Gaudium et spes. Artikel 37

Das durch die Sünde verderbte menschliche Schaffen.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 20. Juli 2013 um 10:50 Uhr
Vaticanum II, Konzilseröffnung

Einleitung von Gero P. Weishaupt: Schon in Artikel 13 von Gaudium et spes erinnern die Konzilsväter an die Realität der Sünde. Sie wird verstanden als „Auflehnung gegen Gott und den Willen, sein Ziel außerhalb Gottes zu erreichen” (GS, 13). Eine euphorische Weltbejahung und ein grenzenloser Fortschrittsoptimismus kann dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht nachgesagt werden. Zwar betonen die Konzilsväter im Geiste eines Dialoges mit der Welt das Positive und Gemeinsame, verkennen aber zugleich nicht die mit der Sünde gegebenen Unvollkommenheiten und Grenzen dieser Welt. Nachdem sie in Artikel 36 die in der Schöpfungsordnung grundgelegte Autonomie der irdischen Wirklichkeiten und das menschliche Schaffen gewürdigt haben, machen die Konzilsväter in Artikel 37 erneut auf die Gefahr der Sünde aufmerksam, wodurch der Mensch durch Stolz und Eigenliebe seine Errungenschaften zunichte machen kann, wie die Heilige Schrift und die geschichtliche Erfahrungen lehren. Fern von jedem blinden Fortschrittsglauben und einem („Teilhardschen“) Optimismus warnen sie darum mit den Worten des Apostels Paulus: „Macht euch nicht dieser Welt gleichförmig“ (Röm 12,2). Da der Fortschritt durch die Sünde gefährdet ist, bedarf der Mensch immerfort der Läuterung durch das Kreuz und die Auferstehung Christi.

Gaudium et spes Artikel 37

Die Heilige Schrift aber, der die Erfahrung aller Zeiten zustimmt, belehrt die Menschheitsfamilie, daß der menschliche Fortschritt, der ein großes Gut für den Menschen ist, freilich auch eine große Versuchung mit sich bringt: Dadurch, daß die Wertordnung verzerrt und Böses mit Gutem vermengt wird, beachten die einzelnen Menschen und Gruppen nur das, was ihnen, nicht aber was den anderen zukommt. Daher ist die Welt nicht mehr der Raum der wahren Brüderlichkeit, sondern die gesteigerte Macht der Menschheit bedroht bereits diese selbst mit Vernichtung. Die ganze Geschichte der Menschheit durchzieht ein harter Kampf gegen die Mächte der Finsternis, ein Kampf, der schon am Anfang der Welt begann und nach dem Wort des Herrn bis zum letzten Tag andauern wird. Der einzelne Mensch muß, in diesen Streit hineingezogen, beständig kämpfen um seine Entscheidung für das Gute, und nur mit großer Anstrengung kann er in sich mit Gottes Gnadenhilfe seine eigene innere Einheit erreichen.

Deshalb kann die Kirche Christi, obwohl sie im Vertrauen auf den Plan des Schöpfers anerkennt, daß der menschliche Fortschritt zum wahren Glück der Menschen zu dienen vermag, nicht davon absehen, das Wort des Apostels einzuschärfen: „Macht euch nicht dieser Welt gleichförmig“ (Röm 12,2), das heißt, dem Geist des leeren Stolzes und der Bosheit, der das auf den Dienst Gottes und des Menschen hingeordnete menschliche Schaffen in ein Werkzeug der Sünde verkehrt. Vor der Frage, wie dieses Elend überwunden werden kann, bekennen die Christen, daß alles Tun des Menschen, das durch Stolz und ungeordnete Selbstliebe täglich gefährdet ist, durch Christi Kreuz und Auferstehung gereinigt und zur Vollendung gebracht werden muß. Als von Christus erlöst und im Heiligen Geist zu einem neuen Geschöpf gemacht, kann und muß der Mensch die von Gott geschaffenen Dinge lieben. Von Gott empfängt er sie, er betrachtet und schätzt sie als Gaben aus Gottes Hand. Er dankt seinem Wohltäter für die Gaben; in Armut und Freiheit des Geistes gebraucht und genießt er das Geschaffene; so kommt er in den wahren Besitz der Welt als einer, der nichts hat und doch alles besitzt. „Alles gehört euch, ihr aber gehört Christus und Christus Gott“ (1 Kor3,22-23).“

Foto: Konzilsväter – Bildquelle: Peter Geymayer / Wikipedia