Die überlieferte Liturgie fügt sich ins Leben – Zum Neubeginn im Tiroler Wallfahrtsort Rietz

Ein Beitrag von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 15. September 2020 um 23:05 Uhr
Bildquelle: Privatarchiv Oldendorf

Wie auf katholisches.info bereits berichtet, hat der Bischof von Innsbruck, Hermann Glettler, sich ein originelles Konzept zurechtgelegt, um dem Priester Stephan Müller, der sich in den zurückliegenden Jahren immer entschiedener der überlieferten Liturgie verpflichtet gefühlt hat, dabei aber als Weltgeistlicher im Dienst der Diözese Innsbruck steht und in sie inkardiniert ist, auch weiterhin eine sinnvolle Aufgabe geben zu können, indem er ihn als priesterlichen Ansprechpartner und Seelsorgsbeauftragten derer installiert, die im Bistum Innsbruck in den Genuss des Motuproprio Summorum Pontificum kommen möchten.

Ganz so, wie von diesem Apostolischen Schreiben und Spezialgesetz Benedikts XVI. zugunsten der überlieferten Römischen Liturgie nach der Editio typica von 1962 und der zugehörigen Instruktion Universae Ecclesiae vorgesehen[1], soll der Bischof dann, wenn die Gläubigen aus verschiedenen Pfarrgemeinden stammen und ihre Zahl an den einzelnen Orten nur gering ist, eine zentral gelegene Kirche bestimmen, wo insbesondere an den Sonn- und Feiertagen alle miteinander als eine größere Gemeinde zusammen die heilige Messe in der aufwendigeren äußeren Gestalt eines Hochamts nach den liturgischen Büchern von 1962 feiern können, so dass beispielsweise die Kirchenmusik mit der Liturgie eine harmonisches Einheit bildet, anstatt zur liturgischen Gestalt des Gottesdienst in Spannung und Kontrast zu stehen: Was nützt eine Choralschola oder Orchestermesse, wenn es keine oder nicht genügend Ministranten gibt, um eine gesungene heilige Messe mit Weihrauch rein organisatorisch auf die Beine zu stellen? Da ist es sinnvoll, wenn mehrere kleinere Gruppen sich sonntags an einem zentralen Ort zusammenfinden und dort wirklich ein Hochamt zelebrieren, statt in vielen einzelnen Kirchen voneinander getrennt unbeholfen mehrere Hochämtchen zu improvisieren.

Zentrale Kirche, geeigneten Zelebranten und Seelsorger gefunden

Mit der Wallfahrtskirche Rietz hat Bischof Hermann Glettler diese zentrale Kirche und mit Pfarrer Stephan Müller in den Reihen des Diözesanklerus einen geeigneten Priester gefunden, der sich mit dem Anliegen der katholischen Tradition und überlieferten Liturgie voll identifizieren kann, ja, dem beides selbst ein Herzensanliegen ist. Über einen solchen Priester im Presbyterium des eigenen Bistums zu verfügen, ist an sich ein idealer Glücksfall, den der Bischof von Innsbruck frei von ideologischen Scheuklappen und Berührungsängsten erkannt hat, anstatt, wie es die in Imsterberg aufgebrachte und medial aufgebauschte Gegnerschaft wohl lieber gesehen hätte, den tatkräftigen und idealistischen Priester frühzeitig kaltzustellen oder auf das Abstellgleis zu schieben.

Ein konkreter Anfang wurde gemacht

Als Hinweis und Einladung gedacht, hatte ich hier angekündigt, dass Pfarrer Stephan Müller die erste Sonntagsmesse in der Rietzer Wallfahrtskirche St. Antonius am 13. September 2020, um 10.00 Uhr zelebrieren werde. Der vergangene Sonntag ist ein gewöhnlicher grüner Sonntag der nachpfingstlichen Zeit gewesen und erwies sich dennoch gerade als besonders passend und sinnreich für den Startschuss, der freilich wohl ganz bewusst ohne allzu großes mediales Aufsehen gefallen ist.

Die Messtexte des 15. Sonntags nach Pfingsten als Beispiel einer gelungenen liturgischen Fügung

Die allegorische Messerklärung war in Mittelalter und früher Neuzeit bis hinein in die barocke Mentalität des Kapuziners Pater Martin von Cochem (1630-1712) zugegebenermaßen manchmal sehr gesucht, gezwungen und bisweilen auch an den Haaren herbeigezogen, aber tatsächlich macht man immer wieder die Beobachtung und Erfahrung, dass die Schriftlesungen und liturgischen Texte, die an einem Tag zu nehmen sind, sich verblüffend zu einem Ereignis oder einer konkreten Konstellation und Situation des Lebens in Beziehung bringen lassen. Schaut man sich das Messformular des 15. Sonntags nach Pfingsten genauer an, gilt das sowohl für die Perikopen als auch ziemlich frappant für nahezu alle anderen Propriumsteile. Entweder rufen sie die zuletzt nicht immer so schöne Imsterberger Vorgeschichte nochmals in Erinnerung und helfen, damit abzuschließen, oder sie bieten Ratschlag, Weisung und Ausblick für die Rietzer Zukunft, die vor Stephan Müller und vor allen liegt, die ihm nahestehen und der Alten Messe verbunden sind, mit der er jetzt einen Neuanfang macht und ebenso in einen neuen Abschnitt seines persönlichen Lebens und priesterlichen Wirkens eintritt:

Der Knecht, der im Introitus um das Erbarmen Gottes und um Heil fleht, dass Gott seine Seele erfreue: ist er nicht in Stephan Müller handgreiflich verkörpert, der sicherlich mit großer Erleichterung seine neue Seelsorgsaufgabe übernimmt? Der Introitus dieses Sonntags stand deshalb passend am Beginn der ersten heiligen Messe in Rietz, weil damit etwas Neues beginnt. Der Wortlaut des Rufes Laetifica animam servi tui lässt gleichsam die Psalmworte widerhallen, mit denen das Staffelgebet jeder heiligen Messe im überlieferten Römischen Ritus beginnt, und das animam meam levavi ist ein deutlicher Anklang an den Introitus des 1. Adventssonntags, mit dem jeweils ein neues Kirchenjahr anhebt. Drei markante Motive des Neuanfangs in Rietz. Ein Neuanfang für Pfarrer Stephan Müller persönlich, aber genauso ein Neuanfang der Alten Messe, ihre Wiederkehr in der Wallfahrtskirche St. Antonius nach bestimmt einem halben Jahrhundert, wo sie jetzt jedenfalls sonn- und feiertags, vermutlich sogar täglich, wieder zelebriert werden wird.

Die Oration des vergangenen Sonntags spricht von der miseratio continuata, von der fortgesetzten Erbarmung, mit der der Herr seine Kirche reinigt und festigt. Weitere zwei Gesichtspunkte, die man in der konkreten Situation wiederfindet. Es gilt, mit Imsterberg abzuschließen, die Aufregung, die Verletzungen, die Fehler, die gemacht wurden und an denen alle Beteiligten irgendwie Anteil hatten, hinter sich zu lassen und gleichsam abzuwaschen, eine Reinigung des Gedächtnisses und Gewissens zu vollziehen, um so gefestigt das Neue, das vor einem liegt, mit innerem Zutrauen und mit Aufgeschlossenheit anfangen zu können.

Die Epistel aus dem Galaterbrief des Apostels Paulus mahnt, einander nicht herausfordern, etwas, was sicher allen, die involviert waren, unterlaufen ist und was die Lokalpresse genüsslich ausgebreitet hat. Der Völkerapostel fordert jeden dazu auf, sein eigenes Tun zu prüfen, anstatt, so schwingt unausgesprochen mit, das des anderen zu be- oder verurteilen. Wohl soll ein jeder die Last des anderen tragen. Nicht Vorwurf oder nachtragende Unversöhnlichkeit sind gefragt, sondern gegenseitiges Verständnis und Unterstützung, ein Eintreten füreinander. So kann Müller auch in Rietz beginnen, im Geiste zu säen, und er und die Seelen, die sich seiner Hirtensorge anvertrauen, werden ewiges Leben ernten.

Das Evangelium nach Lukas berichtet die Totenerweckung des jungen Mannes von Naim. Ein weiteres Bild des Neuanfangs. Zwar zunächst für die Rückkehr in dieses sterbliche und zeitliche Leben, zugleich aber Sinnbild dessen, was in der Taufe geschieht und gesät wird, mit der das Leben als Christ beginnt.

Ebenfalls von der Mutter von Stephan Müller, für die nicht minder ein neuer Abschnitt anfängt, gilt zweifelsohne: Und er gab ihn seiner Mutter zurück, denn man kann sicher sein, dass der Priestersohn durch die Turbulenzen der zurückliegenden Monate selbst sehr belastet war, mit der neuen Aufgabe und dem Vertrauen, das der Bischof in ihn setzt, einerseits zur Ruhe kommen kann, andererseits neue Kraft findet, sich auch seiner Mutter, die er pflegt, wieder unabgelenkter widmen und Zeit mit ihr verbringen zu können.

Eine große Last, sicher auch zeitweise Ungewissheit, wie es weitergehen solle und werde, sind von Müller abgefallen, und er konnte erleichtert seinen Einstand feiern, wie es passend das Offertorium ausdrückt: „Erwartungsgespannt habe ich auf den Herrn geharrt, und er hat auf mich geschaut und meine Bitte erhört. Und in meinem Mund hat er ein neues Lied gelegt, einen Lobgesang auf unsern Gott.“

Das Stillgebet, mit dem die Opfergaben definitiv zur Konsekration im Canon der heiligen Messe bestimmt, gleichsam besiegelt werden, bittet um ständigen Schutz vor diabolischen Angriffen, wörtlich darum, dass man stets davor bewahrt werde, dass einem der Teufel in die Quere kommt. Und tatsächlich hatte es bis in die jüngste Vergangenheit hinein immer wieder Störmanöver gegeben, von denen man wünscht, dass Müller in Rietz zukünftig von ihnen verschont bleiben möge. Es musste nicht einmal immer direkt der Teufel sein; ein übelgesonnener Bürgermeister reicht oft vollkommen aus.

Das Schlussgebet endlich spricht noch einmal das Thema Eigensinn an, wenn es bittet, an denjenigen, die in der heiligen Kommunion die himmlische Gabe empfangen haben, möchte deren Wirkung von Seele und Leib Besitz ergreifen, so dass diese Wirksamkeit immer die Oberhand behalte über jeden Eigensinn, man könnte auch Spleen oder Tick einsetzen. Und das ist sicher eine Mahnung an alle Traditionalisten, dass sie sich bemühen, zu kommunizieren (hier als Gesprächsbereitschaft und Zeugnis von der eigenen Antriebskraft verstanden), dass ihr Anliegen nicht etwa darin besteht, eine Extrawurst gebraten zu bekommen oder besserwisserisch und penetrant immer im Recht sein zu wollen, sondern dass sie im Geiste säen, immer mehr von der Wirksamkeit einer himmlischen Gabe ergriffen zu werden wünschen und dereinst ewiges Leben zu ernten hoffen.

Stephan Müller sprach gestern in der Predigt ähnliche Gedanken aus und zollte der Immaculata, der eigentlich ersten Patronin des Antoniuskirchleins, dem heiligen Antonius selbst und der heiligen Notburga, der Tiroler Magd, in deren Leben sich wunderbar der Schutz der Sonntagsruhe und die Sonntagsheiligung manifestiert hatten, seinen Dank für den gesetzten Neubeginn. Diese Heilige hatte am 13. September zugleich ihren Festtag, und die Rietzer Mesnerin konnte Namenstag feiern.

Die wie an einer unsichtbaren Wäscheleine am Himmelszelt aufgehängte Sichel der Heiligen schwebte so auch vor dem geistigen Auge der gut sechzig Gläubigen, die sich zur ersten heiligen Messe gemäß Summorum Pontificum in der Wallfahrtskirche zu Rietz eingefunden hatten und festigte in ihnen hoffentlich den Entschluss und Vorsatz, ab sofort regelmäßig zu kommen. Es hatten dies übrigens circa zwanzig ehemalige Imsterberger Pfarrkinder von Hochwürden Stephan Müller getan, was nochmals eindrücklich unter Beweis stellte, dass keineswegs alle an seiner früheren Wirkungsstätte froh sind, ihn endlich los zu sein.

Rückschau und Ausblick – Das Fest Kreuzerhöhung, die heilige Messe und Summorum Pontificum

Der berühmte Liturgiker und Theologe Valentin Thalhofer (1825-1891) war am 22. August 1848, damals lediglich Oktavtag von Mariä Himmelfahrt, noch nicht das Fest des Unbefleckten Herzens, in der Kapelle des Münchner Georgianums, dessen Rektor er später werden sollte, zum Priester geweiht worden. Am 14. Sonntag nach Pfingsten jenes Jahres hielt er seine Heimatprimiz im schwäbischen Unterroth. Eine Woche später, also am selben  Sonntag nach Pfingsten wie jetzt in Rietz, stieg er auf die Kanzel und hielt seine erste Predigt als Neupriester.

Eine Primiz wurde in der Wallfahrtskirche St. Antonius letzthin nicht gehalten und irgendwie doch eine prima Missa, eine erste Messe und auch eine prima Messe, nämlich ein voller Erfolg gefeiert. Und so könnte Pfarrer Müller die Worte zitieren, mit denen einst Thalhofer die erste eigene Predigt als neugeweihter Priester abschloss: „O haltet immer recht viel auf das heilige Meßopfer, es ist der eigentliche Lebensheerd, die Lebensmitte des Christenthums. Beweiset durch eine recht fleißige, lebendige Theilnahme an demselben und besonders durch oftmalige Communion, daß die großartigen Festlichkeiten, die ihr veranstaltet, als ich Unwürdiger zum erstenmal in eurer Mitte dieses große Opfer vollzog, nur der Ausdruck eurer glaubensvollen, für Christus, sein Reich und dessen Vollendung begeisterten Herzen gewesen! Daß Dem so war, davon bin ich überzeugt und freue mich daher herzlich über den guten Geist, der diese mir so theure Gemeinde beseelt.“[2]

Diesen Bericht selbst wollen wir schließen, indem wir in uns in Erinnerung rufen, dass der 14. September, das Fest Kreuzerhöhung, der dreizehnte Jahrestag des Datums gewesen ist, an dem seinerzeit die Bestimmungen des Motuproprio Summorum Pontificum in Rechtskraft erwachsen sind, eine sinnreiche Anweisung, wird doch in jedem heiligen Messopfer das lebensspendende Kreuz des Herrn von neuem erhöht. Der konkrete Anfangsschritt in Rietz am Vortag dieses Festes konnte also im Vorausblick auf diesen Jahrestag gesetzt, eine Saat zu säen begonnen werden, die in Zukunft hoffentlich reichlich aufgeht und Frucht tragen wird!

[1] Vgl. UE II, 17 § 2.

[2] Schmid, Andreas (Hrsg.), Die heilige Messe und das Priesterthum der katholischen Kirche in 25 Predigten dargestellt von Dr. Valentin Thalhofer, Verlag Josef Kösel, Kempten 1893, Die heilige Messe als Quelle des Lebens, S. 341-353, hier: S. 352, die Orthographie des Originals wurde bewusst beibehalten.

Foto: Hochaltar – Bildquelle: Privatarchiv Oldendorf