Die Braut Christi mit ihren vielfältigen Gesichtern – Sondierung von Querida Amazonia und Auswertung

Teil 7/3: Sondierung und Auswertung von Kapitel IV – Themenkreis Dienste und Ämter der Kirche im Amazonasgebiet, Würde, Stellung und Sendung der Frau in der Kirche. Ein Beitrag von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 15. März 2020 um 23:59 Uhr
Petersdom

Der visionäre Charakter, den QA an sich trägt und dabei dennoch nicht u-topisch ist, sondern wirklich die konkreten Voraussetzungen und Bedingungen, aber auch das Potential der Kirche im Amazonasgebiet vor Augen hat, tritt wieder deutlich zutage, wenn Papst Franziskus seine

Skizze einer von Laien geprägten, kirchlichen Kultur im Amazonasgebiet

vorstellt. Das ist wahrscheinlich für die einen wieder ein ausgesprochenes Reizthema, an dem sie eine (weitere) Protestantisierung der Kirche kritisieren werden, für die anderen, die sich etwa von den Protagonisten des deutschen Synodalen Weges vertreten fühlen, eine Projektionsfläche ihrer eigenen Visionen der Zukunft der Kirche im eigenen Land, in Europa und überhaupt. Es ist gut möglich, dass Papst Franziskus die sehr spezifischen geographischen, infrastrukturellen, sozialen und kulturellen Besonderheiten des Amazonasgebiets als eines klassischen Missionsgebiets deswegen in diesem Zusammenhang wieder stark hervorhebt, um auf diese Weise einer solchen Vereinnahmung vorzubeugen, die fast schon als eine Art umgekehrte Kolonialisierung kenntlich zu machen wäre.

Der Heilige Vater führt in QA 89 zunächst aus: „Unter den besonderen Umständen Amazoniens, vor allem im tropischen Regenwald und in abgelegeneren Gebieten, muss ein Weg gefunden werden, um diesen priesterlichen Dienst zu gewährleisten. Die Laien können das Wort verkünden, unterrichten, ihre Gemeinschaften organisieren, einige Sakramente feiern, verschiedene Ausdrucksformen für die Volksfrömmigkeit entwickeln und die vielfältigen Gaben, die der Geist über sie ausgießt, entfalten. Aber sie brauchen die Feier der Eucharistie, denn sie ‚baut die Kirche‘, und daraus folgt, dass die christliche Gemeinde ‚aber nur auferbaut [wird], wenn sie Wurzel und Angelpunkt in der Feier der Eucharistie hat‘. Wenn wir wirklich glauben, dass dies so ist, ist es dringend notwendig zu verhindern, dass den Amazonasvölkern diese Nahrung des neuen Lebens und des Sakraments der Versöhnung vorenthalten wird.“

Neue Laiendienste unter den besonderen Bedingungen des Amazonasgebiets – zentrale Stellung der Eucharistie und der Sakramente bleibt grundlegend

Laien können also katechetisch tätig sein, bestimmte Sakramente spenden, namentlich das Tauf- und Ehesakrament, bei welch letzterem tatsächlich die Kontrahenten, Braut und Bräutigam, es sich wechselseitig spenden und empfangen. Sie können ihre Gemeinschaften organisieren, der Volksfrömmigkeit eigene, ihrer Kultur und Mentalität gemäße Ausdrucksformen schaffen. Außerdem bringt der Papst hier Charismen ins Spiel, die der Heilige Geist in den Gemeinden unter den Gläubigen weckt, wobei sicher nicht nur spektakuläre Gnadengaben gemeint sind, sondern auch ganz praktische Begabungen und Talente, die von Laien in den Aufbau der Kirche vor Ort eingebracht werden können. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille, weswegen dieser Abschnitt den Akzent von Laien und Charismen um denjenigen der Eucharistie und des Bußsakramentes ergänzt, den nur der geweihte Priester einbringen kann.

QA 91 rundet den Gedankengang ab: „Andererseits ist die Eucharistie das große Sakrament, das die Einheit der Kirche darstellt und verwirklicht, und sie wird gefeiert, ‚damit wir, die wir weit verstreut leben und einander fremd und gleichgültig sind, vereint und gleichberechtigt zu Freunden werden‘. Wer der Eucharistie vorsteht, muss Sorge tragen für die Gemeinschaft, die keine verarmte Einheit ist, sondern die vielfältigen Reichtümer an Gaben und Charismen aufnimmt, die der Geist in der Gemeinde ausgießt“ und bringt damit den Akzent der Geistbegabung auch wieder im eucharistischen Gefüge zur Geltung. Die Abschnitte QA 92-97 stehen in diesem Zusammenspiel von Eucharistie (und damit dem geweihten Priestertum) und vom Heiligen Geist geweckten Charismen. Sie lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Laien und Ordensleuten kommt im Amazonasgebiet eine wichtige, das Leben der Gemeinde tragende Stellung zu. Für die Präsenz der Eucharistie und den Zugang zum Beichtsakrament werden mehr Priester benötigt, die bereit, sind im Amazonasgebiet zu wirken Auch ein Mangel an geweihten Diakonen besteht, dem abzuhelfen ist. Alleiniges Ziel ist nicht eine dichtere Häufigkeit der Eucharistiefeier oder eine größere Zahl an Priestern, die Aufgabe der Laien bleibt entscheidend. Sie soll sich aber nicht in reiner Eigeninitiative, freier Form oder gar Anarchie ausdrücken, sondern setzt in einer Kirche mit amazonischen Gesichtszügen, wie QA 94 wörtlich sagt, mit entsprechenden Vollmachten ausgestattete Laien-Gemeindeleiter voraus, „die die Sprachen, Kulturen, geistlichen Erfahrungen sowie die Lebensweise der jeweiligen Gegend kennen und zugleich Raum lassen für die Vielfalt der Gaben, die der Heilige Geist in uns sät.

Denn dort, wo eine besondere Notwendigkeit besteht, hat der Heilige Geist bereits für die Charismen gesorgt, die darauf antworten können. Dies setzt in der Kirche die Fähigkeit voraus, der Kühnheit des Geistes Raum zu geben sowie vertrauensvoll und konkret die Entwicklung einer eigenen kirchlichen Kultur zu ermöglichen, die von Laien geprägt ist. Die Herausforderungen Amazoniens verlangen von der Kirche eine besondere Anstrengung, um eine Präsenz in der Fläche zu erreichen, was nur zu verwirklichen ist, wenn die Laien eine wirksame zentrale Rolle innehaben.“ Der Papst denkt hier von den lateinamerikanischen Basisgemeinden her und würdigt diese ausdrücklich.

Charismen formen und in Diensten kanalisieren und autorisieren; keine Klerikalisierung von Laien

Wenn es darum geht, neue Dienste und Ämter zu schaffen, beabsichtigt Papst Franziskus damit keine Umformung des Weihesakramentes oder will den Diakonat daraus ausgliedern, um ihn selbst als laikalen Dienst zu etablieren, der dann prinzipiell auch von Frauen übernommen werden könnte, sondern es schweben ihm offenbar wirklich neue Laiendienste vor, eigens geschaffen für die und in der Amazonasregion und abgestimmt auf diese.

Dienste, die sozusagen das, was Laien, Frauen wie Männer, als Getaufte und Gefirmte tun können und was der Heilige Geist charismatisch in ihnen anregt, kanalisiert und auch institutionalisiert, ausdrücklich jedoch nicht klerikalisiert. Papst Franziskus möchte die Laien als Laien stärken und dies dadurch anerkennen, dass sie von der Kirche offiziell mit neuen Ämtern und Diensten beauftragt werden.

Deutschland liegt nicht in Amazonien oder: Auf nach Amazonien!

Bei alldem wird immer wieder unterstrichen, dass tatsächlich die Kirche im Amazonasgebiet ins Auge gefasst wird und dass der Grund dafür in den besonderen Bedingungen vor Ort liegt. Dieser Raum ist auch nicht einfach ein Versuchsfeld für eine deutsche Kirche mit ihren Großpfarreien und Pastoralen Räumen und dem dortigen Priestermangel. Die deutschen Diözesen sind keine Kirchen mit amazonischen Gesichtszügen, und es gibt auch keinen Grund, der eine Schönheitsoperation mit dem Ziel rechtfertigen würde, ihr solche Züge zu verleihen. Manche – selbst deutsche Bischöfe sind darunter – scheinen ja den sogenannten Synodalen Prozess für diese fragwürdige Schönheitsoperation zu halten.

Am Ende dieses Teilbeitrages 7/3 soll deshalb Papst Franziskus‘ Aufruf in QA 90 stehen und mit einigen Überlegungen dazu ausklingen: „Diese drängende Notwendigkeit (dem Priestermangel im Amazonasgebiet zu begegnen, Anm. C. V. O.) veranlasst mich, alle Bischöfe, besonders die Lateinamerikas, zu ermutigen, nicht nur das Gebet um Priesterberufungen zu fördern, sondern auch großzügiger zu sein und diejenigen, die eine missionarische Berufung zeigen, dazu zu bewegen, sich für das Amazonasgebiet zu entscheiden. Gleichzeitig ist es notwendig, die Struktur und den Inhalt sowohl der Erstausbildung als auch der ständigen Weiterbildung der Priester gründlich zu überprüfen, damit sie die für den Dialog mit den Kulturen des Amazonasgebiets erforderlichen Haltungen und Fähigkeiten erwerben können. Diese Ausbildung sollte in hohem Maße pastoral sein und ein Wachstum priesterlicher Barmherzigkeit fördern.“ Nimmt man hier die Fußnote 132 hinzu, die lautet: „Es macht nachdenklich, dass es in einigen Ländern des Amazonasgebiets mehr Missionare für Europa oder die Vereinigten Staaten gibt, als solche, die bereit sind, in den eigenen Vikariaten Amazoniens mitzuhelfen“, könnte man daran denken, dass der Heilige Vater entweder schon bestehende Missionskongregationen und –orden ausdrücklich zum Dienst in Amazonien aufruft oder auch eine eigene Missionsgesellschaft für Amazonien gründet, um die größere Präsenz von Priestern und damit des Bußsakramentes, der Eucharistie und der Krankensalbung in Amazonien zu erreichen. In der Priesterausbildung dieser Missionae wären die besonderen kulturellen Schwerpunkte Amazoniens zu setzen, damit sie, wenn sie einmal dorthin entsandt sind, fruchtbar wirken können.

Fußnote 133 bedauert schließlich einen völligen Mangel an Seminarien für Indigene im Amazonasgebiet. Auch das Fehlen einheimischer Priesterberufungen ist also ein Indiz, das zu ergründen ist und die Frage aufwirft, inwieweit es bisher wirklich gelungen ist, dass das Christentum und der katholische Glaube angenommen wurden und an der Formung der indigen-amazonischen Kultur tatsächlich mitwirken, nicht nur oberflächlich, äußerlich und teilweise.

Foto: Petersdom – Bildquelle: M. Bürger, kathnews