Die Braut Christi mit ihren vielfältigen Gesichtern – Sondierung von Querida Amazonia und Auswertung

Teil 6: Sondierung und Auswertung von Kapitel IV – Themenkreis Kosmische Weltanschauung und indigene Lebenswelt, Sakramentalität und liturgische Inkulturation. Ein Beitrag von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 7. März 2020 um 11:03 Uhr
Petersdom

Indem wir die weitere Durchsicht von QA wieder aufnehmen, erinnern wir uns kurz der anderen beiden Aspekte, die neben dem Traditionsbegriff in Teil 3 dieser Reihe angesprochen wurden: eine spezifisch indigene Spiritualität als Resultat einer im Einklang mit der Natur stehenden oder jedenfalls nach diesem Einklang strebenden Lebensweise, eine auf den Kosmos hin offene und ausgerichtete Weltauffassung und –erfahrung der indigenen Völker.

Immer wieder in der Geschichte des Christentums gab es ausgesprochen dualistische Strömungen, etwa im Mittelalter die Katharer, die die Materie strikt als verdorben und schlecht ansahen, also die Überwindung der sichtbaren Schöpfung als die grundlegende Voraussetzung erachteten, zum rein Geistigen aufzusteigen, dessen gänzliche Loslösung von der Materie ihnen als ethisch gut galt und Heiligkeit verbürgte. Deswegen lehnten sie die sichtbare Kirche mit ihren Sakramenten ab, die häufig ein deutlich materielles Element umfassen: Wasser bei der Taufe, Brot und Wein, also sogar Alkohol, bei der Eucharistie, verschiedene Öle und Salbungen damit – ebenfalls bei der Taufe, bei der Firmung, dem Weihesakrament und bei der Krankensalbung; die absolute Unauflöslichkeit der im Sakrament geschlossenen Ehe basiert auf dem anschließenden Vollzug des Geschlechtsaktes, und beim Bußsakrament bilden gar unmittelbar die Sünden selbst und ihr Bekenntnis die Materie. Tritt das Wort der sakramentalen Form zur Materie hinzu, wird diese regelrecht zur Trägerin und zum Instrument der Gnade.

Indigenes Ja zur Schöpfung – Offenheit für das Sakramentale

Wie beispielsweise den Katharern ihre negative Sicht des Materiellen den Zugang zu den Sakramenten verschloss, so sieht Papst Franziskus in der indigenen Spiritualität und positiven Schöpfungsbejahung die Chance einer Eröffnung dieses Zugangs zur Kategorie der Sakramentalität, wie wir in QA 81 lesen können: „Die Inkulturation der christlichen Spiritualität in den Kulturen der ursprünglichen Völker findet in den Sakramenten einen besonders wertvollen Weg, weil in ihnen das Göttliche und das Kosmische, die Gnade und die Schöpfung vereint sind. In Amazonien sollten sie nicht als etwas verstanden werden, das mit der Schöpfung nichts zu tun hat. Sie ‚sind eine bevorzugte Weise, in der die Natur von Gott angenommen wird und sich in Vermittlung des übernatürlichen Lebens verwandelt‘. Sie sind eine Vollendung des Geschaffenen, in dem die Natur zum Ort und Instrument der Gnade erhoben wird, um ‚die Welt auf einer anderen Ebene zu umarmen‘“.

Zweimal zitiert hier Franziskus wieder aus seiner Enzyklika Laudato si‘. Dies geschieht anschließend in den ersten drei Fällen in QA 82, wo der Papst eine Anwendung des sakramentalen Zugangs auf die Eucharistie vornimmt: „In der Eucharistie wollte Gott ‚auf dem Höhepunkt des Geheimnisses der Inkarnation […] durch ein Stückchen Materie in unser Innerstes gelangen. […] [Sie] vereint Himmel und Erde, umfasst und durchdringt die gesamte Schöpfung‘. Aus diesem Grund kann sie eine ‚Motivation hinsichtlich unserer Sorgen um die Umwelt [sein] und richtet uns darauf aus, Hüter der gesamten Schöpfung zu sein‘. ‚Wir entfliehen [also] nicht der Welt, noch verleugnen wir die Natur, wenn wir Gott begegnen möchten‘. Das erlaubt uns, in der Liturgie viele Elemente der intensiven Naturerfahrung der Indigenen aufzugreifen und eigene Ausdrucksformen in den Liedern, Tänzen, Riten, Gesten und Symbolen anzuregen. Bereits das Zweite Vatikanische Konzil hatte zu einem solchen Bemühungen um die Inkulturation der Liturgie bei den indigenen Völkern aufgerufen, aber es sind mehr als fünfzig Jahre vergangen, und wir sind in dieser Richtung kaum vorangekommen.“

In der Exhortation ist der letzten Bemerkung die Fußnote 120 zugeordnet, worin der Papst erwähnt, dass die Synode einen eigenen amazonischen Ritus vorgeschlagen habe. Dazu sind einige Überlegungen möglich und wohl auch nötig:

Ritus als liturgischer oder als kirchenrechtlich-disziplinarischer Terminus

Tatsächlich kann man das Bedauern des Papstes darüber, dass die Inkulturation im Bereich der Liturgie nach mehr als fünfzig Jahren nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil kaum vorangekommen sei, dahingehend verstehen, dass er sie nun seinerseits endlich entscheidend vorantreiben wolle. Hier möchte ich in Erinnerung rufen, dass es einen Ritus von Zaire ja bereits gibt. Schaut man sich diesen an, ist er schwerlich ein Eigenritus, sondern ein Novus Ordo, dem sehr äußerlich einheimische Gesten und Gebräuche hinzugefügt werden, aber man merkt unschwer, dass diese dem Ritus nicht wirklich überzeugend integriert und angeeignet sind. Man kann hier also Papst Franziskus nur davor warnen, vorschnell zu agieren, eigentlich sollte er schon hinreichend sensibilisiert sein und zwar ausgerechnet durch Pachamama, bei der das Experiment, sie als indigenes Symbol in die Liturgie einzubeziehen, offensichtlich fehlgeschlagen ist.

Einheitssog des römischen Ritus von Trient bis zur Missa normativa (1967) und seither

Es ist ferner eine größere Entwicklungstendenz des römischen Ritus zu bedenken. Dadurch, dass die Franziskaner den Ritus der römischen Kurie übernahmen und so verbreiteten, geschah ein erster Schritt, durch den der Charakter des Eigenritus einer Ortskirche in den Hintergrund trat. In der Zeit nach dem Konzil von Trient und der anschließenden Liturgiereform wurde der römisch-tridentinische Ritus immer mehr zu einem globalen Einheitsritus, überall dort, wo es keinen überlieferten Eigenritus gab und in Ansätzen recht bald und sehr stark dann nach dem Ersten Vaticanum selbst dort, wo bis dahin ein eigener Lokalritus bestanden hatte.

Bezeichnenderweise war der Ausgangspunkt der Liturgiereform Pauls VI. 1967 eine sogenannte Missa normativa. Eigentlich erst mit dem Novus Ordo Missae war der Charakter eines globalen Einheitsritus konsequent erreicht, wenn er auch dem Namen nach weiterhin beansprucht, römisch zu sein und rechtlich als römischer Ritus gilt.

Fasst man Ritus in einem liturgischen Sinne auf, ist daran zu erinnern, dass die Riten und Ritenfamilien, die es in der Kirche traditionell gibt, sich um apostolische Sitze gruppieren oder mit den alten Patriarchaten in Verbindung zu bringen sind. Aufgrund dieser apostolischen Qualität ist nicht anzunehmen, dass sich gänzlich neue Riten bilden könnten (J. Ratzinger).

Jedenfalls kein eigener Ritus für Amazonien im kirchenrechtlich-disziplinarischen Sinne

Was jedoch auch deutlich wird, ist, dass dem Papst ein amazonischer Ritus höchstens liturgisch denkbar und eventuell wünschenswert erscheint. Ritus kann nämlich auch in einem umfassenderen, kirchenrechtlichen Sinne verstanden werden und dann zum Beispiel zusätzlich eine eigene Disziplin aufweisen. Diese könnte eine von der Lateinischen Kirche abweichende Zölibatspraxis umfassen. Da jedoch der Papst offensichtlich nicht die kanonistisch-disziplinarische Bedeutung von Ritus ins Auge fasst, sondern bloß von Inkulturation im Bereich der Liturgie spricht, ist die Fußnote 120 unzweifelhaft ein Strohhalm, an den sich diejenigen vergeblich klammern, die sich von Papst Franziskus doch noch irgendwie eine Lockerung der Zölibatspflicht erhoffen, sei es nun im Amazonasgebiet oder in Deutschland.

Foto: Petersdom – Bildquelle: M. Bürger, kathnews