Gaudium et spes. Artikel 28

Die Achtung und die Liebe gegenüber dem Gegner. - Verwerfung des Indifferentismus.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 3. Juni 2013 um 11:37 Uhr
Vaticanum II, Konzilsväter

Einleitung von Gero P. Weishaupt:

Ein Hauptanliegen der Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils war der Dialog der Kirche mit der modernen Welt. Die Kirche stößt dabei häufig auf Positionen im gesellschaftlichen, politischen und auch religiösen Bereich, die ihrem Glauben entgegengesetzt sind. Die verschiedenen Denkweisen fordern darum einen aufrichtigen Dialog. Dieser setzt allerdings zwei Dinge voraus: 1. Achtung und Liebe, die den anderen als Partner ernst nimmt, 2. Achtung und Liebe gegenüber der Wahrheit. Gerade im Hinblick auf einen fruchtbaren interreligiösen und ökumenischen Dialog der Kirche müssen beide Prinzipien beachtet werden. Papst Johannes XXIII. hat in seiner während des Konzils 1963 erschienen Enyzklika Pacem in terris ganz in Einklang mit Schrift und Tradition an den Grundsatz erinnert, dass man den Irrtum immer verwerfen muss, den Irrenden aber lieben soll. Gaudium et spes macht sich diese Sichtweise eigen, wenn es dort heißt: „Man muß … unterscheiden zwischen dem Irrtum, der immer zu verwerfen ist, und dem Irrenden, der seine Würde als Person stets behält, auch wenn ihn falsche oder weniger richtige religöse Auffassungen belasten. Gott allein ist der Richter und Prüfer der Herzen; darum verbietet er uns, über die innere Schuld von irgend jemandem zu urteilen.“

Partner des Dialoges ist die Person, mit der man über die Wahrheit spricht. Der Mensch, der sich zur Wahrheit verhält, ist Träger von Rechten, er verdient Respekt und Liebe. Sein Verhalten kann für ihn, also subjektiv, richtig sein, auch wenn das, was er für wahr hält, objektiv falsch ist, er sich also objektiv irrt. Es geht dann im Dialog darum, dem Dialogpartner die Augen für die objektive Wahrheit zu öffnen. Das aber gelingt nur, wenn der Dialogpartner sich vom anderen geachtet und geliebt weiß. Nur dann wird er sich für die objektive Wahrheit öffnen. Doch bei aller Bereitschaft, beim Dialogpartner das Gute zu achten, darf die Liebe zu ihm nicht verwechselt werden mit unkritischer Bejahung dessen, was er subjektiv für wahr hält. Beim Dialog geht es gerade darum, das objektiv Wahre gemeinsam zu suchen.

Gaudium et spes. Artikel 28

„Achtung und Liebe sind auch denen zu gewähren, die in gesellschaftlichen, politischen oder auch religiösen Fragen anders denken oder handeln als wir. Je mehr wir in Menschlichkeit und Liebe inneres Verständnis für ihr Denken aufbringen, desto leichter wird es für uns, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Diese Liebe und Güte dürfen uns aber keineswegs gegenüber der Wahrheit und dem Guten gleichgültig machen. Vielmehr drängt die Liebe selbst die Jünger Christi, allen Menschen die Heilswahrheit zu verkünden. Man muß jedoch unterscheiden zwischen dem Irrtum, der immer zu verwerfen ist, und dem Irrenden, der seine Würde als Person stets behält, auch wenn ihn falsche oder weniger richtige religiöse Auffassungen belasten. Gott allein ist der Richter und Prüfer der Herzen; darum verbietet er uns, über die innere Schuld von irgend jemandem zu urteilen. Christi Lehre fordert auch, die Beleidigung zu verzeihen; sie dehnt das Gebot der Liebe als das Gebot des Neuen Bundes auf alle Feinde aus: ‚Ihr habt gehört, daß gesagt wurde: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen, und betet für eure Verfolger und Verleumder‘ (Mt 5,43-44).“

Foto: Konzilsväter – Bildquelle: Lothar Wolleh / Wikipedia