Examen Publicum Vaticanum

Öffentliche Lateinschularbeit im Vatikan mit Telefonjoker.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 8. Dezember 2011 um 08:46 Uhr
Petersdom

Vatikan (kathnews). Wenn es in den Vatikanischen Museen am 20. Dezember 2011 um Schlag 11.00 heißt, „Puer natus est“, „Ein Kind ist uns geboren“, dann wird endlich der Druck von ihnen gefallen sein und sie können zeigen, woran sie seit Monaten arbeiten: Schülerinnen aus insgesamt drei Klassen des Gymnasiums Sacré Coeur aus Bregenz in Österreich und einige Schüler aus Liechtenstein (Gymnasium „FORMATIO“) schreiben dann „coram publico“, also öffentlich, in diesem Fall vor den Augen der Welt und den vatikanischen Medien, ein „Examen publicum Vaticanum“, d.h. eine öffentliche Prüfung im Vatikan zum Thema „Weihnachten“. Sie übersetzen Texte aus der lateinischen Weihnachtsliturgie und Stellen aus dem Neuen Testament.

Verdienste der Katholischen Kirche für die lateinische Sprache

„Kirchenlatein ist eine sehr feierliche und gehobene Sprache. 80% des Vokabulars hat Eingang ins Deutsche in Form von Fremdwörtern gefunden“, sagt Reinhard Peter, der das Projekt leitet, und erläutert die Absicht des Projektes. „Wir wollen mit der Wahl des Ortes das historische Verdienst der katholischen Kirche für die Etablierung und Erhaltung der wichtigsten europäischen Kultursprache würdigen“.  Mit dieser Aktion will das Sacré Coeur, das dieses Projekt klassen- und schulübergreifend (privates Oberstufengymnasium „Formatio“ in Triesen/Liechtenstein) durchführt, darauf aufmerksam machen, dass „die lateinische Messe, beispielsweise in Hochämtern,“ „eine besonders würdige und feierliche Gestaltung eines Gottesdienstes ist“ und „– neuerdings auf Initiative des Papstes  – etwas Auftrieb erhalten“ hat. Ob und in welcher Form der Heilige Vater in das Examen selber involviert sein wird, darüber ist Stillschweigen vereinbart, so der engagierte Projektleiter.

Kardinäle als Helfer

In bewährter Manier dürfen im zweiten Teil des Examens  Kardinäle in aller Welt sowie andere Würdenträger, aber auch Persönlichkeiten des öffentlichen und privaten Lebens, bei einfachen Fragen als Telefonjoker um Hilfe gebeten werden. Zusammen mit der Österreichischen Botschaft beim Heiligen Stuhl wird derzeit eifrig nach  bereitwilligen Jokern gesucht.

Mehre Ziele

Mit der bewusst für die Öffentlichkeit konzipierten Latein-Schularbeit verfolgen die Veranstalter mehrere Ziele. Unter anderem soll die lateinische Sprache als wichtiger Bestandteil der Allgemeinbildung gefördert  und  die spirituelle und sakrale Bedeutung des liturgischen Lateins herausgestellt werden. Nicht zuletzt geht es darum, der Öffentlichkeit bewusst zu machen, dass die Katholische Kirche einen nicht zu unterschätzenden Beitrag an der Entwicklung und Pflege der lateinischen Sprache geleistet hat und noch immer leistet.

Fleiß und Disziplin

Latein lernen und pflegen erfordert Fleiß und Disziplin, Latein vermittelt aber auch beide Tugenden, eine Eigenschaft, die gerade von zukünftigen Akademikern erwartet wird. Die Schülerinnen und Schüler bereiten sich im Rahmen des Lateinunterrichtes und auch in ihrer Freizeit auf das außergewöhnliche vorweihnachtliche Großergeignis vor. Die Lerninhalte für das Projekt sind vielfältig: 1200 lateinische Vokabeln aus dem Grundwortschatz und 600 spezielle Vokabeln aus dem Kirchenlatein lernen, Lektüre der vier Evangelien nach der Vulgata, der lateinischen Bibelübersetzung des heiligen Kirchenvaters Hieronymus, Behandlung und Sammlung von rund 300 lateinischen Bibelzitaten, Lektüre des Ordinarium Missae (der lateinischen Messordnung), Studium der sprachlichen Eigenschaften des liturgischen Latein, lateinische Texte des Weihnachtsfestkreises und sogar Sermones (Reden) des heiligen Augustinus zu Weihnachten.

„Pfarrer Braun“ und „Wir sind Millionär“ als didaktische Komponenten

Da Schüler Unterrichts- und Prüfungssituationen lieben, die bekannten Fernsehformaten entsprechen, haben die Veranstalter zwei Elemente variiert: Die Idee der Telefonjokers stammt aus der Fernsehserie „Wer wird Millionär?“, und die der Bibelzitate aus der Fernsehserie „Pfarrer Brown“. Dort wettet ein Pfarrer mit seinem Bischof immer wieder um das richtige Zitieren von Bibelstellen.

Coram publico

Da die Lateinschularbeit „coram publico“, öffentlich, sein wird, sind auch die Medien präsent. Sie dürfen während der gesamten Dauer des „Examen Publicum Vaticanum“ anwesend sein, die Arbeit der Schüler beobachten sowie die Telefongespräche mithören.

Friedensbotschaft

Neben den genannten Zielen erhofft sich der Österreichische Botschafter beim Heiligen Stuhl, Dr. Alfons Kloss, dass von dem Examen Publicum Vaticanum „zum bevorstehenden Weihnachtsfest eine Friedensbotschaft in würdiger Form übermittel“ wird.

Foto: Petersdom – Bildquelle: M. Bürger, kathnews