Die Braut Christi mit ihren vielfältigen Gesichtern – Sondierung von Querida Amazonia und Auswertung

Teil 2: Sondierung und Auswertung von Kapitel III sowie der Grundlegung von Kapitel IV. Ein Beitrag von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 26. Februar 2020 um 08:16 Uhr
Petersdom

Das dritte Kapitel von QA entfaltet die ökologische Vision des Papstes. Es ist für den hier gewählten Zugang quantitativ nicht so ergiebig wie die anderen Kapitel, bietet allerdings eine interessante Verknüpfung an, das Zusammenspiel von

Ästhetik und Kontemplation

Zu ihm heißt es in QA 56: „Erwecken wir den ästhetischen und kontemplativen Sinn neu, den Gott in uns gesetzt hat und den wir zuweilen verkümmern lassen. Erinnern wir uns daran: ‚Wenn jemand nicht lernt innezuhalten, um das Schöne wahrzunehmen und zu würdigen, ist es nicht verwunderlich, dass sich für ihn alles in einen Gegenstand verwandelt, den er gebrauchen oder skrupellos missbrauchen kann.‘ Wenn wir hingegen mit dem Wald in Gemeinschaft treten, wird sich unsere Stimme einfach mit der seinen verbinden und zum Gebet werden: ‚Lege dich unter dem Schatten eines alten Eukalyptusbaumes nieder, unser lichtreiches Gebet taucht in den Gesang der ewigen Zweige ein.‘ Eine solche innere Umkehr wird es uns möglich machen, um Amazonien zu weinen und mit ihm zum Herrn zu rufen.“ Innerhalb von QA 56 zitiert der Papst zunächst aus seiner Enzyklika Laudato si‘, sodann aus einer Gedichtsammlung. Zu Ästhetik und Kontemplation tritt also die Poesie hinzu.

Poetisches Lehramt?

QA hat einen, für einen lehramtlichen Text neuartigen Stil, und vermutlich ist nicht nur der Stil, sondern sozusagen auch der Modus der Aussage ungewohnt. An diesem Punkt muss man ein wenig verharren, denn die damit verbundene Beobachtung ist eine Verständnishilfe für die immer wieder in QA eingestreuten Gedichtsequenzen. Es ergibt sich, wenn man diese Textstellen ununterbrochen aneinanderreiht, kein schlüssiger Zusammenhang oder eine Logik; auch die Anordnung, die diese Gedichte in der Gesamtkomposition von QA finden, verrät zumindest keine offensichtliche Regelmäßigkeit.

Im Versuch um eine Deutung möchte ich am ehesten vorschlagen, damit das somniumatische Genre des Textes hervorgehoben zu sehen. Innerhalb eines Traumes gibt es auch verschiedene Sequenzen, die nicht unbedingt stringent miteinander korrespondieren oder in ihrer Abfolge ein einheitliches Muster wahren müssen. Dennoch würde man nicht zwangsläufig sagen, der Traum sei wirr, ohne Sinn und Botschaft oder den Vorwurf erheben, ihm fehle gleichsam ein symmetrischer Aufbau. Freilich, Traumdeutung ist nicht unbedingt einfach und naheliegend, Träume als Schlüsselereignisse aber gerade biblisch vielfach und gut belegt.  Bei Papst Franziskus denkt man zudem unwillkürlich an Innozenz III., der den heiligen Franziskus von Assisi aufgrund eines Traumes empfing und die erste Anerkennung des Poverello und seiner Gefährten aussprach.

Papst Franziskus praktiziert eine lyrische Ästhetik und Kontemplation und lädt dazu ein, diese Haltung ebenfalls einzunehmen und sie als Akt der Freiheit dem Konsumzwang entgegenzusetzen, wie er in QA 59, weiter auf Laudato si‘ zurückgreifend, ausführt: „Denn ‚während das Herz des Menschen immer leerer wird, braucht er immer nötiger Dinge, die er kaufen, besitzen und konsumieren kann. In diesem Kontext scheint es unmöglich, dass irgendjemand akzeptiert, dass die Wirklichkeit ihm Grenzen setzt. […] Deshalb denken wir nicht nur an die Möglichkeit schrecklicher klimatischer Phänomene oder an große Naturkatastrophen, sondern auch an Katastrophen, die aus sozialen Krisen hervorgehen, denn die Versessenheit auf einen konsumorientierten Lebensstil kann – vor allem, wenn nur einige wenige ihn pflegen können – nur Gewalt und gegenseitige Zerstörung auslösen.‘ In QA 60 heißt es sodann: „Die Kirche wünscht mit ihrer langen geistlichen Erfahrung, mit ihrem erneuerten Bewusstsein über den Wert der Schöpfung, mit ihrer Sorge um die Gerechtigkeit, mit ihrer Option für die Geringsten, mit ihrer erzieherischen Tradition und ihrer Geschichte der Inkarnation in so verschiedene Kulturen auf der ganzen Welt ebenso ihren Beitrag zur Bewahrung Amazoniens und zu seinem Wachstum zu leisten.“

Inkarnatorisches Prinzip bestätigt sich als Dreh- und Angelpunkt von QA

Die Geschichte der Kirche als Geschichte der Inkarnation benennt an entscheidender Stelle wieder den Schlüsselgedanken aus QA 6, denn so wird die Überleitung zum vierten und letzten Kapitel geschaffen, in welchem der Papst seine kirchliche Vision vorstellt. Damit ist auch eine Herleitung gegeben, die erkennbar macht, dass das Reformvorhaben von Papst Franziskus nicht aus der Revolution stammt, die manche gern in ihn und sein Pontifikat hineininterpretieren und sich deshalb jetzt enttäuscht sehen, sondern von Inkarnation und Kontemplation, gewissermaßen verkörpert in Ästhetik und Lyrik, ausgeht. So lässt sich tatsächlich auch eine Übereinstimmung mit dem Reformverständnis Benedikts XVI. feststellen. Nicht nur im Reformverständnis findet sich eine solche Gemeinsamkeit, sondern auch, trotz aller Unterschiede im äußeren Stil, in der Tatsache eines ästhetischen Zugangs an sich. Übrigens fand sich auch schon in Papst Benedikts Lehräußerungen eine poetische Note, die man vielleicht doch nicht ausschließlich mit Ratzingers generellem Sprach- und Schreibstil erklären sollte, also ein Ansatz zu lyrisch-poetischem Lehramt bereits bei Benedikt XVI.

Volle Missionsarbeit ist keine weltanschaulich neutrale Entwicklungshilfe

Der Anspruch einer spezifisch amazonischen Inkulturation und Inkarnation des Evangeliums und der Kirche erschöpft sich für Franziskus nicht in Entwicklungshilfe, wie er in  QA 62-64 engagiert und unmissverständlich deutlichmacht: „Auf die vielen Nöte und Ängste, die aus dem Herzen Amazoniens an uns herandringen, können wir mit sozialen Initiativen, technischen Ressourcen, Gesprächsforen oder politischen Programmen antworten, und all dies kann zu einer Lösung beitragen. Aber als Christen verzichten wir nicht auf die Option des Glaubens, die wir aus dem Evangelium empfangen haben. Obwohl wir uns gemeinsam mit allen engagieren wollen, schämen wir uns nicht für Jesus Christus. Für diejenigen, die ihm begegnet sind, die in seiner Freundschaft leben und sich mit seiner Botschaft identifizieren, ist es unumgänglich, von ihm zu sprechen und andere auf seine Einladung zu einem neuen Leben aufmerksam zu machen: ‚Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!‘ (1 Kor 9,16).“

QA 63 fährt fort: „Die echte Option für die Ärmsten und Vergessenen, die uns dazu bewegt, sie von ihrem materiellen Elend zu befreien und ihre Rechte zu verteidigen, beinhaltet gleichzeitig, sie zur Freundschaft mit dem Herrn einzuladen, der ihnen weiterhilft und Würde verleiht. Es wäre traurig, wenn sie von uns nur eine Sammlung von Lehrsätzen oder Moralvorschriften erhielten, aber nicht die große Heilsbotschaft, jenen missionarischen Ruf, der zu Herzen geht und allem einen Sinn verleiht. Wir können uns auch nicht mit einer sozialen Botschaft zufriedengeben. Wenn wir uns mit unserem Leben für sie einsetzen, für die Gerechtigkeit und die Würde, die sie verdienen, können wir nicht vor ihnen verbergen, dass wir dies tun, weil wir in ihnen Christus erkennen und weil uns bewusstgeworden ist, welch große Würde Gott, der Vater, der sie unendlich liebt, ihnen verleiht.“

QA 64 gipfelt: „Sie haben ein Recht auf die Verkündigung des Evangeliums, besonders auf jene grundlegende Verkündigung, die als Kerygma bezeichnet wird und die ‚die hauptsächliche Verkündigung [ist], die man immer wieder auf verschiedene Weisen neu hören muss und die man in der einen oder anderen Form […] immer wieder verkünden muss‘. Es ist die Verkündigung eines Gottes, der jeden Menschen unendlich liebt und der uns diese Liebe vollkommen in Christus geoffenbart hat, der für uns gekreuzigt wurde und als der Auferstandene in unserem Leben gegenwärtig ist. Ich möchte allen vorschlagen, die kurze Zusammenfassung dieser Inhalte im vierten Kapitel des Nachsynodalen Apostolischen Schreibens Christus vivit nachzulesen. Diese Botschaft muss in Amazonien beständig und auf vielfältige Weise zu hören sein. Ohne diese leidenschaftliche Verkündigung würde jede kirchliche Struktur nur zu einer weiteren NGO werden, und wir würden damit auch nicht der Weisung Jesu Christi entsprechen, die da lautet: ‚Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!‘ (Mk 16,15).“

Ablehnung oder Vernachlässigung des doktrinellen Aspekts?

Konservative und Traditionalisten könnten vielleicht mit einer Kritik ansetzen, wo Papst Franziskus davon spricht, dass es traurig wäre, wenn die indigenen Völker von uns nur eine Sammlung von Lehrsätzen oder Moralvorstellungen erhielten, doch darf man ihn hier nicht missverstehen. Sein kerygmatischer Ansatz meint, dass die Verkündigung von Kreuz und Auferstehung ganzheitlich sein muss. Es geht also nicht bloß um die Mitteilung einer intellektuellen Information oder gar theologischen Reflexion und Spekulation, sondern darum, eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus zu stiften und zu vermitteln. Sicherlich ist es hier auch Franziskus‘ persönlicher lateinamerikanischer Hintergrund, der ihn dies betonen lässt, denn in ganz Lateinamerika gibt es spätestens seit den 1980ger Jahren das Phänomen, dass zahlreiche ehemalige Katholiken sich protestantischen, häufig aus den USA stammenden und finanzierten Sekten zuwenden, die gerade über diesen Aspekt die Menschen anziehen, begeistern und dem katholischen Glauben abspenstig machen. Damit sagt Franziskus meines Erachtens nicht, dass Lehrsätze und sittliche Verhaltensnormen in der Verkündigung entfallen sollen. Ein persönlicher und lebendiger Glaube erschöpft sich allerdings nicht in ihnen und ist gleichsam auch kein religiös-ethischer Leistungsdruck.

Der kerygmatische Akzent, der gesetzt wird, trägt ferner gewiss auch einer Eigenart lateinamerikanisch-amazonischer Mentalität Rechnung, die einen legitimen Aspekt der zu leistenden konkreten, inkarnatorischen Inkulturation bildet.

Foto: Petersdom – Bildquelle: M. Bürger, kathnews