Der Ring des Fischers

Eine Buchbesprechung von Hans Jakob Bürger.
Erstellt von Hans Jakob Bürger am 24. November 2016 um 22:43 Uhr

„Das Heerlager der Heiligen“ von Jean Raspail wird mitunter als prophetisch bezeichnet. Sein 1973 erschienener Roman hat eine enorme „Invasion“ von Einwanderern zum Thema, die sich von Indien in zahlreichen Schiffen auf den Weg nach Frankreich gemacht haben. Die dortigen Gutmenschen leisten natürlich keinen Widerstand, sondern sind vollkommen einverstanden mit der abzusehenden Zerstörung der französischen Identität. Vor nicht allzu langer Zeit wurde diese „Vision“ Jean Raspails in gewisser Weise Wirklichkeit, als zahlreiche „Flüchtlinge“ in diversen europäischen Ländern mit offenen Armen empfangen wurden. Es war sehr passend, dass „Das Heerlager der Heiligen“ gerade 2015 in neuer deutscher Übersetzung bei „Antaios“ erschien.

Vor wenigen Wochen wurde ein weiterer Raspail-Roman von „Antaios“ auf Deutsch verlegt. „Der Ring des Fischers“ hat dabei ein besonderes Erzählformat: Gegenwart und Rückblenden in die Vergangenheit wechseln sich kapitelweise ab. Im 15. Jahrhundert gab es gleich drei Männer, die von bestimmten Kardinälen, Kirchenleuten und weltlichen Herrschern gleichzeitig als Päpste angesehen wurden. Was wäre, wenn nicht nur der römische Papst bis auf den heutigen Tag existiert (als Raspail sein Werk verfasste, war dies Papst Johannes Paul II.), sondern es noch einen zweiten Papst gäbe? Einen, der sich auf „Benedikt XIII.“ von Avignon beruft? Wer ist der richtige? Würde man nach der Heiligkeit des Amtsinhabers gehen, wäre es vielleicht tatsächlich die päpstliche Linie von Avignon? Diese Fragen spinnt Raspail zu einer packenden Geschichte, die wie das eingangs erwähnte Werk „Das Heerlager der Heiligen“ durchaus von besonderer Aktualität ist. Immerhin haben auch wir in gewisser Hinsicht zwei Päpste …

Natürlich muss man aus theologischer Sicht sagen, dass es immer nur einen Papst geben kann – und geben muss. Die Sichtbarkeit gehört zum Wesen der Kirche und ist gerade im Papst manifestiert. Die fiktiven Nachfolger von „Benedikt XIII.“ haben immer nur ganz wenige Anhänger. Keiner weiß, um wen es sich bei diesen Leuten handelt. Dass das Papsttum dort bewahrt wäre, ist als für den theologisch Interessierten völlig unhaltbar. Nichtsdestotrotz hat Jean Raspail eine bewegende Alternativgeschichte erdacht, in der die Treue der Nachfolger von „Benedikt XIII.“ einen für den modernen Leser kaum nachvollziehbaren Stellenwert einnimmt.

Hans Jakob Bürger

Jean Raspail
Der Ring des Fischers
Antaios-Verlag 2016
352 Seiten; 22,- Euro
ISBN: 978-3944422138

Foto: Der Ring des Fischers – Bildquelle: Antaios-Verlag