Gaudium et spes. Artikel 38

Das im Ostergeheimnis zur Vollendung geführte menschliche Schaffen.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 27. Juli 2013 um 11:06 Uhr
Vaticanum II, Konzilseröffnung

Einleitung von Gero P. Weishaupt: Durch die Inkarnation (Menschwerdung) und das Paschamysterium (Ostergeheimnis von Tod und Auferstehung) Christi ist die gesamte Schöpfung mit dem Menschen als ihrer Krönung zu neuer Würde erhoben worden. In Christus ist alles zusammengefaßt, er ist das Haupt der Schöpfung. Darum werden in ihm alle weltlichen Werte geadelt.

Auf der Grundlage der Heiligen Schrift, der Kirchenväter und des heiligen Thomas von Aquin legen die Konzilsväter in Gaudium et spes eine „Theologie der irdischen Werte“ dar. Einem falschen Dualismus zwischen natürlicher Ordnung und übernatürlichem Ziel erteilen sie eine Absage. Auch das menschliche Schaffen findet seinen Sinn letztlich nur in seinem Verhältnis zum Reich Gottes. Das ist der Grund, warum eine „heile Welt“ nicht durch den Fortschritt von Wissenschaft und Technik entsteht, sondern einzig und allein durch die Liebe. In Einheit mit dem heiligen Augustinus und dem heiligen Thomas von Aquin bezeichnen die Konzilsväter in Artikel 38 von Gaudium et spes das Gebot der Liebe als das „Grundgesetz der menschlichen Vervollkommnung und deshalb auch der Umwandlung der Welt“. Die Feier der heiligen Eucharistie ist „Angeld“ (Lat.: arrha) dieser Neuwerdung aller Kreatur, denn in ihr wird nicht nur die Neuschöpfung vorausgesagt, sondern auch sakramentale Wirklichkeit.

Gaudium et spes. Artikel 38

„Das Wort Gottes, durch das alles geworden ist, ist selbst Fleisch geworden und ist, auf der Erde der Menschen wohnend, als wirklicher Mensch in die Geschichte der Welt eingetreten, hat sie sich zu eigen gemacht und in sich zusammengefaßt. Er offenbart uns, „daß Gott die Liebe ist“ (1 Joh 4,8), und belehrt uns zugleich, daß das Grundgesetz der menschlichen Vervollkommnung und deshalb auch der Umwandlung der Welt das neue Gebot der Liebe ist. Denen also, die der göttlichen Liebe glauben, gibt er die Sicherheit, daß allen Menschen der Weg der Liebe offensteht und daß der Versuch, eine allumfassende Brüderlichkeit herzustellen, nicht vergeblich ist. Zugleich mahnt er, dieser Liebe nicht nur in großen Dingen nachzustreben, sondern auch und besonders in den gewöhnlichen Lebensverhältnissen. Für uns Sünder alle nahm er den Tod auf sich und belehrt uns so durch sein Beispiel, daß auch das Kreuz getragen werden muß, das Fleisch und Welt denen auf die Schultern legen, die Frieden und Gerechtigkeit suchen.

Durch seine Auferstehung zum Herrn bestellt, wirkt Christus, dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist, schon durch die Kraft seines Geistes in den Herzen der Menschen dadurch, daß er nicht nur das Verlangen nach der zukünftigen Welt in ihnen weckt, sondern eben dadurch auch jene selbstlosen Bestrebungen belebt, reinigt und stärkt, durch die die Menschheitsfamilie sich bemüht, ihr eigenes Leben humaner zu gestalten und die ganze Erde diesem Ziel dienstbar zu machen. Verschieden sind jedoch die Gaben des Geistes: die einen beruft er dazu, daß sie das Verlangen nach der Heimat bei Gott deutlich bezeugen und es in der Menschheitsfamilie lebendig erhalten; andere beruft er, damit sie im irdischen Bereich den Menschen hingebungsvoll dienen und so durch ihren Beruf die Voraussetzungen für das Himmelreich schaffen. Alle aber befreit er, damit sie durch Absage an ihren Egoismus und unter Dienstbarmachung aller Naturkräfte für das menschliche Leben nach jener Zukunft streben, in der die Menschheit selbst eine Gott angenehme Opfergabe wird.

Ein Angeld dieser Hoffnung und eine Wegzehrung hinterließ der Herr den Seinen in jenem Sakrament des Glaubens, in dem unter der Pflege des Menschen gewachsene Früchte der Natur in den Leib und das Blut des verherrlichten Herrn verwandelt werden zum Abendmahl brüderlicher Gemeinschaft und als Vorfeier des himmlischen Gastmahls.“

Foto: Konzislväter – Bildquelle: Peter Geymayer / Wikipedia