„Den großen Namen Deines Eingeborenen bekennen sie mit freier Stimme vor den Königen und Machthabern dieser Welt…“

Liturgischer Gedankenanstoß zum Beginn der Karwoche mit dem Palmsonntag. Ein Beitrag von Clemens Victor Oldendorf.
Erstellt von Clemens Victor Oldendorf am 28. März 2021 um 13:51 Uhr
Christus König

In der Gestalt, die der römisch-gregorianische Ritus bis zum Mittelalter gewonnen hatte und in der er im Auftrage des Konzils von Trient festgeschrieben wurde, ist der heutige Palmsonntag, ähnlich dem Fest der Erscheinung des Herrn im Weihnachtsfestkreis, ein eigentlicher, ursprünglicher Christkönigssonntag; ja, der spätere Laacher Abt Urbanus Bomm OSB konnte ihn in seinem Volksmessbuch ein Vor-Ostern nennen.

Diese Vorwegnahme findet vor allem Ausdruck in der Palmweihe und –prozession. An dieser Stelle gehen wir von der Palmweihe aus, wie sie bis 1955 vorgenommen wurde. Dabei erkennt man frappierend die Verarmung, die die rituellen Veränderungen der Karwoche unter Pius XII. bereits bedeutet haben.

Die Palmweihe hat den Aufbau einer Messe. Es gibt eine Eingangsantiphon, die dem Introitus entspricht, gefolgt von einer ersten Oration, von Lesung, zwei Zwischengesängen und Evangelium. Darauf eine nochmalige Oration und schließlich sogar eine feierliche Weihepräfation mit Sanctus.

Dieser Präfation ist das Zitat entnommen, das diesem Beitrag als Überschrift dient. Darauf folgt eine Reihe von fünf Gebeten, die gleichsam die Funktion des Canon Missae nachahmen und reich den Segen Gottes auf die Palm- und Ölzweige herabrufen. Von all diesen Elementen der Palmweihe ist nach 1955 und somit leider auch in der Editio typica des Missale Romanum von 1962 nur noch die Eingangsantiphon und das fünfte Segensgebet übriggeblieben, das zudem strenggenommen nicht die Palmen selbst segnet, sondern die Gläubigen, die sich mit Palmen in Händen aufmachen, den feierlichen Einzug Jesu in Jerusalem dramatisch nachzuvollziehen.

So kommt es, dass den Palmzweigen an sich die heilbringenden Wirkungen, weswegen sie traditionell nach Hause mitgenommen und an das Kreuzesbild gesteckt, mancherorts auch den Verstorbenen mit in den Sarg gegeben werden, schon mit den veränderten Riten nach 1955 nicht mehr erfleht werden: Schutz der Seele und des Leibes und Mittel zur Erlangung des ewigen Heiles, Friedenszeichen, Schutz vor der feindlichen Gewalt des bösen Feindes, Unterpfand des österlichen Sieges über den Fürsten des Todes zu sein. Es erfolgt nochmalige Herabrufung des Friedens auf das Gottesvolk zur Erlangung des Heiles. Dann das Gebet, das bei genauer Betrachtung eigentlich mehr die Prozession segnet, nicht die Palmen.

Während nach dem pacellinischen Ritus ab 1955 die Besprengung mit Weihwasser und die Beweihräucherung gleich auf diese einzig verbleibende Segensoration hin erfolgt, steht sie bei den originalen, tridentinisch kodifizierten Riten am Schluss der hier motivisch skizzierten fünf Orationen und folgt darauf noch eine sechste Oration, die jetzt gar nicht mehr auf die Palmen selbst bezogen ist, sondern auf den Prozessionsweg mit ihnen und seine sinnbildliche Bedeutung.

Wem ein vor 1955 erschienenes Handmessbuch zur Verfügung steht und beispielsweise das Volksmissale der Priesterbruderschaft St. Petrus, der tut gut daran, gerade die Karwochenriten und ihre Texte einmal detaillierter zu vergleichen. Was wir nur ausschnitthaft an der Weihe der Palmen am heutigen Sonntag beobachtet haben, lässt sich praktisch durchgehend an allen Tagen der Karwoche bis hin zur Osternacht feststellen. Vor diesem Hintergrund ist es erfreulich, dass noch die Päpstliche Kommission Ecclesia Dei es wieder ermöglicht hatte, auch gestützt auf Summorum Pontificum wenigstens fakultativ auf die originalen Riten dieser wichtigsten Woche im ganzen Kirchenjahr zurückgreifen zu können.

Wenn man diese ursprünglichen Riten und Texte erschließt und ausschöpft, entsprechen sie übrigens weit besser dem Pascha-Mysterium, dessen Verdeutlichung an sich Anliegen auch schon der ersten liturgischen Reformen noch vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil gewesen wäre.

Gerade während der Karwoche erfährt ein Gläubiger, der Gottesdienste der Piusbruderschaft besucht und sich dieser Verluste ab 1955 bewusst ist, es als besonders schmerzlich, dass die Priesterbruderschaft St. Pius‘ X. sich seit 1983 geradezu sklavisch an die liturgischen Bücher von 1962 gebunden fühlt. Wer die Reformen der Riten der Karwoche durch Pius XII. akzeptiert und vor allem immer noch beibehält, obwohl die älteren Karwochenriten offiziell wieder zur Verfügung stehen, der hat an sich gar kein Argument, sich dem Gebrauch der von Benedikt XVI. für die Editio typica von 1962 neugefassten Karfreitagsfürbitte für die Juden zu verschließen, die, verglichen mit den einschneidenden Änderungen Pius‘ XII., liturgietheologisch völlig unbedenklich und rituell unerheblich ist.

Foto: Christus König – Bildquelle: Kathnews

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