Die Braut Christi mit ihren vielfältigen Gesichtern – Sondierung von Querida Amazonia und Auswertung

Teil 7/2: Sondierung und Auswertung von Kapitel IV – Exkurs zum Verhältnis Orts- und Weltkirche, Chancen und Optionen aus QA. Ein Beitrag von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 12. März 2020 um 23:18 Uhr

Bis hierher ist schon deutlich geworden, welcher Akzent von QA für die Kirche insgesamt wegweisend im Sinne einer gewissen Akzentverschiebung werden könnte: Vermittels der Betonung des inkarnatorischen Prinzips wird eine legitime und sogar wünschenswerte phänotypische Diversität der Ortskirchen vertreten.

Was bedeutet die Blickrichtung von QA für die Gesamtkirche?

Im Horizont dieser Einsicht bietet es sich bildlich gesprochen ein weiteres Mal an, ein wenig in QA vorauszublättern, nämlich bis zu QA 104: „Es kann vorkommen, dass an einem bestimmten Ort die in der Pastoral Tätigen für die anstehenden Probleme sehr unterschiedliche Lösungen für naheliegend halten und deshalb scheinbar entgegengesetzte kirchliche Herangehensweisen befürworten. In solch einem Fall ist es wahrscheinlich, dass die wahre Antwort auf die Herausforderungen der Evangelisierung darin besteht, beide Lösungsansätze zu überwinden und andere, vielleicht ungeahnte, bessere Wege zu finden. Der Konflikt wird auf einer höheren Ebene überwunden, wo sich jede der beiden Seiten mit der jeweils anderen zu etwas Neuem verbindet, aber dennoch sich selbst treu bleibt.

Alles entscheidet sich ‚auf einer höheren Ebene, welche die wertvollen innewohnenden Möglichkeiten und die Polaritäten im Streit beibehält‘. Andernfalls verstricken wir uns im Konflikt, ‚verlieren wir die Perspektive, unsere Horizonte werden kleiner, und die Wirklichkeit selbst zerbröckelt‘.“ Wer bei dieser Bemerkung, die zweimal auf Evangelium nuntiandi zurückgreift, nicht nur an Meinungsverschiedenheiten denkt, die die konkrete Gestaltung der praktischen Seelsorge betreffen, sondern auch die Idee von Kirche, die dahintersteht, nicht vergisst, wird sofort an die um die Jahrtausendwende von den Kardinälen Joseph Ratzinger und Walter Kasper zum Verhältnis und zeitlichen wie ontologischen Vorrang von Universalkirche und Lokal- oder Teilkirchen geführte Debatte erinnert.

Auf den ersten Blick schienen dabei die beiden unterschiedlichen Ansätze vor allem praktisch für zwei verschiedene Modelle zu stehen. Kasper trat in dieser Wahrnehmung für mehr Freiheit und Vielgestaltigkeit der Ortskirchen ein, Ratzinger betonte die Weltkirche mit Zentrum Rom, womit kirchliche Einheit vorrangig Übereinstimmung und Uniformität mit dieser Bezugsgröße zu bedeuten schien.

Konfliktscheu überwinden!

Das Konzept, das Papst Franziskus entwirft, kann bei genauem Lesen nun keineswegs auf These – Antithese – Synthese verkürzt werden, da er offensichtlich nicht einfach Kompromissformeln finden will. Vielmehr sollen alle Seiten sich treu bleiben und Neues finden, wobei Polaritäten im Streit beibehalten werden können.

Auf einer theoretischen Schiene lässt sich hier relativ leicht vermitteln, denn spätestens nachdem die Jerusalemer Urgemeinde als zeitlich erste Ortskirche die Sendung an Israel mit der Aufnahme der Heidenmission durch Paulus überschritten hatte, wurde offenbar, dass gleichsam die weltkirchliche Dimension grundsätzlich in der DNA der Kirche angelegt und vorgegeben ist.

Stand der Panzerkardinal als Papst Benedikt aber tatsächlich für römischen Zentralismus?

Denkt man an Benedikt XVI. zurück und exemplarisch an dessen Hermeneutik von Diskontinuität und Reform oder auch an das Konstrukt eines Ritus in zwei Formen in Summorum Pontificum, war er einerseits sicherlich mehr auf Synthese bedacht als auf Überwindung gegensätzlicher Zugänge unter Wahrung der Polarität. Andererseits zeigt er gerade mit seiner Schaffung der Personalordinariate für konvertierte Anglikaner und mit seiner diesbezüglichen Apostolischen Konstitution Anglicanorum Coetibus aus 2009, dass er mit Franziskus in der Stärkung einer legitimen Vielgestaltigkeit  der Ortskirchen übereinstimmt, dieses Konzept gewissermaßen entworfen hat, ihm die rechtliche Grundlage gegeben und es auch schon praktisch umgesetzt hat. Er ging dabei gewissermaßen so weit, das ortskirchliche Prinzip sogar zu übersteigen, was freilich etwa in den Militärordinariaten oder in der Rechtsform der Personalprälatur nicht ohne Vorbild war.

Herausforderung für Konservative

Diese Weite ist für Konservative und Traditionalisten sicherlich gewöhnungsbedürftig und vielleicht auch schwer zu akzeptieren. Möglicherweise wenden insonderheit letztere auch gegen die inkarnatorische Analogie ein, dass der Logos sich immerhin nur einmal inkarniert und dabei auch nur eine konkrete Menschennatur angenommen habe, nur die einmaligen Gesichtszüge Jesu von Nazareth trage. Das Argument trifft sogar zu, sticht jedoch nicht, weil eben nur eine inkarnatorische Analogie vorliegt, auch von Franziskus keine vollständige Entsprechung zur Inkarnation behauptet wird.  Viel kritisiert und harmonisiert wurde auch die Wendung subsistit in in Lumen gentium 8.

In der Subsistenz der Orts- und Teilkirchen in der Weltkirche könnte indes ausgerechnet für Traditionalisten eine Chance liegen, sich selbst treu zu bleiben und zwar sogar unter Beibehaltung der Polaritäten im Streit.

Die katholische Kirche könnte also in Zukunft weniger monolithisch erscheinen, und man mag darin auch eine Entwicklung nachvollzogen finden, die insbesondere die Church of England  längst durchlaufen hat, unter deren Dach äußerst disparate Gruppen mit- und manchmal sicherlich auch gegeneinander existieren.

Das kann man bedauern und auch kritisieren oder als Bereicherung betrachten. Könnte es nicht ohnehin sein, dass diese Strategie ehrlicher mit Spannungen und Strömungen umgeht, die es de facto auch in der katholischen Kirche seit langem gibt, statt zu meinen, in einer allumfassenden Kirche könne und müsse alles nur eine Lösung und ein Gesicht haben, wovon zumindest die Fassade um jeden Preis aufrechterhalten werden müsse? Ein Problemzugang, dem es nur darum geht, das Gesicht zu wahren.

Foto: Petersplatz – Bildquelle: Kathnews