Ein Schatz in zerbrechlichen Tongefäßen

Die Autobiographie des Erzbischofs Fulton Sheen ist in deutscher Sprache erschienen. Eine Buchrezension von Margarete Strauss.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 27. April 2021 um 10:04 Uhr

Es ist eine große Herausforderung, die eigene Biographie niederzuschreiben. Umso schwieriger gestaltet sich dies bei Erzbischof Fulton Sheen, der 1895 in El Paso, Illinois als Sohn eines Eisenwarenhändlers geboren und 1979 in New York nach einem vielbewegten Leben als Erzbischof gestorben ist. Er hat neun Päpste erlebt, unzählige Missionsreisen unternommen, als Konzilsvater am Zweiten Vaticanum teilgenommen und als Medienapostel Millionen von Menschen über Radio und Fernsehen evangelisiert.

Doch Fulton Sheen ist es mit seiner Autobiographie gelungen, ein dreidimensionales Werk zu verfassen, zusammengesetzt aus Selbst-, Fremd- und Gotteswahrnehmung. Er verknüpft sein eigenes Leben mit dem Kreuz, das er als seine eigentliche Autobiographie begreift, nicht wie üblich verfasst, sondern „die Tinte war Blut, das Pergament war Haut, die Feder ein Speer.“[1] Davon abgeleitet sieht er sein eigenes Leben als gottgegebenes Geschenk, deshalb auch der Originaltitel seiner Autobiographie: Treasure in Clay. Er bezieht diese paulinischen Worte (2 Kor 4,7) auf den ihm anvertrauten Schatz in zerbrechlichen Gefäßen – sein Unvermögen, dem großartigen Auftrag Gottes als Arbeiter in seinem Weinberg stets gerecht zu werden. Das tönerne Gefäß stellt das Leitmotiv seiner Autobiographie dar. Umso mehr verwundert die deutsche Übersetzung des Titels, die dieses entscheidende Leitmotiv verdunkelt: „Unerschütterlich im Glauben“. Gewiss entsprechen diese Worte dem Erzbischof, doch sie verkennen sein Hauptanliegen, das sich mit folgendem Sprichwort zusammenfassen lässt: „Gott beruft nicht die Fähigen, sondern befähigt die Berufenen.“ Das Motiv des Schatzes in tönernen Gefäßen bekundet Sheens Demut. „Unerschütterlich im Glauben“ kann als Selbstlob missverstanden werden, wenn man den Originaltitel nicht kennt.

Das Schema des geistlichen Wachstums

Fulton Sheen geht in seiner Biographie nicht konsequent chronologisch vor, sondern strukturiert sie ausgehend von seinem geistlichen Wachstum. So ist der erste Teil des Buches zwar chronologisch gestaltet, doch mit dem Wirken als Geistlicher verlässt er die strenge Chronologie. Vielmehr entfaltet er drei Phasen des geistlichen Wachstums, bestehend aus dem „ersten Blick“, dem „Bekenntnis trotz Staurophobie“ und dem „zweiten Blick“: Er wendet diese Phasen auf den Hl. Petrus an, der von Christus angeblickt wird, dessen Berufung aber noch wachsen und reifen muss, durchzogen von Scheitern und Versagen, aber auch von Neuanfang und Bekehrung. Fulton Sheen findet diese Phasen auch in seinem Leben wieder und berichtet ausgehend davon aufrichtig und ehrlich von seiner Berufung, seinem Priesterdasein und seiner „Bekehrung“ zu einem Priester, der bereit ist, alles hinzugeben. Damit zeigt er, dass auch jene der Umkehr bedürfen, die sich nie wirklich von Gott entfernt haben.

Modellieren des Tons

Fulton Sheen bezeichnet seine Jugend als „Modellieren des Tons“. Charmant und selbstironisch sowie gnadenlos ehrlich beschreibt er sein Heranwachsen und familiäres Umfeld sowie Persönlichkeiten, die ihn auf seinem Glaubensweg geprägt haben. Er verschweigt seine Stärken ebenso wenig wie seine Schwächen. Von einem wahrhaftigen Selbstblick aus Gottes Perspektive erzählt er einerseits von seinen schulischen Leistungen und Talenten im Studium, andererseits von seinen Schelmereien und Standpauken der Eltern.

Er beginnt seine Promotion in Washington nach seiner Priesterweihe in Peoria 1919 in Philosophie, bevor er 1921 seine Studien in Leuven, Belgien fortsetzt. Weitere Studien bringen ihn nach Rom ans Angelicum. Später unterrichtet er als Professor an verschiedenen Orten Apologetik, Dogmatik, Fundamentaltheologie und Philosophie.

Priesterliche Existenz

Fulton Sheen legt viel Wert auf die Beschreibung priesterlicher Existenz. So entfaltet er ausgehend von seiner Biographie eine Abhandlung über geistliche Berufung: „Mit dem Gefühl, man habe einen Schatz empfangen, war immer die Zerbrechlichkeit des Tongefäßes verbunden, das die Gabe aufnehmen sollte.“[2] Auf Basis des biblischen Befunds entwickelt er drei Stadien einer geistlichen Berufung: 1. Das Bewusstsein von der Heiligkeit Gottes, 2. das „Gefühl der Unwürdigkeit“ und 3. die Antwort. Diese Phasen führt er wiederum zurück auf das Kreuz, mit dem der Berufene zutiefst verwoben ist: „Die Herausforderung zwischen der Erhabenheit der Berufung einerseits und der Zerbrechlichkeit des menschlichen Tongefäßes andererseits ist eine Art Kreuzigung. Jeder Priester ist gekreuzigt auf dem vertikalen Balken der gottgegebenen Berufung und dem horizontalen Balken der banalen Sehnsucht des Fleisches und einer Welt, die so häufig lockt, gleichförmig mit ihr zu werden.“[3] Seine systematischen und zugleich höchst konkreten Ausführungen müssten in der heutigen Priesterausbildung viel mehr Beachtung finden!

Apostolat über die Medien

Fulton Sheen beginnt sein jahrzehntelanges und weltweit bekanntes Medienapostolat 1928 im New Yorker Rundfunk, zunächst regional, dann landesweit mit der Sendung „Katholische Stunde“. Ab 1951 tritt Fulton Sheen im Fernsehen auf mit den Sendungen Life is worth living sowie The Fulton Sheen program. Seine Vorbereitung auf Vorträge besteht nicht einfach in der Zusammenfassung von Fachwissen, sondern wesentlich in der Verinnerlichung des zu Sagenden. Dies mag der Grund sein für sein authentisches Auftreten und seine Strahlkraft, die viele Menschen zur Umkehr bewegt hat.

Mission

1950 wird Fulton Sheen zum Nationaldirektor des Päpstlichen Werkes der Glaubensverbreitung ernannt. Er führt zum Thema Mission grundlegende Überlegungen an und thematisiert zwei Arten von Hunger: „Unsere westliche Welt mit ihrem Wohlstand leidet unter geistigem Hunger, die übrige Welt unter dem Hunger nach Brot.“[4] Er selbst hat sich stets zur Aufgabe gemacht, diesen geistigen Hunger zu stillen – sei es vor Ort in den Gemeinden seiner Diözese, sei es in den weit entfernten Gebieten der Welt. Er offenbart dabei immer wieder seine diagnostische Stärke und seinen prophetischen Blick auf das aktuelle Weltgeschehen.

Zölibat

Der Zölibat ist als hermeneutischer Schlüssel zum Verständnis der Person Fulton Sheens zu betrachten. Dass er eine Herausforderung ist, verschweigt Sheen nicht, zugleich erklärt er dessen hohen Wert: „Wir Priester meinen nur zu oft, der Zölibat gehöre zu dem, was wir der Kirche schenken. Tatsächlich empfangen wir ihn jedoch, ganz ähnlich wie wenn ein Mädchen einen Heiratsantrag erhält.“[5] Der Zölibat ist nicht nur Opfer, sondern zuallererst Geschenk. Er wird zur Freude, wenn er nicht nur Entsagung, sondern Erfüllung mit sich bringt. Seine Analogie zur Ehe entfaltet Sheen wesentlich vom Liebesbegriff her: „Wenn wir Priester den Zölibat in den Zusammenhang mit der Kirche stellen und ihn unter historischen, soziologischen, psychologischen und weiteren Gesichtspunkten diskutieren, wird das Ächzen unter dieser Last vernehmbar. Wenn wir ihn hingegen in der Beziehung zu Christus sehen, ist er weniger Last, sondern eine Liebesangelegenheit. Der Zölibat als ein kirchenrechtliches Gesetz ist schwer. Der Zölibat als eine Frage der Jüngerschaft ist auch schwer, aber erträglich und er erzeugt Freude.“[6] Damit legt Sheen den Finger in die Wunde der heutigen Zeit: in die Krise der Priesterausbildung. Man müsste seine Ausführungen dem Synodalen Weg vorlegen!

Maria

Einhergehend mit der leidenschaftlichen Liebe eines Zölibatären, die anders und doch vergleichbar mit der ehelichen Liebe ist, betrachtet Fulton Sheen die Bedeutung der Gottesmutter für Geistliche: „Im Leben eines jeden Priesters muss es eine Frau geben. Diese Frau trat bei meiner Geburt in mein Leben.“[7] So berichtet er von marianischen Knotenpunkten in seiner Biographie, angefangen von seiner wiederholten Marienweihe über die samstäglichen Marienmessen, die Wallfahrten nach Lourdes und Fatima bis zur Wahl des Mottos für sein bischöfliches Wappen Da per matrem me venire – Gewähre, dass ich durch Maria zu dir komme“. Sein lebenslanger Wunsch: „All dies verschafft mir die Gewissheit, dass, wenn ich vor den Richterstuhl Christi treten werde, er zu mir in seiner Barmherzigkeit sagen wird: ‚Ich habe meine Mutter von dir sprechen gehört.‘“[8]

Konzil

Fulton Sheen hat am Zweiten Vaticanum teilgenommen, ursprünglich der Vorbereitungskommission für das Laienapostolat zugeteilt, später als Mitglied der Kommission für die Missionen. Seine analytischen Ausführungen zum Konzil offenbaren einmal mehr seinen feinen Sinn für Diagnostik: „Das Konzil stellte ein Gleichgewicht zwischen diesen Extremen her – zwischen Evangelisierung und menschlichem Fortschritt, zwischen dem Gewinnen der Seelen und der Rettung der Gesellschaft, zwischen dem himmlischen Heil und der menschlichen Befreiung. Das Konzil hat beide Seiten untrennbar miteinander verbunden.“[9] Ihm zufolge hängen die Spannungen der nachkonziliaren Phase mit der Definition von Welt zusammen: „Und war es nicht das Versagen zahlreicher Priester, die die im Konzil getroffene Unterscheidung zwischen der Welt als einem Platz der Erlösung und der Welt als einem Christus gegenüber feindlichen Geist nicht zur Kenntnis genommen haben (…).“[10]

Man kann die Autobiographie Fulton Sheens als ein Werk betrachten, das bekenntnishaft wie die Confessiones des Augustinus geschrieben, zugleich voller Humor und Selbstironie verfasst ist wie die Werke der Hl. Teresa von Avila.

Das Buch ist wärmstens zu empfehlen, vor allem jenen, die in ihrer priesterlichen Existenz bestärkt werden möchten, mit ihrer Berufung ringen und ein wenig etwas von der Freude am katholischen Glauben verspüren möchten!

Fulton Sheen, Unerschütterlich im Glauben. Mit einem Vorwort von Raymond Arroyo, Übersetzung aus dem Englischen von Susanne Held, 2021 Media Maria Verlag.

 

[1] Fulton Sheen, Unerschütterlich im Glauben, S. 16.

[2] Ebd. S. 48.

[3] Ebd. S. 52f.

[4] Ebd. S. 129.

[5] Ebd. S. 234.

[6] Ebd. S. 235.

[7] Ebd. S. 360.

[8] Ebd. S. 361.

[9] Ebd. S. 329.

[10] Ebd. S. 337.

Foto: Cover des Buches – Bildquelle: Verlag Media Maria

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