Gaudium et spes. Artikel 13: Die Sünde

Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 9. Februar 2013 um 12:55 Uhr
Vaticanum II, Petersdom

Einleitung von Gero P. Weishaupt:

Zur christlichen Lehre über den Menschen (Anthropologie) gehört auch die Tatsache der Erbsünde. Auf deren Folgen für den Menschen und dessen Existenz geht Artikel 13 der Pastoralkonstitution Gaudium et spes näher ein. Durch den „Einfluss des Bösen“ (Satan) kam die Sünde in die Welt. Sünde wird im Text beschrieben als „Auflehnung gegen Gott und den Willen, sein Ziel außerhalb Gottes zu erreichen“. Durch die Sünde missbraucht der Mensch seine von Gott gegebene Freiheit. Sünde ist mithin Entfremdung von Gott, wodurch der Mensch sein Lebensziel verfehlt. Durch die Sünde wird das Bild Gottes, das der Mensch ist, gestört und gerät die Harmonie des Menschen mit sich selber aus dem Gleichgewicht. Das ist der Grund, warum die Konzilsväter sagen, dass der Mensch sich selbst als „zwiespältig“ (in seipso divisus est homo) erfährt. Die Folge dieser inneren Spaltung ist der Kampf des Menschen und seine Unfreiheit.

Wenngleich der Text die Erbsünde und die aus ihr folgende Konkupiszenz nicht wörtlich nennt, so sind diese hier unzweideutig als Ursache für den inneren Zwiespalt des Menschen gemeint. Das Schweigen über die Erbsünde ergibt sich aus dem vornehmlich pastoralen Ton von Gaudium et spes. Der Text will keine dogmatische Abhandlung sein. Die Pastoralkonstitution hat vor allem die menschlichen Erfahrungen im Blick, hier den inneren Zwiespalt im Menschen und seine Schwäche, aus eigner Kraft die Sünde und das aus ihr folgende Übel wirkungsvoll zu bekämpfen. Dieser pastorale Ausgangspunkt der Konstitution muss bei ihrer Lektüre immer mitberücksichtigt werden.

Gaudium et spes. Artikel 13

„Obwohl in Gerechtigkeit von Gott begründet, hat der Mensch unter dem Einfluß des Bösen gleich von Anfang der Geschichte an durch Auflehnung gegen Gott und den Willen, sein Ziel außerhalb Gottes zu erreichen, seine Freiheit mißbraucht. ‚Obwohl sie Gott erkannten, haben sie ihn nicht als Gott verherrlicht, sondern ihr unverständiges Herz wurde verfinstert, und sie dienten den Geschöpfen statt dem Schöpfer‘ (Röm 1, 21-25). Was uns aus der Offenbarung Gottes bekannt ist, steht mit der Erfahrung in Einklang: der Mensch erfährt sich, wenn er in sein Herz schaut, auch zum Bösen geneigt und verstrickt in vielfältige Übel, die nicht von seinem guten Schöpfer herkommen können. Oft weigert er sich, Gott als seinen Ursprung anzuerkennen; er durchbricht dadurch auch die geschuldete Ausrichtung auf sein letztes Ziel, zugleich aber auch seine ganze Ordnung hinsichtlich seiner selbst wie hinsichtlich der anderen Menschen und der ganzen Schöpfung.

So ist der Mensch in sich selbst zwiespältig. Deshalb stellt sich das ganze Leben der Menschen, das einzelne wie das kollektive, als Kampf dar, und zwar als einen dramatischen, zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis. Ja, der Mensch findet sich unfähig, durch sich selbst die Angriffe des Bösen wirksam zu bekämpfen, so daß ein jeder sich wie in Ketten gefesselt fühlt. Der Herr selbst aber ist gekommen, um den Menschen zu befreien und zu stärken, indem er ihn innerlich erneuerte und „den Fürsten dieser Welt“ (Joh 12,31) hinauswarf, der ihn in der Knechtschaft der Sünde festhielt (4). Die Sünde mindert aber den Menschen selbst, weil sie ihn hindert, seine Erfüllung zu erlangen. Im Licht dieser Offenbarung finden zugleich die erhabene Berufung wie das tiefe Elend, die die Menschheit erfährt, ihre letzte Erklärung.“

Foto: Vaticanum II – Bildquelle: Lothar Wolleh / Wikipedia