Der Ministrant

Ein Bericht von Ralph Studer.
Erstellt von kathnews-Redaktion am 29. Dezember 2015 um 23:14 Uhr
Alte Messe

Im Alter von elf Jahren durfte ich zum ersten Mal in einer Frühmesse ministrieren. Über die Jahre durchlief ich die verschiedenen Funktionen eines Ministranten vom Ceroferar über den Akolythen und Thuriferar bis zum Zeremoniar. Diese Stufen der Entwicklung im Voranschreiten im Dienste Jesu Christi am Altar hätte ich nie ohne die tatkräftige Unterstützung unseres damaligen Priors erreicht. Wesentlich prägte mich auch unser damaliger Ministrantenleiter, mit dem ich zwar wenig Kontakt hatte, der jedoch durch sein Wesen, seine Glaubensausstrahlung und sein ganzes Auftreten auf mich eine große Vorbildfunktion ausübte. Rückblickend schwer zu sagen, was mich letztlich am meisten beeindruckte.

Nach und nach gewann ich größere Sicherheit in den verschiedenen Aufgaben am Altar und in der Sakristei und verspürte eine zunehmende Begeisterung, als Ministrant einen kleinen Beitrag in der heiligen Messe, dem größten Geheimnis unseres katholischen Glaubens, erbringen zu dürfen. Diese Zeit hinterließ ihre persönliche Prägung in meinem damaligen Leben als Jugendlicher und später als junger Erwachsener und fand auch ihren Niederschlag im Glaubensleben, im Erkennen und in der Liebe zum wahren heiligen Messopfer und zur Gegenwart Christi im heiligsten Altarssakrament. Während die ersten Jahre von Freude auf den sonntäglichen Altardienst geprägt waren, flaute diese Flamme bald ab und vom großen Herzensfeuer blieb eine Glut zurück, die stetig nachließ. Was war geschehen? Gleichgültigkeit, Routine und Unlust schlichen sich ein, bis der Dienst am Alter zur Bürde wurde. Die Glut erkaltete. Ich ging noch zum Ministrieren, weil es halt Pflicht war und ich meiner Mutter keine Sorgen bereiten wollte. Innerlich blieb ich jedoch kalt.

Ich befürchte, dass einigen Ministranten dieser Werdegang vom eifrigen und gottbegeisterten Messdiener zum routinemäßigen Ministranten nicht unbekannt ist. Man verliert das Bewusstsein der großen Aufgabe, der großen Gnade, Diener am Altare des Herrn sein zu dürfen. Gott so nahe zu sein, wie es außer dem Priester, dem Stellvertreter Christi auf Erden, niemand der Gläubigen je sein wird. Wem ist es gegeben, sämtliche Handlungen des Priesters nur einen Handgriff weit entfernt zu sehen, dem Priester beim Vollzug der heiligen Wandlung sein Gewand zu halten und der Transsubstantiation von Brot und Weit in den Leib und das Blut unseres gekreuzigten Herrn Jesus Christus in unmittelbarer Distanz beizuwohnen? Dem Ministranten, und nur ihm, und doch bleibt dies auch dem Ministranten ohne großes Verdienst, wenn er nicht vom Feuer des Glaubens, vom Eifer der Liebe und der Nachfolge Christi entflammt und dieser Dienst für ihn zur bloßen Routine wird.

Der Ministrant, ein verlorenes Potenzial für Gott, Kirche und Gesellschaft, wenn er lau und gleichgültig seinen Dienst verrichtet und diesen im besten Fall noch als gute katholische Tradition ansieht. Wer kann einer solchen Entwicklung vorbeugen bzw. wer kann, wenn eine solche Entwicklung eingetreten ist, auf den jungen Ministranten einwirken und den früheren Eifer und die Flamme für den Altardienst in ihm wieder neu entfachen? Ein glaubenseifriger Priester, dessen Glaube für die Ministranten förmlich greifbar ist, ein ermutigender Priester, dessen Liebe sie spüren und dessen Herzensanliegen die jungen Seelen sind, der die Ministranten mit Freude im Glauben unterweist, der sie unterstützt, wenn sie Rat und Halt benötigen. Im katholischen Glauben fest verankerte Eltern, die den jungen Ministranten die Liebe zum heiligen Messopfer, zum Dienst am Altare von Kindesbeinen an einpflanzen, dass ein starker Baum mit tiefen Glaubenswurzeln entstehen und wachsen kann, dass der Ministrant vom katholischen Geist beseelt, stark und mutig den eingeschlagenen Weg weitergeht und sein Altardienst in seinem täglichen Leben sichtbar wird. Ein überzeugter und eifriger Ministrantenleiter, der sich der jungen Ministranten annimmt und sie für das Messdienen begeistern kann, der auch soziale Anlässe in unbeschwerter und fröhlicher Umgebung mit ihnen wahrnimmt, sei es in Form von Wanderungen oder Ausflügen usw. So können Bande der Freundschaft und des Miteinanders unter den Ministranten keimen und wachsen.

Gehen wir einen Schritt weiter. Die Dimension des Ministranten geht weit über seine Ministrantenzeit hinaus. Der Ministrant, ein „Auserwählter“ am Altare, der Gott und den heiligsten Handlungen so nahe sein darf und über den – wie ein Priester einmal in Exerzitien sagte – der Himmel Ströme von unendlichen Gnaden herniederfließen lässt, wenn er während der hl. Wandlung das Messgewand des Priesters hält. Wenn der junge Ministrant mit diesen Gnaden mitwirkt, was kann er Großes bewirken! Der junge Ministrant wird erwachsen: Welchen Weg wählt er? Den Weg des glaubenseifrigen, aus dem katholischen Glauben lebenden Priesters, der seine Gemeinde aus seiner Liebe zum hl. Messopfers leitet, dessen Erinnerung tief in seiner Zeit als junger Altardiener wurzelt und der nun das Empfangene an seine ihm anvertrauten jungen Messdiener weitergibt. Den Weg eines Familienvaters, der seine religiösen Überzeugungen in seine Familie hineinträgt und dessen Glaube aus seinen Kinder- und Jugendtagen als Messdiener in den Herzen seiner Kinder weiterlebt. Ein Familienvater, der mit felsenfester Entschlossenheit und Gradlinigkeit sich für Gott und Kirche einsetzt und in den stürmischen Zeiten von heute mit Herzblut den katholischen Glauben verteidigt, indem er seine Kraft aus dem heiligen Messopfer schöpft. Der junge Ministrant kann aber auch den lauen, bequemen Weg eines „Mainstream-Katholiken“ beschreiten, der sich der Welt anpasst und höchstens noch aus Tradition die sonntägliche Messe besucht, oder er distanziert sich mehr und mehr von der katholischen Kirche und gibt den Glauben, der ihn nur noch wie ein fremder Schatten begleitet, letztlich ganz auf.

Hält man sich diese Dimension vor Augen, so hat der Ministrant eine große Aufgabe nicht nur bei seiner Verrichtung des heiligen Dienstes am Altare Gottes, sondern er hat es in den Händen, mit Gottes Gnaden am Altardienst mitzuwirken und so Großes in diesem Leben im Dienste für Gott, Kirche, Gesellschaft und Familie zu tun. Dabei braucht er unsere tatkräftige Unterstützung, unsere Ermutigung und vor allem auch unser Gebet.

Textquelle: fsspx.de

Foto: Alte Messe – Bildquelle: Marianne Müller