Die Gläubigen in den Tempel der Römischen Liturgie eingeführt – zum heutigen 50. Jahrgedächtnis des amerikanischen Priesters Sylvester P. Juergens

Ein Beitrag von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 21. November 2019 um 06:41 Uhr

2019 ist ein Jahr, in dem für die katholische Kirche viele Goldene Jubiläen oder fünfzigste Jahrestage sich aneinanderreihen, die einen Bezug zur Liturgiereform Pauls VI. aufweisen oder zur Verteidigung der Tradition, an exponierter Stelle gerade verstanden als Bewahrung der liturgischen Überlieferung.

Am 3. April 1969 promulgierte Paul VI. seinen Novus Ordo Missae, der in den meisten Ländern am 30. November, dem 1. Adventssonntag des Jahres 1969, in Kraft trat. Am 5. Juni, dem damaligen Fronleichnamsfest, war die Kurze Kritische Untersuchung dieses neuen Messordo datiert, die die Kardinäle Ottaviani und Bacci Papst Paul VI. mit einem Begleitschreiben vom 25. September 1969 übermittelten.

Am 13. Oktober 1969 eröffnete Erzbischof Marcel Lefèbvre in Fribourg in der Schweiz sein Theologenkonvikt, das sozusagen das Saatkorn war, aus dem wenig später das zarte Pflänzlein der Priesterbruderschaft St. Pius‘ X. hervorsprießen sollte. Auf diesen letzten Jahrestag hin hat die US-amerikanische Angelus Press das Erscheinen der achten Auflage ihres lateinisch-englischen Roman Catholic Daily Missal abgestimmt, gleichsam als Jubiläumsausgabe nicht der Liturgiereform, sondern der ersten, konkret datierbaren Anfänge der Piusbruderschaft.

Wenn man nun aber weiß, dass dieses Daily Missal, man könnte es eigentlich auch Angelus Missal nennen, auf dem Ideal Missal von 1962 basiert, das sich Pater Sylvester P. Juergens SM (1894-1969) verdankt, der von 1946 bis 1956 sogar Generalsuperior der Marianisten gewesen ist, gibt es einen Anlass, einen Blick in dieses amerikanische Laienmessbuch und auf das Leben des Priesters zu werfen, auf den seine Grundlagen zurückgehen. Am heutigen 21. November 2019 jährt sich nämlich zum fünfzigsten Male der Tag, an dem Pater Juergens in die Ewigkeit hinübergegangen ist. Gleichsam eine Novene verschonte ihn davor, die verpflichtende Einführung des Novus Ordo Missae mitzuerleben.

Ein ehrwürdiges Marienfest

Das Datum des 21. November ist das Fest Mariä Opferung. Die Ostkirche kennt es seit dem 8. Jahrhundert. Seit 1472 wird es auch in der Römischen Kirche begangen. Es beruht auf der apokryphen Legende, das kleine Mädchen Miriam sei im Alter von drei Jahren von seinen heiligen Eltern Joachim und Anna in den Jerusalemer Tempel gebracht, Gott dargestellt und fortan dort erzogen worden. Die Oration überträgt diese Darstellung Mariens im jüdischen Tempel in einer Bitte auf den Tempel des Himmels. So wie es Gott gefallen habe, dass Maria am heutigen Tage im Tempel dargestellt worden sei, so möge es ihm gefallen, dass diejenigen, die dieses Fest feiern, auf die Fürsprache Mariens hin dereinst würdig befunden werden, im Tempel Seiner Herrlichkeit dargestellt zu werden. Für den Priester einer betont marianisch orientierten Ordensgemeinschaft, zu dessen Lebenswerk es gehört, mittels eines Laienmessbuches, wie wir sehen werden, eigentlich sogar mehrerer, die Gläubigen in den Tempel der Römischen Liturgie eingeführt zu haben, ein von der Vorsehung wahrlich passend gefügter Todestag.

Herkunft und familiärer Hintergrund

Dubuque ist eine Stadt von heute annähernd 60000 Einwohnern im Bundesstaat Iowa, im Mittleren Westen der USA. Sie wurde 1833 gegründet und erhielt 1837 unter ihrem heutigen Namen die Stadtrechte. Dieser geht auf den ersten nichtindianischen Siedler in der Gegend zurück, den Französischkanadier Julien Dubuque (1762-1810), der sich 1785 als Pelzhändler dort niederließ. Bis auf den heutigen Tag trägt das beste Hotel am Platze seinen Namen: Julien Dubuque Hotel.

Zeitgleich mit der Erhebung zur Stadt wird das römisch-katholische Bistum Dubuque  gegründet, das seit 1883 den Rang einer Erzdiözese besitzt. Die katholischen Gläubigen waren vor allem deutschstämmig oder aus Irland eingewandert. Vierzig Immigrantenfamilien deutscher Katholiken erhalten 1849 die Erlaubnis, eine eigene Pfarrei zu bilden, die 1867 die Weihe ihrer neuerrichteten Kirche Saint Mary’s begehen kann. Es ist gut möglich, dass der Großvater des späteren Pater Juergens zum Kreis dieser vierzig Familien gehört hat, denn Sylvester besucht die Elementarschule und die High School, die von dieser Pfarrei unterhalten werden, und als  seine Mutter 1943 stirbt, wird ihr Requiem in der Pfarrkirche Saint Mary’s gehalten.

Zur geographischen Lage der in der Region auch als Key City bekannten Stadt, womit auf ihre Schlüsselstellung für die urbane Besiedlung angespielt wird, ist zu ergänzen, dass das am Westufer des Mississippi gelegene Dubuque genau dort sich findet, wo die drei Bundesstaaten Iowa, Illinois und Wisconsin in ihrem Grenzverlauf aneinanderstoßen, also in der Region, die lokal gern als Tri State Area bezeichnet wird.

Die Vorfahren, Eltern und Geschwister

Juergens‘ Großeltern väterlicherseits sind William Juergens (um 1825-1902) und Maria Falle (1834-1907). Von beiden ist als Geburtsort nur Preußen angegeben, sie bilden die Einwanderergeneration, wenn auch nicht festzustellen ist, wann genau sie in die USA kamen. Es gibt Indizien, die darauf hinweisen, dass die Einwanderung aus dem Königreich Hannover erfolgt ist, was der Angabe der Herkunft mit Preußen nicht widerspricht, da sie jedenfalls vor dem Jahr 1860 erfolgt sein muss, die Information aber auf dem Zensus von 1880 beruht, bei dem man von den, mit den Preußischen Annexionen von 1866 mittlerweile geschaffenen Gebietsverhältnissen ausgegangen sein wird.

Am 10. März 1860 wird nämlich der erste Sohn John Nicholas Juergens (1860-1932) bereits in Dubuque geboren, dieser hat noch drei Brüder und drei Schwestern, der jüngste Bruder Peter wird 1877 geboren und ist somit ein Onkel und vermutlich der Taufpate Sylvesters, der wahrscheinlich deshalb den Zweitnamen Peter erhält.

Am 30. Oktober 1890 heiratet John Nicholas Juergens Maria Brede (1873-1943) aus dem unweit gelegenen Sageville, die dort am 1. September 1873 geboren ist. Der Ehe entstammen insgesamt elf Kinder; Sylvester P. Juergens ist der männliche Erstgeborene, der am 27. März 1894 das Licht der Welt erblickt, er hat eine ältere, 1892 geborene, Schwester sowie drei jüngere Schwestern und sechs Brüder, von denen der Nachzügler Joseph erst 1920 geboren wird.

Sylvester in der Ordensgemeinschaft der Marianisten

Bereits im Alter von 13 Jahren beginnt Sylvester P. Juergens sein Postulat in der Gesellschaft Mariä, die der im Jahre 2000 seliggesprochene Priester Guillaume-Joseph Chaminade (1761-1850) gegründet hat. Es gibt noch eine gleichnamige, jedoch völlig unabhängige Gemeinschaft, die sogar das identische Ordensakronym SM verwendet. Beide wurden von Anfang an beständig verwechselt, wenn man auch versucht, die Unterscheidung zu erleichtern, indem man die zweite Societas Mariae als Maristen bezeichnet. Beide Gemeinschaften entstanden unter dem Eindruck der Französischen Revolution. Die Marianisten repräsentieren die vorrevolutionäre Generation, die die Revolution durchleben musste, die Maristen stehen für die nachfolgende Generation, die sich von Anfang an den neugeschaffenen weltanschaulich-politischen Verhältnissen gegenübersieht. Für beide haben die gesellschaftlichen Umwälzungen etwas Apokalyptisches und sehen sie gerade deshalb mit den Letzten Zeiten ein spezifisch marianisches Zeitalter angebrochen. Eine Wahrnehmung, die einige psychologische Gemeinsamkeiten aufweist mit heutigen konservativ und traditionell orientierten Katholiken, die durch Änderungen in Kirche und Welt sich verunsichert fühlen.

Chaminade gehörte zu den eidverweigernden französischen Priestern und war ab 1797 für drei Jahre gezwungen, ins spanische Exil nach Saragossa zu gehen. Dort entstand seine spezielle Verehrung für Unsere Liebe Frau von der Säule, deren Fest am 12. Oktober von den Marianisten festlich begangen wird. Im Gebet vor dieser Gnadenstatue empfing Chaminade die Inspiration zu seiner Ordensgründung. In der Spiritualität steht für Chaminade die Perspektive Per Filium ad Matrem im Vordergrund, also die Beziehung des Lieblingsjüngers Johannes zu Maria, in die dieser vom Kreuz herab von Jesus gestellt wird. Die Maristen betonen das umgekehrte Per Mariam ad Iesum.

Die tatsächliche Gründung der Marianisten erfolgt zunächst 1816 mit dem Schwesternzweig, 1817 folgt der Zweig der Brüder und Priester. 1817 entstehen auch die Maristen, eine zusätzliche Quelle der Verwechslungsgefahr. Erst in den 1830ger Jahren gibt es einen brieflichen Kontakt Chaminades mit den Maristen. Daran, beide Gründungen zu einer zu verschmelzen, wird aber nie gedacht. Beide Seiten nehmen das jeweilige Gründungscharisma als voneinander zu verschieden und eigenständig wahr.

Ordens- und Priesterausbildung

Nach dem Noviziat in den Jahren 1910 und 1911 legt Sylvester P. Juergens die ersten Gelübde am 17. September 1911, dem Fest der Stigmatisation des heiligen Franziskus von Assisi, ab. Es folgt das Scholastikat bis 1913. Am Fest des heiligen Dominikus, dem die Gottesmutter nach frommer Überlieferung das Rosenkranzgebet geoffenbart hat, dem 4. August 1916, legt Sylvester P. Juergens die Ewige Profess ab und empfängt dabei den für die Marianisten charakteristischen, goldenen Ring der Treue, ein der Ordensgemeinschaft 1851 vom Heiligen Stuhl gewährtes Privileg.

Anschließend bis 1922 an verschiedenen Schulen seiner Kongregation in den USA als Marianistenbruder im Schuldienst tätig, wird er in die Schweiz gesandt, um am dortigen Internationalen Priesterseminar der Marianisten in Fribourg sich auf die Priesterweihe vorzubereiten, die er am 2. April 1927, dem Samstag Sitientes vor dem Passionssonntag, einem klassischen Weihetermin, in der Freiburger Kathedrale St. Nikolaus empfängt. Der Diözesanbischof Marius Besson (1876-1945) spendet an jenem Tag zusammen mit Juergens insgesamt sechs  Marianisten, zwei Franzosen und drei weiteren Amerikanern, das Sakrament der Priesterweihe.

Die Zeugnisse, die aus den Jahren in Fribourg vorliegen, sind erstklassig. Sie bescheinigen Juergens nicht nur großen Erfolg in den philosophischen und theologischen Studien, sondern nicht minder einen liebenswürdigen Charakter, Vorbildlichkeit in sämtlichen natürlichen und übernatürlichen Tugenden und in Frömmigkeit und Eifer, besonders in der Verehrung der Allerseligsten Jungfrau. Hervorgehoben wird seine Intelligenz und Tatkraft sowie bereits eine literarische Begabung. Juergens erscheint als das Musterbild eines Seminaristen. Den theologischen Doktorgrad hat er schon 1925 in Fribourg erworben und zwar mit einer Dissertation über die Psychologie des Glaubens im Individuum bei John Henry Newman, die 1928 als Buch erscheint. Nachdem John Henry Newman am 13. Oktober 2019 heiliggesprochen worden ist, was das Interesse an Newman neu entfacht hat, wäre es vielleicht auch reizvoll, die Doktorarbeit Sylvester P. Juergens‘ erneut zu lesen und eventuell auch neu aufzulegen. Besonders geprägt wird Juergens in der Freiburger Zeit durch den Regens, den Elsässer Marianisten Pater Emile Neubert (1878-1967), von dessen Schriften zur marianistischen Spiritualität Juergens in den Jahren, die auf seine hauptsächliche Aktivität folgen, einige, besonders wichtige ins Englische übersetzt hat.

Sylvester Juergens‘ erste Publikation ist ein Büchlein, das sich an Erstkommunionkinder richtet, Friend of Children. A First Communion Prayer-Book, erscheint noch vor der Priesterweihe, nämlich schon 1926.

Zurück in den Vereinigten Staaten

Ende 1927 als neugeweihter Priester in die USA zurückgekehrt, vertrauen die Oberen Pater Sylvester P. Juergens die Ausbildung der Postulanten und den Aufbau des Postulats in Maryhurst, Kirkwood, Missouri, an. Zum Gebrauch der Postulanten verfasst er ein Partikularexamen und wird für seinen Unterricht und seine Vorträge sehr geschätzt.

1931 wird er zum Direktor des Chaminade College in Clayton, Missouri, ernannt. In dieser Position bewährt er sich als hervorragender Jugendseelsorger und hält mit großem Erfolg geistliche Exerzitien. In diese Zeit fällt auch der Beginn seiner Beschäftigung mit Laienmessbüchern, wobei er zunächst das Daily Missal and Liturgical Manual with Vespers for Sundays and Feasts herausbringt, dabei aber vielleicht auf ein Vorläuferbuch zurückgreift, da es nur als revised by Father Sylvester P. Juergens, S. M., S. T. D. bezeichnet wird.

Am 30. Juli 1936 übernimmt Pater Juergens die Leitung der amerikanischen Ordensprovinz mit Sitz in Saint Louis, Missouri. Provinzial ist er nun für die Dauer von zehn Jahren, eine Periode immenser Aufbauarbeit und der Expansion. Schon 1935 ist eine erste, von ihm erstellte englische Übersetzung seines Lehrers Pater Emile Neubert erschienen, sie trägt den Titel My Ideal Jesus, Son of Mary.

Als Frucht seiner Predigt- und Exerzitientätigkeit erscheinen 1941 Grundsatzvorträge über die Reinheit. Eine praktische Anleitung zum Gebrauch von Priestern und Nonnen.

Wieder in Fribourg – das Generalkapitel von 1946

Im Jahre 1946 findet das erste Generalkapitel der Marianisten nach Kriegsende statt. Es tagt in Fribourg. Für niemanden ist es eine Überraschung, als die Kapitulare Pater Sylvester P. Juergens zum neuen Generaloberen wählen, der in der Kongregation den schönen – heutzutage anscheinend nicht mehr verwendeten – Titel des Bon Père, des Good Father oder des Guten Vaters trägt. Dass im Englischen ein amüsantes Wortspiel God/Good Father möglich ist, sei nur am Rande angemerkt.

Als Generalsuperior liegt wieder eine Aufgabe vor Juergens, die ihn für die nächsten zehn Jahre, bis 1956, beanspruchen wird. Er setzt die Aufbauarbeit, die er als Provinzial in Amerika geleistet hat, auf weltweiter Ebene fort, was dem Wirken der Marianisten eine zunehmend weltkirchliche Dimension verleiht. Dem trägt Juergens Rechnung, indem er das Generalat von Nivelles in Belgien nach Rom verlegt, wo es sich auch heute noch befindet.

Die Schweiz, Japan, Italien, Spanien und der Pazifik werden als neue Provinzen errichtet, die beiden französischen Provinzen Frankreichs zu einer einzigen vereinigt, Missionen in Chile und dem Kongo, erste Niederlassungen in Kanada und Peru werden gegründet.

1849 waren die ersten Marianisten in die USA gekommen; 1948 rief der Generalobere die ersten Marianistenschwestern, die sogar vor den Brüdern und Priestern gegründeten Töchter Mariens der Unbefleckten, in die Vereinigten Staaten.

1947 ist die erste Auflage des New Marian Missal erschienen.

Lebensabend und Tod

Nach Beendigung seiner Amtsperiode als Bon Père kehrt Juergens 1956 von Rom nach Amerika zurück und nimmt Wohnsitz in der Chaminade College Preparatory School in Saint Louis, Missouri, ohne sich freilich wirklich zur Ruhe zu setzen. Er bleibt tätig als Lehrer, Hausgeistlicher, Beichtvater und Berater zahlreicher geistlicher Schwestern und fährt fort, Emile Neubert zu übersetzen. Es erscheinen: Life in Union with Mary (1959), Our Gift from God (1962) und The Soul of Jesus (1963). 1962 erscheint ebenfalls Pater Juergens‘ reifstes Laienmessbuch An Ideal Missal, welches Basis und Ausgangspunkt des heutigen Roman Catholic Missal ist, des lateinisch-englischen Messbuchs der Angelus Press.

Als Pater Juergens 1969 stirbt, erliegt er einem Krebsleiden. Sein Dickdarm war von der tödlichen Krankheit befallen worden. Es ist Freitag, der 21. November, Fest Mariä Opferung, 1:25 Uhr in der Nacht.

Am Fest der heiligen Schutzengel, am 2. Oktober, hatte Pater Juergens das Sakrament der Krankensalbung empfangen, seit dem Fest der Mutterschaft Mariens, dem 11. Oktober, war alle zwei bis drei Tage die heilige Messe in seinem Zimmer im Krankenhaus gelesen worden. Er bekundete seinen Mitbrüdern, auf diese Tage hin seine Kräfte zu schonen, um den heiligen Messen konzentriert und mit Andacht beiwohnen zu können. Er war von innerem Frieden erfüllt und ersehnte den Tod, den er für den Allerheiligentag voraussagte. Der Chronist der Provinz erlaubte sich dazu die etwas makabere Bemerkung, dies sei nicht die einzige, nicht eingetretene Prophezeiung des Pater Sylvester P. Juergens gewesen.

An den Nachrufen und biographischen Abrissen, die zum Tod von Pater Juergens erscheinen, fällt ganz ähnlich wie beim deutschen Pater Anselm Schott OSB (1843-1896) auf, dass seine Messbücher kaum erwähnt werden. Im Falle von Juergens dachte man sicher zudem, im Zuge der nachkonziliaren Liturgiereform seien sie endgültig überholt. Die letzten Auflagen von 1967 zeichnen sich durch eine bewahrende Tendenz aus. Anders als manche andere Handmessbücher bleibt die durchgehende Präsenz des Lateins bis zuletzt erhalten und zeigt sich eine betont konservative Interpretation der ersten Schritte der Liturgiereform. Wie freilich Juergens sich zum Novus Ordo Missae Pauls VI. gestellt hätte, ob befürwortend, skeptisch oder ablehnend, muss Spekulation bleiben, wenn auch die Indizien es unwahrscheinlich machen, dass er ihn enthusiastisch begrüßt hätte.

Seine letzte irdische Ruhestätte hat Pater Juergens auf dem Maryhurst Marianist Cemetery gefunden, in Kirkwood, Missouri, wo sein Grab bis heute besteht.

Das Angelus Missal in achter Auflage und damit als Jubiläumsausgabe 2019

Neben den von Juergens übersetzten Schriften Neuberts My Ideal Jesus, Son of Mary und Life in Union with Mary, die nach wie vor am amerikanischen Buchmarkt erhältlich sind, gilt das gerade für alle seine Messbücher.

Als 2007 das Motuproprio Summorum Pontificum  erschien, ging die Baronius Press für ihr Messbuch von Juergens‘ Daily Missal and Liturgical Manual aus, das New Marian Missal ist in verschiedenen, unveränderten Nachdrucken verfügbar.

Auch was die Druckqualität und die Buchbindekunst anbelangt, übertrifft aber das Roman Catholic Daily Missal der Angelus Press alles andere. Das 50-Jahr-Jubiläum des Bestehens der Priesterbruderschaft St. Pius‘ X., die in Fribourg gegründet wurde, ist Anlass zur achten Auflage dieses Messbuchs, in dem Juergens‘ Ideal Missal weiterlebt. Zur Feier dieses Jubiläums wird es auch wieder in Echtledereinband angeboten. Wir haben gesehen, wie Juergens‘ Leben mit der Seminarzeit, der Priesterweihe und der Wahl zum Generaloberen der Marianisten und wie außerdem die Geschichte der Piusbruderschaft mit Fribourg in der Schweiz eng verbunden ist.

Das Angelus Missal ist kein simpler Nachdruck, man hat die Einführungen etwa anhand des Buches The Mass of St. Pius‘ V des Dominikanerpaters Bernard-Marie de Chivré (1902-1984) und der berühmten dogmatisch-liturgisch-asketischen Messerklärung von Nikolaus Gihr (1839-1924) sowie aus anderen Quellen ergänzt.

Es bleibt aber unverkennbar ein Werk von Pater Sylvester P. Juergens. Davon zeugt nicht zuletzt die Tatsache, dass es das marianistische Messformular vom Fest Unserer Lieben Frau von der Säule am 12. Oktober verzeichnet. In der Vorbemerkung erwähnt es die besondere Beziehung des Ordensgründers Guillaume-Joseph Chaminade zu diesem Gnadenbild. Diese Einführung sollte bei nächster Gelegenheit dahingehend aktualisiert werden, dass man Chaminade als Seligen bezeichnet. Die Seligsprechung fand am 3. September 2000 statt, nach traditionellem Heiligenkalender folglich dem Fest des heiligen Papstes Pius‘ X., eine weitere, subtile Verbindung zwischen den Marianisten und der Piusbruderschaft; zwischen Juergens‘ Ideal Missal und dem Roman Catholic Daily Missal der Angelus Press.

Die achte Auflage kann 2019 also nicht bloß als Jubiläumsausgabe zur 50-Jahr-Feier der Priesterbruderschaft St. Pius‘ X. allein betrachtet werden, sondern sollte auch das Memento des Priesters wachhalten, ohne den es das Angelus Missal so nicht geben würde und der heute vor fünfzig Jahren verstorben ist.

An seinem heutigen Goldenen Jahrgedächtnis beten wir für ihn das Stillgebet für einen verstorbenen Priester laut der Übersetzung Ramm im Volksmissale:

„Nimm an, Herr, so bitten wir, die Opfergaben, die wir für die Seele Deines Dieners, des Priesters Sylvester Peter, darbringen, auf dass Du ihm, dem Du die priesterliche Würde verliehen hast, auch deren Lohn verleihest. Durch unsern Herrn.“

Foto: P. Juergens SM – Bildquelle: Archiv Oldendorf