Eine Chronologie des Grotesken und der Zuspitzung und eine großzügige Chance ganz im Einklang mit Summorum Pontificum

Ein Beitrag von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 20. Juli 2020 um 00:33 Uhr
Alte Messe - Manipel

Imsterberg (kathnews). Tirol ist für seinen kämpferischen Widerstandsgeist bekannt. Die Gestalt Andreas Hofers steht dafür exemplarisch und doch nur stellvertretend, denn die Entschiedenheit der Überzeugung und die Entschlossenheit, dafür einzustehen, bilden ein charakteristisches Merkmal der Mentalität des Tirolers an sich.

Dass das auch Konfliktpotential von Tirolern untereinander zum Brodeln bringen kann, sobald diese sich mit verschiedenen Standpunkten gegenüberstehen, konnte man jüngst der Innsbrucker Lokalpresse lebhaft entnehmen, siehe auch folgender Link und hier sowie bisher zuletzt der Artikel der Tiroler Tageszeitung. Spätestens jetzt erahnt man, dass die Auseinandersetzung einen kirchlichen Bezug oder Anlass gehabt haben musste. Deshalb berichteten sogar die Vatican News von einem weltabgeschiedenen Bergdorf, dessen Bauern dennoch und erst recht so gerne mit der Zeit gehen und fortschrittlich sein wollen.

Es geht um die kleine Gemeinde Imsterberg im Tiroler Oberland und ihren bisherigen Pfarrprovisor Stephan Müller. Dieser hatte in den vergangenen zwei Jahrzehnten in immer steigenderem und ausschließlicherem Maße die Tradition der katholischen Kirche für sich entdeckt, was besonders im Bereich der Liturgie immer augenfälliger wurde. Dafür bekam Müller durchaus Zuspruch und entwickelte eine große Strahlkraft, die von weither Messbesucher anzog. Nicht nur aus Nord-, sondern auch aus Südtirol, selbst aus Süddeutschland und der Schweiz.

Die Pfarrkirche Maria Sieben Schmerzen, zu der einst eine Wallfahrt bestanden hatte, wurde mehr und mehr wieder zu einem Publikumsmagneten. Die Sache hatte nur einen Haken: Unter den Dorfbewohnern, den tatsächlichen Pfarrangehörigen von Imsterberg, stieß Müller mit seinem traditionsbewussten Seelsorgs- und Zelebrationsstil auf weniger Gegenliebe, stattdessen auf zunehmenden Widerstand. Freilich ist bei näherem Hinsehen unverkennbar, dass eine relativ kleine Gruppe rund um Bürgermeister Alois Thurner im Fokus der Rivalität stand und diese bewusst anstachelte und am Gären hielt, wozu man, wie wir gesehen haben, auch die Berichterstattung der Tiroler Tageszeitung gekonnt einzusetzen wusste, deren kirchenpolitisch progressive Positionierung schon seit den Tagen des KirchenVolksBegehrens freilich keine Überraschung mehr ist. Allerdings zeigten in Imsterberg beide Seiten häufig Schwächen in der Kommunikation, wenn nicht gar eine grundsätzlich mangelnde Gesprächsbereitschaft und manche zwischenmenschliche Ungeschicklichkeit oder direkt absichtliche Provokation.

Chancen nicht erkannt

Dass wir uns nicht im geschäftstüchtigen und tourismusverwöhnten Zillertal befinden, kann man unschwer daran erkennen, dass die Ortsgemeinde den Zustrom von Auswärtigen nicht kommerziell zu nutzen wusste. Dabei frequentierten diese, wenn sie zu Pfarrer Müller pilgerten, anschließend natürlich auch die Gasthäuser. Imsterberg mag zwar malerisch gelegen sein, außer der Kirche besitzt die knapp 800 Seelen zählende Gemeinde freilich keinerlei nennenswerte Sehenswürdigkeit oder sonstige Attraktionen.

Ein zugegebenermaßen streitbarer Dorfpfarrer, der die tridentinische Messe liest, war ein Alleinstellungsmerkmal, um das man sich jetzt gebracht hat, und auch das Interesse der Medien wird bald wieder abgeflaut sein, wenn in Imsterberg wie fast überall ein Volksaltar steht, die Messe in deutscher Sprache und angetan mit Mantelalben von edelster Schlichtheit gefeiert wird, während LektorInnen und KommunionhelferInnen geschäftig zu Ambo und Hostienschale eilen oder überhaupt gleich Wort-Gottes-Feiern halten, weil vor Ort maximal noch ein Ständiger Diakon zur Verfügung steht. Man darf gespannt sein, ob die Dorfoberhäupter, die sich jetzt gegen Pfarrer Müller und genaugenommen auch gegen Bischof Hermann Glettler durchgesetzt haben, in dieser neuen Ära plötzlich und unerwartet zu den eifrigsten Kirchgängern der Pfarrgemeinde mutieren.

Missverständnis und Vereinnahmung Benedikts XVI. seitens des Pfarrers

Betrachtet man die Entwicklung nochmals in der Rückschau, so war zunächst der Volksaltar der Stein des Anstoßes und auch zuletzt entzündete sich an ihm der Konflikt. Pfarrer Müller hatte ihn längst aus dem Presbyterium entfernt und das Speisgitter rekonstruiert, als er mit dem Motuproprio Summorum Pontificum den entscheidenden Impuls erhielt, zwar schrittweise, aber zunehmend ausschließlich die überlieferter heilige Messe zu feiern.  An diesem Punkt muss man einräumen, dass damit eine objektive Überinterpretation von Summorum Pontificum und der damit verfolgten Absichten Papst Benedikts XVI. gegeben war. Denn obwohl das Motuproprio die Schaffung von rein altrituellen Personalpfarren als Möglichkeit in das Ermessen des Bischofs stellt, sieht es keineswegs vor, dass der Pfarrer einer diözesanen Territorialpfarrei diese faktisch auf alleinige Eigeninitiative hin völlig wieder auf tridentinisch umstellt.

Summorum Pontificum besagt nun durchaus, dass auch in den Pfarrkirchen der Bistümer sonn- und feiertags eine Messe nach dem Missale von 1962 gefeiert werden kann, daraus folgt aber, dass alle anderen Eucharistiefeiern nach dem Messbuch Pauls VI. zu feiern sind. Dafür freilich ist kein Volksaltar zwingend vorgeschrieben, aber wenn sich erst einmal an seinem Fehlen oder Verschwinden eine solche Emotionalität entladen hat wie in Imsterberg, wo die Freunde des freistehenden Zelebationsaltars diesen in urlaubsbedingter Abwesenheit von Pfarrer Stephan Müller widerrechtlich und eigenmächtig in die Kirche schafften und aufstellen, woraufhin dieser ihn von seien tatkräftigen Getreuen wieder abtransportieren und außer Reichweite bringen ließ, ist es jetzt wohl unausweichlich, dass die Aushilfsgeistlichen, die fortan in Imsterberg zelebrieren, dies mit Volksaltar tun, wie es einigermaßen unbeholfen und mit kirchlichem Sprachgebrauch offensichtlich wenig vertraut, auf der Homepage der bürgerlichen Gemeinde verlautbart wird.

Es ist nicht bekannt, ob in Imsterberg eine Laienspielgruppe besteht, aber im realen Leben wurde man Zeuge von Vorgängen, bei denen man unwillkürlich denkt, man habe eine vor Tiroler Kulisse versetzte Episode aus Don Camillo und Peppone vor sich, in deren Verlauf beide Kontrahenten immer wieder nicht ganz ernstgenommen werden können. Doch es handelte sich nicht um einen Bauernschwank auf der Bühne eines Mundarttheaters. Deswegen ist die Angelegenheit sehr ernst und das Scheitern der vermittelnden Versuche Bischof Glettlers überaus bedauerlich.

Vorbildlicher Lösungsansatz ganz im Geiste von Summorum Pontificum

Wenig in ihrer Tragweite beachtet wurde bisher die Entscheidung des Oberhirten, den Priester Stephan Müller nicht in Frühpension zu schicken, sondern ihn – in geradezu vorbildlichem Einklang mit Summorum Pontificum – zu einer Art „Diözesanbeauftragten für die außerordentliche Form des Römischen Ritus“ zu ernennen und ihm eine Kirche zuzuweisen, wo er ausschließlich solche Messen feiern kann und sogar soll und wo Gläubige, die daran teilnehmen wollen, die überlieferte Liturgie mitfeiern können.

Wenn dazu eine zentral gelegene und auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbare Kirche ausgewählt wird, ist dies eine beinahe unglaublich großzügige und konstruktive Chance, die hoffentlich nicht ungenutzt bleibt. Dann hat sie das Potential, die Stagnation zu überwinden, gegen die die Patres der Petrusbruderschaft gerade in Innsbruck immer und überall anzukämpfen hatten, seit sie seit mehr als vierzehn Jahren im Auftrag der Diözese Innsbruck die lateinische Messe im tridentinischen Ritus in der Tiroler Landeshauptstadt feiern. Vielleicht wäre die Priesterbruderschaft St. Petrus, deren Priester immer von auswärts anreisen müssen, sogar insgeheim erleichtert, wenn ihre Zuständigkeit und Verantwortung für Innsbruck im Zuge der Neuregelung der Aufgaben von Pfarrer Müller entfallen würde.

Damit das neue Projekt gelingen kann, setzt es freilich auch aufseiten Müllers und der Gläubigen, die mit ihm als Seelsorger Summorum Pontificum gern in Anspruch nehmen wollen, eine Aufgeschlossenheit voraus, statt einer intuitiven Abwehrhaltung, weil die Diözese Innsbruck angeblich der Tradition gegenüber ja ohnehin ablehnend oder gar feindselig eingestellt sei. Dass das in dieser Form auf die Diözese und insbesondere auf ihren Bischof Hermann Glettler nicht zutrifft, zeigt das großzügige Angebot für die Zukunft, das, vorausgesetzt, dass Müller seine neue Funktion nicht wieder an einem so abgeschiedenen Ort wie bisher erfüllen soll, beinahe schon das Optimum dessen ausschöpft, was Benedikt XVI. in Summorum Pontificum vorgesehen hat.

Foto: Alte Messe (Manipel)  – Bildquelle: Berthold Strutz