Mit dem Blick auf das Ziel

Erzbischof Thissen ruft in Fastenhirtenbrief zu Vertrauen und Umkehr auf.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 27. Februar 2012 um 11:17 Uhr
St. Marien-Dom, Hamburg

Hamburg (kathnews). Der Erzbischof von Hamburg, Dr. Werner Thissen, hat zur österlichen Bußzeit 2012 in seinem Fastenhirtenbrief drei Versuchungen aufgefĂŒhrt: „Mutlosigkeit, Anpassung sowie VerdĂ€chtigung und Schuldzuweisung“. In einer Zeit in der die Zahl der aktiven Kirchenmitglieder rĂŒcklĂ€ufig ist und auch die zurĂŒckgehende Zahl der katholischen Priester große Besorgnis auslöst, stehen die Katholiken in Norddeutschland, wie auch in anderen Teilen Deutschlands, vor bedeutsamen VerĂ€nderungen und Herausforderungen. In seinem Schreiben ruft Erzbischof Thissen die GlĂ€ubigen zu Vertrauen und Umkehr auf. Lesen Sie den Fastenhirtenbrief bei Kathnews im Wortlaut:

Drei Versuchungen auf dem Weg und der Blick auf das Ziel

Liebe Schwestern und BrĂŒder im Erzbistum Hamburg,

Jesus wurde vom Satan in Versuchung gefĂŒhrt, sagt uns heute das Evangelium. Hat das etwas mit uns zu tun? Mit unserer Gemeinde? Mit mir persönlich? Wenn sogar Jesus in Versuchung gefĂŒhrt wird, dann können wir davon ausgehen, dass auch auf unserem Glaubensweg Versuchungen lauern. Ich finde es wichtig, solche Versuchungen zu erkennen. Nur dann können wir sie auch bestehen. Ich nenne Ihnen drei Versuchungen, die mir zurzeit besonders auffallen.

1. Die erste Versuchung heißt: „Mutlosigkeit“

Es bedrĂ€ngt uns, dass die Zahl der aktiven Kirchenmitglieder zurĂŒckgeht. Dass es vielfach nicht mehr selbstverstĂ€ndlich ist, zu beten, die Sakramente zu feiern, Fastenopfer zu bringen. Es macht uns traurig, dass es Fehler und SĂŒnden in der Kirche gibt, wie das vor allem an den Missbrauchsskandalen deutlich wird. Wir leiden darunter, dass junge Menschen oftmals zu einer Lebenspraxis neigen, die weniger mit Glaube und Kirche zu tun hat. Es stört uns, dass durch die zurĂŒckgehende Zahl der Priester sich das kirchliche Leben stark verĂ€ndert. All das wirft Fragen auf. Diese können uns verunsichern und die Freude am Glauben schmĂ€lern.

Nicht selten werde ich auf solche Sorgen angesprochen. Ich finde es wichtig, darĂŒber miteinander zu reden. Das ist weitaus besser als unsere kirchliche Situation zu beschönigen oder Belastendes zu verdrĂ€ngen. Aber fĂŒr eine teuflische Versuchung halte ich es, sich dadurch entmutigen zu lassen. Zu dieser Versuchung gehört auch, all das Gute zu ĂŒbersehen oder abzuwerten, das sich in unseren Gemeinden, Einrichtungen und VerbĂ€nden ereignet. Der Weg des Glaubens in unserer Zeit ist wahrhaftig kein Spaziergang. Wir werden von vielen Seiten infrage gestellt. Aber haben wir es wirklich schwerer als Christen frĂŒherer Zeiten?

Ich denke an unsere Vorfahren im Glauben, die wir im Erzbistum im Blick haben. Da sind die LĂŒbecker MĂ€rtyrer, die gemeinsam mit ihrer Gemeinde einer feindseligen Öffentlichkeit gegenĂŒberstanden. Ich denke an Niels Stensen, der mit einer verschwindend kleinen Zahl von GlĂ€ubigen ohne jeden Ă€ußerlichen Erfolg in Schwerin tĂ€tig war. Und auch unser BistumsgrĂŒnder Ansgar musste die niederschmetternde Erfahrung machen, dass seine Aufbauarbeit in unseren Regionen immer wieder zerstört wurde. Den LĂŒbecker MĂ€rtyrern, Niels Stensen und Ansgar, war, auch wenn sie mit ganz unterschiedlichen Anfechtungen zu kĂ€mpfen hatten, eines gemeinsam: Sie haben sich nicht entmutigen lassen. Obwohl sie zunĂ€chst als Verlierer da standen. Jedenfalls von außen betrachtet.

Auch als oft verlachte Minderheit war ihnen bewusst: „Mit Christus sind wir immer die Mehrheit, immer die StĂ€rkeren.“ Mit diesen Worten hat Bischof Heinrich Theissing die Mecklenburger Katholiken in der Zeit des Kommunismus ermutigt. Mit Christus sind wir stark. Dieser Glaubensmut ist auch heute notwendig, damit wir der Versuchung zur Mutlosigkeit widerstehen können. Deshalb ist es ja so entscheidend, dass wir immer wieder neu die Verbindung mit Christus suchen. Vor allem im Gebet, im Gottesdienst und in tatkrĂ€ftiger Liebe. Dann verbindet sich unsere Bereitschaft mit der Kraft Gottes. Dann haben wir keinen Grund, mutlos zu sein.

2. Die zweite Versuchung heißt: „Anpassung“

Manchmal erlebe ich, wie katholische Christen sich mit ihrer Überzeugung in der Öffentlichkeit zurĂŒckhalten. Warum? Weil unsere Vorstellungen vom Leben und vom Sterben sich oft grundlegend unterscheiden von aktuellen Mehrheitsmeinungen. Auch was wir im Credo bekennen, trifft lĂ€ngst nicht ĂŒberall auf Zustimmung. Nun gibt es aber auch katholische Merkmale, die nicht im Glaubensbekenntnis stehen. Manche sind auch nicht ausdrĂŒckliche Forderungen Jesu. Deshalb kann es gar nicht ausbleiben, dass um solche Traditionen immer wieder gerungen wird. Das muss nicht heißen, sie abschaffen zu wollen. Das kann auch heißen, deren Sinnhaftigkeit wieder neu zu entdecken. Im Dialogprozess, den unsere Bischofskonferenz angestoßen hat, geht es um die Frage, was Christus von seiner Kirche heute erwartet.

Wir werden dabei wachsam der Versuchung widerstehen, uns einfach aktuellen Mehrheitsmeinungen anzupassen. Unser Maßstab ist und bleibt die Botschaft Jesu und was auf dem Glaubensweg der Kirche unter der FĂŒhrung des Geistes Gottes daraus erwachsen ist. In machen Diskussionen erlebe ich die Sorge, unsere Kirche könne den Anschluss an die Gegenwart verpassen. Andere weisen darauf hin, dass wir nicht den Anschluss an Schrift und Tradition verpassen dĂŒrfen. Solche Fragen bewegten auch Papst Benedikt auf seiner Deutschlandreise im September letzten Jahres. In seiner Rede im Freiburger Konzerthaus sagte der Papst: „Die Kirche ist, wo sie wahrhaft sie selber ist, immer in Bewegung, muss sich fortwĂ€hrend in den Dienst der Sendung stellen, die sie vom Herrn empfangen hat. Und deshalb muss sie sich immer neu den Sorgen der Welt öffnen…“

In Erfurt im Kapitelssaal des Augustinerklosters fragte Papst Benedikt: „Muss man dem SĂ€kularisierungsdruck nachgeben, modern werden durch VerdĂŒnnung des Glaubens?“ Dann fĂŒgte er hinzu: „NatĂŒrlich muss der Glaube heute neu gedacht und vor allem neu gelebt werden, damit er Gegenwart wird. Aber nicht VerdĂŒnnung des Glaubens hilft, sondern nur ihn ganz zu leben in unserem Heute.“ Wie sich die Öffnung der Kirche hin zu den Sorgen der Welt ohne VerdĂŒnnung des Glaubens verwirklichen lĂ€sst, darum haben wir zu ringen. Bei solchem Ringen kann uns eine dritte Versuchung bedrohen.

3. Die Dritte Versuchung heißt: VerdĂ€chtigung und Schuldzuweisung

Ich denke an die Haltung, Meinungen, die wir nicht teilen, zu verdĂ€chtigen oder anderen Schuld zuzuweisen. „Das Zweite Vatikanische Konzil ist an allem Schuld“, hörte ich kĂŒrzlich jemanden sagen. Das ist eine unsinnige Schuldzuweisung und VerdĂ€chtigung. Die kann es in unterschwelliger Art auch sonst in Kirche und Gemeinde geben. Ich finde es wichtig, auch diese Versuchung wahrzunehmen. NĂ€mlich die Versuchung, anderen den guten Willen oder die wohlĂŒberlegte Meinung abzusprechen. Die Versuchung, SĂŒndenböcke zu suchen oder anderen falsche Absichten oder Vorurteile zu unterstellen.

Wir mĂŒssen und können gar nicht in allen Fragen einer Meinung sein. Aber wir mĂŒssen und können mit WertschĂ€tzung aufeinander hören und gegenteilige Meinungen ebenso sorgsam erwĂ€gen wie unsere eigenen. Eine solche Streitkultur hilft weiter. Dann dĂŒrfen wir darauf vertrauen, dass der heilige Geist in unseren Diskussionen nicht außen vor bleibt. Der Geist Gottes ist der Geist der Einheit. Diese Einheit betrifft sowohl unser Erzbistum als auch die Weltkirche. Erster Diener dieser Einheit ist unser Papst Benedikt. Seinem BemĂŒhen, verlorengegangene Einheit wieder zu erlangen und neue Spaltung zu verhindern, wissen wir uns verpflichtet.

4. Die LebensqualitÀt des Glaubens

Das Evangelium an diesem ersten Fastensonntag schließt mit den Worten Jesu: „Die Zeit ist erfĂŒllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium.“ Die Zeit ist erfĂŒllt. Das bedeutet: Mit dem Kommen Jesu in unsere Welt brauchen wir auf keine andere Zeit mehr zu warten. Alles, was fĂŒr unsere Gegenwart und Zukunft entscheidend ist, ist geschehen durch Tod und Auferstehung Jesu. Worauf wartet ihr noch, mĂŒssen wir uns fragen lassen. Alles, was dem Leben Richtung und Sinn gibt, ist da. Weil Jesus Christus da ist. Weil das Reich Gottes nahe ist. Die Konsequenz daraus heißt dann: Kehrt um. Richtet euch nicht nach dem, was Mode oder Gewohnheit ist. Richtet euch nach dem Evangelium. Kehrt um und glaubt. Dann findet ihr die entscheidende LebensqualitĂ€t.

Zu dieser LebensqualitĂ€t gehört, dass wir nicht allein sind auf unserem Glaubensweg. Gott hat uns zugesagt, dass er bei uns ist, dass er unsere Wege mitgeht. Wir können auf ihn hören. In seinem Wort, in den Regungen unseres Gewissens, in den Ereignissen unseres Lebens spricht er zu uns. Und wir können ihm antworten: Im Gebet und in Taten der Liebe. Mit uns auf dem Weg sind auch viele Schwestern und BrĂŒder des Glaubens hier im Erzbistum und ĂŒberall auf der Welt. Das ist Freude und Verpflichtung zugleich. Zur LebensqualitĂ€t des Glaubens gehört schließlich auch, dass unser Leben sich nicht im Kreis dreht. Wir sind nicht wie ein aufgezogener Kreisel, der irgendwann ins Trudeln gerĂ€t, umkippt und weggerĂ€umt wird. Wir sind auf dem Weg zu einem Ziel, wo wir mit Freude erwartet werden.

5. Der Blick auf das Ziel

„Mit den Jahren runzelt die Haut“, sagte mir kĂŒrzlich jemand. Als ich ihn fragend anschaute, was er damit meine, fĂŒgte er hinzu: „Mit dem Verzicht auf Begeisterung runzelt die Seele.“ Das Runzeln der Haut lĂ€sst sich nicht aufhalten. Aber unsere Seele kann jung bleiben. Denn wir gehen dem JĂŒngsten Tag entgegen, der vom Glauben zum Schauen fĂŒhrt. Auch wenn das unser Vorstellungsvermögen ĂŒbersteigt, will uns Gottes Geist fĂŒr dieses Ziel begeistern. Mit dem Blick auf das Ziel können wir trotz mancher Fragen und Sorgen mit Freude und Vertrauen den Weg des Glaubens gehen. Dazu segne Euch der Dreieinige Gott, der Vater und der Sohn und der heilige Geist. Amen.

H a m b u r g, 3. Februar 2012, am Fest des Heiligen Ansgar
† Werner
Erzbischof von Hamburg

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