Die Anrufung Mariens als Königin – Abschließende Bemerkungen zur Lauretanischen Litanei

Ein Beitrag von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 18. Juli 2020 um 14:53 Uhr
Hl. Gottesmutter Maria

Veranlasst durch die jüngsten Ergänzungen der Lauretanischen Litanei wurde ihr struktureller Aufbau bereits näher vorgestellt. Was bisherige Zusätze durch die Päpste anbelangt, fällt auf, dass sie seit dem 19. Jahrhundert bis zu Paul VI. nahezu ausschließlich im letzten Abschnitt, in den Regina-Anrufungen, angebracht wurden.

Hierarchisch absteigende Rangfolge von Heiligenklassen

Die ursprüngliche Struktur dieses Abschnitts zeigt Maria als Königin der Engel, Propheten, Apostel, Märtyrer, Bekenner und Jungfrauen auf, die Anrufung Regina Sanctorum omnium – Königin aller Heiligen – erscheint klar als der originäre Abschluss dieses finalen Abschnitts, sie subsumiert alle Heiligen und umfasst zugleich diejenigen, die sich keiner der schon zuvor genannten Klassen von Heiligen eindeutig zuordnen lassen.

Leo XIII. dehnte Regina sacratissimi Rosarii, eine Anrufung, die bis dahin nur die Rosenkranzbruderschaften angeschlossen hatten, Königin des hochheiligen Rosenkranzes, 1883 auf die gesamte Kirche aus. Diese Anrufung wurde dann offenbar vorläufig als letzte Steigerung und Zusammenfassung betrachtet, denn als Pius IX. nach dem Dogma von 1854 Regina sine labe originali concepta ergänzte – Königin, ohne Makel der Erbsünde empfangen, schob er sie zwischen dem ursprünglichen Schluss und der Anrufung als Rosenkranzkönigin ein. Das geschah entsprechend nach dem Dogma von 1950, als Pius XII. zusätzlich Regina in caelum assumpta hinzufügte: Königin, in den Himmel aufgenommen, obwohl mittlerweile Benedikt XV. 1917 Regina pacis – Königin des Friedens als finale Anrufung angeordnet hatte, eine Position, die sie bis heute innehat.

In der Bedrängnis des Ersten Weltkrieges mochte sich die Gabe des Friedens als die existentiellste diesseitige Sehnsucht nahegelegt haben. Als Johannes Paul II. 1995 Regina familiae einfügen ließ – Königin der Familie – platzierte er diese Bitte unmittelbar vor dem an die Friedenskönigin gewandten Ruf.

Zusatz in den metaphorischen Anrufungen

An den soeben von Papst Franziskus verfügten Ergänzungen ist also am meisten bemerkenswert, dass er mit Solacium migrantium nach Jahrhunderten erstmals wieder die metaphorischen Anrufungen um einen Zusatz vermehrt. Er hängt ihn aber nicht einfach an, sondern flicht ihn ein und lässt vor allen Dingen Auxilium Christianorum als Abschlussruf dieses Abschnitts der Lauretanischen Litanei bestehen, eine Stellung, die diese Anrufung 1571 unter Pius V. erhielt. Was beides für Auslegung und Verständnis der neuen Anrufung bedeutet, wurde schon im vorangegangenen Beitrag zum Thema hinreichend argumentiert. Nicht uninteressant ist, dass vor dieser Ergänzung zum Dank für den Sieg bei der Seeschlacht von Lepanto die Consolatrix afflictorum den Abschluss der bildsprachlichen Anrufungen dieses Abschnitts bildete, weil der Titel Consolatrix selbst ja schon gar keine Methapher mehr ist.

Überflüssige Wiederholungen?

Gegen die neue Anrufung als Solacium migrantium wird manchmal auch vorgebracht, das Anliegen sei in der Anrufung Consolatrix afflictorum bereits inbegriffen, denn damit seien alle denkbaren und noch nicht ausdrücklich benannten Betrübnisse/Bedrängnisse gemeint und abgedeckt, die Menschen belasten können, es liege also eine überflüssige Wiederholung oder Verdopplung vor. Mit diesem Einwand müssten die Kritiker konsequent auch die in Kriegszeiten hinzugefügte Regina pacis überflüssig finden oder die Regina virginum angesichts der Virgo virginum als redundant zurückweisen.

Letzteres natürlich auch nur oberflächlich betrachtet, denn an dieser Stelle kehren die Jungfrauen wieder, um Maria als Königin dieser Klasse von Heiligen anzurufen – inhaltlich freilich ist ziemlich dasselbe gemeint und liegt auch in der Anrufung Turris eburnea, elfenbeinerner Turm, eine Anspielung auf die wehrhaft unversehrte, immerwährende Jungfräulichkeit Mariens vor, und niemand käme auf den Gedanken, dies als überflüssige Mehrfachnennung zu kritisieren.

Die Erklärung dafür liegt offensichtlich entscheidend darin, dass Mater-, Virgo-, metaphorische und Regina-Anrufungen zwar in ihrer Abfolge aufeinander zu betrachten sind, in der sie die Lauretanische Litanei aufbauen, aber auch für sich stehen. Deshalb kann jeder dieser Anrufungsabschnitte legitim ähnliche Aspekte an der Mariengestalt ansprechen oder sogar identische wiederholt adressieren, die schon in den Jungfrau- und Mutterrufen vorkommen oder später bei der Anrufung Mariens als Königin.

Foto: Hl. Gottesmutter Maria – Bildquelle: C. Steindorf, kathnews