Die Bedeutung der niederen Dienste in der heiligen Liturgie

Ein Beitrag von Weihbischof Athanasius Schneider bezüglich der neuen kirchenrechtlichen Lage durch das Motu Proprio „Spiritus Domini“.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 23. Januar 2021 um 10:31 Uhr
Weihbischof Athanasius Schneider

Im Hinblick auf die neue kirchenrechtliche Lage seit dem Motu Proprio von Papst Franziskus „Spiritus Domini“ vom 10. Januar 2021 wurde dieser Artikel (ursprünglich veröffentlicht unter dem Titel „Die Bedeutung der Niederen Weihen in der heiligen Liturgie“ in Dominus Vobiscum • Nr. 9 • Oktober 2014) von Weihbischof Athanasius Schneider in einer leicht veränderten und erweiterten Form neu geschrieben. Diese neue Fassung wurde in Englisch am 20. Januar 2021 auf der Website „New Liturgical Movement“ publiziert.

Kathnews dankt Herrn Weihbischof Schneider für die freundliche Erlaubnis der Erstveröffentlichung der aktualisierten deutschen Fassung. Zwischenüberschriften wurden zur besseren Orientierung von der Redaktion hinzugefügt.

Herleitung: Gott selbst ordnet den Ihm zu erweisenden Kult

1) Das Prinzip des göttlichen Rechtes in der Liturgie

In Bezug auf die Natur der heiligen Liturgie, das heißt des göttlichen Kultes, hat Gott selbst in seinem heiligen Wort zu uns gesprochen, und die Kirche hat es in ihrem feierlichen Lehramt erklärt. Der erste grundlegende Aspekt der Liturgie ist folgender: Gott selbst sagt den Menschen, wie sie ihn ehren müssen; mit anderen Worten, es ist Gott, der konkrete Normen und Gesetze für die Gestalt der öffentlichen Anbetung Seiner göttlichen Majestät gibt.

Tatsächlich ist der Mensch durch die Erbsünde verwundet, und aus diesem Grund ist er zutiefst von Stolz und Unwissenheit geprägt, und noch tiefer von der Versuchung und Tendenz, sich an die Stelle Gottes im Zentrum des öffentlichen Kultes zu setzen, das heißt Selbstanbetung in ihren verschiedenen impliziten und expliziten Formen zu praktizieren. Liturgische Gesetze und Normen sind daher für einen authentischen göttlichen Kult notwendig. Diese Gesetze und Normen müssen in der göttlichen Offenbarung, im geschriebenen Wort Gottes und im Wort Gottes, das durch die Tradition übermittelt wird, gefunden werden.

Die göttliche Offenbarung übermittelt uns eine reichhaltige und detaillierte liturgische Gesetzgebung. Ein ganzes Buch des Alten Testaments, das Buch Levitikus, ist dem liturgischen Recht gewidmet; teilweise auch das Buch Exodus. Die einzelnen liturgischen Normen des göttlichen Kults des Alten Testaments hatten nur einen vorübergehenden Wert, da ihr Zweck darin bestand, ein Vorausbild zu sein, die auf den göttlichen Kult blickte, der im Neuen Testament seine Fülle erreichen würde. Es gibt jedoch einige Elemente von beständiger Gültigkeit: Erstens die Tatsache, dass eine liturgische Gesetzgebung erforderlich ist; zweitens, dass es eine detaillierte und reichhaltige Gesetzgebung des göttlichen Kults gibt; und schließlich wird dieser göttliche Kult in einer hierarchischen Ordnung ausgeübt. Diese hierarchische Ordnung ist konkret eine dreigliedrige: Hohepriester-Priester-Levit; im Neuen Testament: Bischof-Presbyter-Diakon/Diener.

Jesus kam nicht, um das Gesetz abzuschaffen, sondern um es zu seiner Fülle zu bringen (vgl. Mt 5,17). Er sagte: „Bis Himmel und Erde vergangen sind, wird kein Jota oder ein Zeichen des Gesetzes vergehen, bis alles erfüllt ist“ (Mt 5,18). Dies gilt insbesondere auch für den öffentlichen Kult Gottes, da die Anbetung Gottes das erste Gebot des Dekalogs darstellt (vgl. Ex 20, 3-5). Der Zweck aller Schöpfung ist folgender: Engel und Menschen und sogar vernunftlose Geschöpfe sollen die göttliche Majestät preisen und anbeten, wie das im Tempel offenbarte Gebet sagt: „Himmel und die Erde sind voll von deiner Herrlichkeit“ (vgl. Jes 6, 3).

2) Jesus Christus, der höchste Anbeter des Vaters und der höchste liturgische Diener

Der erste und vollkommenste Anbeter des Vaters ist Jesus Christus, der menschgewordene Sohn Gottes. Sein Heilswerk hatte vor allem das Ziel, dem Vater Herrlichkeit und Ehre zu erweisen, anstelle der sündigen Menschheit, die nicht in der Lage war, Gott eine würdige und Ihm wohlgefällige Anbetung zu erweisen. Den wahren göttlichen Kult wiederherzustellen und der göttlichen Majestät Sühne zu leisten, welche durch die unzähligen Formen der Perversion der Anbetung entehrt wurde, bildeten den Hauptzweck der Menschwerdung und des Erlösungswerkes.

Indem Jesus seine Apostel zu wahren Priestern des Neuen Bundes machte, überließ er dadurch seiner Kirche und damit dem öffentlichen Kult des Neuen Testaments sein Priestertum, dessen ritueller Höhepunkt die Darbringung des eucharistischen Opfers ist. Er lehrte seine Apostel durch den Heiligen Geist, dass der Kult des Neuen Bundes die Erfüllung der Kultes des Alten Bundes sein sollte. So übertrugen die Apostel ihre Macht und ihren liturgischen Dienst in drei Stufen, das heißt in drei hierarchischen Reihenfolgen, in Analogie zu den drei Stufen der Diener des Kultes des Alten Bundes.

Der Hauptausführende der Liturgie ist Christus (auf Griechisch: hó liturgós). Er enthält in sich die gesamte Gottesverehrung und übt sie selbst auch in äußeren Akten aus, selbst in den kleinsten Funktionen. Die folgenden Worte Christi können auch auf diese Tatsache bezogen werden: „Ich bin unter euch als einer, der dient“ (Lk 22,27). Christus ist der Diener; Er ist auch der „Diakon“ schlechthin. So ist auch der Bischof ein „Diakon“ als oberster Inhaber des liturgischen Dienstes Christi. Das Episkopat enthält in sich alle Dienste des öffentlichen Gottesdienstes: den Dienst des Presbyterats, den Dienst des Diakonats, den Dienst der Niederen Weihen, das heißt auchden Dienst der Ministranten. In der Pontifikalmesse nach der älteteren Form des Römischen Ritus trägt der Bischof alle Gewänder, auch die der niederen Weihestufen. In Abwesenheit aller ihm untergeordneten Altardiener übt der Bischof selbst alle liturgischen Funktionen des Priesters (Presbyters), des Diakons und sogar der Niederen Weihen und auch die der Ministranten aus. In Abwesenheit des Diakons übt der Priester selbst alle liturgischen Funktionen des Diakons und der Niederen Weihen und auch die der Ministranten aus. In Abwesenheit des Diakons können der Subdiakon, die Inhaber der Niederen Weihen oder die Ministranten einige der Funktionen des Diakons ausführen.

3) Die Ăśberlieferung der Apostel

Die apostolische Überlieferung hat in der dreifachen hierarchischen Ordnung der Kirche die Erfüllung der Typologie der dreifachen hierarchischen Ordnung des göttlichen Kults im Alten Bund gesehen. Dies bezeugt uns Papst Clemens I., der Jünger der Apostel und dritter Nachfolger des Apostels Petrus.

In seinem Brief an die Korinther stellt der heilige Clemens die im Alten Bund göttlich festgelegte liturgische Ordnung als Beispiel für die richtige Ordnung der Hierarchie und des Gottesdienstes jeder christlichen Gemeinschaft vor. Über den göttlichen Kult sagt er: „Wir müssen alles tun, um dem zu gehorchen, was der Herr gemäß den festgelegten Zeiten angeordnet hat. Er befahl, das Darbringen der Opfergaben und die Gottesdienste nicht zufällig oder ohne Ordnung zu vollziehen. Durch seine souveräne Entscheidung hat er selbst festgelegt, wo und von wem diese Dienste ausgeführt werden sollen, damit alle Dinge auf heilige Weise gemäß seinem Wohlgefallen und seinem Willen geschehen. Dem Hohepriester wurden liturgische Dienste (liturghíai) zugewiesen, die ihm vorbehalten sind, den Priestern wurde ein eigener Platz eingeräumt, auf den Leviten wurden besondere Dienste (diakoníai) übertragen, und der Laie (ho laikòs ànthropos) ist an die für die Laien geltenden Gesetze gebunden (laikóis prostágmasin)“ (1 Clem 40, 1-3,5).

Papst Clemens gibt zu verstehen, dass die im Alten Bund göttlich festgelegten Grundsätze dieser Ordnung weiterhin im Leben der Kirche gelten müssen. Die sichtbare Widerspiegelung dieser Ordnung sollte im liturgischen Leben, im öffentlichen Gottesdienst der Kirche, gefunden werden. So zieht der Heilige Papst diese Schlussfolgerung, die auf das Leben und den Gottesdienst der Christen angewendet wird: „Möge jeder von euch Brüdern in der ihm eigenen Rangstufe Gott mit gutem Gewissen und mit Ehrfurcht gefallen, ohne die festgelegte Regel der liturgischen Dienste zu überschreiten (kanón tes leiturghías)“ (1 Clem 41, 1).

Weiter (vgl. 1 Clem 42, 1ss.) beschreibt Papst Clemens die Hierarchie des Neuen Bundes, die im Herrn Jesus Christus selbst enthalten und in der Mission der Apostel konkretisiert ist. Diese Realität entspricht der von Gott gewollten Ordnung (táxis). Hier verwendet der heilige Clemens dieselben Begriffe, mit denen er zuvor die liturgische und hierarchische Ordnung des Alten Bundes beschrieben hatte.

Von den ersten Jahrhunderten an war sich die Kirche bewusst, dass der Gottesdienst gemäß einer von Gott festgelegten Ordnung stattfinden müsse, die dem Beispiel der im Alten Bund festgelegten göttlichen Ordnung entspricht. Um eine Aufgabe im öffentlichen Gottesdienst zu erfüllen, war es daher notwendig, einer hierarchischen Ordnung anzugehören. Folglich wurde der christliche Gottesdienst, das heißt die eucharistische Liturgie, von Personen, die offiziell zu diesem Zweck ernannt wurden, hierarchisch geordnet durchgeführt. Aus diesem Grund bildeten die Träger des öffentlichen Kultes einen Stand, einen heiligen Stand (ordo), der in drei Grade unterteilt war: Episkopat, Presbyterat und Diakonat, parallel zu den drei Stufen der Diener des Alten Bundes: Hohepriester, Priester und Leviten. Papst Clemens bezeichnete im ersten Jahrhundert den Dienst der alttestamentlichen Leviten mit dem Wort „Diakonie“ (1 Clem 40, 5). Wir können daher hier die Grundlage der alten kirchlichen Tradition identifizieren, den christlichen Diakon seit mindestens dem fünften Jahrhundert mit dem Wort „Levit“ zu bezeichnen, beispielsweise in den Constitutiones Apostolicae (2, 26, 3) und in den Schriften von Papst Leo der Große (vgl. Ep 6, 6; Ep 14, 4; Serm 59, 7; 85, 2).

4) Das Diakonat

Ein sehr klares und wichtiges Zeugnis dieser Parallelität zwischen den hierarchischen Stufen des Alten und des Neuen Bundes finden sich in den Ordinationsriten. Die Texte der Ordinationsriten stammen aus sehr alten Zeiten, wie im Fall der Traditio Apostolica und dann der Sakramentare der Römischen Kirche. Diese Texte und Riten sind in ihren wesentlichen Formeln über viele Jahrhunderte bis zu unseren Tagen nahezu unverändert geblieben. Die Weihepräfationen aller drei sakramentalen Stufen beziehen sich auf die hierarchische und liturgische Ordnung des Alten Bundes.

Im Ritus der Bischofsweihe macht das überlieferte römische Pontifikale diese wesentliche Aussage: „Der Dienst der Verherrlichung Gottes muss in heiligen Weihestufen vollzogen werden“ (gloriae Tuae sacris famulantur ordinibus)“. Das alte Pontifikale legt ausdrücklich die Parallelität zwischen Aaron, dem Hohepriester, und dem Bischofsamt fest. Im neuen Pontificale Romanum gibt es nur einen allgemeinen Hinweis darauf. In der Priesterweihe gemäß beiden Formen des Pontificale Romanum wird ausdrücklich auf die siebzig Ältesten Bezug genommen, die Moses als Helfer in der Wüste dienen. In Bezug auf den Diakon sagt das alte Pontifikale ausdrücklich, dass Diakone den Namen und das Amt der alttestamentlichen Leviten haben: „Quorum [levitarum] et nomen et officium tenetis“. Das alte Pontifikale sagt es noch deutlicher: „Ihr werdet für das Amt der Leviten auserwählt“ (eligimini in levitico officio). Das neue Pontifikale vergleicht im Weihegebet ebenfalls das Diakonat mit den Leviten.

Im alttestamentlichen Kult leisteten die Leviten die ganze Bandbreite der sekundären liturgischen Dienste, um den Priestern zu helfen und sie zu unterstützen. Die Diakone hatten die gleichen sekundären liturgischen Dienste, wie es der betende Glaube und die liturgische Praxis der Kirche seit den ersten Jahrhunderten bezeugen. Jeder, der keine feierliche Beauftragung für den Gottesdienst erhalten hatte, konnte keine liturgische Funktion ausüben, selbst wenn diese Funktion zweitrangig war oder nur eine helfende Funktion hatte. Diese sekundären und assistierenden Funktionen wurden von Diakonen, den neutestamentlichen Leviten, wahrgenommen, die nicht als Priester galten. So hat die Kirche immer geglaubt und gebetet: Der Diakon wird geweiht „non ad sacerdotium, sed ad ministerium“ (Traditio Apostolica, 9). Dieselbe Traditio Apostolica (2. bis frühes 3. Jahrhundert) sagt weiter: „Der Diakon empfängt nicht den Geist, an dem der Priester teilnimmt, sondern den Geist, um unter der Autorität des Bischofs zu stehen“ (Nr. 8).

Klärung zum Diakonat durch Papst Benedikt

Papst Benedikt XVI. machte eine lehrmässige und kirchenrechtliche Klarstellung zum Diakonat. Mit dem Motu Proprio Omnium in mentem vom 26. Oktober 2009 korrigierteder Papst den Text der cann. 1008 und 1009 des Codex des Kanonischen Rechts. Der vorige Text von Kanon 1008 besagte, dass alle, die das Weihesakrament empfangen, die Funktion haben, „in persona Christi Capitis“ zu lehren, zu heiligen und zu leiten. In der neuen Formulierung desselben Kanons wurden der Ausdruck in persona Christi Capitis und die Erwähnung der drei Ämter (tria munera) entfernt. Ein dritter Absatz wurde zu Kanon 1009 hinzugefügt:

„Die die Bischofsweihe oder die Priesterweihe empfangen haben, erhalten die Sendung und die Vollmacht, in der Person Christi, des Hauptes, zu handeln; die Diakone hingegen die Kraft, dem Volk Gottes in der Diakonie der Liturgie, des Wortes und der Liebe zu dienen (vim populo Dei serviendi).“

Das Lehramt der Kirche hat diese notwendige Klarstellung gebracht, damit das Diakonat sowohl doktrinär als auch liturgisch auf eine Weise verstanden wird, die eher der apostolischen Tradition und der großen Tradition der Kirche entspricht. Tatsächlich sagte der heilige Thomas von Aquin, dass der Diakon nicht die Macht habe zu lehren, das heißt, er habe nicht das munus docendi im engeren Sinne. Es gibt einen Unterschied zwischen der Art der Predigt des Bischofs oder Priesters einerseits und der des Diakons andererseits. Der Diakon kann nur „per modum catechizantis“ predigen, wobei der „modus docendi“, die Erklärung des Evangeliums und des Glaubens, zum Bischof und dem Presbyter gehört, sagte der heilige Thomas (vgl. S. th. III, 67, 1, ad 1).

In Bezug auf die hierarchische Ordnung der Kirche hat das Konzil von Trient klar zwischen Priestern und Dienern unterschieden. Das Konzil bekräftigt daher: „Neben dem Priestertum gibt es in der katholischen Kirche noch andere höhere und niedere Weihen“ (sess. XXIII, can. 2). „In der katholischen Kirche gibt es eine Hierarchie, die durch göttliche Anordnung festgelegt wurde und sich aus Bischöfen, Priestern und Dienern (ministri) zusammensetzt“ (ebd., Can. 6). Das Wort „Diener“ (ministri) schließt sicherlich in erster Linie Diakone ein, und man kann aus dem zitierten can. 2 ableiten, dass auch die Niederen Weihen in die Hierarchie aufgenommen werden, obwohl sie nicht zum Amtspriestertum gehören, wie das Episkopat und das Presbyterat. Diakone sind keine „Opferer“, sie sind keine Priester, und aus diesem Grund hat die große Tradition der Kirche Diakone nicht als ordentliche Spender der Sakramente der Taufe und der Spendung der Heiligen Kommunion angesehen.

Die gesamte Tradition der Kirche, sowohl im Osten als auch im Westen, hat immer das folgende Prinzip wiederholt: Der Diakon bereitet das liturgische Handeln des Bischofs oder des Presbyter vor, unterstützt es und leistet seine Hilfe (siehe beispielsweise Didascalia Apostolorum, 11). Bereits das erste Ökumenische Konzil von Nicäa bestätigte eindeutig diese Wahrheit und diese aus der Tradition empfangene Praxis mit diesen Worten: „Dieses große und heilige Konzil hat erfahren, dass Diakone an einigen Orten und Städten Diakonen die Gnade der Heiligen Kommunion den Priestern (gratiam sacrae communionis) spenden. Weder kanonische Normen (regula, kanòn) noch die Gewohnheit erlauben es denen, die nicht die Macht haben, das Opfer darzubringen (potestatem offerendi), den Leib Christi denen zu spenden, die die Macht haben, das Opfer darzubringen“ (can. 18). Der Diakon dient im Bischof und in den Priestern (Presbytern) dem einen und unteilbaren Priestertum auf die gleiche Weise, wie die Leviten dem Hohepriester und den mosaischen Priestern gedient haben.

Zugehörigkeit zu Sakrament und Hierarchie ohne Teilhabe am amtlichen Priestertum

5) Das Diakonat und die Niederen Weihen

Ohne tatsächlich Priester zu sein, gehört der Diakon dennoch zur sakramentalen und hierarchischen Ordnung. Diese Tatsache drückt die Wahrheit aus, dass die untergeordneten oder niederen liturgischen Funktionen ebenfalls dem einzigen wahren Priester Jesus Christus gehören, da er in Ausübung seines Priestertums durch das Opfer des Kreuzes ein Diener, Minister, ein „Diakon“ wurde. Tatsächlich sagte Christus während des Letzten Abendmahls zu seinen Aposteln und zu den Priestern des Neuen Bundes: „Ich bin unter euch wie einer, der dient (ho diakonòn)“ (Lk 22,27), das heißt  wie ein „Diakon“. Um während der Liturgie Hilfsdienste zu leisten, das heißt Funktionen, die keine eigentliche priesterliche Gewalt erfordern, wurde in der Kirche durch göttliche Anordnung eine sakramentale Weihe eingeführt, die das Diakonat ist. Die liturgischen Dienste des Diakonats, mit Ausnahme der Verkündigung des Evangeliums, wurden im Laufe der Zeit auf andere Altardiener verteilt, für die die Kirche nicht-sakramentale Weihen schuf, insbesondere das Subdiakonat, das Lektorat und das Akolythat. Daher ist der Grundsatz nicht gültig, der besagt, dass alle liturgischen Funktionen, die keine eigentliche priesterliche Vollmacht erfordern, gesetzlich und naturgemäß zum gemeinsamen Priestertum der Gläubigen gehören.

Darüber hinaus widerspricht diese Aussage dem Grundsatz der göttlichen Offenbarung im Alten Bund, in dem Gott (durch Moses) die Ordnung der Leviten für die niederen und nichtpriesterlichen Funktionen eingeführt hat, und im Neuen Bund, in dem Er (durch die Apostel) zu diesem Zweck, das heißt für die nichtpriesterlichen Funktionen in der Liturgie, die Weihestufe der Diakone eingeführt hat. Der liturgische Dienst des Diakons enthält an sich auch die niederen oder bescheidensten liturgischen Funktionen, da sie die wahre Natur seiner Weihestufe und seines Namens ausdrücken, nämlich „Diener“ (diákonos). Diese niederen oder bescheideneren liturgischen Funktionen können zum Beispiel sein, Kerzen, Wasser und Wein zum Altar zu bringen (Subdiakon, Akolyth), Lesung vortragen (Subdiakon, Lektor), an Exorzismen teilnehmen und exorzistische Gebete aussprechen (Exorzist), die Kirchentüren bewachen und die Glocken läuten (Ostiarier). In der Zeit der Apostel waren es die Diakone, die all diese niederen Dienste während des Gottesdienstes leisteten. Bereits im zweiten Jahrhundert begann die Kirche, allerdings, durch eine weise Verfügung unter Verwendung der Vollmacht, die Gott ihr verliehen hatte, den Diakonen die höheren nicht-priesterlichen liturgischen Funktionen vorzubehalten und öffnete dadurch sozusagen den Schatz des Diakonats, sie verteilte seinen Reichtum, brach das Diakonat sozusagen auf und schuf somit die Niederen Weihen (vgl. Dom Adrien Gréa, L’Église et sadivineconstitution, préface de Louis Bouyer de l’Oratoire, ed. Casterman, Montréal 1965, S. 326).

So konnte lange Zeit eine kleine Anzahl von Diakonen erhalten werden, indem die anderen Niederen Diener vermehrt wurden. In den ersten Jahrhunderten wollte die Kirche von Rom aus Ehrfurcht vor der Tradition der Apostel die Zahl sieben für die Diakone nicht überschreiten. So schrieb Papst Cornelius im dritten Jahrhundert in Rom, dass die römische Kirche sieben Diakone hat (vgl. Eusebius, Historia ecclesiastica, I, 6, 43). Noch im vierten Jahrhundert verfügte eine Provinzsynode, die von Neocesarea (zwischen 314 und 325), die gleiche Norm (vgl. Mansi II, 544). Dom Adrien Gréa gab dazu die folgende geistlich und theologisch fundierte Erklärung für die organische Verbindung zwischen dem Diakonat und den anderen niederen Weihestufen: „Als der Baum der Kirche wuchs, öffnete sich dieser Hauptzweig des Diakonats, der den Gesetzen einer göttlichen Entfaltung gehorchte nach oben in mehrere Zweige unterteilt, die die Subdiakonatsweihe und die anderen Niederen Weihen waren“ (a. a. O., S. 326).

Was kann der Grund für die bewundernswerte Fruchtbarkeit des Diakonats sein, aus dem die Niederen Weihen geboren wurden? Die Antwort laut Dom Gréa liegt in der Tatsache, dass es einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Priestertum und dem Diakonat gibt. Wir können diesen wesentlichen Unterschied in der Tatsache sehen, dass nur das Priestertum in persona Christi Capitis handelt. Das Dienstamt des Diakonats hingegen kann dies nicht, wie es Papst Benedikt XVI. im Motu Proprio Omnium in mentem bekräftigte. Das Priestertum ist einfach und von Natur aus unteilbar. Das Priestertum kann nicht teilweise vermittelt werden, obwohl man es in verschiedenen Stufen besitzen kann. Das Priestertum besitzt der Bischof als Haupt und der Presbyter als Teilnehmer. Das Priestertum kann in seinem Wesen nicht zerteilt werden (vgl. Dom Gréa, a.a.O., S. 327). Das untergeordnete liturgische Dienen hingegen ist vollständig im Besitz des Diakonats und kann unbegrenzt aufgeteilt werden, da die vielfältigen Funktionen der Niederen Diener alle auf das Priestertum ausgerichtet sind, dem sie dienen müssen. Die göttliche Weisheit hat den Charakter der Teilbarkeit in dem nicht streng priesterlichen liturgischen Dienst eingeprägt und im sakramentalen Diakonat begründet, so dass die Kirche die Freiheit hat, die verschiedenen Teile des Diakonats je nach Bedarf und Umständen auf nicht-sakramentale Weise zu verteilen, die in den Niederen Weihen gefunden werden, insbesondere im Dienst des Lektorats und des Akolythats.

Offene Terminologie des Konzils von Trient

Das Konzil von Trient definierte dogmatisch die von Gott festgelegte Struktur der Hierarchie und wählte den Begriff „Diener“ (ministri) neben den Begriffen „Bischof“ und „Priester“, wobei das Konzil hier den Begriff „Diakone“ vermieden hat. Wahrscheinlich wollte das Konzil sowohl das Diakonat als auch die Niederen Weihen in den Begriff „ministri“ aufnehmen, um implizit zu sagen, dass die Niederen Weihen Teil des Diakonats sind. Dies ist die Formulierung von Kanon 6 der XXIII. Sitzung: „Wenn jemand sagt, dass es in der katholischen Kirche keine Hierarchie gibt, die durch eine göttliche Anordnung festgelegt ist, und die sich aus Bischöfen, Priestern und Dienern (ministri) zusammensetzt, der sei ausgeschlossen.“ Man kann daher sagen, dass die Niederen Weihen wie das Lektorat und das Akolythat ihre Wurzel im Diakonat ihre göttliche Einsetzung haben, aber durch die kirchliche Einsetzung in mehrere Stufen gebildet und verteilt wurden (vgl. Dom Gréa, a. a. O.).

6) Die historische Entwicklung der Niederen Weihen

Bereits im zweiten Jahrhundert findet sich das besondere Amt des Lektors in den liturgischen Feiern als eine feste Kategorie liturgischer Diener, wie es Tertullian bezeugt (vgl. Praescr. 41). Vor Tertullian erwähnt der heilige Justin diejenigen, die das Amt haben, die Heilige Schrift in der eucharistischen Liturgie zu lesen (vgl. 1 Apol. 67, 3). Bereits im dritten Jahrhundert gab es in der römischen Kirche alle Niederen und Höheren Weihen der späteren Tradition der Kirche, wie aus einem Brief von Papst Cornelius aus dem Jahr 252 hervorgeht: „In der römischen Kirche gibt es 46 Presbyter, sieben Diakone, sieben Subdiakone, zweiundvierzig Akolythen, zweiundfünfzig Exorzisten, Lektoren und Ostiarier“ (Eusebius von Cäsarea, Historia ecclesiastica, VI, 43, 11).

Es muss berücksichtigt werden, dass diese hierarchische Struktur mit ihren verschiedenen Stufen damals in Rom keine Neuerung sein konnte, sondern eine Tradition widerspiegelte, da Papst Stephan I. drei Jahre später an den heiligen Cyprian von Karthago schrieb, dass es in der römischen Kirche keine Neuerungen gibt, wie das aus dieser seiner berühmtenAussage hervorgeht: „nihilinnoveturnisiquodtraditumest“ (auf Cyprian, Ep. 74). Eusebius von Cäsarea beschrieb die Haltung von Papst Stephan I., die sicherlich auch die seine Vorgänger, der römischen Päpste, war, mit folgenden Worten: „Stephanus nihil adversus traditionem, quae iam inde ab ultimis temporibus obtinuerat, innovandum ratusest“, zu deutsch:  „Stephan beschloss, keine Neuerungen einzuführen, die gegen die Überlieferung waren, die er aus früheren Zeiten erhalten hatte“ (Historia ecclesiastica, VII, 3, 1).

In einem Aspekt von großem Gewicht wie dem der hierarchischen Struktur der Kirche hätte die Existenz der fünf niederen Weihestufen, die unter dem Diakonat liegen, Mitte des dritten Jahrhunderts keine Neuerung gegen die Tradition sein können. Die friedliche Existenz dieser Stufen unterhalb des Diakonats setzte daher eine mehr oder weniger lange Tradition voraus und musste in der Römischen Kirche mindestens bis ins zweite Jahrhundert, das heißt bis in die unmittelbare nachapostolische Zeit, zurückreichen. Nach dem Zeugnis aller liturgischen Dokumente und der Kirchenväter ab dem zweiten Jahrhundert gehörten der Lektor und dann auch die anderen niederen liturgischen Dienste (Ostiarier, Exorzist, Akolyth, Subdiakon) dem Klerus an, und das Amt wurde ihnen durch eine Weihe übertragen, wenn auch ohne Handauflegung. Die Ostkirche verwendete und verwendet immer noch zwei verschiedene Ausdrücke. Für die sakramentalen Weihen des Episkopats, Presbyteriums und Diakonats wird das Wort „cheirotenia“ verwendet, während für die Weihen die niederen Kleriker (Subdiakone, Akolythen, Lektoren) wird das Wort „cheirotesia“ verwendet. Um darauf hinzuweisen, dass die Funktionen von liturgischen Dienern, die dem Diakon untergeordnet sind, in gewisser Weise im Dienst des Diakons selbst enthalten sind und daraus hervorgehen, hat die Kirche den niederen liturgischen Dienern auch den Begriff „ordo“ zugeordnet, den gleichen Begriff mit denen die hierarchischen Diener der sakramentalen Ordnung bezeichnet werden, wenn auch mit der Bezeichnung „Niedere Weihen“, um sie von den drei „Höheren sakramentalen Weihen“ (Diakonat, Presbyterat, Episkopat) zu unterscheiden.

7) Die aktuelle Situation der Niederen Weihen

Seit den ersten Jahrhunderten, fast 1700 Jahre lang, hat die Kirche die unter dem Diakonat stehenden liturgischen Diener sowohl in den liturgischen als auch in den kirchenrechtlichen Büchern in einer ununterbrochen Weise mit dem Begriff „Weihestufen“ (ordines) bezeichnet. Diese Tradition dauerte bis zum Motu Proprio Ministeria quaedam von Papst Paul VI. aus dem Jahr 1972, mit dem die Niederen Weihen und das Subdiakonat abgeschafft wurden und an ihrer Stelle die „Dienstämter“ (ministeria) für Lektoren und Akolythen geschaffen wurden, um die aktiven Teilnahme der Laien an der Liturgie zu fördern, obwohl eine solche Meinung in den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils keine konkrete Bestätigung findet. Diese Dienste von Lektoren und Akolythen erhielten dann die Qualifikation als „Laiendienste“. Darüber hinaus hat sich die Behauptung verbreitet, dass der liturgische Dienst des Lektors und Akolythen das dem gemeinsamen Priestertum der Laien eigene Dienen ausdrücken würde. Aufgrund dieses Arguments kann kein überzeugender Grund angegeben werden, Frauen vom offiziellen Dienst der Lektoren und Akolythen auszuschließen.

Dieses Argument entspricht jedoch nicht dem sensus perennis Ecclesiae, da die Kirche bis Papst Paul VI. niemals lehrte, dass die liturgischen Dienste des Lektors und des Akolythen ein dem gemeinsamen Priestertum der Laien eigentĂĽmlicher Ausdruck sein wĂĽrden. Die ununterbrochene Ăśberlieferung der ganzen Kirche verbot nicht nur Frauen, den liturgischen Dienst des Lektors und des Akolythen zu verrichten, sondern das kanonische Recht der Kirche verbot Frauen in der Tat, die Niederen Weihen oder das Dienstamt des Lektors und des Akolythen zu empfangen.

Geste des Bruchs und Bindekraft der ĂĽberlieferten Praxis

Durch eine Geste eines großen und klaren Bruchs mit der ununterbrochenen und universalen Überlieferung sowohl der Ost- als auch der Westkirche hat Papst Franziskus mit dem Motu Proprio Spiritus Domini vom 10. Januar 2021 can. 230 § 1 des Codex des kanonischen Rechts geändert, um Frauen den Zugang zurständigen Beauftragung mit dem Dienstamt des Lektorates und Akolythateszu ermöglichen. Dieser Bruch mit der ununterbrochenen und universalen Überlieferung der Kirche, die Papst Franziskus auf der Ebene des Rechts in Kraft setzte, wurde jedoch von seinen Vorgängern, den Päpsten Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. schon vorher auf der Ebene der Praxis ausgeführt oder toleriert.

Eine weitere logische Konsequenz wäre der Vorschlag, das sakramentale Diakonat fĂĽr Frauen zu fordern. Die Tatsache, dass Papst Benedikt XVI. die traditionelle Lehre wiederholt hat, wonach der Diakon nicht die Befugnis hat, in persona Christi capitis zu handeln, weil er nicht zum Priestertum, sondern zum Dienst geweiht ist, hat einigen Theologen die Möglichkeit gegeben, zu fordern, dass auf der Grundlage dieses Arguments Frauen den Zugang zum sakramentalen Diakonat zu gewähren. Sie argumentieren, dass das Verbot der Priesterweihe – das von Papst Johannes Paul II. in dem Dokument Ordinatio sacerdotalis aus dem Jahr 1994 endgĂĽltig bestätigt wurde – fĂĽr das Diakonat nicht gelten wĂĽrde, da der Diakon kein Amtspriestertum in sich hat.

Man muss festhalten, dass eine sakramentale Diakonatsweihe von Frauen der gesamten Überlieferung der universalen Kirche, sowohl der östlichen als auch der westlichen, widersprechen und gegen die göttlich festgelegte Ordnung der Kirche verstoßen würde, da das Konzil von Trient die folgende Wahrheit dogmatisch definiert hat, dass die göttlich festgelegte Hierarchie aus Bischöfen, Priestern und Dienern (ministri)“, das heißt zumindest auch aus Diakonen besteht (vgl. Sess. XXIII, can. 6). Darüber hinaus widerlegte der berühmte Liturgiker Aimé Georges Martimort mit überzeugenden historischen und theologischen Beweisen die Theorie und Behauptung der Existenz eines weiblichen sakramentalen Diakonats (vgl. Les diaconesses. Essai historique, Rom 1982; vgl. auch Gerhard Ludwig Müller, „Können Frauen die sakramentale Diakonenweihe wertvolle empfangen?” in: Leo Kardinal Scheffczyk, hrsg., Diakonat und Diakonissen, St. Ottilien 2002, S. 67–106).

Das theologische Argument, wonach der Dienst des Lektors und Akolythen dem gemeinsamen Priestertum der Laien eigen ist, widerspricht dem bereits im Alten Testament göttlich festgelegten Grundsatz, der besagt: für den Vollzug selbst eines bescheiden Dienstes im öffentlichen Gottesdienst, ist es notwendig, dass die Diener eine ständige oder sakrale Beauftragung erhält. Die Apostel haben dieses Prinzip bewahrt, indem sie die Weihestufe der Diakone durch göttliche Offenbarung in Analogie zu den alttestamentlichen Leviten eingeführt haben. Diese Tatsache geht auch aus den Anspielungen von Papst Clemens I., dem Schüler der Apostel, hervor, die wir schon gehört haben. Die Kirche der ersten Jahrhunderte und dann die ununterbrochene Überlieferung haben dieses theologische Prinzip des Gottesdienstes bewahrt, das besagt, dass es für den Vollzug eines jeglichen Dienstes am Altar oder im öffentlichen Gottesdienst notwendig ist, derWeihestufe von Dienern anzugehören, die für solche Funktionen mit einem besonderen Ritus namens „Weihen“ (ordinationes) bezeichnet wird.

Aus diesem Grund begann die Kirche bereits im zweiten Jahrhundert, die verschiedenen liturgischen Pflichten des Diakons, das heißt des Leviten des Neuen Testaments, auf verschiedene Diener oder niedere Ordnungen zu verteilen. Die Zulassung zum liturgischen Gottesdienst ohne den Empfang einer Niederen Weihe wurde immer als Ausnahme angesehen. Als Ersatz für die Niederen Weihen konnten erwachsene Männer oder Jungen am Altar dienen. In diesen Fällen ersetzte das männliche Geschlecht in gewisser Weise die nicht-sakramentale Niedere Weihe, da der diakonische Dienst und alle anderen niederen Dienste, die im Diakonat enthalten waren, keine priesterlichen Dienste waren. Das männliche Geschlecht war jedoch notwendig, da es mangels der Niederen Weihe die letzte Verbindung ist, die auf der Ebene des Symbols die niederen oder stellvertretenden liturgischen Dienste mit dem Diakonat verband. Mit anderen Worten, das männliche Geschlecht der niederen liturgischen Diener war mit dem Prinzip des levitischen liturgischen Dienstes verbunden, der seinerseits direkt auf das Priestertum hin- und ihm gleichzeitig untergeordnet war und durch göttliche Anordnung im Alten Bund dem männlichen Geschlecht vorbehalten war.

Jesus Christus war männlichen Geschlechts und der eigentliche „Diakon“ und „Diener“ aller öffentlichen Gottesdienste des Neuen Bundes. Aus diesem Grund hat die universale und ununterbrochene, zweitausendjährige Überlieferung der Kirche sowohl im Osten als auch im Westen denVollzug der öffentlichen liturgischen Dienste dem männlichen Geschlecht vorbehalten, und zwar sowohl in der sakramentalen Ordnung des Episkopats, Presbyteriums und Diakonats als auch in den Niederen Weihen wie dem Lektorat und dem Akolythat. Das weibliche Geschlecht findet sein Vorbild des Dienstes in der Heiligen Jungfrau Maria, Mutter der Kirche, die sich mit dem Wort „Magd“, ancilla (lateinisch), doúle (griechisch), dem Äquivalent des männlichen diákonos bezeichnete. Es ist bemerkenswert, dass Maria nicht sagte: „Ich bin die diákona des Herrn“, sondern „Ich bin die Magd des Herrn“.

Der liturgische Dienst der Frauen in der eucharistischen Liturgie als Lektorin und Akolythin und Dienerin am Altar wurde in der theologischen Begründung der gesamten alttestamentlichen und neutestamentlichen Traditionen sowie der zweitausendjährigen östlichen und westlichen Überlieferung der Kirche völlig ausgeschlossen (siehe die zitierte Studie von Martimort). Es gab einige Ausnahmen bei Frauenklöstern, in denen die Nonnen die Lesung lesen konnten; jedoch haben sie nicht im Presbyterium oder im Altarraum gelesen, sondern hinter dem Klausurgitter, wie zum Beispiel in einigen Klöstern der Kartäuserinnen (siehe Martimort, a. a. O., S. 231ff.).

Die Verkündigung der Heiligen Schrift während der Eucharistiefeier wurde von der Kirche niemals Personen anvertraut, die nicht zumindest die Niederen Weihen empfangen haben. Das Zweite Ökumenische Konzil von Nicäa verbot einen gegenteiligen Brauch und sagte: „Die Ordnung (taxis) muss in heiligen Dingen bewahrt werden, und gemäß dem göttlichen Wohlgefallen werden die verschiedenen Aufgaben des Priestertums mit Sorgfalt eingehalten. Einige nämlich, die seit ihrer Kindheit die geistliche Tonsur erhalten hatten, lesen entgegen den heiligen Kanones (auf Griechisch: a-kanonìstos), ohne dass der Bischof (mechei rotesian labòntas) ihnen die Hände auflegte, während der eucharistischen Liturgie (super ambonemirregulariter in collecta legentes; auf Griechisch: en tesynaxei) vom Ambo aus. Daher befehlen wir, dass dies ab jetzt nicht mehr erlaubt ist“ (can. XIV).

Diese Norm wurde von der Universalkirche und insbesondere von der Römischen Kirche immer bewahrt und zwar bis zu dem Moment als nach der liturgischen Reform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil es den Laien – das heiĂźt denen, die weder die Höheren noch die Niederen Weihen empfangen haben – gestattet wurde, auch in feierlichen Messen öffentlich die die Lesung vorzutragen.Dies wurde nach und nach sogar Frauen gestattet. Um das Prinzip der groĂźen Tradition zu bewahren, nach dem die niedrigeren liturgischen Dienste von den Inhabern der Niederen Weihen ausgeĂĽbt werden, empfahl das Konzil von Trient den Bischöfen nachdrĂĽcklich, „sicherzustellen, dass die Funktionen der heiligen Weihen vom Diakonat bis zum Ostiariat, die in der Kirche seit apostolischen Zeiten bestehen, nur von denen ausgeĂĽbt werden dĂĽrfen, die solche Weihen empfangen haben“ (sess. XXIII, Reformdekret, can. 17). Das Konzil erlaubte sogar verheirateten Männern, als Kleriker der Niederen Weihen ordiniert zu werden: „Wenn es keine zölibatären Geistlichen gibt, die den Dienst der vier Niederen Weihen ausĂĽben können, können sie auch durch verheiratete Kleriker ersetzt werden“ (a. a. O.). In der Römischen Liturgie nach der älteren oder auĂźerordentlichen Form kann die Lesung in der eucharistischen Liturgie nur von denen vorgetragen werden, die entweder die Niederen oder die Höheren Weihen empfangen haben. In der Tat werden die Niederen Weihen bis heute in Gemeinschaften, die sich an den usus antiquior halten, vom Bischof gespendet. Diese Form der Römischen Liturgie behält dieses Prinzip bei, das aus apostolischen Zeiten ĂĽberliefert und vom Zweiten Konzil von Nicäa im 8. Jahrhundert und vom Konzil von Trient im 16. Jahrhundert bekräftigt wurde.

8) Der Dienst der Niederen Weihen und das Priestertum Christi

Jesus Christus, der einzig wahre Hohepriester Gottes, ist gleichzeitig der höchste Diakon. In gewisser Weise könnte man sagen, dass Christus auch der höchste Subdiakon ist, Christus der höchste Akolyth und Exorzist ist, Christus der höchste Lektor und Türhüter (Ostiarier) ist, Christus der höchste Ministrant in der Liturgie ist, da das ganze Leben Christi und Sein Erlösungswerk ein bescheidenes Dienen war. Sein Priestertum im Amtspriestertum der Kirche muss daher auch die niederen liturgischen Funktionen oder die bescheidenen liturgischen Dienste wie das des Lektors oder des Akolythen umfassen. Aus diesem Grund ist das Diakonat mit seinen Funktionen Teil des Weihesakraments und implizit auch der unteren liturgischen Dienststufen mit ihren Funktionen, die immer zu Recht „Weihen“ genannt wurden, obwohl sie formal nicht sakramental waren.

Hier ist ein weiterer theologischer Grund für die Tatsache, dass die Universalkirche niemals Frauen zum liturgischen öffentlichen Dienst zugelassen hat, auch nicht für das Amt von Lektoren oder Akolythen. Im Leben Christi kann man sehen, wie er die Funktion des Lektors erfüllt hat (wenn er die Heilige Schrift im Synagogengottesdienst las, vgl. Lk 4, 16). Man kann sagen, dass Christus die Funktion des Türhüters (Ostiarier) ausübte, als er die Kaufleute aus dem Tempel Gottes vertrieb (vgl. Joh 2, 15). Christus übte oft die Funktionen eines Exorzisten aus und trieb unreine Geister aus. Die Funktion eines Subdiakons oder Diakons wurde von Christus beispielsweise während des letzten Abendmahls ausgeübt, indem er sich mit der Schürze eines Dieners umgürtete und den Aposteln die Füße wusch, die während desselben Abendmahls von ihm als wahre Priester des Neuen Testaments eingesetzt wurden (vgl. Konzil von Trient, Sitzung XXII, Kap. 1).

Demütige und niedrigere liturgische Dienste gehören ebenfalls zur Größe und Natur des Priestertums und des Weihesakraments. Es wäre ein Fehler und ein menschlicher und weltlicher Gedanke, zu behaupten, dass nur die höheren liturgischen Funktionen (Verkündigung des Evangeliums, Aussprechen der Wandlungsworte) dem Amtspriestertum angemessen sind, während die niederen und bescheideneren liturgischen Funktionen (Vortragen der Lesung) und Dienst am Altar zum gemeinsamen Priestertum der Laien gehören. Im Reich Christi gibt es keine Diskriminierung, es gibt keinen Wettbewerb um mehr Befugnisse bei der Ausübung des göttlichen Kultes; vielmehr konzentriert sich alles auf die Realität und das Bedürfnis nach Demut, entsprechend dem Vorbild Christi, des ewigen Hohepriesters.

Dom Gréa hat uns folgende bewundernswerte Überlegungen hinterlassen: „Wenn der Bischof oder der Priester eine Funktion des einfachen Dienstes erfüllt, übt er sie mit der ganzen Größe aus, die sein Priestertum seinem Handeln verleiht. Das göttliche Haupt der Bischöfe, Jesus Christus selbst, verachtete es nicht, die Handlungen der niederen Diener auszuüben, indem er alles zur Erhabenheit seines Hohepriestertums erhob. Er, ein Priester in der Fülle des Priestertums, das er vom Vater erhalten hatte (Ps 109, 4; Heb 5, 1-10), wollte in seiner Person die Funktionen der niederen Diener heiligen. Durch die Ausübung dieser niederen Funktionen erhob Jesus sie zur Würde seines Hohepriestertums. Indem Er sich auf diese niederen Dienstfunktionen herabgelassen hat, hat Er sie weder verringert noch herabgewürdigt“ (a. a. O., S. 109).

Alle liturgischen Dienste im Altarraum der Kirche repräsentieren Christus, den höchsten „Diakon“, und werden daher gemäß dem perennis sensus der Kirche und ihrer ununterbrochenen Überlieferung sowohl in den höheren als auch in den niedrigeren liturgischen Diensten von männlichen Personen ausgeführt, die in der sakramentalen Weihe des Episkopats, Presbyterats und Diakonats beziehungsweise in den Niederen Weihen und Diensten des Altars eingesetzt sind, insbesondere in denen des Lektorats und des Akolythats.

Das gemeinsame Priestertum der Gläubigen hingegen wird von jenen Personen vertreten, die während der Liturgie im Kirchenschiff versammelt sind und Maria, die „Magd des Herrn“, repräsentieren, die das Wort empfängt und es in der Kirche für die Welt fruchtbar macht. Die Allerseligste Jungfrau Maria hatte niemals gewünscht, die Funktion einer Lektorin oder einer Ministrantin in der Liturgie der Urkirche auszuüben, und sie hat sie auch nie ausgeübt, wobei sie für einen solchen Dienst am würdigsten gewesen wäre, da sie allheilig und makellos ist. Die Teilnahme an der Liturgie nach dem Vorbild Mariens ist die aktivste und fruchtbarste liturgische Teilnahme, die seitens des gemeinsamen Priestertums der Gläubigen und insbesondere seitens der Frauen möglich ist, da „die Kirche in Maria den erhabensten Ausdruck des Genius der Frau sieht“ (Papst Johannes Paul II., Brief an die Frauen, 10).

✠ Athanasius Schneider, Weihbischof der Erzdiözese der Heiligen Maria in Astana

Foto: Bishop Athanasius Schneider O.R.C. celebrating Traditional Latin Mass in Tallinn, Estonia – Bildquelle: Marko Tervaportti, wikimedia.org

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