Die drei Wunder des Hochfestes „Epiphanie“ geschehen „heute“

Homilie für die 2. Vesper des Hochfestes „Erscheinung des Herrn“ (Epiphanie).
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 5. Januar 2020 um 15:12 Uhr
Die Anbetung der Heiligen Drei Könige

Die Homilie ist eine Predigt, die die biblischen und liturgischen Texte im Laufe des Kirchenjahres im Kontext einer gottesdienstlichen Feier darlegt.  Dass der Prediger nicht nur die Schrifttexte – Lesung, Evangelium – auslegen, sondern auch die liturgischen Gebete (Orationen, Präfationen. Hymnen, Antiphonen) zum Gegenstand seiner Homilie machen soll, geht aus Nr. 52 der Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium (SC)  des Zweiten Vatikanischen Konzils hervor. Das Konzils spricht von dem „heiligen Text“ (sacer textus) und umfaßt damit sowohl die Texte der Heiligen Schrift auch die liturgischen Texte. Wenngleich SC in Nr. 52 den Blick auf die Homilie in der Eucharistiefeier richtet, so ist dieses Prinzip analog auf alle liturgischen Feiern der Kirche anzuwenden, zumal alle liturgischen Feiern letztendlich auf die Eucharistiefeier hingeordnet sind.

So auch die Feier des Stundengebetes der Kirche. Im Folgenden veröffentlicht Kathnews mit freundlicher Genehmigung eine Homilie von Kaplan Alexander Fischer aus der Diözese St. Pölten in Österreich für die zweite Vesper des Hochfestes der Offenbarung des Herrn („Epiphanie“) am Abend des 6. Januar.  In der Vesper, die auf Lateinisch nach dem reformierten Stundenbuch (Liturgia horarum) gefeiert wird, erläutert der Offiziant den Gläubigen die Magnificat-Antiphon der zweiten Vesper von Epiphanie:

 

Tribus miraculis ornatum diem sanctum colimus:

hodie sella magos duxit ad praesepium;

hodie vinum ex aqua factum est ad nuptias;

hodie in Iordane a Ioanne Christus baptizari voluit,

ut salvaret nos. Allelua.

 

Liebe Brüder und Schwestern!

In der Magnificat-Antiphon werden wir das heutige Fest als einen Tag „tribus miraculis ornatum“, als einen mit drei Wundern geschmückten Tag besingen.
Dem folgt als Erklärung ein dreifaches „Hodie“-„Heute“:
Heute führte der Stern die Weisen zur Krippe; heute wurde Wasser zu Wein bei der Hochzeit; heute wollte Christus im Jordan von Johannes getauft werden.

Der heutige Festtag ist in der Liturgie der Kirche nicht einfach der Dreikönigstag – auch wenn in der römischen Messliturgie ganz klar die Anbetung der Weisen aus dem Morgenland im Vordergrund steht. Besonders aber in der Stundenliturgie haben sich auch die alten Festinhalte des Hochfestes der Erscheinung des Herrn erhalten, wie sie auch die ostkirchlichen Riten kennen.
Es geht um das Offenbarwerden Christi und insofern um den logischen „Abschluss“ der Weihnachtszeit. Wer ist dieses Kind? Wenn wir den Geburtstag einer bedeutenden Persönlichkeit begehen oder auch wenn wir selber Geburtstag feiern, dann denken wir ja nicht nur an die Geburt, sondern an das ganze Leben dieser Person, an all das, was diese Person ausmacht.

Und die drei Wunder, die die heutige Magnificat-Antiphon besingt, wollen uns helfen, eine Antwort auf diese Frage zu finden: Wer ist dieser Jesus, dessen Geburtstag wir feiern? Was macht seine Person aus?

Betrachten wir dazu den Hymnus, den wir zu Beginn der Vesper gesungen haben, einen Teil des alten abecelichen Hymnus über das Leben Jesu „A solis ortus cardine“, bei dem jede Strophe mit einem anderen Buchstaben des Alphabets beginnt. Schon das will ausdrücken: Dieses Kind ist umfassend, er hält alles – von A bis Z – in seinen Händen, es gibt nichts, das nicht von ihm umgriffen wäre.
Aus diesem Hymnus werden am heutigen Epiphaniefest die Strophen mit den Buchstaben H, I, L und N gesungen – ergänzt um eine Lobpreisstrophe. Und diese Strophen beinhalten eben genau die „drei Wunder“, die heute gefeiert werden: die Anbetung der Weisen, die Taufe Jesu im Jordan und das Weinwunder bei der Hochzeit zu Kana.

Der Hymnus beginnt in seiner H-Strophe zunächst damit, dass König Herodes angesprochen wird: Warum fürchtest du dich, Herodes?
Der Hymnus lenkt unseren Blick zunächst also auf eine falsche Vorstellung von dem, was die Person Jesu ausmacht. Herodes erschrickt, als er von den Weisen erfährt, ein neuer König sei geboren. Dabei, so weiß der Hymnus Herodes zu antworten, hätte er nichts zu fürchten gehabt, denn „non eripit mortalia qui regna dat caelestia“ – der ein ewiges Reich bereithält, der macht ihm die irdische Krone nicht streitig.

So lädt uns diese erste Strophe des Hymnus ein, mit unseren Vorurteilen über Jesus aufzuräumen. Nun werden wir vor Jesus wahrscheinlich nicht, wie Herodes, um unsere irdischen Machtpositionen bangen. Doch vielleicht gibt es auch bei uns Vorstellungen, Bilder von Jesus, die der Korrektur bedürfen. Sind wir überhaupt bereit, ihn kennenzulernen oder „wissen“ wir ohnehin schon alles? Wissen wir nur etwas über ihn oder lassen wir uns darauf ein, mit ihm zu sein?

Die folgenden Strophen I, L und N laden uns ein, dieses Mit-Sein mit ihm zu leben, nicht nur von ihm zu hören, sondern ihm zu begegnen. Wenn es in der Magnificat-Antiphon dreimal „hodie“ heißt, ist das ja auch nicht einfach eine Anspielung auf einen Gedenk- oder Jahrestag, sondern die Einladung, diese „drei Wunder“ tatsächlich „heute“ zu erleben.

Mit den Weisen aus dem Morgenland dürfen wir uns auf den Weg machen. Durch das erste Wort der Hymnusstrophe I erscheinen sie überhaupt als Menschen, die in Bewegung sind: „Ibant magi“ – die Weisen gehen.

Aber sie sind nicht nur irgendwie in Bewegung, „gehen“ nicht nur, nicht der Weg ist ihr Ziel, sondern sie „kommen“ – „venerant“, sie kommen vom Stern geführt. „Lumen requirunt lumine“ – durch das Licht finden sie hin zum Licht, zu Christus, der ihr Leben hell machen will. In ihm begegnen sie Gott selbst und bringen ihm ihre Gaben dar: „Deum fatentur munere“.
Das ist das erste „Wunder“, zu dem uns der heutige Tag einlädt: Uns auf den Weg zu machen und zu ihm hinzufinden; die vielen Wegweiser, die er uns schickt, nicht zu übersehen, sondern ihnen zu folgen; und ihm dann kostbare Geschenke zu machen, ihm eigentlich unser ganzes Leben anzuvertrauen.

Die L-Strophe lenkt unseren Blick dann zur Taufe Jesu im Jordan. Sie spricht in poetischer Sprache von einem himmlischen Lamm im Bad eines reinen Wasserstrudels. Dieses Lamm ist das Subjekt, der Handelnde dieser Strophe; und die eigentliche Handlung ist, dass es „peccata quae non detulit nos abluendo sustulit“ – dass es nicht sich in diesen Fluten wäscht, sondern uns wäscht – von unseren Sünden, die das Lamm nicht einmal selbst begangen hat.

Das ist das zweite „Wunder“ dieses Tages, eine Wesenseigenschaft Jesu: Sein stellvertretendes Handeln. Er handelt für uns, wenn wir ihm – wie in der vorigen Strophe – unser Leben überlassen haben. Dafür ist er Mensch geworden, das deutet sich an bei der Taufe im Jordan, das erreicht seinen Höhepunkt schließlich in seinem Opfertod am Kreuz.
Haben wir in der vorigen Strophe ihm unsere Gaben gebracht, ihm unser Leben übergeben, so dürfen wir in dieser Strophe seine Geschenke annehmen, sein Leben, das er für uns hingibt.

Die N-Strophe schließlich erinnert uns an Jesu erstes Wunder bei der Hochzeit zu Kana. Als „novum genus potentiae“, als neue Weise der Macht, wird dieses Wunder begriffen.
Das dritte „Wunder“ des heutigen Tages ist das Wunder der Verwandlung: Wasser wird zu Wein, Einfaches wird zum Besonderen, der Alltag wird zum Fest.
Die Begegnung mit Jesus, dem ich mich hingebe und der sich für mich hingibt, hat die Macht, auch mein Leben zu verwandeln.

Wer wirklich Weihnachten feiert, ist eingeladen, die „drei Wunder“ des heutigen Tages auch in seinem Leben Wirklichkeit werden zu lassen:

  • „HODIE stella Magos duxit ad praesepium“ – HEUTE führt der Stern die Weisen zur Krippe. HEUTE sollen wir uns auf den Weg machen zu ihm und ihm unser Leben anvertrauen.
  • „HODIE Christus baptizari voluit“ – HEUTE will Christus stellvertretend für uns getauft werden. HEUTE will er für uns alles geben.
  • „HODIE vinum ex aqua factum est“ – HEUTE wird Wasser zu Wein, wird Alltag zum Fest. HEUTE will Jesus mein Leben verwandeln.

Amen.

Foto: Die Anbetung der Heiligen Drei Könige – Bildquelle: Albrecht Altdorfer (etwa 1480–1538)