Er führt uns zur „Weide des ewigen Lebens“

Gedanken zum Tagesgebet (Collecta) des 4. Sonntages der Osterzeit, des "Sonntages vom guten Hirten". Von Gero P. Weishaupt.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 2. Mai 2020 um 11:36 Uhr

Der 4. Sonntag der Osterzeit ist in der sogenannten ordentlichen Form des Römischen Ritus der „Sonntag des guten Hirten“. An ihm werden in allen drei Lesejahren Perikopen aus der Hirtenrede Jesu im 10. Kapitel des Johannesevangeliums vorgetragen. In der überlieferten klassischen Form des Römischen Ritus wurde dieser Sonntag bereits am letzten Sonntag begangen, dem „2. Sonntag nach Ostern“, wie er in der klassischen Form genannt wird. Die neue Form des Römischen Ritus versteht die Sonntage zwischen Ostern und Pfingsten als Fortsetzung des Ostersonntages.

So ist auch der „Sonntag des guten Hirten“ – wie eigentlich jeder Sonntag und jedes Fest im Laufe des Kirchenjahres – eine Entfaltung des Geheimnisses von Kreuz und Auferstehung. Das kommt in der lateinischen Version des heutigen Tagesgebetes (Collecta) insbesondere durch das Wort fortitudo (Tapferkeit) zum Ausdruck.

„Omnipotens sempiterne Deus, deduc nos ad societatem caelestium gaudiorum, ut eo perveniat humilitas gregis, quo processit fortitudo pastoris.“

In der amtlichen deutschen Übersetzung des Messbuches wird die fortitudo (Tapferkeit) mit dem Adjektiv „siegreich“, das syntaktisch im Satz die Funktion eines Adverbs einnimmt, nicht zutreffend übersetzt:

„Allmächtiger, ewiger Gott, dein Sohn ist der Kirche siegreich vorausgegangen als der Gute Hirt. Geleite auch die Herde, für die er sein Leben dahingab, aus aller Not zu ewigen Freude.“

Im lateinischen Original ist eine „Tapferkeit“ gemeint, die – ganz im Sinne der Definition des Heiligen Thomas von Aquin – den Geist des Menschen vor den größten  Gefahren stärkt. Diese Gefahren sind die des Todes (Sth 2/2 q 123 a 5 cp). Der gute Hirte läuft nicht vor der Gefahr der den Tod bringenden Sünde weg,  er weicht dem auf die Herde herfallenden Wolf nicht aus, sondern nimmt stellvertretend für die Menschen – die Schafe – durch sein Sühneopfer am Kreuz die Sünden der Menschen auf sich. Am Kreuz gibt Christus, der gute Hirte, sein Leben für die Schafe. Dank seiner in der Einheit von Gottheit und Menschheit wurzelnden Stärke (fortitudo) ist der auferstandene Herr seinen Schafen, die durch die Sünde auf dem Boden daniederlagen (humilitas) als der gute Hirte vorausgegangen (processit), indem er das Kreuz nicht gescheut, sondern es auf sich genommen hat.

Die Kirche bittet am heutigen 4. Sonntag der Osterzeit, dass Gott uns mit dem Auferstandenen hinführt (deduc) in die societas caelestium gaudiorum, die Gemeinschaft derer, die an den himmlischen Freuden teilhaben, die Engeln und Heiligen. Denn dank Kreuz und Auferstehung ist uns der Zugang zur himmlischen Weide geöffnet. Christus, der gute Hirte, führt uns dorthin.

Das österliche Geheimnis von Kreuz und Auferstehung und die Hinführung zu den österlichen Freuden des Himmels durch den, der als der gute Hirte in Tod und Auferstehung seiner Herde vorausgegangen ist, klingt an diesem Sonntag noch einmal an in der Postcommunio, dem Schluss- oder Dankgebet der heiligen Messe nach der Kommunion:

„Gregem tuum, Pastor bone, placatus intende, et oves, quas pretioso Filii tui sanguine redemisti, in aeternis pascuis collocare digneris.“

„Gott, Du Hirt deins Volkes, sieh voll Huld auf deine Herde, die durch das kostbare Blut deines Sohnes erkauft ist. Bleibt bei ihr und führ sie auf die Weide des ewigen Lebens.“ (Deutsches Messbuch)

Im Altarssakrament, der sakramentalen Vergegenwärtigung seines Sühneopfers am Kreuz, hat der gute Hirte durch sein kostbares Blut die Gläubigen „erkauft“. In der Feier der heiligen Eucharistie vollzieht sich die Hingabe des guten Hirten für uns, seine Schafe. Denn im Sakrament des Altares bleibt Christus als der gute Hirte unter uns und führt uns zu den aeterna pasca, „zur Weide des ewigen Lebens“.

Foto: Logo – Institut vom Guten Hirten – Bildquelle: Institut vom guten Hirten