Die klassische Vulgata im Gebet verstehen, nicht vermeintlich verbessern!

Eine Buchbesprechung von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 26. September 2021 um 08:45 Uhr

In den Psalmen „beten wir sozusagen mit Gottes eigenen Worten, die er uns gibt, damit wir lernen, zu ihm zu sprechen und eine Sprache mit ihm zu finden. Etwas ganz Ähnliches geschieht, wenn ein Kind zu sprechen beginnt. Es lernt, die eigenen Wahrnehmungen, Gefühle und Bedürfnisse mit Worten auszudrücken, die es von seinen Eltern und von anderen Personen aus seiner Umgebung gelernt hat. Was es ausdrücken will, ist das, was es selbst erlebt hat, aber das Ausdrucksmittel kommt von anderen Menschen. Nach und nach eignet das Kind es sich an und lernt so Sprache und mit der Sprache eine Welt. Aus der Leihgabe wird das eigene Reden, das doch immer den anderen das Wort verdankt. So ist es auch im Beten der Psalmen. Sie sind uns von Gott gegeben, damit wir Wörter haben, damit wir lernen, uns an Gott zu wenden und mit ihm zu sprechen, so dass diese Worte, die er uns gegeben hat, allmählich und immer mehr unsere eigenen Worte werden.“ Mit dieser Umschreibung brachte Benedikt XVI. am 22. Juni 2011 im Rahmen seiner Mittwochskatechesen Sinn und Zielrichtung des Psalmengebetes nahe. In ihnen wird Gottes inspiriertes Wort zum Gebetswort, wird das Gotteswort gleichsam zum Vokabular und Ausdrucksmittel unseres Sprechens zu Gott und mit ihm.

Eine Wahrnehmung und Einsicht, die den Dominikanerpater Rodrigo Kahl geleitet hat, die Psalmen in der liturgischen Textgestalt, in der sie während eineinhalb Jahrtausenden in der Lateinischen Kirche gesprochen, gesungen und betrachtet worden und erklungen sind, neu zu übersetzen, denn in diesem Wortschatz, den es zu erschließen gilt, waren und bleiben sie wirkmächtig in Spiritualität, Theologie, Frömmigkeit, Kulturgeschichte und Kunst. Der Autor lebt persönlich in der Tradition der alten lateinischen Eigenliturgie des Ordens, dem er angehört und wirkt zugleich als Dozent seit Jahrzehnten im deutschen Priesterseminar der Priesterbruderschaft St. Petrus in Wigratzbad im Allgäu, die der Pflege der überlieferten Römischen Liturgie in deren Gestalt von 1962 verpflichtet ist. Aus der Vermittlung des Verständnisses der Psalmen an diese Seminaristen und angehenden Priester sind der Zugang und die Übersetzung erwachsen, die nun in Buchform veröffentlicht und einem breiteren Leser- und Interessentenkreis zugänglich gemacht werden.

Ein brisant aktuelles Buch zur Unzeit?

Erschienen ist das Buch heuer in einem Umfang von XXXII und 528 Seiten fadengeheftet, in Leinen gebunden, mit Schutzumschlag versehen und mit einem Lesebändchen ausgestattet, in der Kulmbacher Verlagsbuchhandlung Sabat. Das Werk bündelt die Lehrtätigkeit des Ordensmannes und Priesters und ist zugleich Frucht seines eigenen Betens und Betrachtens des Psalters im Wortlaut der klassischen Vulgata. So kann man es als Lebenswerk Pater Kahls ansehen, dessen Bedeutung durch den Moment unterstrichen wird, zu dem er es vorlegt. Die liturgischen Psalmen der Lateinischen Kirche, lateinisch-deutsch sind nämlich seit Traditionis Custodes in eine kritische Situation hineingestellt, in der zum einen der Gebrauch der überlieferten Ordensliturgien, der bezogen auf den Predigerorden infolge der nachvatikanisch-paulinischen Liturgiereform bisher nie ganz aufgegeben wurde, völlig unterdrückt werden soll, zum anderen das Stundengebet nach dem Breviarium Romanum von 1962, das Summorum Pontificum freigegeben hatte, vollkommen unterbunden wird, da Traditionis Custodes maximal noch die Messfeier nach dem Missale Romanum von 1962 ermöglicht. Das gilt zumindest allgemein, und ob es Sonderregelungen für die früheren Ecclesia-Dei-Gemeinschaften, also auch für die Petrusbruderschaft, geben wird, ist jedenfalls im Augenblick sehr fraglich.

Das Latein der Vulgatapsalmen als eigenständige Sprachform und literarischer Wert

Ideengeberin zum Ansatz, den Rodrigo Kahl wählt, ist die Übersetzung Septuaginta deutsch, die Wolfgang Kraus und Martin Karrer 2009 herausgegeben haben. Das griechische Alte Testament wird darin als selbständige, literarische Größe und Leistung ernstgenommen und anerkannt. Eine Emanzipation vom hebräischen Urtext wird vollzogen. Diese Errungenschaft will der Verfasser des hier vorgestellten Buches auf das Latein der Vulgata des heiligen Hieronymus, auf deren Vokabular, Grammatik und Syntax anwenden, um auch diese in ihrer Eigenständigkeit zu würdigen, statt ihre Besonderheiten und Schwierigkeiten bloß als Abweichungen von einem klassischen Standardlatein wahrnehmen zu können, demgegenüber die Vulgata korrekturbedürftig, fehler- und mangelhaft sein soll und der Lateinlehrer den Rotstift zückt.

Der gelehrte Dominikaner kritisiert im Gegenteil die aus dieser Mentalität entstandenen Verbesserungsversuche im vergangenen Jahrhundert, also sowohl die im Auftrag von Papst Pius XII. 1945 erstellten Bea-Psalmen als auch die Psalmen der Neo-Vulgata, wie sie in der Liturgie Pauls VI. verwendet werden, sofern diese noch in Latein stattfindet: „Sie wirken fremd, kalt und ohne Tradition und werden keine Zukunft haben. – Die Bea-Psalmen – am Anfang hochgepriesen – waren nach nicht einmal 20 Jahren schon wieder im Papierkorb der Liturgiegeschichte verschwunden. Was die Zukunft der Neovulgata angeht, braucht man kein Prophet zu sein. Für die Exegese wird sie keine Rolle spielen“ (S. XXX). Kahl fragt dann weiter, ob die Neovulgata denn in der Liturgie eine Rolle spielen kann und führt aus, dass diese lateinische Fassung höchstens in den Gemeinschaften vorkommt, die die nachkonziliare Liturgie in Latein praktizieren: „Nicht immer ist man glücklich damit. Ein Beispiel: In einem Zisterzienser-Frauenkloster wird […] die Neue Liturgie gefeiert, und zwar lateinisch. In diesem Kloster werden die Schriften des hl. Bernhard von Clairvaux intensiv gelesen – ebenfalls lateinisch. Die Oberin versicherte mir [also dem Autor, Pater Rodrigo Kahl OP, Anm. C. V. O.], sie seien immer enttäuscht und schmerzlich berührt, daß sie im Chor die Psalmen der Neovulgata singen und nicht die Psalmen, wie sie Bernhard von Clairvaux an zahllosen Stellen zitiert“ (S. XXXI). Man könnte hier ergänzen, dass die Liturgia Horarum, also das Stundengebet nach der Ordnung, die Paul VI. ihm gegeben hat, seit Jahren nicht mehr neu aufgelegt wird und wenn sich das nicht bald ändert, nur noch antiquarisch zu haben ist. Dazu fügt sich das letzte wörtliche Zitat aus der luziden Einleitung Kahls, das in diese Besprechung einfließen soll: „Die für die (neue) deutsche Liturgie bestimmten Psalmen sollten nach offizieller Anordnung aus der Neovulgata in die deutsche Sprache übersetzt werden. Das ist nicht geschehen. Auch das ist ein Beispiel dafür, wie gering Ansehen und Einfluß der Neovulgata sind, sogar im Bereich der neuen Liturgie. Niemals wird die Neovulgata zu einer größeren Bedeutung gelangen“ (ebd.).

Vulgatapsalmen fĂĽr den liturgischen Gebrauch erschlieĂźen, zum lateinischen Text hinfĂĽhren

Zu erwähnen bleibt noch eine Art Glossarium häufig wiederkehrender, wichtiger Vokabeln und Begriffe der Psalmen (vgl. S. XXII-XXIV). Es folgt keiner alphabetischen Auflistung, sondern geht von der Tragweite der Ausdrücke im Psalmentext aus, worauf wohl der Terminus „Veritas“, der an der Spitze steht, deutlich hinweist. Erwähnenswert ist der Eintrag „Ennarrare und narrare“, worin Kahl sich gegen das unverbindliche deutsche erzählen ausspricht, das gleichwohl fast alle deutschsprachigen Übersetzer und Übersetzungen immer gewählt hatten (vgl. S. XXXIIIf.). Die Verseinteilung folgt übrigens dem liturgischen, nicht dem biblischen Text.

Die Fußnoten werden denjenigen enttäuschen, der sich tiefschürfende altphilologische Detailerläuterungen oder grammatikalische Exkurse erwartet hat. Doch möge er die Zielsetzung des Werkes bedenken, den lateinischen Vollzug des Breviergebets und zu diesem Zweck das Verständnis der Vulgatapsalmen in ihrem Vokabular und Satzbau zu erschließen. Die deutsche Übersetzung Kahl ist folglich der Würde des liturgischen Gebrauchs angemessen, jedoch selbst nicht dazu bestimmt.

Gerade in der Infragestellung und Erschütterung der liturgischen Tradition durch den frech präpotenten Angriff, als den man Traditionis Custodes nur auffassen kann, hat Pater Rodrigo Kahl OP seinen schön ausgestatteten und ansprechend gestalteten Psalmenschlüssel in einem echten Kairos auf den Buchmarkt gebracht; wirklich genau zum richtigen Zeitpunkt und in einer für die Zukunft herausfordernden Lage.

Dass die Publikation 2021 erfolgt ist, im 800. Todesjahr des heiligen Dominikus, mag als eine sinnige FĂĽgung betrachtet werden, die das Gesamtbild abrundet.

Bibliographische Angaben: Rodrigo H. Kahl OP: Die liturgischen Psalmen der lateinischen Kirche – Verlagsbuchhandlung Sabat (vb-sabat.de).

Foto: Die litugischen Psalmen der Lateinischen Kirche – Bildquelle: Verlagsbuchhandlung Sabat

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