Die Korrektur von Kult und Kultur als integraler Bestandteil der Neuevangelisation des Okzidents

Ein Kommentar von Mag. theol. Michael Gurtner, übersetzt aus dem italienischen Original desselben Autors.
Erstellt von Mag. Michael Gurtner am 7. Februar 2012 um 08:12 Uhr

Seine Heiligkeit Benedikt XVI hat ein fundamentales Thema für sein Pontifikat gefunden, welchem er sich seit dem ersten Anbeginn seines petrinischen Amtes unermüdlich widmet: Die Remissionierung des Okzidents. Der Heilige Vater selbst sagt dies wenn er in seinem Motu Proprio Porta fidei, mit welchem er das Jahr des Glaubens einberuft, sagt: „Vom Anfang meines Dienstes als Nachfolger Petri an habe ich an die Notwendigkeit erinnert, den Weg des Glaubens wiederzuentdecken, um die Freude und die erneute Begeisterung der Begegnung mit Christus immer deutlicher zutage treten zu lassen“. Wenn wir den Weg des Glaubens wieder-entdecken müssen, dann bedeutet das, daß wir ihn verloren haben, verlassen, wir haben uns verloren.

Die Initiative des Jahres des Glaubens ist ein Versuch jenen einen Ansporn zu geben, welche nicht mehr in den Spuren des Herrn wandeln, oder aber ohne den nötigen Eifer. Mit demselben Ziel, nämlich der Wiederentdeckung des Glaubens, hat der Pontifex sogar ein eigenes Dikasterium gegründet, nämlich den päpstlichen Rat für die Neuevangelisierung.

Im Motu Proprio Ubicumque et semper, mit welchem der Heilige Vater dasselbe Dikasterium der Heiligen Römischen Kurie errichtete, schrieb er: „In unserer Zeit ist eines ihrer ungewöhnlichen Merkmale das Sich-Messen mit dem Phänomen der Abkehr vom Glauben gewesen, was zunehmend in Gesellschaften und Kulturen deutlich geworden ist, die seit Jahrhunderten vom Evangelium geprägt schienen. Die gesellschaftlichen Veränderungen, die wir in den letzten Jahrzehnten miterlebt haben, haben komplexe Ursachen, deren Wurzeln zeitlich weit zurückreichen und die Wahrnehmung unserer Welt tiefgreifend verändert haben. Man denke an die gigantischen Fortschritte der Wissenschaft und der Technik, an die Ausweitung der Lebensmöglichkeiten und der Räume individueller Freiheit, an die tiefgreifenden Veränderungen auf wirtschaftlichem Gebiet, an den durch massive Migrationsbewegungen verursachten Vorgang der Mischung von Völkern und Kulturen, an die wachsende gegenseitige Abhängigkeit unter den Völkern. Das alles ist auch für die religiöse Dimension des Lebens des Menschen nicht ohne Konsequenzen geblieben.“

Das bedeutet also, daß die Kirche ein schwerwiegendes Problem hat, welches unser Pontifex hier angeht. Die Wurzeln dieser Krise des Glaubens sind im Grunde von kultureller Natur, verursacht durch den großen Veränderungen der Gesellschaft des Okzidents.

Das Problem kommt nicht allein von außerhalb der Kirche

Diese scheint eine außerhalb der Kirche gelegene Tatsache zu sein, welche diese von außen her trifft, beinahe so als ob der Glaubensverlust in weiten Teilen des Okzidents lediglich eine Konsequenz einer im weltlichen Kontext veränderten Kultur wäre. Dies trifft jedoch keineswegs zu: das eigentliche Problem besteht darin, daß genau dieselben ungünstigen Veränderungen auch in die Kirche selbst eingedrungen sind, das heißt in die Denkweise des großen Teils des Klerus und der Intellektuellen, welche im kirchlichen Umfeld tätig sind. Oder, dasselbe mit anderen Worten ausgedrückt: nicht nur die Welt hat sich Gottes entledigt, sondern auch die Kirche selbst hat sich säkularisiert indem sie dieselbe neue und ungesunde Mentalität übernommen hat, welche auch die säkulare Welt auf erschreckende Art und Weise verändert hat und was, auf lange Sicht gesehen, sogar gefährlich und alles andere als weitsichtig ist.
Die Erwägungen gehen nicht mehr über den gegenwärtigen Augenblick und über die Frage hinaus: was begehrt eine tatsächliche oder angenommene Mehrheit? Dieselbe Banalität welche wir seit den 60er Jahren beobachten bemerken wir auch in der Kirche selbst, und sie macht sich in zahlreichen Kommentaren, Büchern, Artikeln und Predigten bemerkbar. Genau dieselbe Banalisierung, welche die weltliche Kultur und Gesellschaft getroffen hat, ist auch in die Kirche eingedrungen, in ihre Hörsäle und Büros. Eine wahre Tragödie wenn wir bedenken, daß noch bis vor wenigen Jahrzehnten die Kirche als Garant der Kultur und Bildung galt.

Neue Formen enthüllen neue Haltungen

Wenn sich der äußere Anschein einer Sache ändert, so ist diese Veränderung sehr häufig mit Änderungen verbunden, welche wesentlich tiefgreifender sind, das heißt mit Veränderungen auch im Inneren, welche bisweilen auch an das Wesen einer Sache rühren. Die äußere Änderung spiegelt eine Änderung im Inneren wider und fördert diese neue Haltung bei den Menschen, indem sie sich einen gewissen Gewöhnungseffekt zu Nutzen macht: das, was anfangs skandalös erschein, wird nach und nach zu einer Selbstverständlichkeit, welche jeder Diskussion entzogen scheint. Es genügt zu auszuharren und abzuwarten, die Menschen gewöhnen sich an alles. An bekannten Beispielen ermangelt es nicht: weibliche Ministranten, die Handkommunion, der Volksaltar, Stühle anstatt Kniebänke etc. geben uns ein Beispiel davon, wie der anfängliche Skandal zum vermeintlichen recht werden kann, welches dann mitunter auch verteidigt wird.

All das führt langfristig zu unerwünschten Veränderungen, auch wenn diese sich nicht immer sofort als solche erweisen: wenn, beispielsweise, der Priester zu Recht während seiner Predigt sagt man müsse beten um den lebendigen Kontakt zu Gott nicht zu verlieren, kurz darauf hingegen scheint es als spräche er zum Volk wenn er den Meßkanon laut und in der Volkssprache rezitiert, während er in Richtung der „Versammlung“ hin gewendet steht, welches Beispiel kann uns dann diese Zelebrationsweiseder Heiligen Messe für die schönen Worte der Predigt über die Wichtigkeit des Gebetes, welche er kurz zuvor gesprochen hat, geben?
Es ist nicht so daß man sich dessen sofort gewahr würde, nach und nach jedoch ändert sich die Haltung gegenüber dem Gebet – und wir sind bereits an einem Punkt angelangt, an welchem wir sehen daß es zahlreichen Menschen nicht mehr klar ist weshalb die Heilige Messe sich von unserem Alltag unterscheidet und man sich als Konsequenz auch anders in dieser zu verhalten hat.
Bereits durch die Form und dem Aussehen welche wir einer Sache geben vermitteln wir eine Botschaft. Für gewöhnlich geht das derart vonstatten, daß einer oder eine Gruppe die Reform einer Sache oder eines Planes oder eines Konzeptes beabsichtigt. So geschah es anfangs auch mit der Liturgie: einige Theologen, Bischöfe und Professoren hatten neue Vorstellungen welche von dem, was die Kirche seit Jahrhunderten lehrte und tat, unterschiedlich waren. Und ein neues Konzept bedarf auch eines neuen Gewandes um das Äußere mit dem Inneren in Einklang zu bringen, das heißt mit den neuen Ideen welche sich im theologischen Umfeld ihren Weg bereitet haben.
Die einzelnen Elemente, welche man im Zuge der Liturgiereform sofort nach der Beendigung des zweiten Vatikanums mit großer Eile verändert hatte, repräsentieren Veränderungen im theologischen Denken. Diese liturgischen Veränderungen stellen sicher, daß sich diese Veränderungen im Denken nach und nach in der ganzen Welt auch unter den Gläubigen verbreiteen konnten. Anfangs erschien es einem seltsam die Heilige Messe gleichsam in Form einer „Versammlung“ zu feiern: daß der Priester mit lauter Stimme spricht, in der Volkssprache und dem Volk zugewandt anstatt leise auf Latein, dem Herrn zugewandt, zu beten, gewisse Gesten wie der Friedensgruß oder die Form der Kommunionspendung, ebenso wie auch die Begrüßungen und Verabschiedungen seitens des Zelebranten am Anfang und am Ende der Messe legten den Akzent auf dieses neue Gefühl „Versammlung“ zu sein.

Im Laufe der Zeit jedoch wurden diese sondersamen Dinge zur Normalität, zum Alltäglichen. Dies erscheint mittlerweile dem Volk in derselben Art und Weise als normal wie einst das als normal erschien, wie sich der traditionelle Ritus mittels seiner äußeren Form ausdrückte. Die Form ist also das “Vehikel” um gewisse Vorstellungen und Denkweisen zu vermitteln. Wenn man den Kult banalisiert, dort wird man dadurch auch den Glauben der Menschen banalisieren.

Dies gilt jedoch nicht bloß für den Kult, sondern ebenso auch für die Kultur: es ist eben genau nicht egal wie oder ob man Titel und Gewänder gebraucht, wie man sich gegenüber den Autoritäten und dem Klerus verhält, wie man die Kirchen und kirchlichen Häuser einrichtet, welche Art zu sprechen man benutzt und so fort. All das beeinflußt sehr wohl auch den Glauben und das Glauben der Menschen, den es vermittelt etwas, was Worte übersteigt: es vermittelt einen Wert des Glaubens, die Wichtigkeit der Kirche und unterscheidet das Sakrale vom Profanen. Die typischen kirchlichen Verhaltensweisen, die alten Gepflogenheiten und Gebräuche sowie den alten, „typisch kirchlichen“ äußeren Aspekt, welcher die Jahrhunderte der Kirchengeschichte in sich trägt zu verlieren bedeutet zwangsläufig auch Konsequenzen für den Glauben, auch wenn dies alles so manchem etwas übertrieben, überflüssig oder unwichtig für den Glauben erscheinen mag.

Doch dies ist es auf keinen Fall. Heute sehen wir, daß es ganz gewiß nicht alles ist, ganz zu schweigen davon daß darin das Wesen unseres katholischen Glaubens gelegen wäre, aber nichtsdestotrotz handelt es sich um wichtigere Dinge als wir in den letzten Jahrzehnten geglaubt haben, denn es sind genau diese Dinge, welche den Geist und die Seele der Gläubigen auf das Göttliche vorbereiten, und welche den Wert und die Wichtigkeit der Glaubensinhalte sowie der Kirche vermitteln.

Gewiß sind es nicht allein diese Dinge, darüber hinaus gibt es auch noch zahlreiche geistliche Güter welche uns für das Heilige bereiten, aber angesichts der Tatsache daß der Mensch nicht nur ein rein geistliches Wesen ist sondern auch an die Schwerkraft der Erde gebunden bleibt, bedarf er ebenso der irdischen Hilfsmittel um seine menschliche Seele mit dem göttlichen Willen in Einklag zu bringen. Es braucht also das eine ohne dabei das andere auszuschließen: wichtig ist dabei jedoch nur, daß wir den einzelnen Dingen auch wirklich jenen Wert beimessen, welcher ihnen jeweils zukommt.

Die Korrektur des kirchlichen Kultes und der kirchlichen Kultur ist von fundamentaler Bedeutung für die Neuevangelisierung

Wir haben gesagt, daß gewisse Veränderungen in Kult und Kultur, welche in die Kirche eingedrungen sind, einen negativen Einfluß auf den Glauben des Volkes ausgeübt haben. Vieles ist verlorengegangen mit den neuen Formen, gewonnen haben wir im Gegenzug jedoch nichts. Die gewählten Mittel um einen „neuen Frühling des Glaubens“ zu fördern sind die falschen Mittel gewesen – es bedarf einer Vertiefung und einer Bereicherung, und nicht des Gegenteils wie es in den letzten Jahrzehnten geschehen ist.

Die Formen, welche jeglicher Schönheit, durch welche die Sakralität der Wahrheit und des Göttlichen Willens erstrahlten, beraubt sind, sind nicht imstande den Glauben in den Menschen lebendig zu halten. Ein in seinen Erklärungen vereinfachter Glaube ist nicht imstande zu verstehen zu geben, daß es sich um eine absolute und nicht zur Diskussion stehende Wahrheit handelt, welche von Gott selbst herrührt. Machen wir die Liturgie „verständlicher“ indem wir all jenes wegnehmen was überflüssig oder für unsere Zeiten nicht mehr geeignet zu sein scheint (und wer solches sagt meint die säkulare Welt an welcher er auch für die Kirche maßnimmt, wobei er aber vergißt daß für die Kirche andere Regeln gelten), so legen wir notwendiger Weise auch Hand an die Inhalte welche die Liturgie ausdrücken möchte, daß heißt an das Glaubensgut und in Konsequenz auch an den Glauben der Menschen.

Wenn all diese Säkularisierung und nicht die erwarteten Früchte eingebracht hat, so müssen wir notwendiger Weise endlich aufhören wegzunehmen, abzuschaffen, zu „verheutigen“ und zu vereinfachen. Ganz im Gegenteil, wir müssen die Reichtümer und wiederentdecken, welche sich Dank dem Herrn im Laufe der Jahrhunderte entwickelt haben und welche eine gute Basis für eine Gesellschaft bildeten, welche im christlichen Glauben gegründet war.

Es wird keine Wieder-Evangelisation des mittlerweile säkularisierten Okzidents geben, wenn wir nicht auch die Banalisationen und mitunter auch Fehler beheben, welche sich in der reformierten Liturgie und der reformierten Kirchenkultur finden. Es ist nicht einsichtig warum es noch immer solche gibt, die vor einem kirchlichen Ambiente Angst zu haben scheinen welches wir als „typisch katholisch“ bezeichnen könnten, mit allem was eben dazugehört: und damit meine ich nicht allein das unbedingt Notwendige, sondern dazu gehören selbstverständlich auch die „Zierden“ und der Schmuck, welche das Wesentliche des Glaubens begleiten – denn gerade die Liturgie hat auch viel mit heiliger Ästhetik zu tun, gerade weil ihr Wesen und ihr Inhalt heilige Schönheit ist. Auch die kleinen Gesten schaffen in den Gläubigen eine gewisse Haltung.

Ganz besonders die außerordentliche Form des römischen Ritus ist fähig, uns von Dingen zu künden, von welchen man ansonsten nicht mehr spricht da sie heute als antiquiert gelten, welche aber dennoch Teil jener Fundamente sind, welche den Glauben tragen und ihm Stütze sind. Einzig in einer rechten Kultur und in einem rechten Kult wird der Glaube in den Menschen wieder wachsen können. Wir können den Glauben nicht vertiefen, wenn diese Bemühungen nicht auch von Bemühungen begleitet sind, welche sich auf das kirchliche Umfeld beziehen, und die keinesfalls weniger anstrengend sind. Wenn der Glaube schön und wahr ist, so muß sich diese Schönheit und diese Wahrheit auch in unserem Verhalten, widerspiegeln, in der äußeren Form der Liturgie, in deren Worten und in der Art und Weise, wie wir unserem katholischen Glauben Form geben.

Wir können dies mit einer großen Symphonie vergleichen: es genügt nicht daß die Mehrzahl der Instrumente wohlklingt, es genügt nicht daß es im Großen und Ganzen nicht vollkommen schlecht ist. Es genügt bereits wenig und auch alle anderen Instrumente werden immer falschspielender, bis keiner es mehr hören will und am Ende alles in einem großen Chaos endet. In der alten Usanz der verschiedenen Liturgien gab es eine große Harmonie zwischen der Form und dem Inhalt, welcher durch die Form zum Ausdruck kam. Gewiß, allein diese Harmonie wäre noch nicht genug. Nichtsdestotrotz ist sie jedoch indispensabel für den Rest.

Wir sehen also, zwischen Kult, Kultur und Neuevangelisierung besteht eine sehr enge Verbindung: eines hängt vom anderen ab. Mit der Förderung der außerordentlichen Form des römischen Ritus hat der Pontifex einen großartigen Beitrag zur Neumissionierung geleistet, welche ihm so sehr am Herzen liegt. Diese Form ist die fruchtbare Erde, in welcher wir mit großem Erfolg die Samen des Glaubens säen werden können, um hernach eine neue, lebendige und ernsthafte katholische Gesellschaft als Früchte zu ernten.

Symbolfoto: Gotische Kirche – Bildquelle: Andreas Gehrmann