Gaudium et spes. Artikel 36

Die richtige Autonomie der irdischen Wirklichkeiten.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 13. Juli 2013 um 11:07 Uhr
Vaticanum II, Konzilsväter

Einleitung von Gero P. Weishaupt: Die Konzilsväter bekennen sich in Artikel 36 der Pastoralkonstitution Gaudium et spes zur richtigen Eigengesetzlichkeit (Autonomie) der irdischen Wirklichkeit. Theologisch begründen sie dies mit Gott als dem Schöpfer aller Dinge. „Durch ihr Geschaffensein selber nämlich haben alle Einzelwirklichkeiten ihren festen Eigenstand, ihre eigene Wahrheit, ihre eigene Gutheit sowie ihre Eigengesetzlichkeit und ihre eigenen Ordnungen, die der Mensch unter Anerkennung der den einzelnen Wissenschaften und Techniken eigenen Methode achten muß.“ Aus dieser theologischen Erkenntnis ergeben sich zwei Folgerungen:

1. Wissenschaftliche Forschung kann niemals mit dem Glauben im Widerspruch sein, vorausgesetzt, dass sie „in einer wirklich wissenschaftlichen Weise und gemäß den Normen der Sittlichkeit“ durchgeführt wird, denn Glaube und Vernunft haben in Gott ihren Ursprung. Hier kann man als Beispiel die kirchliche Schöpfungslehre, die sich aus der Offenbarung ergibt, und die moderne Evolutionstheorie anführen. Beides – Schöpfung und Evolution – schließt sich nicht aus. Einer Autonomie jedoch, die die Ergründung der Dinge im göttlichen Schöpferwillen leugnet, erteilen die Konzilsväter in Gaudium et spes eine Absage, weil sie falsch ist. Ohne den Schöpfer ist das Geschöpf nämlich nichts. „Denn das Geschöpf sinkt ohne den Schöpfer ins Nichts. … Überdies wird das Geschöpf selbst durch das Vergessen Gottes unverständlich.“

2. Die Christen selber haben im Laufe der Geschichte die in der Schöpfung begründete Autonomie der weltlichen Dinge nicht immer genügend erkannt und gewürdigt. Die Konzilsväter bekennen, dass es dadurch gelegentlich zu Steitigkeiten und Kontroversen gekommen ist.

Gaudium et spes. Artikel 36

„Nun scheinen viele unserer Zeitgenossen zu befürchten, daß durch eine engere Verbindung des menschlichen Schaffens mit der Religion die Autonomie des Menschen, der Gesellschaften und der Wissenschaften bedroht werde. Wenn wir unter Autonomie der irdischen Wirklichkeiten verstehen, daß die geschaffenen Dinge und auch die Gesellschaften ihre eigenen Gesetze und Werte haben, die der Mensch schrittweise erkennen, gebrauchen und gestalten muß, dann ist es durchaus berechtigt, diese Autonomie zu fordern. Das ist nicht nur eine Forderung der Menschen unserer Zeit, sondern entspricht auch dem Willen des Schöpfers. Durch ihr Geschaffensein selber nämlich haben alle Einzelwirklichkeiten ihren festen Eigenstand, ihre eigene Wahrheit, ihre eigene Gutheit sowie ihre Eigengesetzlichkeit und ihre eigenen Ordnungen, die der Mensch unter Anerkennung der den einzelnen Wissenschaften und Techniken eigenen Methode achten muß. Vorausgesetzt, daß die methodische Forschung in allen Wissensbereichen in einer wirklich wissenschaftlichen Weise und gemäß den Normen der Sittlichkeit vorgeht, wird sie niemals in einen echten Konflikt mit dem Glauben kommen, weil die Wirklichkeiten des profanen Bereichs und die des Glaubens in demselben Gott ihren Ursprung haben.

Ja wer bescheiden und ausdauernd die Geheimnisse der Wirklichkeit zu erforschen versucht, wird, auch wenn er sich dessen nicht bewußt ist, von dem Gott an der Hand geführt, der alle Wirklichkeit trägt und sie in sein Eigensein einsetzt. Deshalb sind gewisse Geisteshaltungen, die einst auch unter Christen wegen eines unzulänglichen Verständnisses für die legitime Autonomie der Wissenschaft vorkamen, zu bedauern. Durch die dadurch entfachten Streitigkeiten und Auseinandersetzungen schufen sie in der Mentalität vieler die Überzeugung von einem Widerspruch zwischen Glauben und Wissenschaft. Wird aber mit den Worten „Autonomie der zeitlichen Dinge“ gemeint, daß die geschaffenen Dinge nicht von Gott abhängen und der Mensch sie ohne Bezug auf den Schöpfer gebrauchen könne, so spürt jeder, der Gott anerkennt, wie falsch eine solche Auffassung ist. Denn das Geschöpf sinkt ohne den Schöpfer ins Nichts. Zudem haben alle Glaubenden, gleich, welcher Religion sie zugehören, die Stimme und Bekundung Gottes immer durch die Sprache der Geschöpfe vernommen. Überdies wird das Geschöpf selbst durch das Vergessen Gottes unverständlich.“

Foto: Konzilsväter – Bildquelle: Lothar Wolleh / Wikipedia