Der „Erzstuhl des Reiches“ und das „inhaltvollste Denkmal der Deutschen“

Ein schlichter Thron mit einer tiefer Symbolkraft: Der „Karlsthron“ im Aachener Dom. Von Gero P. Weishaupt.
Erstellt von Gero P. Weishaupt am 9. November 2020 um 19:00 Uhr

Aachen (kathnews). Als Karl V. am 23. Oktober 1520 zur Krönung in Aachen weilte, war auch Abrecht Dürer vor Ort. Ihm widmet die Stadt die Sonderausstellung „Dürer war hier“ im Surmondt-Ludwig-Museum. Die Ausstellung konnte infolge der Corona-Pandemie nicht – wie eigentlich vorgesehen – gleichzeitig mit der Sonderausstellung über Karl V. („Der gekaufte Kaiser“) ausgerichtet werden. Die Dürer-Ausstellung ist verschoben worden.  Sie findet nun vom 18. Juli bis 21. Oktober 2021 statt. Der berühmte Nürnberger Maler  verblieb vom 7. bis 26. Oktober 1520 in der Kaiserstadt. Während seines Aufenthaltes fertigte er verschiedene Skizzen des Domes und des Rathauses an. Aus seiner Feder stammt auch eine Darstellung Karls V. auf dem Aachener „Karlsthron“. Dürer skizzierte den König mit Krone und Krönungsmantel sitzend auf dem Thron.

Thronbesetzung

Die Thronsetzung gehörte zum zweiten Teil des Krönungszeremoniells, bei dem auch die geistlichen Insignien, die Aachener Stücke der Reichskleinodien, eingesetzt wurden: die Stephansburse, der Säbel Karls des Großen und das „Reichsevangeliar“. Karl V. war der 29. König, der auf dem Thron Karls des Großen gesessen hat. Insgesamt wurden im Aachener Dom 30 Könige und 12 Königinnen gekrönt.

Die ausführlichste Beschreibung einer Krönung hat der Chronist Widukind von Crovey in seiner Sachsengeschichte überliefert. Er beschreibt die Krönung Ottos I. im Jahr 936. Allerdings lebte Widukind erst zur Zeit Ottos II. Darum stellt sich die Frage, ob der Chronist den Verlauf der Krönung Ottos II. auf die Ottos I. übertragen hat.  Wie dem auch sei, die Darstellung der Krönung in der Sachsengeschichte gibt Einblick in das mittelalterliche Krönungszeremoniell, das im Wesentlichen bis zur letzten Krönung von 1531 beibehalten worden ist. Nach dem Zeugnis Widukinds fand die Thronbesetzung nach der Salbung des Königs statt. Er schreibt: „(U)nd als nun die rechtmäßige Weihe vollzogen war, wurde er von den eben denselben Bischöfen zum Thron geführt, zu dem man auf einer Wandeltreppe hinaufstieg, und er war zwischen zwei marmornen Säulen von wunderbarer Schönheit so errichtet, daß er von hier aus alle sehen und von allen wiederum gesehen werden konnte“ (Übersetzung: Walter Kaemmerer, Aachener Quellentexte, Veröffentlichungen des Stadtarchivs Aachen, Bd. 1, Aachen 1980, 105).

Ein Thron von auffallender Schlichtheit

Ein Blick in das lateinische Original zeigt noch deutlicher, dass Widukind die Säulen  meinte, nicht den Thron, wenn er von der „Schönheit“ sprach (…ducitur ad solium … inter marmoreas mirae pulchritudinis columnas constructum). Tatsächlich ist jeder Besucher des Aachener Domes überrascht oder gar enttäuscht, wenn er auf der Empore im Hochmünster vor dem Thron Karls des Großen steht. Von dem Prunk barocker Throne sieht man hier gar nichts. Prof. Dr. Frank Pohle, Juniorprofessor für Geschichte der Region Maas/Rhein an der Universität Aachen sowie Leiter des Aachener Stadtmuseums „Centre Charlemagne“ schreibt hierzu: „Der Thron überrascht durch seine äußere Schlichtheit und  handwerklich ausgesprochen mäßige Ausführung. Als machtpolitisches Requisit und Symbolträger von hoher Bedeutung wirkt er fast kunstlos, in Teilen improvisiert …“ (Frank Pohle, „Mythos der Macht – Königsthron? Kaiserthron ? Karlsthron?“, in: Die Geschichte Aachens in 55 Objekten, Hrg. AKV Sammlung Crous gGmbH, 50).

Das „inhaltvollste Denkmal der Deutschen“

Mag der Thron schlicht und einfach sein, immens ist seine geistige und symbolische Bedeutung, und auf die kommt es schließlich an, auch wenn bisher nicht mit letzter Gewissheit feststeht, ob der  Aachener Thron aus der Zeit Karls des Großen stammt. Doch weisen jüngste dendrochronologische Untersuchungen der Holzbohlen, aus denen der eigentliche Sitz besteht, auf die Zeit Karls des Großen hin.  „Versuche einer stilistischen Datierung hat es gegeben“, erklärt Prof. Pohle, „aber Bauuntersuchungen erbrachten Indizien, die allerdings stets umstritten waren“ (Pohle, 51). Gewiss ist auf jeden Fall, dass der „Karlsthron“ jenseits aller divergierender Meinungen über seine Entstehung „integraler Bestandteil der Sinndeutung der Aachener Pfalzkapelle“ ist (Ernst Günther Grimme, Der Dom zu Aachen, Aachen 2000, 37).

Der Thron ist das Herzstück der Aachener Krönungskirche und neben der Reichskrone, deren Original sich in der Schatzkammer der Wiener Hofburg befindet, das wichtigste Herrschaftszeichen der römisch-deutschen Könige und Kaiser. Außer dem Karlsschrein mit den Gebeinen des großen Frankenherrschers und dem Marienschrein mit den biblischen Heiligtümern ist der „Karlsthron“ zweifellos ein „Highlight“ des Aachener Domes, eine Erinnerung daran, dass diese Kirche die Krönungskirche des Heiligen Römischen Reiches gewesen ist. Der Chronist Thietmar von Merseburg nennt den Thron sedes imperialis (Kaiserthron) und totius regni archisolium (Erzstuhl des Reiches). „Wer in Deutschland König sein wollte, musste nach der Krönung Ottos 936 fortan im wahrsten Sinne des Wortes diesen Thron besessen haben. Von hier wird das immer wieder zitierte Wort Theodor Haeckers vom Aachener Thron als dem ‚Schauer erregendsten inhaltsvollsten Nationaldenkmal der Deutschen‘ verständlich“ (Grimme, 37 f.).

Der „Karlsthron“ – ein Stück Jerusalem im Aachener Dom

Der äußerlich zwar schlichte, in seiner symbolischen Bedeutung aber überaus reiche „Karlsthron“ ist aus weißen Marmorplatten aus dem Mittelmeerraum zusammengesetzt, die durch Bronzehaken verklammert sind. In eine ist ein antikes Mühlespiel eingeritzt. Die Platten hatten bereits als Bodenbelag in der Grabeskirche von Jerusalem gedient und sind vom Patriarch von Jerusalem Karl dem Großen geschenkt worden. Wenn man davon ausgeht, dass auch Jesus diese Bodenplatten berührt hat, dann haben diese Platten selber Reliquiencharakter. Die Rückwand des Thrones ist mit einem Holzbrett verschlossen. Man geht davon aus, dass dieses Holzbrett entfernt wurde, um die mit kostbaren Edelsteinen versehene Stephanusbursa hineinstellen zu können. Diese Stephanusbursa enthielt Erde vom Martyriumsort des Erzmärtyrers Stephanus. Auf diese Weise haben Karl der Große und seine Nachfolger gleichsam auf heiligem Boden gethront.  Zum Thron gelangt man nach dem Vorbild des Thrones Salomons auf sechs Stufen. Alle sechs Stufen wurden aus dem Bodenelement einer antiken Säule geschnitten.

Ferdinand I., der jüngere Bruder Karls V., war der letzte König, der diesen Thron bestiegen hat. Bis dahin galt: „Wer Nachfolger Karls (des Großen) werden wollte, musste auf diesem Thron gesessen haben. Nur ihn konnte der Papst in Rom zum Kaiser krönen“ (Grimme, 38). Doch schon mit Ferdinand I. sollte sich das ändern. Der Bruder Karls V. wurde in Frankfurt zum Kaiser ausgerufen. Die nachfolgenden Kaiserkrönungen in der Frankfurter Zeit fanden ohne den Papst statt. Karl V. war der letzte in Aachen zum König Gekrönte, der im Jahr 1530 von einem Papst die Kaiserkrone empfing, allerdings nicht mehr in Rom, sondern in  Bologna.

Foto: Thron Karls des Großen im Aachener Dom – Bildquelle: Gero P. Weishaupt (Privatarchiv)