Die Alten Römer hatten keine Printen

Kathnews-Interview mit Gero P. Weishaupt zum lateinischen Stadtführer über Aachen.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 20. Oktober 2020 um 12:33 Uhr

Lieber, hochwürdiger Herr Dr. Weishaupt, Kathnews freut sich, mit Ihnen über eine Neuerscheinung sprechen zu dürfen, die sich Ihrer Initiative und Ihrem Engagement verdankt.

Dass Sie ein Aachener Lokalpatriot sind, bleibt niemandem auf Dauer verborgen. So wundert es keinen, wenn Sie als Verfasser eines Stadtführers durch Aachen in Erscheinung treten. Doch es ist kein Reiseführer unter vielen. Denn, da Sie außerdem passionierter Hobbylatinist und geschichtsbegeistert sind, hat Ihr Werk das Alleinstellungsmerkmal, in lateinischer Sprache geschrieben zu sein.

Wie ist die Idee zu dieser Descriptio urbis Caroli Magni entstanden; waren Sie es, der mit dem Berliner Vergangenheitsverlag Verbindung aufnahm, oder trat vielmehr der Verlag an Sie mit einer Anfrage heran?

Die Idee entstand in Rom. Dort stieß ich 2001 – ich war in Rom zum Promotionsstudium – in einer Buchhandlung unweit des Vatikans auf einen lateinischen Stadtführer über Rom. Das hat mich sofort begeistert. Es kam mir der Gedanke: Was den Römern recht ist, ist den Aachenern billig. Die Umsetzung dieser Idee erfolgte aber erst 2012. Mein Ziel war es damals, zum Karlsjahr 2014 – Karl der Große war 814 in Aachen gestorben – den lateinischen Stadtführer über Aachen herauszubringen. Doch ließ sich das nicht realisieren, weil andere Aufgabe auf mich zukamen. So legte ich das Aachenprojekt aufs Eis. Erst vor zwei Jahren habe ich es dann wieder aufgegriffen, und ich freue mich nun riesig, dass „Aquisgranum – Descriptio Caroli Magni“ – so der Titel des lateinischen Stadtführers – rechtzeitig zum 500jährigen Jubiläum der Krönung Karls V. in Aachen am 23. Oktober 1520 fertiggestellt werden konnte. Inzwischen war 2012 ein lateinischer Stadtführer über Berlin („Berolinum Latinum“) vom Berliner Vergangenheitsverlag herausgegeben worden. Es war für mich naheliegend, beim Verleger anzufragen, ob er auch den lateinischen Stadtführer über Aachen in sein Verlagsprogramm aufnehmen würde. Ich habe also selber beim Verlag angefragt. Der zeigte sich sofort begeistert. Für mich ist der lateinische Stadtführer eine Hommage an meine Heimatstadt.

Dass alle Wege nach Rom führen, ist sprichwörtlich. Welche Wege weisen Sie den Lesern durch Aachen und in seiner unmittelbaren Umgebung?

Die Stadtführung nimmt natürlich vom Wahrzeichen Aachens ihren Anfang: dem Aachener Dom, mit dem Karlschrein und den Gebeinen des Frankenherrschers gleichsam die Seele der Stadt. Dann begeben wir uns von der Schatzkammer des Domes aus zum Rathaus. Beide historischen Gebäude werden recht ausführlich beschrieben, zumal sie über Aachen hinaus von nicht zu unterschätzender kulturhistorischer Bedeutung sind. Der Weg führt dann weiter durch die Altstadt, den wichtigsten Sehenswürdigkeiten am inneren und äußeren Grabenring und zu den Stadtteilen Burtscheid und Kornelimünster. Auf die zweifellos sehenswerte Umgebung der Stadt – Aachen liegt am Dreiländereck von Deutschland, Belgien und den Niederlanden, unweit von Lüttich und Maastricht, an den Nordhängen der Eifel und den Ausläufern der Ardennen – gehe ich in meinem Stadtführer nicht näher ein. Das hätte den Rahmen bei weitem gesprengt. Ich beschränkte mich da nur auf kurze Hinweise.

War es schwierig, diese sechs Streifzüge, die Sie anschaulich schildern, festzulegen; gibt es Sehenswürdigkeiten, von denen Sie bedauern, dass sie in Ihrem Buch keinen Platz mehr fanden, die aber Kandidaten für eine Fortsetzung sein könnten?

Nein, überhaupt nicht. Das bot sich förmlich an. Gleichsam zentrifugal vom Zentrum zu den zwei bedeutendsten und geschichtsträchtigsten Stadtteilen im Süden der Stadt: Burtscheid und Kornelimünster mit unter anderem ihren ehemaligen Reichsabteien. Ich glaube, dass ich die wichtigsten Sehenswürdigkeiten berücksichtigt habe. Darum ging es mir.

Liest man Ihre Reisetipps durch, bemerkt man einen flüssigen Sprachduktus, geradezu eine Latinitas vivificata. Wie stufen Sie selbst den Schwierigkeitsgrad Ihres Textes ein, gilt: tolle, lege ausschließlich für einen ausgesprochenen Latein-Primus wie Sie selbst, oder kann man auch so zu dem Buch greifen, ohne fürchten zu müssen, bald schon mit seinem Latein am Ende zu sein?

Na ja, man sollte schon über einigermaßen gute Lateinkenntnisse verfügen. In meiner Schulzeit gab es noch die Unterscheidung zwischen Kleinem Latinum und Großem Latinum. Wer Caesar übersetzt hat – das entsprach so ungefähr dem Niveau des Kleinen Latinums – wird mit meinem lateinischen Stadtführer nicht „schon bald mit seinem Latein am Ende … sein“. Er richtet sich an alle Lateinliebhaber, an Schülerinnen und Schüler, an alle, die über die Stadt Karls des Großen in der Sprache lesen wollen, die gerade er selber außerordentlich gefördert hat: Stichwort „Karolingische Renaissance“. Außerdem habe ich alle neulateinischen Begriffe auf jeder Seite erklärt, und am Ende des Lateinführers werden alle neulateinischen Wörter zusätzlich in alphabetischer Reihenfolge in einem Glossarium aufgeführt. Das erspart die lästige, den Lesefluss stockende Suche in einem Wörterbuch und erleichtert das Lesen.

Das Motto für unser Gespräch hat es schon vorweggenommen: Die Alten Römer hatten keine Printen. Wie gehen Sie bevorzugt vor, wenn es gilt, neue lateinische Begriffe zu prägen, um sicherzustellen, dass diese sich harmonisch in das bestehende Vokabular und einen guten lateinischen Schreibstil einfügen?

Wenn ich in meinen Wörterbüchern keine Übersetzung finde, dann muss ich selber schöpferisch tätig werden. Ich schaue nach ähnlichen Begriffen, nach Synonymen für einen Ausdruck, man kann ja eine Sache auch anders ausdrücken. Zum Beispiel fand ich erwartungsgemäß kein Wort für die berühmte Aachener Printe. Da mir klar ist, was die Aachener Printe ist, konnte ich sie recht gut beschreiben. Was ich auch getan habe. Aber besser ist ein kurzer Begriff. Und so habe ich gedacht: Bei der Printe handelt es sich um eine Spezialität aus Aachen. Es handelt sich ferner um ein Gebäck, einen Leckerbissen. Also übersetze ich es mit cuppedium Aquisgranense. Schwieriger wurde es mit dem Aachener Karnevalsorden „Wider den tierischen Ernst“. Daraus wurde schlussendlich auf Latein: „Insigne Aquense Antequadragesimale „Contra Gravem Leporis Defectum“, wörtlich: „Wider den schweren Mangel an Humor“.   Ja und das weltberühmte CHIO, das Weltfest der Pferde, das Aachener Reitturnier, heißt auf Lateinisch: „Publicum Certamen Equitum Omnium Gentium“, was eine Übersetzung aus dem Französischen ist: CHIO steht für „Concours Hippique International Officiel“.  Natürlich ginge auch „Publicum Certamen Equitum Internationale“. Aber „internationale“ klingt so nach Makkaroni-Latein. Ich mag kein Latein, das mit anderssprachigen Wörtern durchsetzt ist. Da bin ich Purist. Zumindest versuche ich es zu vermeiden. Darum habe ich mich als Purist für „omnium gentium“ entschieden. Zuweilen muss man aber auf romanische Sprachen zurückgreifen, wenn man neulateinisch verständlich schreiben will. Aber dann sollte es eine Ausnahme bleiben. Bei einzelnen lateinischen Orginaltexten des Zweiten Vatikanischen Konzils, vor allem in der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“, bekommt man als Lateiner manchmal das Grauen.

Das Buch ist reich bebildert. Hat ein professioneller Fotograph für die Aufnahmen zur Illustration mit Ihnen oder dem Verlag zusammengearbeitet?

Danke für das Kompliment! Ich selber habe die Fotos aufgenommen. Zwar ist der Stadtführer „reich bebildert“. Aber dennoch würde man bei einem Stadtführer mehr Fotos erwarten. Mir war von Anfang an klar: Der Stadtführer ist vor allem textorientiert. Auf den Text kommt es an. Für ihn greifen Lateinliebhaber auch primär zum dem Stadtführer. Zumindest war es bei mir so, als ich 2001 den lateinischen Stadtführer über Rom entdecke und mir 2012 „Berolinum Latinum“ anschaffte. Mit dem lateinischen Stadtführer über Rom habe ich die Urbs nochmal neu erlebt, und mit „Berolinum Latinum“ war mein Besuch der deutschen Bundeshauptstadt ein wahrer Genuss. Auf die Fotos kommt es dabei nicht so an.

Zum Ausklang des Interviews bitten wir Sie, in einem lateinischen Satz noch einmal prägnant auf den Punkt zu bringen, weshalb sich ein Besuch in der Kaiserstadt Aachen stets lohnt und man sich nicht nur für eine perigrinatio Aquisgranensis im engeren Sinne unbedingt Ihr Buch zulegen sollte!

Urbem Aquensem qui numquam vidit, non est Europaeus.   Übersetzt: Wer  Aachen niemals gesehen hat, ist kein Europäer. Das sagte einst mein geschätzter Lateinlehrer, der auch Geschichte gab und von daher schon ein Faible hatte für Aachen. Dabei kam er gar nicht aus Aachen, sondern aus dem bayerischen Ingolstadt. Von Lokalpatriotismus kann da wohl keine Rede sein, oder?

Sehr geehrter Herr Dr. Weishaupt, mit einem schlichten, aber von Herzen kommenden: Gratias Tibi agimus bedankt sich Kathnews für die interessante Unterhaltung mit Ihnen, in der wir im Geiste schon nach Aachen aufgebrochen sind. Wir wünschen Ihrem lateinischen Stadtführer weite Verbreitung unter den Freunden von Aachen, Geschichte und Latein. Vale, optime perite urbis Aquisgranensis atque sermonis Latini!

Foto: Aachener Printen – Bildquelle: Gero P.Weishaupt