Er hat Christus nichts vorgezogen

Vor 850 Jahren, am 29. Dezember 1165, wurde Karl der Gro√üe heiliggesprochen. Heilige sind keine vollkommenen Menschen. Sonst w√§ren K√∂nig David, der Apostelf√ľrst Petrus und der V√∂lkerapostel Paulus keine Heiligen. ‚ÄěWas Karl¬†der Gro√üe war f√ľr sein Volk, f√ľr das Reich, f√ľr Europa getan hat, ist uns Ansporn und Vorbild f√ľr unsere heutige Verantwortung, Christus nichts vorzuziehen‚Äú (Erzbischof Jean-Claude P√©risset).
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 28. Dezember 2015 um 20:47 Uhr
Kaiser Karl der Große

Von Gero P. Weishaupt:

Aachen (kathnews). Im Juli dieses Jahres konnte das 800j√§hrige Jubil√§um des Aachener Karlsschreines gefeiert werden. Seine Fertigstellung erfolgte unter dem Stauferk√∂nig Friedrich II. Am 25. Juli 1215, dem St. Jakobustag, wurde Friedrich II. in der Pfalzkirche Karls des Gro√üen, dem heutigen Aachner Dom, zum K√∂nig des Heiligen R√∂mischen Reiches gekr√∂nt. Zwei Tage sp√§ter, am 27. Juli 1215, vollendete er mit dem Hammerschlag jenen Schrein, der fortan die sterblichen √úberreste des gro√üen Frankenherrschers bergen sollte. Der Aachener Karlsschrein ist zweifellos der bedeutendste Herrscherschrein des christlichen Abendlandes. Denn in ihm ruhen die Gebeine des Begr√ľnders des abendl√§ndischen (christlichen) Kaisertums.

Heiligsprechung und Heiligenkult

Die Entstehung des Aachener Karlsschreines steht in einem engen Zuzammenhang mit der Heiligsprechung Karls des Gro√üen, die Kaiser Friedrich I. Barbarossa 500 Jahre vor der Fertigstellung des kostbaren Schreines veranla√üt hatte. Die Kanonisation war ‚Äď wie √ľbrigens auch die √úberf√ľhrung der sogenannten (!) ‚Äěheiligen drei K√∂nige‚Äú aus Mailand nach K√∂ln ‚Äď ein Ausdruck f√ľr die staufische Kaiseridee. Diese muss im historischen Kontext des Konfliktes zwischen Papst und Kaiser im Mittelalter gesehen werden, der gerade in der Stauferzeit seinen H√∂hepunkte erlangt hat. Bereits wenige Jahrzehnte nach der Kanonisation, also noch in der zweiten H√§lfe des 12. Jahrhunderts, bildete sich eine eigene Karlsliturgie heraus.

In der Weihnachtsoktav am 29. Dezember 1165

Am 29. Dezember 1165, also in der Weihnachtsoktav und am Festtag des biblischen K√∂nigs David, des Gesalbten des Herrn und Stammvaters Christi, in dessen Nachfolge Karl sich sah, hatte Friedrich I. Barbarossa sein gro√ües Vorbild, Karl den Gro√üen, in dessen Aachener Pfalzkirche heiligsprechen lassen. Eine detaillierte Beschreibung des Vorgangs gibt es nicht. Die einzige schriftlich erhaltene Quelle f√ľr die Kanonisation Karls des Gro√üen ist ein als ¬†‚ÄěBarbarossa-Urkunde‚Äú bekanntes Dokument. Dieses geht auf die Zeremonie nicht n√§her ein. Die Urkunde erw√§hnt die Erhebung der Gebeine Karls des Gro√üen auf Veranlassung Friedrichs I. sowie die Kanonisation des Frankenherrschers.¬†Die Stadt Aachen steht ¬†dabei ebenfalls im Fokus. Es wird an den antiken Ursprung der Stadt erinnert (Granuslegende), auf die Gr√ľndung Aachens als Sitz und Haupt des Reiches durch Karl den Gro√üen hingewiesen, die Auszeichung der Stadt durch die Grablege des Kaisers in der Pfalzkapelle hervorgehoben, die Bedeutung Aachens als Kr√∂nungsort betont und die besondere Rechtsfreiheit der Aachener B√ľrger unterstrichen. Aachen wird zudem als Haupt Frankreichs (caput Gallie) und Deutschlands (caput regni Theutonici) gepriesen. Friedrich I. bezweckte mit der Kanonisation Karls des Gro√üen unter anderem den Aufstieg Aachens zur sakralen Hauptstadt des Reiches¬†(sacra civitas), da deren Pfalzkapelle, in der sich das Grab des Kaisers und dessen Thron befinden, die erste Kirche des Reiches ist.

Die Heiligsprechung Karls des Großen im Auftrag eines Gegenpapstes

Zum Zeitpunkt der Heiligsprechung Karls des Gro√üen unter Friedrich I. Barbarossa befand sich die Kirche in einem Schisma. Es war der schismatische Papst Paschalis III., der den Auftrag zur Kanonisation erteilt hatte. Davon berichtet Friedrich I. in der genannten ‚ÄěBarbarossa-Urkunde‚Äú: ‚ÄěBestimmt durch die ruhmreichen Taten und Verdienste des allerheiligsten Kaisers Karl haben wir auf inst√§ndiges Bitten unseres lieben Freundes, des K√∂nigs Heinrich von England, und mit Zustimmung und kraft der Autorit√§t des Papstes Paschalis die Auffindung, Erhebung und Heiligsprechung von Karls Gebeinen vorgenommen‚Äú¬† (√úbersetzung¬†in: Max Kerner, Karl der Gro√üe. Leben und Mythos, K√∂ln 2000, 105). Mit der Kanonisation Karls des Gro√üen beauftragt waren der Erzbischof von K√∂ln, Rainald von Dassel, und der Bischof von L√ľttich, Alexander, in dessen Di√∂zese damals Aachen lag; L√ľttich war ein Suffragenbistum des Erzbistums K√∂ln. Durch ein Kommissionsdekret Papst Paschalis¬ī III., mit dem er Friedrich I. bzw. seinem Kanzler und dem Bischof von L√ľttich den Auftrag (Lat.:¬†commissio) zur Kanonisation erteilt hatte, war die Heiligsprechung¬† zwar formgerecht, weil sie den damals geltenden kanonischen Bestimmungen bei Kanonisationsakten entsprach, doch handelte es bei der Kanonisation um einen ung√ľltigen Rechtsakt, da der Auftrag zur Heiligsprechung von einem Papst erteilt worden war, der nicht √ľber die petrinische Vollmacht dazu verf√ľgte.

Kirchliche Duldung der Heiligsprechung Karls des Großen

Neben diesem kirchenrechtlichen Aspekt stellt sich gerade dem heutigen Menschen die Frage, ob denn der Lebenswandel Kaiser Karls des Großen so heiligmäßig gewesen ist, dass er zu den Ehren der Altäre erhoben werden konnte. Wenn man auch Karl dem Großen in einigen Punkten seines Handelns, in dem er Kind seiner Zeit gewesen ist, einen Vorwurf machen kann, so gilt es doch zugleich im Auge zu behalten, dass Heilige keine vollkommenen, makellosen Menschen sind: König David war der Stammvater Jesu, obwohl er Ehebrecher und Mörder gewesen ist; Petrus verleugnete Jesus dreimal und wurde dennoch der erste Papst und Stellvertreter Christi auf Erden; Paulus entwickelte sich vom fanatischen Christenverfolger zum eifrigen Völkerapostel etc.

Die Schattenseiten Karls des Gro√üen d√ľrfen den Blick f√ľr seine gro√üartigen Leistungen nicht verstellen: seinen unerm√ľdlichen Einsatz f√ľr die Verk√ľndigung des Evangeliums, die Ausbreitung des Christentums, den Aufbau der Kirche, die Ordnung der Liturgie, seine tiefe Fr√∂mmigkeit. Au√üerdem hat er f√ľr die abendl√§ndische Kultur Entscheidendes gewirkt: Er sammelte an seinem Aachener Hof die bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit, f√∂rderte die Wissenschaften, erneuerte das Schulwesen, setzte eine gerechte Gesetzgebung durch, sorgte sich um die Bildung der Kleriker und pflegte die Armenf√ľrsorge. In der ‚ÄěBarbarossa-Urkunde‚Äú vom 8. Januar 1166 wird Karl als ‚Äěstarker K√§mpfer und wahrer Apostel‚Äú bezeichnet, ja wegen seiner t√§glichen Bereitschaft, bei der Bekehrung der Ungl√§ubigen zu sterben, sei er als M√§rtyrer anzusehen, als wahrer Bekenner, der im Himmel f√ľr seine Lebensleistung gekr√∂nt wurde.

Wegen der schon vor der Kanonisation nachweislichen Verehrung Karls des Gro√üen und nicht zuletzt im Hinblick auf den nach der Kanonisation entfalteten liturgischen Karlskult, der √ľber Jahrhundete bis heute andauert, sah sich Rom veranla√üt, die Heiligsprechung Karls des Gro√üen nachtr√§glich zu gestatten.

Die kultische Verehrung des Frankenherrschers ist besonders in Aachen, Frankfurt und Osnabr√ľck Tradition,¬†aber auch in der Schweiz, in Italien, in Tschechien, in Spanien und in Frankreich verbreitet. Das Karlsoffizium und die Karlsmesse sowie die Aachener Karlssequenz ‚ÄěUrbs Aquenis, Urbs Regalis‚Äú bilden den Kern der Karlsliturgie. Der liturgische Festtag ist zugleich der Sterbetag Karls des Gro√üen: der 28. Januar.¬†Karl starb an diesem Tag im Jahre 814 im Alter von 66 Jahren. Seine Gebeine ruhen seitdem im heutigen Aachener Dom, der einstigen Pfalzkapelle. In Karl dem Gro√üen k√∂nnen wir ‚Äěeinen Gl√§ubigen sehen ‚Ķ, der seinen Glauben ernsthaft in sein¬†politisches Amt hineingenommen hat, wenn er sich in seinem Leben auch als s√ľndigen Menschen wu√üte. Was Karl¬†der Gro√üe f√ľr sein Volk, f√ľr das Reich, f√ľr Europa getan hat, ist uns Ansporn und Vorbild f√ľr unsere heutige Verantwortung, Christus nichts vorzuziehen‚Äú, sagte Erzbischof Jean-Claude P√©risset am 28. Januar 2013 ‚Äď damals noch im Amt des Apostolischen Nuntius in Deutschland ‚Äď im Kaiserdom zu Frankfurt anl√§sslich eines Pontifikalamtes zu Ehren des heiligen Karls des Gro√üen.

Foto: Karl der Gro√üe (nach Albrecht D√ľrer) . Bildquelle: Kathnews

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