Entweltlichung auch im Umgang mit den Medien

Ein Kommentar von Mag. theol. Michael Gurtner.
Erstellt von Mag. Michael Gurtner am 23. April 2012 um 19:34 Uhr
Petersdom

Es mutet mitunter wirklich seltsam an, welch große Schwierigkeiten der Begriff „Entweltlichung“ manchen doch zu bereiten scheint. Und nur die wenigsten lassen erkennen verstanden zu haben, daß es bei diesem Begriff weder um oberflĂ€chliche Kosmetik geht noch daß dieser SekundĂ€re verteufelt (der Papst weiß sehr wohl daß es secundĂ€rer Mittel bedarf um das PrimĂ€rgut des Glaubens effizient vermitteln zu können), sondern daß es im Letzten um eine Grundhaltung zu den Dingen geht, um eine dem Glauben gemĂ€ĂŸe Reihung der Dinge. Denn nur recht gereiht können sie die ihnen je zukommende Aufgabe recht erfĂŒllen. Oberstes Ziel ist die Glaubensvermittlung und die Gottesverehrung – alles andere, secundĂ€re, hat dann und nur dann seine Berechtigung, wenn es der eigentlichen Sendung der Kirche zuarbeitet. Es geht dabei sicherlich auch um die Frage nach innerkirchlichen Gremialstrukturen und Finanzierungsmodellen – aber nicht nur. Ein Bereich, der meist beiseite gelassen wird, ist der Bereich des rechten Umgangs mit den Medien. Auch dieser Bereich ist betroffen, wenn wir von „Entweltlichung“ sprechen.

Viele Medien sind sÀkular oder gar kirchenfeindlich

Viele der heutigen Medien sind der Kirche gegenĂŒber, und noch mehr der katholischen Lehre, feindlich eingestellt. Zahlreiche Meldungen werden stark gefĂ€rbt, unvollstĂ€ndig oder schlichtweg falsch wiedergegeben. Dies zeigt sich in Art, Inhalt und Wortwahl der Berichterstattung. Es gibt in der heutigen sĂ€kularisierten Gesellschaft zahlreiche Dogmen, und nur wer diese Dogmen teilt wird gesellschaftlich akzeptiert. Diese Gesellschaftsdogmen betreffen, um nur einige zu nennen, eine bestimmte Haltung in der Sexualmoral, eine bestimmte Einstellung zu HomosexualitĂ€t, Abtreibung und VerhĂŒtung, es wird ein bestimmter, rein subjektivistischer Freiheitsbegriff abverlangt, die gesellschaftliche Sozialstruktur muß ĂŒbernommen werden, Demokratie gilt als das Grundgesetz schlechthin und wird deshalb auch von der Kirche erwartet usw.

Die meisten dieser gesellschaftlichen Dogmen, welche sich vollkommen von Gott und seiner Offenbarung losgesagt haben, sind der kirchlichen Lehre diametral entgegengesetzt. Die Überzeugung der Kirche beruht auf der Offenbarung, der Heiligen Schrift, der Tradition und dem durch den Heiligen Geist gefĂŒhrten Lehramt. All diese Erkenntnisquellen sind staatlicherseits und gesellschaftlicherseits nicht mehr anerkannt, ja meist gar dezidiert abgelehnt. Weshalb es dazu kam und welche Rolle auch die Kirche selbst an dieser dramatischen Entwicklung hatte muß uns an dieser Stelle nicht beschĂ€ftigen, hier geht es rein um die Feststellung von Tatsachen, nicht um deren Genese.

Wir befinden uns mitten in einem neuen Kulturkampf

Im Grunde genommen ist die Situation, welcher wir uns heute ausgesetzt sehen, sehr Ă€hnlich jener der Zeit des sogenannten Kulturkampfes, als Papst Pius IX und Reichskanzler Otto von Bismarck in ideologischem und weltanschaulichen Kampf miteinander lagen. Zugleich sind allerdings im katholischen Bereich neo-biedermeierliche Tendenzen zu beobachten, welche dem Kulturkampf vorangegangen waren und von einem –mitunter auch resignierten- RĂŒckzug ins Private gekennzeichnet waren. Dieses biedermeierliche Gehabe ist liberalen KrĂ€ften jedoch nicht ganz unrecht (gewesen), denn es geht im Kulturkampf letztlich darum, daß die Kirche keinen öffentlichen Einfluß ausĂŒben soll und die Gesellschaft nicht prĂ€gen darf.

Aus diesem Grund war es auch eine Taktik des Kommunismus, die Kirche an den Rand der Gesellschaft zu drĂ€ngen, sie als schĂ€dlich und dem Fortschritt feindlich darzustellen und ihren Einfluß soweit als geht zu schmĂ€lern, auch durch Gesetzgebung. In dieser Taktik, wenngleich mit anderen Mitteln, traf sich der Kommunismus auch mit dem Nationalsozialismus. Zahlreiche einstige Ziele des Kulturkampfes gelten mittlerweile auch in der Kirche als eine SelbstverstĂ€ndlichkeit, andere Ziele werden derzeit neu aufgelegt. Man ist dabei, die Kirche aktiv in ihrem Einfluß zu beschneiden und nĂŒtzt die (sicher teils selbst mitverschuldete) SchwĂ€che der Kirche aus, um alte liberale Ziele durchzusetzen. Dabei kann man sich ironischer weise sogar auf manche kirchliche Aussagen stĂŒtzen, etwa auf eine Selbstsicht der Kirche in ihrem VerhĂ€ltnis zum Staat.

Diesmal gehen die Ziele des Kulturkampfes jedoch noch weiter: forderte man einst die Zivilehe (wogegen die Kirche sich massiv wehrte), so ist es jetzt beispielsweise die sogenannte Homoehe und die Homoadoption, ebenso die Abtreibung als „Menschenrecht“ und weitere Forderungen. Und wieder möchte man kĂ€mpferisch, nicht zuletzt auch ĂŒber die Medien, auf die Kirche Druck ausĂŒben und diese in ihrem Widerstand abschwĂ€chen, indem man sie an den Rand zu drĂ€ngen versucht. Mit Papst Leo XIII können wir auch heute ebenso gĂŒltig sagen: es ist ein „Kampf, welcher die Kirche schĂ€digte und dem Staat nichts nĂŒtzte“, wie er diesen bei der offiziellen Beilegung des Kulturkampfes am 23. Mai 1887 rĂŒckblickend beschrieb.

Heute jedoch vermißt man weitgehend den Widerstand gegen die liberalen Tendenzen seitens der Katholiken, und auch die katholischen intellektuellen scheinen sich vorwiegend biedermeierliche ZurĂŒckgezogenheit zu wĂ€hlen. Und sogar im Klerus selbst finden sich zahlreiche AnhĂ€nger der liberalen Ideen, welche sie nicht nur im Staat, sondern auch in der Kirche gerne umgesetzt sehen wĂŒrden, etwa was die Einstellung zu Themen wie HomosexualitĂ€t oder Ehescheidung anbelangt.

Die Kirche lĂ€ĂŸt sich mitunter zu sehr von den Medien steuern

All diese liberalen Ideen werden heute vornehmlich ĂŒber die Massenmedien verbreitet. Ein stĂ€ndiges Wiederholen der liberalen Konzepte soll selbige salonfĂ€hig machen und als allgemeingĂŒltigen gesellschaftlichen Standard darstellen. Die meisten Medien der heutigen Zeit haben Gott aus ihrem Horizont verloren, und sind in diesem Sinne wahrhaft gottlos geworden.

Da deren Weltbild dem der Kirche entgegengesetzt ist, ist die Kirche zu einer Art Feindbild geworden. Sie vertritt nĂ€mlich genau das, was man heute nach allgemeiner gesellschaftlicher Doktrin nicht mehr vertreten dĂŒrfe, sie sagt etwas das eigentlich nicht mehr sein darf, ginge es nach den Vorstellungen der liberalen KrĂ€fte. Deshalb muß die Kirche vor eine Wahl gestellt werden: entweder paßt sie sich den liberalen Gesellschaftsdoktrinen an, oder sie muß geschwĂ€cht, ja gar bekĂ€mpft werden.

Dieser Kampf besteht darin, die Kirche möglichst dĂŒster darzustellen, Stimmung gegen sie zu machen und sie ins gesellschaftliche Abseits zu stellen. Wer als Bischof oder Pfarrer gegen den allgemeinen gesellschaftlichen mainstream schwimmt, wird vor die Medien gezerrt und verbal verprĂŒgelt, teils auch durch Falschdarstellung und Verleumdung, um ihn fĂŒr weitere Aufgaben „umstritten“ zu machen. Um nicht selbst in diese MĂŒhlen zu kommen, gibt es nur eine Möglichkeit: nicht negativ auffallen und ja keine klaren Aussagen treffen, welche der allgemeinen Medienmeinung entgegensteht.

Indem viele Hirten, um sich und vielleicht auch andere vor diesen medialen PrĂŒgeln zu schĂŒtzen, sich diesem Druck beugen, geben sie den Medien einen gewissen Einfluß auf die Kirche. Und wer nicht nur nicht negativ auffĂ€llt, sondern gar (aus medialer Sicht) positiv, indem er selbst gegen die Kirche initiativ wird (Kirchenvolksbegehren, Pfarrerinitiative etc), der kann sich sogar der medialen Gunst erfreuen und man wird sorgen, daß seine Beliebtheitswerte nach oben schnellen.

Es brĂ€uchte wieder mehr Hirten, Bischöfe wie Priester, welche sich nicht in dem was sie sagen und machen von den Medien und der allgemeinen Meinung beeinflussen lassen. Freilich soll sich die Kirche nicht bewußt unbeliebt machen. Aber wenn sie sich entscheiden muß zwischen Beliebtheit und Wahrheit, so hat sie die Wahrheit zu wĂ€hlen.

Entweltlichung auch im Medienbereich

HĂ€lt man sich die verschiedenen Aussagen vor Augen, welche der Heilige Vater bei mehrfachen Gelegenheiten ĂŒber die geistlichen AmtstrĂ€ger getĂ€tigt hat, so erkennt der wache Geist schnell, daß sich die berĂŒhmte Forderung nach „Entweltlichung“ auch auf den Umgang mit den Medien beziehen und konkrete Änderungen zeigen muß. Derzeit ist es nĂ€mlich nicht selten so, daß man sich nicht traut der öffentlichen Meinung mutig entgegenzutreten – und gerade den Mut hat Papst Benedikt als eine der allerwichtigsten Eigenschaften hervorgehoben, welche ein Bischof aufweisen muß. Es darf nicht darum gehen, in der öffentlichen Meinung gut anzukommen oder zumindest nicht geprĂŒgelt zu werden. „Ruhe ist nicht die erste BĂŒrgerpflicht, und ein Bischof, dem es nur darauf ankĂ€me, keinen Ärger zu haben und möglichst alle Konflikte zu ĂŒbertĂŒnchen, ist fĂŒr mich eine abschreckende Vision“ sagte der Papst einmal.

Theologen, besonders den geweihten Theologen, mĂŒĂŸte es wieder vermehrt um das Seelenheil der Menschen, um die Ehre Gottes und die Wahrheit gehen. Das kann mit sich bringen, medial auf einen großen Scheiterhaufen zu landen, unbeliebt zu sein und sogar verleumdet zu werden. Aber die weltlichen MaßstĂ€be dĂŒrfen hier nicht die PrioritĂ€t haben, der Priester ist nicht der Politiker der Wahlen gewinnen muß, sondern der Hirte der Seelen zu gewinnen hat. Dazu ist er berufen, gesandt, geweiht.

Derzeit steuert beinahe alles darauf zu, daß sich die Kirche in den deutschsprachigen LĂ€ndern durch die oben skizzierte Dynamik massiv beeinflussen und steuern lĂ€ĂŸt. Man sagt und tut vielfach das, was die Masse von einem erwartet – oder was manche Medien fĂŒr die Erwartung der Masse ausgeben. Die Kirche wird aktiv zur Selbstaufgabe gezwungen, indem sie mit dicken Schlagzeilen zu rechnen hat sobald sie ihre ureigenen Positionen bezieht. Oft wird sogar bei relativ allgemein gehaltenen Stellungnahmen mit einer Aneinanderreihung von negativen Superlativen reagiert: wie schnell fĂŒhlen sich manche doch heute „verachtet, ausgestoßen, verhöhnt, verspottet, gedemĂŒtigt“ usw.

Wird einem Priester dies vorgeworfen, so ungerechtfertigt dies mitunter auch sein mag, kann es sein, daß ihm von seinen Oberen ernste Konsequenzen angedroht werden, wĂ€hrend es ungestraft bleibt, gegen die Kirche Machenschaften zu betreiben und die Lehre der Kirche völlig zu entstellen. Wer heute die Lehre der Kirche vollumfĂ€nglich verkĂŒndet und die Disziplin der Kirche zur Anwendung bringt muß damit rechnen, mit medialen VorwĂŒrfen ĂŒberhĂ€uft zu werden und so als „umstritten“ zu gelten. Dies wird teils gezielt und bewußt eingesetzt, um Geistliche, welche der Kirche und ihrer Lehre treu ergeben sind, vielleicht noch ultramontan nach Rom gewandt, in den hinteren Bergdörfern verschwinden zu lassen. Doch genau jene Priester, welche mutig das Lehre der Kirche verkĂŒnden und das Kirchenrecht anwenden mĂŒĂŸte man eigentlich fördern, denn nur wenn in den „oberen RĂ€ngen“ mutige Leute mit den rechten Einstellungen sitzen, werden auch die Priester in der Pfarreiarbeit gestĂŒtzt und in ihrer VerkĂŒndigung gestĂ€rkt.

SĂ€mtliche Apostel, sĂ€mtliche PĂ€pste des letzten Jahrhunderts, zahllose Heilige wĂŒrden heute wohl in manchen  BistĂŒmern als Vizekaplan des hintersten Bergdorfes landen, damit sie nur ja mit der kirchlichen Lehre die Ruhe nicht stören, die nach weltlich-politischer Manier zumindest fĂŒr die eigene Fraktion immer so eifrig gesucht wird. Wir brauchen wieder vermehrt Theologen und auch Laien, welche sich aus ihrer biedermeierlichen ZurĂŒckgezogenheit verabschieden und selbst dann nicht knicken, wenn ihnen alles mögliche vorgeworfen wird, sie an den medialen Pranger kommen und sie unbeliebt werden. Sie mĂŒssen sich auch hier – entweltlichen. Schließen wollen wir an dieser Stelle mit einem Zitat Seiner Heiligkeit, welche er anlĂ€ĂŸlich einer Bischofsweihe den Weihekandidaten mit in ihr hohepriesterliches Amt gegeben hat, und auch fĂŒr alle Priester gilt: „Der Hirte darf kein Schilfrohr sein, das sich mit dem Winde dreht, kein Diener des Zeitgeistes. Die Unerschrockenheit, der Mut zum Widerspruch gegen die Strömungen des Augenblicks gehört wesentlich zum Auftrag des Hirten“.

Foto: Basilika Sankt Peter – Bildquelle: M. BĂŒrger, kathnews