In den folgenden Artikeln kommen sie auf die Folgen dieser widersprüchlichen Situation auf die Mentalität der Menschen (5. Artikel), auf die gesellschaftlichen Veränderungen (6. Artikel), auf den psychologischen, moralischen und religiösen Wandel (7. Artikel) und auf die Verhältnisse in der Welt (8. Artikel) zu sprechen. Immer haben die Konzilsväter dabei den Blick auf die historisch-gesellschaftliche Situation, die zur Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils herrschte, d.h. die der ersten Hälfte der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Trotzdem gilt vieles von dem, was sie bei ihrer Analyse wiedergeben, auch für die gegenwärtige geschichtliche Situation.

Gaudium et spes. Artikel 4 (Teil 2)

„Noch niemals verfügte die Menschheit über soviel Reichtum, Möglichkeiten und wirtschaftliche Macht, und doch leidet noch ein ungeheurer Teil der Bewohner unserer Erde Hunger und Not, gibt es noch unzählige Analphabeten. Niemals hatten die Menschen einen so wachen Sinn für Freiheit wie heute, und gleichzeitig entstehen neue Formen von gesellschaftlicher und psychischer Knechtung. Die Welt spürt lebhaft ihre Einheit und die wechselseitige Abhängigkeit aller von allen in einer notwendigen Solidarität und wird doch zugleich heftig von einander widerstreitenden Kräften auseinandergerissen. Denn harte politische, soziale, wirtschaftliche, rassische und ideologische Spannungen dauern an; selbst die Gefahr eines Krieges besteht weiter, der alles bis zum Letzten zerstören würde.

Zwar nimmt der Meinungsaustausch zu; und doch erhalten die gleichen Worte, in denen sich gewichtige Auffassungen ausdrücken, in den verschiedenen Ideologien einen sehr unterschiedlichen Sinn. Man strebt schließlich unverdrossen nach einer vollkommeneren Ordnung im irdischen Bereich, aber das geistliche Wachstum hält damit nicht gleichen Schritt. Betroffen von einer so komplexen Situation, tun sich viele unserer Zeitgenossen schwer, die ewigen Werte recht zu erkennen und mit dem Neuen, das aufkommt, zu einer richtigen Synthese zu bringen; so sind sie, zwischen Hoffnung und Angst hin und her getrieben, durch die Frage nach dem heutigen Lauf der Dinge zutiefst beunruhigt. Dieser verlangt eine Antwort vom Menschen. Ja er zwingt ihn dazu.“

Foto: Vaticanum II, Konzilsväter – Bildquelle: Lothar Wolleh / Wikipedia