Durch die Teilhabe an der göttlichen Natur Kinder Gottes

Gedanken zum Tagesgebet des Festes „Taufe des Herrn“. Von Gero P. Weishaupt.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 8. Januar 2022 um 11:38 Uhr

Der Sonntag der Taufe des Herrn beschließt in der Liturgie, wie sie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil gemäß dem Messordo von Papst Paul VI. gefeiert wird, den Weihnachtsfestkreis. Im klassischen Tridentinischen Ritus nach dem Messbuch von 1962 wird der Taufe des Herrn acht Tage nach Epiphanie („Heilige drei Könige“) zum Abschluss der Oktav gedacht. Das ist der 13. Januar. Im Tridentinischen Ritus (Pius V.) folgen nach dem Oktavtag die „Sonntage nach Epiphanie“, im Vatikanischen Ritus (Paul VI.) die „Sonntage im Jahreskreis“.

Unterschiede

Es fällt auf, dass die Tagesoration (Collecta) in beiden Riten unterschiedlich ist. In der Tagesoration des Tridentinischen Ritus, die dem alten Gelasianum aus der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts entnommen ist,  kommt die Taufe des Herrn nicht ausdrücklich vor. Sie kann aber auf die Taufe im Jordan hin gelesen werden, denn das „Erscheinen“ des Herrn „in der Natur unseres Fleisches“ im Relativsatz (cuius Unigenitus in substantia nostrae carnis apparuit) erinnert an das Erscheinen des Herrn in Menschengestalt am Jordan, und die innere Umgestaltung des Menschen (intus reformari) in dem die Bitte formulierenden Finalsatz (ut … intus mereamur)  auf das Sakrament der Taufe, das nach dem Apostel Paulus eine Neuschöpfung des Menschen bewirkt, insofern durch die Taufe die seinsmäßige (ontologische) Teilhabe an göttlichen  Natur in Christus geschenkt wird. Zwischen der Taufe des Herrn im Jordan und der Taufe des Menschen im Sakrament besteht also eine Entsprechung, stilistisch ausgdrückt durch die Parallelität beider Geschehen im Texte der Oration.

Im Gegensatz zur alten Oration kommt in der neuen des Missale Pauls VI. das Taufgeheimnis eindeutig zu Wort. Die Bitte (concede) im zweiten Teil der Oration wird in Anlehnung an den biblischen Text über das Geschehen am Jordan formuliert. Die Oration sieht ebenfalls – wie die im Tridentinischen Ritus – „eine Entsprechung zwischen der Taufe Jesu im Jordan und der Taufe des Christen und trifft damit eine uralte Deutung der Väter“ (J. Pascher, 142). Wieder – wie in der Tagesoration von Epiphanie – fällt auf, dass die Entsprechung stilistisch durch eine Parallele ausgedrückt wird: Im lateinischen Relativsatz (qui…) wird an die Taufe Christi im Jordan erinnert. Dem folgt im Hauptsatz die Bitte (concede …), dass die „aus Wasser und dem  Heiligen Geist“ Wiedergeborenen Gottes „Wohlgefallen“ (in beneplacito tuo) finden und als „Kinder aus der Fülle dieses Geistes leben“ (DBK).

Annahme zu Kindern Gottes

Dass es sich bei der Taufe um eine Adoption des Menschen als Kind Gottes handelt (filii adoptionis tuae), verschweigt leider die amtliche deutsche Übersetzung der Deutschen Bischofskonferenz. Die Annahme (Adoption) zu Söhnen bzw. Kindern Gottes  besagt, dass der getaufte Mensch von Gott adoptiert wird, um seinsmäßig teil zu haben an seiner göttlichen Natur, wodurch er Christus gleichförmig wird und in Ihm und durch Ihn Sohn/Kind Gottes geworden ist. Die alte Oration drückt dies angemessen in dem intus reformari, der inneren Erneuerung bzw. Umgestaltung, aus. „(E)s geht um die angenommenen Kindern, hinzugenommen zu dem einen Sohn. Die Adoption … ist kein bloß äußerer Rechtsakt, er ist selbst eine Art neuer Geburt, eine zweite Geburt, Wiedergeburt: renati ex aqua et Spritu Sancto, ‚wiedergeboren aus Wasser und Heiligem Geist‘“ (Alex Stock, Orationen. Tagesgebete im Jahreskreis neu übersetzt und erklärt, 22). Die Adoption als bloßen Rechtsakt zu verstehen, käme protestantischem Denken sehr nahe, das die Gotteskindschaft nicht seinsmäßig versteht, sondern lediglich als äußere Zusage Gottes im Glauben (Imputativgerechtigkeit).  Doch nach biblischem und patristischem Verständnis geschieht durch die Taufe eine tatsächliche, seinsmäßige Umwandlung des Menschen., die Taufe bewirkt eine Neuschöpfung, die die Wesensnatur des Menschen heiligt und in das göttliche Sein erhebt. Das ist die Glaubensüberzeugung sowohl der westlichen Lateinischen Kirche als auch der Kirche des Ostens.

Statt des theologisch wichtigen und eindeutigen Hinweises auf dies Adoptivkindschaft, wie sie im lateinischen Original steht, hat die amtliche deutsche Übersetzung „die Bitte amplifiziert“ (J. Pascher, 142), in dem sie die lateinische Bitte dadurch ergänzt, dass die Kinder Gottes „aus der Fülle dieses Geistes leben“ mögen.

Die Gaben der christlichen Taufe

Unter den Geheimnissen des Lebens Christi kommt seiner Taufe eine besondere Bedeutung zu, weshalb sie in der Liturgie der Kirche mit großer Feierlichkeit begangen wird und nicht ohne Grund in der nachkonziliaren Liturgie immer an einem Sonntag gefeiert wird. In der Taufe erkennt die Stimme des Vaters in Jesus den geliebten Sohn, den Messias, der den Armen gegeben wurde. Der Geist über ihm weiht ihn zum Priester, Propheten und König. So werden wir in das Geheimnis Jesu eingeführt, des wahren Menschen, der die Sünden der Welt auf sich nimmt, des wahren Gottes, der uns von der Sünde befreit, uns den Geist schenkt und uns zu Kindern Gottes macht, die durch die Waschung erneuert und nach seinem Ebenbild innerlich – in ihrem Sein – erneuert werden. Die Gabe des Geistes und die Gottessohnschaft (filii adoptionis) sind die Gaben der christlichen Taufe, an die die Kirche die Gläubigen an diesem Festtag besonders erinnert.

Tagesgebet (Collecta)

Deutsches Messbuch

Allmächtiger, ewiger Gott, bei der Taufe am Jordan kam der Heilige Geist auf unseren Herrn Jesus Christus herab, und du hast ihn als deinen geliebten Sohn geoffenbart. Gib, dass auch wir, die aus dem Wasser und dem Heiligen Geist wiedergeboren sind, in deinem Wohlgefallen stehen und als deine Kinder aus der Fülle dieses Geistes leben.

Lateinischer Originaltext

Omnipotens sempiterne Deus, qui  Christum in Iordane flumine bapitzatum, Spiritu Sancto super eum descendente dilectum Filium tuum sollemniter declarasti, concede filiis adoptionis tuae ex aqua et Spiritu Sancto renatis, ut in beneplacito tuo iugiter perseverent. .  

Römisches Messbuch von 1962 (Übersetzung: Pater Martin Ramm FSSP)

Gott, dessen Eingeborener in der Natur unseres Fleisches erschienen ist, gewähre, so bitten wir, dass wir durch ihn, den wir als äußerlich uns ähnlich erkannt haben, innerlich umgestaltet zu werden vermögen.

Lateinischer Originaltext

Deus, cuius Unigenitus in substania nostrae carnis apparuit, praesta, quaesumus, ut per eum, quem similem nobis foris agnovimus, intus reformari mereamur.. 

Foto: Taufbecken von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. – Bildquelle: Kathnews

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